Maya Alkhechen im Interview

Maya Alkhechen im Planet Wissen Studio

Flüchtlinge

Maya Alkhechen im Interview

Millionen von Menschen sind vor dem Krieg aus Syrien geflohen, unter ihnen auch die 31-jährige Maya Alkhechen. Obwohl sie in Deutschland aufgewachsen ist, verschloss ihr die Wahlheimat die rettende Tür.

Planet Wissen: Frau Alkhechen, Sie sind im Alter von sechs Jahren, also als Kleinkind, nach Deutschland gekommen und haben hier sogar Abitur gemacht. Weshalb sind Sie nach Syrien zurückgekehrt? Ihnen stand doch die Zukunft in Europa offen.

Maya Alkhechen: Ich habe Deutschland zwar immer als meine Heimat betrachtet und fühle mich heute noch hier zu Hause, im Gegensatz zu Syrien, wo ich mich nach meiner Rückkehr vollkommen als Fremde fühlte. Offiziell war ich hier aber immer nur geduldet.

Nach dem Abitur hatte ich vor, Medizin zu studieren. Doch mein NC, mein Notendurchschnitt, war zu schlecht. Also habe ich mich um eine Ausbildung als Krankenpflegerin bemüht, um die Wartezeit zu überbrücken. Ich hielt das für eine gute Grundlage. Doch dieser Weg wurde mir verwehrt.

Sie tragen ein Kopftuch. War es damit schwierig, an eine Ausbildungsstelle zu bekommen?

Es war nicht einfach, doch nach etlichen Vorstellungsgesprächen habe ich es tatsächlich geschafft, eine Ausbildungsstelle an einem guten Krankenhaus zu bekommen. Dort habe ich mich auf Anhieb sehr wohlgefühlt. Doch zunächst benötigte ich die offizielle Genehmigung von der Ausländerbehörde.

Was war das Problem? Warum haben Sie Ihre Stelle im Krankenhaus nicht antreten können?

In der Ausländerbehörde erfuhr ich, dass ich kein Anrecht auf einen Ausbildungsplatz hatte und nicht studieren konnte, da ich nur über den Status einer Duldung verfügte. Der Sachbearbeiter verweigerte seine Zustimmung. Diese Entscheidung hat sich im Nachhinein als falsch erwiesen. Dieser kleine, aber entscheidende Fehler hat mein Leben einschneidend verändert. Danach war nichts mehr wie zuvor.

Tatsächlich hätten Sie auch mit einer Duldung studieren können?

Ja, aber das habe ich erst erfahren, als es schon zu spät war. Damals war ich derart verletzt, dass ich mich im Alter von 22 Jahren spontan dazu entschieden habe, nach Syrien zurückzukehren. Ich war jung und wollte die Welt verändern, und ich war gekränkt. Das war sicher eine Art Kurzschlussreaktion.

Möglicherweise war es naiv. Aber in Syrien, so stellte ich es mir zumindest vor, wollte ich endlich mit dem Studium beginnen. Doch kaum in Damaskus angekommen, gab es erneut Probleme mit meinen Papieren, da zunächst alles offiziell beglaubigt werden musste.

Also gingen alle Unterlagen und Zeugnisse wieder zurück nach Deutschland. Ich musste ein Jahr lang warten, um alles für mein Studium zusammenzubekommen.

In der Zwischenzeit haben Sie geheiratet und ein Kind bekommen.

So war es. Aber ich hatte fest vor, nach der Stillzeit auf die Uni zu gehen. Doch mein Kind war krank. Mein Sohn leidet an Epilepsie und er hat eine Entwicklungsstörung. Also kümmerte ich mich um meinen zu 80 Prozent behinderten Sohn. Die medizinischen Verhältnisse in Syrien waren bei Weitem nicht so gut wie hierzulande.

Dann kam mein zweites Kind. In der Zwischenzeit veränderte sich die politische Situation. Schließlich brach der Bürgerkrieg aus. Mein Mann landete zweimal im Gefängnis, weil seine Familie als regimekritisch galt. Wir beschlossen daher, nach Ägypten zu fliehen. In Syrien war die Familie meines Mannes recht wohlhabend, in Ägypten veränderte sich unsere Situation dramatisch.

Die Arbeitslosigkeit dort ist extrem hoch und für syrische Flüchtlinge war die Chance auf einen Job gleich Null. Unser ganzes Vermögen ist wie Schnee geschmolzen. Ich hatte nur einen Wunsch: zurück nach Hause, zurück nach Deutschland.

Ihre Eltern und Ihre Geschwister waren noch in Deutschland. Weshalb gab es keine offizielle Möglichkeit der Einreise für Sie? Und was haben Sie dann gemacht?

Das war ja das Absurde. Meine ganze Familie bemühte sich darum, einen legalen Weg der Einreise für uns zu finden. Doch es war einfach nicht möglich, und unsere Situation spitzte sich täglich zu. Also entschlossen wir uns, alles auf eine Karte zu setzen: zur Flucht mithilfe eines Schleppers mit dem Boot übers Mittelmeer.

So hatte ich mir meine Rückkehr nach Deutschland allerdings nicht vorgestellt. Man fühlt sich wie ein Verbrecher, wenn man sich gezwungen sieht, auf diesem Wege nach Europa zu kommen. Aber die Alternativen waren noch schlimmer.

Von Alexandria übers Mittelmeer nach Lampedusa. Angekommen sind Sie dann allerdings auf Sizilien. Wie war das auf dem Boot?

Stellen Sie sich vor: Wir waren 310 Menschen, zusammengepfercht auf einem winzigen Boot. Es ist sieben Meter breit und nur 30 Meter lang. Es gibt eine winzige Toilette an Bord. Ein Meter lang, einen halben Meter breit. Für über 300 Menschen, die da seekrank sind und ihre Notdurft verrichten!

Sieben Tage dauert die Fahrt über das Meer. Zwischendurch fällt der Motor aus. Während er repariert wird, spielen die Wellen mit dem Boot, als wäre es eine Nussschale. Da liegen die Nerven blank, vor allem mit zwei kleinen Kindern.

Es kommt zu Spannungen und Streit unter den Flüchtlingen, aber zum Glück nicht zu Panik. Dann wären wir nämlich alle nicht mehr am Leben. Sie können vielleicht nachvollziehen, dass man in dieser Zeit jede Sekunde Todesangst verspürt. Was bleibt einem da anderes übrig, als zu beten?

Wie sehen Ihre Perspektiven heute aus – über ein Jahr nach Ihrer Flucht?

Meine Söhne lernen gut Deutsch, mein Mann hat inzwischen erfolgreich zwei Sprachprüfungen bestanden. Wir alle haben den offiziellen Status als anerkannte Flüchtlinge. Ich nenne einen blauen Flüchtlingspass mein Eigen. Darüber freue ich mich sehr. Aber noch immer ist es schwer für uns. Wir sind vollkommen abhängig von der sozialen Unterstützung.

Und privat mussten wir als Ehepaar die Rollen quasi über Nacht tauschen. Früher war mein Mann der Starke und ich war diejenige, die sich fremd fühlte in Syrien, heute ist es umgekehrt.

Noch immer würde ich am liebsten sofort mit dem Medizinstudium beginnen. Aber jetzt bin ich 31 Jahre alt und habe zwei kleine lebhafte Kinder und eines davon braucht eine ständige Betreuung. Dennoch: Alles wird sich finden. Ich bin endlich wieder zu Hause.

Interview: Alicia Rust

Stand: 09.02.2016, 13:00

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