Mein Großvater, der KZ-Kommandant – Wie ich meine Familiengeschichte entdeckte

Die SS

Mein Großvater, der KZ-Kommandant – Wie ich meine Familiengeschichte entdeckte

Es ist ein Schock für Jennifer Teege. Mit 38 Jahren erfährt sie, die Halbnigerianerin, dass ihr Großvater der KZ-Kommandant Amon Göth ist. Bisher kannte sie diesen Mann als skrupellosen Mörder aus dem Kinofilm "Schindlers Liste" von Steven Spielberg. Nur durch Zufall fällt Jennifer Teege in einer Hamburger Bücherei ein Buch in die Hände, das ihr diese düstere Familiengeschichte eröffnet. Sie fragt sich: "War mein ganzes Leben eine Lüge?"

Groß werden in Ungewissheit

Porträt Jennifer Teege.

Jennifer Teege

Jennifer Teege wird im Juni 1970 in München geboren. Mit vier Wochen gibt ihre Mutter sie in ein Heim. Die Beziehung zu Jennifers Vater, einem nigerianischen Studenten, hielt nicht lang. Als Jennifer drei Jahre alt ist, nimmt sie ihre spätere Adoptivfamilie als Pflegekind auf. Bis zur Adoption im Alter von sieben Jahren trifft Jennifer ihre leibliche Mutter und auch ihre Großmutter immer wieder. Dann aber hören diese Treffen auf. Jennifers leibliche Familie entwickelt sich zum Tabuthema.

In ihrer Adoptivfamilie wird Jennifer liebevoll umsorgt. Und dennoch: "Wie alle Kinder, die weggegeben worden sind, trage ich ein Trauma in mir: das Gefühl der Wertlosigkeit. Meine eigenen Eltern fanden mich nicht liebenswert genug, um mich zu behalten", schreibt sie in ihrem Buch "Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen".

Jennifer Teege will früh auf eigenen Beinen stehen. Bei einem Auslandssemester in Paris Anfang der 90er Jahre lernt sie Noa Berman-Herzberg aus Israel kennen. Die beiden Frauen freunden sich an. Kurz darauf besucht Jennifer Noa in Tel Aviv - und bleibt. Sie studiert dort, lernt Hebräisch. Und obwohl es wunderbar läuft, überfällt Jennifer Teege plötzlich eine tiefe Traurigkeit - Depressionen. Was sind die Gründe? Liegen sie vielleicht in der Vergangenheit?

Jennifer Teege entschließt sich, nach München zurückzukehren. 1996 verlässt sie Israel. Sie macht eine Therapie, zieht nach Hamburg und nimmt einen Job in einer Werbeagentur an. Dort lernt sie ihren Mann Götz kennen. Die beiden bekommen zwei Söhne.

"Er war ein Monster"

Amon Göth mit freiem Oberkörper und Gewehr.

Göth schoss von seinem Balkon aus auf Häftlinge

In einer Hamburger Bücherei fällt Jennifer Teege 2008 zufällig das Buch "Ich muss doch meinen Vater lieben, oder? - Die Lebensgeschichte von Monika Göth, Tochter des KZ-Kommandanten aus Schindlers Liste" in die Hände. Die wenigen Dinge, die sie von ihrer leiblichen Familie weiß - Namen von Mutter und Großmutter, Geburtsjahr und -ort der Mutter - alles passt zusammen und mündet in der Erkenntnis: Amon Göth, der gefürchtete SS-Mann und KZ-Kommandant von Płaszów, ist Jennifer Teeges Großvater.

Überlebende des KZs erinnern sich mit Schrecken an diesen Amon Göth. Michael Emge (Name geändert) sieht noch heute das Bild vor sich, wie Göth von seinem Balkon aus willkürlich Häftlinge erschoss. Auch sein ehemaliges Dienstmädchen im Lager, Helen Jonas-Rosenzweig, erinnert sich in dem amerikanischen Dokumentarfilm "Mördervater" ("Inheritance") an Göth: "Er war ein Monster. Das, was er tat, hat er genossen. Es bereitete ihm Vergnügen. Ich habe seinen Gesichtsausdruck nach dem Töten gesehen. Er wirkte zufrieden. Er pfiff vor sich hin, als er in den Hof zurückkam."

