Interview mit Zhao Jie

 Zhao Jie zu Gast im Studio.

Mao Zedong

Interview mit Zhao Jie

Zhao Jie hat ihre Kindheit unter Mao Zedong verbracht und war in ihrer Jugend eine fanatische Rotgardistin. Als ihr Eifer für den Aufbau des Kommunismus seinen Gipfel erreicht, kommen ihr erste Zweifel. Die werden größer, als sie beim Germanistik-Studium mit westlichen Ideen in Berührung kommt. Seit über 30 Jahren lebt sie in Berlin und arbeitet als Übersetzerin.

Planet Wissen: Frau Zhao, welches Ereignis brachte die Kulturrevolution in Ihr Leben als Neunjährige?

Zhao Jie: Das war im Sommer 1966. Kurz vor den Sommerferien sollten wir eine Klausur in Chinesisch schreiben. Die Lehrerin kam in die Klasse und sagte: "Die Klausur fällt aus, und jetzt beginnt die 'Große Proletarische Kulturrevolution'. Die Schule wird geschlossen, ihr könnt nach Hause gehen."

Sensationell für Schulkinder!

Ja, aber wir waren erst mal sprachlos. Keiner rührte sich. Dann sagte sie das noch einmal. Das war einfach verrückt. Wir bewegten uns erst, nachdem wir gesehen hatten, dass andere Kinder aus anderen Klassenräumen nach draußen gingen.

Da begriffen wir langsam, standen zögernd auf und gingen auch auf den Hof. Wir fragten auch nicht, warum. Ich hatte so ein Gefühl, dass das zum Leben dazugehört, dass die Schule auch mal ausfällt und geschlossen wird. Und zwar auf unbestimmte Zeit.

Sie sind bei Ihrer Großmutter aufgewachsen. Was haben Sie in der Zeit gemacht?

Mit meiner Großmutter und den anderen Bewohnern unseres Hofes gingen wir jeden Tag zu den politischen Schulungen, die das Straßenkomitee organisierte. Da mussten wir hingehen, Mao-Zitate lernen und die Volkszeitung studieren. Es war alles politisiert und es gab fast kein Privatleben.

In dieser Zeit wurden Sie Augenzeugin, wie 15-, 16-jährige Rotgardisten eine Nachbarfamilie schlugen und demütigten. Was ging da in Ihnen vor?

Im Nachbarhof wohnte ein sehr prominenter traditioneller chinesischer Arzt mit seiner Familie. Wir haben gesehen, wie sie die Familie geschlagen haben. Die Tochter hat fürchterlich geschrien. Das fanden wir schrecklich, aber wir glaubten, dass der Geschlagene ein Klassenfeind war.

Damals wurden oft aus ganz normalen Nachbarn plötzlich Volksfeinde. "Rinderteufel und Schlangengeister",sagte man. Dass die Arztfamilie so geschlagen wurde, tat uns auch leid. Aber vielleicht mussten sie ja auch geschlagen werden? Uns Kindern fehlte da das Verständnis. Wir hatten einerseits Mitleid, andererseits Angst. Und wir hatten kein Bewusstsein, dass es falsch sein könnte.

Nach etwas mehr als einem Jahr Pause ging die Schule wieder los. Bald wurden auch Sie eine Rotgardistin. Welche Bedeutung hatte es für Sie, da mitzumachen?

Man war stolz, wenn man Rotgardist sein konnte. Die meisten Grundschüler wurden automatisch "Kleine Rotgardisten". Nur diejenigen nicht, deren Familienherkunft "nicht rot" war. Das hieß: Die Eltern waren Gutsbesitzer oder Kapitalisten.

In der Schule schrieben wir Wandzeitungen. Es gab politische Schulungen. Und wir schrieben Kritikreden, etwa, als unsere Schuldirektorin zur Konterrevolutionärin erklärt wurde. Dabei war die ganz nett, wir liebten sie alle. Aber sie wurde von heute auf morgen zur Feindin erklärt.

Wer hatte die Autorität, so jemanden zur Feindin zu erklären?

Ich weiß nicht mehr, wer unsere Direktorin zur Konterrevolutionärin erklärt hatte. Jedenfalls war sie plötzlich eine Konterrevolutionäre und wir Schüler mussten sie kritisieren. In der Kulturrevolution konnte jeder jeden zum Konterrevolutionär erklären und bekämpfen. Man brauchte keine Autorität. Die Rebellion war ja gegen jede Autorität gerichtet, und sie wurde vom Vorsitzenden Mao persönlich unterstützt. Die Rotgardisten rezitierten bei ihren Aktionen stets Maos Worte: "Die Revolution ist kein Verbrechen, die Rebellion ist gerechtfertigt."

Wusste man denn, was genau ihre konterrevolutionäre Tat gewesen sein sollte?

Nein, irgendjemand hat vollkommen willkürlich behauptet, sie sei Konterrevolutionärin. Das genügte schon. Man musste auch keine Beweise vorlegen. Viele Direktoren wurden zu Konterrevolutionären erklärt und von ihren Schülern kritisiert, gedemütigt, geschlagen, sogar umgebracht.

