Interview mit Michael Wolf

Gast Michael E. Wolf

Leben im Mittelalter

Interview mit Michael Wolf

Adventon ist eine mittelalterliche Stadt, die über die Jahre hinweg entsteht und wächst. Die werdende Stadt liegt in der Nähe von Osterburken am Fuße des Odenwaldes. Die Betreiber-Gesellschaft des Mittelalterparks hat von Andreas Fürst zu Leiningen aus Amorbach ein altes Gehöft mit einem 40 Hektar großen Gelände in Erbpacht übernommen. Im Mai 2005 fand dort das erste Mittelalterevent statt. Treibende Kraft des Projekts ist der Historiker und Herausgeber der Zeitschrift "Karfunkel": Michael Wolf.

Planet Wissen: Wann ist Ihnen die Idee zu Adventon gekommen und wie haben Sie das Projekt schrittweise umgesetzt?

Michael Wolf: Die Idee einen Ort zu bauen, an dem man ganzjährig Mittelalter erleben, lernen und spielen kann, kam schon früh, Anfang der 1990er Jahre. Dann wurde zehn Jahre gesucht und unzählige Male projektiert und verworfen und eigentlich auch schon aufgegeben, als das Fürstenhaus Leiningen uns den Standort Osterburken anbot.

Wir haben lange verhandelt, mit dem Fürstenhaus, den Behörden, den Kammern, den 70 "Trägern öffentlicher Belange". Die Schritte, die wir machen und gemacht haben, sind klein. Und manchmal gibt es auch Rückschritte, aber das ist organisch und wie im richtigen Leben.

Haben Sie eine konkrete Stadt, die Ihr Vorbild ist? Welches Jahrhundert bauen Sie nach?

Es ist nicht eine Stadt, sondern ein Muster von Städten, die wir nachempfinden. Wir orientieren uns am sogenannten Zähringer Modell, also Breisach, Basel, Freiburg. Natürlich gibt es erhebliche Unterschiede innerhalb der Städte, aber eben auch erhebliche Übereinstimmungen.

Wir bauen nicht ein Jahrhundert, sondern einen Zeitstrahl. Im Mittelalter entstanden die Häuser und Gebäude der Städte auch innerhalb eines großen zeitlichen Rahmens. So ist Adventon eine Stadt, die von der Spätantike bis in die frühe Neuzeit reicht.

Wie haben Sie sich die Erkenntnisse, die zum Bau einer mittelalterlichen Stadt nötig sind, erworben?

Studieren, probieren, experimentieren. Es geht darum, zu lernen, zu erfahren, zu probieren und dabei die Erkenntnisse oder die vermeintlichen Erkenntnisse, Annahmen so abstrus sie auch sein mögen, nachzuvollziehen. Dabei müssen wir uns immer wieder Fehler eingestehen und geben sie auch zu.

Mit welchen Schwierigkeiten müssen beziehungsweise mussten Sie umgehen?

Behörden und Ressentiments jeder Art: Ladenschlussgesetze, Baugesetze, Arbeitszeitgesetze – einfach alles. Tierschutzgesetze, das Sortengesetz, das besagt, dass man nicht einfach historische Gerste oder Tritikale oder Einkorn anbauen darf. Man braucht für fast alles in Deutschland eine Erlaubnis. Da muss man sich einfinden und lernen.

Wer verbirgt sich außer Ihnen noch hinter Adventon?

Die Histotainment-GmbH hat sieben Angestellte. Auf dem Gelände arbeiten zirka 25 Männer und Frauen. Bei Veranstaltungen sind es jedoch mehr, sprich rund 30 Gewerbebetriebe mit zirka 250 Leuten.

Adventon ist für Sie also kein Ort, an dem Sie ständig leben?

Richtig. Jeder von uns lebt an einem anderen Ort. In Adventon stellen wir das Mittelalter dar. Wir sind keine Aussteiger aus Deutschland, sondern Einsteiger in erlebbare Geschichte. Trotz aller Bemühungen sind wir aber sicher weit weg vom perfekten Mittelalter.

Zum Beispiel das Holz, das wir für unsere Häuser brauchen, schlagen wir zwar im Wald, wir transportieren es auch an Schautagen mittelalterlich hier her, aber gerade in der Anfangsphase benutzten wir auch Lkw und Schlepper. Wir verwenden Materialien, die es im Mittelalter gegeben hat und stellen diese nach Möglichkeit auch selbst her, aber vieles bleibt Experiment und muss wieder verworfen werden.

Was heißt Adventon übersetzt?

Advenire bedeutet suchen und finden. Die Endung "ton" deutet auf Ort, oder Stätte. Adventon ist der Ort, den wir gesucht oder gefunden haben. In dem Wort steckt sicher auch Abenteuer, was nichts anderes als Unternehmung bedeutet, also Unternehmen Stadtbau.

Was kann man heute alles in Adventon besichtigen?

Wir wollen, dass die Menschen zu uns kommen, um zu entdecken. Ich bin gegen ein festgelegtes Programm, bei dem man von Uhrzeit zu Uhrzeit hetzt, um eine Attraktion nach der anderen zu absolvieren. Bei uns soll man sich Zeit nehmen und entdecken. Schön wäre es, wenn Sie sich zum Beispiel an unseren Brunnen setzen und sehen, was passiert: Kommen heute die Waschweiber? Löscht der Köhler seinen Meiler? Kommen die Bauleute und holen Wasser für den Mörtel?

Interview: Sabine Kaufmann

Weiterführende Infos

Stand: 22.04.2013, 13:00

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