Amon Göth hielt sich zwei Hunde. Sie waren darauf abgerichtet, Menschen zu töten. "Was diese Hunde vor meinen Augen Menschen angetan haben, kann ich gar nicht schildern", sagt Helen Jonas-Rosenzweig.

"Wir alle tragen Anteile von Göth in uns"

Amon Göth auf Polizeifotos.

Amon Göth auf Polizeifotos nach seiner Verhaftung 1945

Immer wieder muss Jennifer Teege an Amon Göth, ihren Großvater, denken. Sie recherchiert, sucht nach äußerlichen Ähnlichkeiten - und findet sie: die Größe, die Falten zwischen Nase und Mund. Aber was ist mit inneren Ähnlichkeiten? "Ich glaube, dass wir alle Anteile von Amon Göth in uns tragen. Würde ich glauben, bei mir seien es mehr, so würde ich wie ein Nazi denken und an die Macht des Blutes glauben", so Jennifer Teege.

Sie kommt zu der Erkenntnis: "Ich wäre für ihn nur ein Schandfleck gewesen, ein Bastard, der die Familienehre beschmutzt. Mein Großvater hätte mich bestimmt erschossen." Amon Göth wurde 1946 in Polen zum Tod verurteilt und gehängt.

Rund ein Jahr nachdem sie von ihrer Familiengeschichte erfahren hat, besucht Jennifer Teege in Polen das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Płaszów und die Villa, in der Göth damals lebte. Das sei ein wichtiger Schritt für sie gewesen, betont sie. Sie legt Blumen am Mahnmal nieder, um den Opfern Respekt zu zollen und zu zeigen, dass sie sie nicht vergessen werde. Danach sei eine große Last von ihr abgefallen, so Jennifer Teege.

"Mein Göth war König"

Ruth Irene Göth auf einer Wiese.

Ruth Irene Göth

Die Frau an Göths Seite war Jennifer Teeges Großmutter Ruth Irene. Auch dieser Schock sitzt tief. "Meine Großmutter war der erste Mensch, der mir Geborgenheit gab", erinnert sich Jennifer Teege. Sie sei der Mensch gewesen, der ihr als kleines Kind am wichtigsten gewesen sei. Bis zu ihrer Adoption im Alter von sieben Jahren hatte Jennifer ihre Oma immer wieder getroffen. Ihre Hautfarbe habe nie eine Rolle gespielt, erinnert sie sich. Jennifer Teege empfand ihre Oma als gütig.

Als Jennifer Teege die Wahrheit über ihre Familie erfährt, ist sie 38 Jahre alt - und dem liebevollen Bild von ihrer Großmutter steht auf einmal ein völlig anderes gegenüber. Das Bild einer Frau, die ein Monster liebte. Obwohl sie nicht verheiratet waren, nahm Ruth Irene 1948 den Namen Göth an - als dieser schon tot war.

Jennifer ist sich sicher: Ihre Großmutter muss von den Gräueltaten Göths gewusst haben. Sie lebte mit ihm in seiner Villa direkt auf dem Lagergelände. Ruth Irene Göth liebte das Luxus-Leben in Płaszów. "Es war eine schöne Zeit", sagte sie in einem Interview mit dem israelischen Historiker und Journalisten Tom Segev in den 70er Jahren. "Wir waren gerne miteinander. Mein Göth war König, ich war Königin. Wer würde sich das nicht gefallen lassen?"

Szene aus dem Film 'Schindlers Liste': Amon Göth und KZ-Häftlinge.