Wurde Ihre Direktorin auch getötet?

Nein, das nicht. Aber was aus ihr wurde, weiß ich nicht.

Auch Sie haben eine kritische Rede gegen die Direktorin geschrieben. Warum?

Das hat uns die Lehrerin so aufgetragen. Die Eltern haben das für uns geschrieben. Mit neun Jahren konnten wir das ja noch nicht. Dabei wussten die Eltern auch nicht, was die Direktorin verbrochen haben soll. Man schrieb einfach irgendwas hin. Man verwendete einfach diese ganze Terminologie, diese Floskeln der Zeit.

Jedenfalls hatte mein Vater sehr gut geschrieben, sodass die Lehrerin mich dazu bestimmte, die Klasse zu vertreten und die Rede vorzulesen, und dann wurde ich bekannt in der Schule, weil ich auch die Jüngste war.

Welche Bedeutung hatte Mao Zedong damals für Sie?

Wir hatten ja keinen religiösen Glauben, aber man kann sagen, dass er für uns die höchste Instanz war, vergleichbar mit Gott. Schon im Kindergarten wurde uns erzählt, dass Mao Zedong der große Führer, der große Steuermann und der große Erretter des Volkes war. Er war für uns "die nie untergehende Sonne", das war immer der Spruch.Es gab sogar ein Lied, das hieß "Mao Zedong ist uns noch lieber als die eigenen Eltern".

Dieses Lied einzuüben und immer wieder zu singen: Was hat das mit Ihnen gemacht?

Das war Gehirnwäsche. Im Kindergarten hörten wir schon: "Ihr müsst gute Kinder des Vorsitzenden Mao sein."Und dann wollten wir das auch sein. Als ich in die Schule kam, stand gleich am Eingang das Mao-Zitat: "Lernt fleißig! Macht jeden Tag Fortschritte!" Das heißt, wir haben nur für Mao Zedong gelernt.

Und wenn man das jeden Tag hört, dann kann man auch nicht anders denken. Wir haben nie gelernt, eigene Gedanken zu entwickeln oder Dinge zu hinterfragen. Das war uns absolut fremd.

Wie offen wurde in den Familien geredet?

Es gab durchaus Familien, in denen Diskussionen stattfanden. Ich weiß von einer Mutter, die Mao Zedong und die Kulturrevolution infrage gestellt hat. Der Sohn war damals Rotgardist und 15, 16 Jahre alt. Er hat seine eigene Mutter verraten, der Vater stand auf seiner Seite. Die Mutter wurde als Konterrevolutionärin zum Tode verurteilt.

Meine Familie war anders. Meine Eltern waren ja Mitglieder der Volksbefreiungsarmee, und sie hatten auch nicht das Bewusstsein, die Revolution zu hinterfragen.

Nach dem Schulabschluss mussten alle Jugendlichen zum Arbeitseinsatz aufs Land. Aber Sie waren besonders überzeugt und wollten nach Yan'an, wo die Armut der Bauern besonders groß war. Warum?

Dort war das Ziel des Langen Marsches. Yan'an ist heute noch in China der "heilige Ort der Revolution".

Wann kam Ihnen der erste Zweifel?

Der erste Zweifel kam, als ich dort war. Die Bauern dort waren so arm wie im Mittelalter, sie hatten nicht einmal genug zu essen und anzuziehen. Die waren so richtig bitterarm.

Wie konnten nach 27 Jahren Sozialismus die Bauern immer noch so leben? Im Sozialismus, so wurde uns ja immer gelehrt, gibt es keinen Hunger und keine Armut. Unser höchstes Ideal war die Verwirklichung des Kommunismus. Und das stellte sich als Utopie heraus.

Haben Sie sich deswegen missbraucht gefühlt oder betrogen?

In Wirklichkeit wurden wir missbraucht, wenn man sich überlegt, was ich alles gemacht habe schon als Kind. Aber ich hatte damals nicht das Gefühl, dass das ein Missbrauch war. Das, woran ich mit Leib und Seele geglaubt habe als junger Mensch, erwies sich als Utopie. Und darüber war ich traurig. Es war eine Illusion. Es hat Spuren in meiner Seele hinterlassen.

Was für Spuren?

Ich bin heute ein sehr kontrollierter Mensch. Meine Tochter sagt heute, ich hätte Kontrollsucht. Und ich musste immer überlegen, wie ich mich verhalte. Ich bin nicht so frei. Ich stelle mich auch immer selbst infrage. Und ich bin selbstlos, wir mussten immer anderen helfen. Ein Individuum zählte ja damals nicht. Wir waren kleine Schrauben, die dort glänzen sollten, wo die Partei sie einsetzte.

Und ich habe Alpträume. Einer hat angefangen in der Kulturrevolution, als uns erzählt wurde, der Dritte Weltkrieg stehe unmittelbar bevor. Daher habe ich immer Alpträume von Atombomben. Das geht vielen Chinesen so. Solange man die Kulturrevolution nicht aufarbeitet, wird das auch so bleiben.

Interview: Frank Drescher

Stand: 16.11.2015, 11:40

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