Interview mit Sigrid Falkenstein

Porträtaufnahme von Sigrid Falkenstein im Planet Wissen Studio.

Nationalsozialistische Rassenlehre

Interview mit Sigrid Falkenstein

Vor einigen Jahren hat Sigrid Falkenstein durch Zufall erfahren, dass ihre Tante Anna Lehnkering ein Opfer der "Euthanasie"-Morde der Nationalsozialisten war und 1940 in Grafeneck ermordet wurde. Sie recherchierte weiter und schrieb ein Buch über das Schicksal ihrer Tante – das lange Zeit ein Familiengeheimnis war.

Planet Wissen: Frau Falkenstein, wie sind Sie auf das Schicksal Ihrer Tante gestoßen?

Sigrid Falkenstein: Das war purer Zufall. 2003 war ich auf der Suche nach genealogischen Daten und gab den Namen meiner Großmutter bei Google in die Suchmaske ein. Sie hieß, wie ihre Tochter, Anna Lehnkering. Ich fand den Namen völlig überraschend auf einer Liste von Opfern der NS-"Euthanasie". Anhand des Geburtsdatums konnte ich schlussfolgern, dass es sich um meine Tante handelte.

Durch einen Hinweis auf besagter Internetseite stieß ich auf Annas Patientenakte im Deutschen Bundesarchiv. In dieser Akte aus der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau. Dort fand ich viele Informationen und auch Querverweise auf andere Unterlagen. So konnte ich mithilfe verschiedener Quellen nach und nach Annas Weg rekonstruieren.

Was wissen Sie über die Stationen von Anna bis zu ihrem Tod in Grafeneck?

Anna wurde 1915 in Sterkrade, heute Oberhausen, geboren. Ihr Vater starb bereits 1921. Anscheinend entwickelte sie sich bis zu ihrem vierten Lebensjahr normal. Dann zeigte sie zunehmend Auffälligkeiten, war laut Akte "nervös, sehr ängstlich und schreckhaft". 1924 kam sie wegen Lernschwierigkeiten in eine Hilfsschule. Nach ihrer Schulentlassung 1929 erlernte sie keinen Beruf, sondern half der Mutter im Haushalt.

Rund zwei Jahre später erstellte die Bonner "Kinderanstalt für seelisch Abnorme" die Diagnose "Schwachsinn", ein damals üblicher Begriff für eine geistige Behinderung.

1935 wurde Anna auf Grundlage des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses im Evangelischen Krankenhaus der Stadt Mühlheim an der Ruhr zwangssterilisiert, im Jahr darauf kam sie in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau (Kreis Kleve). Im März 1940 wurde sie im Rahmen einer Massendeportation nach Grafeneck gebracht und dort in der Gaskammer ermordet.

Hatte in Ihrer Familie nie jemand über Ihre Tante gesprochen?

An der Wand hing zwar ein Foto von Anna und meiner Großmutter, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir jemals über Anna gesprochen hätten. Für mich war sie die früh verstorbene Schwester meines Vaters.

Ich kann bis heute nicht erklären, warum ich nicht früher nach Anna gefragt habe. Im Nachhinein denke ich, dass es auch in unserer Familie – wie in vielen betroffenen Familien – eine Atmosphäre von "diffusem Schweigen" und "Sich-nicht-trauen-zu-fragen" gab.

Wie hat Ihr Vater auf Ihre Fragen nach Anna reagiert?

Als ich meinen damals hochbetagten Vater mit meiner Entdeckung konfrontierte, bemühte er sich um Antworten, doch der Erinnerungsprozess schien schwierig und schmerzhaft zu sein.

Geblieben waren überwiegend schöne Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit und Jugend. Er beschrieb die fünf Jahre ältere Anna als eine sehr liebe und sanftmütige Schwester und sprach zum ersten Mal darüber, dass sie Lernschwierigkeiten hatte.

