Widerstandskreis "Rote Kapelle"

Schwarz-Weiß-Aufnahme eines Fackelzugs der SA durch das Brandenburger Tor

20. Juli 1944 – das Attentat

Widerstandskreis "Rote Kapelle"

Von Ana Rios

Ihnen drohte Verhaftung, Folter und Tod. Dennoch wagten einige Menschen den Widerstand: Als Einzelkämpfer oder in Netzwerken organisiert stellten sie sich dem Terror der Nazis entgegen. Eine dieser Widerstandsgruppen agierte in Berlin unter dem Namen "Rote Kapelle".

Widerstand durch alle Schichten

Als "Rote Kapelle" bezeichnete die Geheime Staatspolizei (Gestapo) sowohl Spione des sowjetischen Nachrichtendienstes als auch Widerstandskreise im Deutschen Reich. Einige Mitglieder der Roten Kapelle in Berlin hatten sich schon 1933 zusammengefunden. Sie trafen sich anfangs in kleinen und voneinander unabhängigen Gruppen.

Zu den über 150 Personen dieses Widerstandkreises gehörten Arbeiter, Beamte, Künstler, Offiziere und Ärzte genauso wie  Marxisten, Christen und Liberale, Frauen und Männer. Es waren Menschen ganz unterschiedlicher Weltanschauung. Was sie einte, war ihre Kritik am Nationalsozialismus.

Woher kam der Name "Rote Kapelle"?

Der Ursprung des Namens lag im Westen: Um die Widerstandskämpfer der Résistance zu unterstützen, baute der Kommunist Leopold Trepper mit anderen ein Spionage-Netzwerk in Brüssel auf. Von dort aus funkte er Informationen nach Moskau, die vom deutschen Geheimdienst abgehört wurden.

Im Geheimdienstjargon war ein morsender Funker ein "Pianist". Aus einer Gruppe von "Pianisten" entstand eine "Kapelle".

Da die Funksprüche des Spionagerings ins kommunistische Moskau gesendet wurden, nannte die Gestapo die Gruppe der Funker "Rote Kapelle". Mit diesem Namen bezeichneten sie aber auch Widerstandsgruppen, die unabhängig von Leopold Trepper agierten, wie die Gruppen um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack in Berlin.

Portrait der Widerstandskämpfer Arvid und Mildred Harnack

Arvid und Mildred Harnack waren Mitglieder der "Roten Kapelle"

Der Freundeskreis Schulze-Boysen und Harnack

Zwei Personenkreise bildeten den Kern der Roten Kapelle in Berlin. Einer versammelte sich um den Juristen Arvid Harnack und seine Frau Mildred, eine amerikanische Literaturwissenschaftlerin. Der andere Kreis bildete sich um Harro Schulze-Boysen und seine Frau Libertas. Harro Schulze-Boysen war Offizier der Luftwaffe und arbeitete im Reichsluftfahrtministerium, Libertas war Filmkritikerin.

Auch der Diplomat Rudolf von Scheliha war ein Widerstandskämpfer in diesem Freundeskreis. Ziel der Gruppe war, die Massen durch aufklärerische Schriften zu einem Aufstand gegen Hitler zu bewegen. 

Der Widerstandskämpfer Harro Schulze-Boysen in Uniform

Harro Schulze-Boysen war ein führender Widerstandskämpfer gegen Hitler

Wie leistete die "Rote Kapelle" Widerstand?

Die Aktivisten kritisierten die NS-Diktatur und verbreiteten regimekritische Flugblätter. Auch forderten sie NS-Vertreter zur Verweigerung des Gehorsams auf. Darüber hinaus unterstützten sie verfolgte Nazigegner und deren Angehörige mit Geld, Lebensmitteln und Kleidung.

Einzelne Widerstandskämpfer der Roten Kapelle organisierten Helfernetzwerke für verfolgte Juden, besorgten Lebensmittelkarten und gefälschte Papiere. Nach den Pogromen von 1938 verhalfen sie Juden zu einem Versteck oder zur Flucht.

Der geplante Überfall auf die Sowjetunion veranlasste die Gruppe um Schulze-Boysen und Harnack, ihre Strategie zu ändern. Da der erhoffte Massenaufstand der Deutschen gegen Hitler ausblieb, erschien ihnen die Beseitigung des NS-Regimes nur noch mit ausländischer Hilfe möglich. Sie versuchten, Informationen an die Sowjetunion weiterzugeben, was aber nur in Ansätzen gelang.

Die Gestapo bescheinigte der Gruppe zwar einen regen Funkverkehr nach Moskau. Wie sich aber erst nach 1989 mit der Öffnung der Moskauer Archive zeigte, gab es einen einzigen Probefunkspruch nach Moskau. "Tausend Grüße allen Freunden" lautete die Mitteilung.  

Enttarnt und verfolgt

Die deutsche Spionageabwehr hörte Funksprüche von Brüssel nach Moskau ab, in denen auch die Namen von Harnack und Schulze-Boysen fielen. Daraufhin richtete die Gestapo eine "Sonderkommission Rote Kapelle" ein und nahm zunächst Widerstandskämpfer in Brüssel fest. Unter Folter erzwungene Aussagen der Gefangenen führten die Gestapo auf die Spur der Gruppe um Harnack und Schulze-Boysen in Berlin.

Zwischen August 1942 und März 1943 wurden ungefähr 130 ihrer gut 150 Mitglieder verhaftet. Mindestens 57 der Verhafteten, darunter 19 Frauen, wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet, ohne Gerichtsurteil ermordet oder begingen in der Haft Selbstmord.

Schwarz-weiß-Aufnahme von Zuschauern bei einem Prozess des Volksgerichtshofs

Prozess gegen Widerstandskämpfer vor dem Volksgerichtshof

Verräter in der BRD – Helden in der DDR

Ankläger im Prozess gegen die Mitglieder der Roten Kapelle war der Generalrichter der deutschen Luftwaffe, Manfred Roeder. Wegen seiner unerbittlichen Verfolgung von Regimegegnern war er auch als "Bluthund Hitlers" bekannt. Er war für  mindestens 45 Todesurteile an Mitgliedern der Gruppe mitverantwortlich.

Nach dem Krieg  präsentierte sich Manfred Roeder in der Öffentlichkeit als Experte des Widerstandes. Er trug dazu bei, dass die Mitglieder der Roten Kapelle in der BRD als Spione der Sowjetunion und als Landesverräter galten. In der DDR dagegen wurden die Mitglieder der Roten Kapelle zu antifaschistischen Helden stilisiert.

Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion und nach Öffnung der Archive in Moskau konnte die Geschichte der Widerstandsgruppe um Schulze-Boysen und Harnack unabhängig von den politischen Interessen während des Kalten Krieges erforscht werden. Dabei zeigte sich, dass die Gruppe unabhängig von der Sowjetunion agiert hatte.

Stand: 03.12.2019, 17:30

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