Ralph Fiennes spielt in "Schindlers Liste" Amon Göth

Es kostet Jennifer Teege viel Kraft, sich einen neuen Blick auf ihre Großmutter zu erarbeiten. Sie verurteilt ihr Verhalten im Lager und ihre Aussagen nach dem Krieg zutiefst. Aber: Jennifer Teege trennt die öffentliche Person Ruth Irene Göth von der ihrer Großmutter. "Ich hätte gerne einen anderen Großvater. Aber ich hätte immer wieder gerne diese Großmutter." Als sie ein Kind gewesen sei, habe ihre Großmutter ihr das Gefühl gegeben, nicht allein zu sein. "Das werde ich ihr nie vergessen."

"Annahme verweigert"

Zu ihrer leiblichen Mutter konnte Jennifer Teege weder als Kind noch als Erwachsene eine enge Beziehung aufbauen. Doch sie hegt keinen Groll gegen sie: "Ich sehe sie nicht mehr nur als Mutter, die ihr Kind verließ, sondern als Tochter von Amon Göth. Dieser Vater ist ihr Lebensthema, etwas, das ihre Identität ausmacht. Etwas, das sie so ausgefüllt hat, dass vielleicht kein Raum mehr war für andere Menschen, für die Mutterrolle, für mich."

Nachdem Jennifer Teege von ihrer Familiengeschichte erfahren hat, versucht sie erneut Kontakt zu ihrer Mutter Monika aufzunehmen. Und tatsächlich treffen sie sich. Doch im Gespräch scheint es Jennifer, als sei ihre Mutter noch immer in der Vergangenheit verhaftet und lebe im Schatten von Amon Göth.

Dennoch reden die beiden stundenlang. Über ein Jahr hält der Kontakt. Dann nichts mehr. Die Mutter meldet sich nicht mehr. Jennifer sendet ihr ein Päckchen. Es landet ungeöffnet wieder bei ihr - mit dem Vermerk: "Annahme verweigert".

Doch Jennifer Teege hofft weiter auf ein Wiedersehen. Die Beziehung zur eigenen Familie sei etwas Elementares, das man eine Zeitlang aufschieben könne, sagt Teege. Aber meistens würden einen diese Dinge einholen.

Was sagt die israelische Freundin?

Jennifer Teege und Noa Berman-Herzberg sitzen an einem Café-Tisch

Jennifer Teege mit ihrer Freundin Noa Berman-Herzberg in Tel Aviv

Als Familie empfindet Jennifer Teege auch ihre israelische Freundin Noa Berman-Herzberg, mit der sie seit mehr als 20 Jahren eng befreundet ist. Und genau deshalb fiel es Jennifer Teege auch so schwer, Noa von ihrer Herkunft zu erzählen. So groß war die Sorge, ihre Freundin aufzuwühlen oder zu verletzten.

Auch Noa hat Familienmitglieder im Holocaust verloren. Auch ihr Leben ist geprägt von der Vergangenheit. Doch die Tatsache, dass Jennifer Teege die Enkelin des KZ-Kommandanten Amon Göth ist, konnte ihrer Freundschaft nichts anhaben. Im Gegenteil: Jennifer Teege hat heute das Gefühl, dass sie und Noa sich näher sind als je zuvor.

"Es gibt keine Erbschuld"

Heute ist Jennifer Teege froh, dass sie die Wahrheit über ihre leibliche Familie kennt. "Das Wissen hat mich schockiert, aber auch befreit", sagt sie. "Mit der Entdeckung des Familiengeheimnisses war auch meinen Depressionen die Grundlage entzogen." Die Traurigkeit sei heute verschwunden. Sie weigert sich, in der Vergangenheit hängen zu bleiben: "Ich möchte aufrecht gehen. Ein normales Leben führen. Es gibt keine Erbschuld. Jeder hat das Recht auf eine eigene Biographie."

Autorin: Martina Schuch

Stand: 26.10.2015, 13:39

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