Es schien jedoch, als ob er die schlimmen Geschehnisse ausgeblendet hätte, denn es gab unglaubliche "schwarze Löcher" in seinem Gedächtnis. Er erinnerte sich nur daran, dass man Anna irgendwann Mitte der 1930er Jahre in irgendeine Anstalt eingewiesen hätte und dass sie irgendwann während des Krieges in irgendeiner Anstalt gestorben wäre. Er wusste nicht, wo ihr Grab war.

Konnte er Ihnen erklären, warum in der Familie nicht über Anna gesprochen wurde?

Nein, nicht direkt. Ich habe eher zwischen den Zeilen seiner Antworten gelesen und dann den Kontext zu den gesellschaftlichen und historischen Hintergründen hergestellt, in die ich mich inzwischen eingearbeitet hatte.

Abwertung und Ausgrenzung psychisch kranker und geistig behinderter Menschen und auch ihrer Angehörigen gehörten zu den Lebenserfahrungen meines Vaters, die ihn sicher geprägt haben.

Ich kann nur spekulieren, dass es eine Mischung aus Schuld- und Schamgefühlen war, die zu seinen auffallenden Gedächtnislücken geführt hat. So hatte ich beispielsweise eine Sippentafel in Annas Patientenakte gefunden, in der weitere Familienangehörige als "erbminderwertig" stigmatisiert werden.

Erst als ich ihm dieses Dokument zeigte, berichtete er von "erbbiologisch" motivierten Erkundigungen über die Familie und Bespitzelungen in der Nachbarschaft. Er sprach es nie aus, aber es ist für mich denkbar, dass es Zeiten gab, in denen er sich schämte, weil seine Schwester den Makel der Hilfsschülerin trug und Bewohnerin einer "Irrenanstalt" war.

Können Sie das Verhalten nachvollziehen?

Je mehr ich mich mit den rassenhygienischen Hintergründen von Zwangssterilisation und "Euthanasie" befasst habe, umso besser konnte ich nachvollziehen, warum diese Themen in meiner Familie – wie in vielen betroffenen Familien – verschwiegen und verdrängt wurden. Ein Grund waren sicher die existenziellen Sorgen der Nachkriegszeit, die zu einer Art Schlussstrich-Mentalität führten.

Eine noch größere Rolle spielten die gesellschaftlichen Vorurteile, die weiterhin existierten und in vielen Familien Unsicherheit auslösten. Dazu kamen vermutlich Scham und Schuldgefühle; das Leben mit dem Stigma der "erblichen Minderwertigkeit" und die Frage: Haben wir genug getan, um unsere Angehörigen zu schützen?

Erschwerend kam hinzu, dass den Opfern jahrzehntelang politische Anerkennung verweigert wurde. Im Gegensatz dazu konnten viele Täter ihre Karrieren nach 1945 ungestraft fortsetzen.

Politik, Verwaltung, Kliniken, Justiz, Kirche und viele andere beteiligte Institutionen: Eigentlich hat man sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen gegen die Übernahme von Verantwortung gesperrt. Das Schweigen in den Familien war also Spiegel eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses von Verschweigen, Vertuschen und Verleugnen der Verbrechen.

Haben Sie das Gefühl, im Namen Ihrer Familie etwas wieder "gutmachen" zu müssen?

Ja, das Gefühl hatte ich als Teil einer Familie, die mit Schweigen und Verdrängen auf Annas Tod reagierte. Natürlich kann man rückwirkend nichts wieder "gutmachen", nichts ungeschehen machen.

Aber es war mir ein Bedürfnis, Anna in die Familie zurückzuholen, ihr ein Gesicht, einen Namen zu geben. Wer könnte besser als die Angehörigen bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren, sondern unverwechselbare Menschen mit einer ihnen eigenen Würde?

Ich finde es wichtig, viele Geschichten wie die von Anna zu erzählen, denn es sind meiner Meinung nach Einzelschicksale, die jenseits anonymer Zahlenkolonnen abstrakte Geschichte begreifbar machen, die im besten Fall die Herzen der Menschen berühren und dadurch etwas in den Köpfen bewegen.

Interview: Kerstin Deppe/Jochen Klink

Stand: 03.06.2015, 06:00

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