Chatten mit Alexander von Humboldt

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Hier kommt Alex!

Chatten mit Alexander von Humboldt

Vom 12. August bis zum 19. September 2019 hatten User die Möglichkeit, im Rahmen eines Mulitmedia-Projekts mit einem virtuellen Alexander von Humboldt zu chatten und ihn auf diese Weise auf seiner Südamerika-Reise zu begleiten. Die besten Einträge haben wir hier für Sie zusammengefasst.

Eintrag 1: Ich stelle mich mal vor

Alexander von Humboldt: Mein Name ist Alexander von Humboldt, und ich werde Dich mit auf die Reise meines Lebens nehmen. Das bin ich, so sehe ich aus. Im Jahr 1799, mit 29 Jahren, bin ich nach Südamerika aufgebrochen.

Alexander von Humboldt, porträtiert in einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch aus dem Jahre 1806.

Und ab dem 14. August 2019 kannst Du diese entscheidenden fünf Jahre meines Lebens hier nacherleben. Da stechen wir von La Coruña aus in See. Mit dieser Reise werde ich meinen Weltruhm als Wissenschaftler und Entdecker begründen.

User: Wohin geht es?

Alexander von Humboldt: Erst zu den Kanarischen Inseln, dann über den Ozean, nach Neu-Andalusien. Wir werden in einem Land anlegen, das Ihr heute Venezuela nennt.

Schau mal: In fünf Jahren werde ich diese Tour vollendet haben – aber das weiß ich jetzt ja eigentlich noch nicht. So etwas ist nicht wirklich planbar. Aber die ganze Zeit werde ich alles messen und dokumentieren, was mir begegnet, und alles aufschreiben, in mein Tagebuch, und natürlich an Freunde, Bekannte, Verwandte. Die sollen das, was ich erlebe, in Europa bekannt machen. Deswegen freue ich mich, dass Du Dich auch dafür interessierst.

Karte mit Verlauf von Humboldts Reise

User: Bist Du reich?

Alexander von Humboldt: Ich komme schon aus gutem Hause. Genau genommen hat mir meine Mutter das alles erst ermöglicht. Das bin ich mit ihr als Knabe. Sie war nicht die herzlichste, aber sie hat mir eine exzellente Ausbildung vermitteln lassen. Als ich 27 Jahre alt war, ist sie gestorben und hat mir ein Millionenvermögen hinterlassen.

Gemälde: Humboldt als Kind mit seiner Mutter

Eintrag 2: Los geht's

Alexander von Humboldt: "Welch ein Glück ist mir eröffnet! Mir schwindelt der Kopf vor Freude. Ich gehe ab mit der spanischen Fregatte ‘Pizarro’. Welchen Schatz von Beobachtungen werde ich nun zu meinem Werke über die Konstruktion des Erdkörpers sammeln können." Heute ist der Tag, an dem ich vom nordspanischen La Coruña aus zu meiner großen Reise aufbreche: Wir schreiben den 4. Juni 1799. Endlich ist es soweit

User: Wie geht's Dir?

Alexander von Humboldt: Ich könnte kaum glücklicher sein! König Carlos IV. von Spanien hat mir eine Reiseerlaubnis ausgestellt, und ich darf endlich mein großes Abenteuer beginnen. Auch alle meine Instrumente sind schon aufs Schiff geladen. Diesen meinen so wertvollen Pass gibt es übrigens heute noch. Er wurde erst vor wenigen Jahren wieder gefunden und liegt heute im Museum einer Privatbank in Quito

Mit dieser Erlaubnis darf ich auch meinen Begleiter Aimé Bonpland mitnehmen. Vor mir hat kein Ausländer je von den Spaniern die Genehmigung erhalten, ihre Kolonien zu bereisen. Dabei bin ich ein vehementer Gegner des Kolonialismus, und auf meiner Reise werde ich viele Gründe für diese Haltung finden.

User: Respekt!

Alexander von Humboldt: Ja, das ist meine Überzeugung! Die Idee der Kolonie selbst ist eine unmoralische Vorstellung, denn sie ist die Idee von einem Land, das man einem anderen gegenüber tributpflichtig macht." Das werde ich später auch in meinen Reisetagebüchern notieren. Die Spanier lassen mich nur einreisen, weil sie damit ein Eigeninteresse verfolgen.

User: Was hat Sie überzeugt, Dich einreisen zu lassen?

Alexander von Humboldt: Ich bin Experte für Bergbau. Ohne unbescheiden sein zu wollen: Ich habe den Bergbau in Preußen modernisiert, da war ich noch keine 25 Jahre alt. Es war eine Blitzkarriere. Das Studium habe ich in acht Monaten statt in drei Jahren absolviert. Schon mit 22 war ich Bergassessor – in Preußen war das ein Beamtenposten. Meine Mutter war glücklich, sie wollte immer, dass ich eine sichere Position anstrebe.

Ich habe sogar eine Atemmaske für Bergleute und eine Lampe erfunden, die selbst in den tiefsten, sauerstoffarmen Stollen brennt. Die habe ich selbst getestet, dabei bin ich ohnmächtig geworden – ich hatte Glück, dass mich jemand fand. Aber wie hätte ich sonst herausgefunden, ob sie funktioniert? Meine Mutter war sehr zufrieden damit, mich auf diesem soliden Karrierepfad zu wissen. Aber mir reichte das nicht.

User: ..und die Spanier?

Alexander von Humboldt: Ah, stimmt, die Spanier! So sah Carlos IV. übrigens aus.

Gemälde von Carlos IV.

Die Spanier lassen mich nur deshalb in ihre Kolonien, weil ihre Bergwerke nicht mehr genügend abwerfen und sie auf mein Expertenwissen hoffen. Das Abenteuer kann also beginnen!

User: Und wer war Aimé?

Alexander von Humboldt: Mein guter Freund aus Paris, Aimé Bonpland, ein begnadeter Botaniker, begleitet mich auf dieser Expedition. Er interessiert sich mehr für Pflanzen als für Politik. Mit ihm will ich los. Bonpland ist ein beeindruckender Mann. Er ist Franzose und obwohl er eigentlich Arzt ist, beschäftigt er sich lieber mit der Pflanzenwelt.

Zeichnung von Aimé Bonpland

Er ist einer der bekanntesten Naturforscher unserer Zeit. Wir haben uns in Paris kennengelernt und beschlossen, dieses Abenteuer zusammen zu meistern. Er ist wie ich voller Tatendrang, furchtlos und will weg aus Europa. Morgen melden wir uns wieder und berichten, wie weit wir gekommen sind ... bis dahin.

Eintrag 3: Wir haben uns verfahren

Alexander von Humboldt: Es ist unglaublich! Der Kapitän hat sich verfahren. Seine Karten sind falsch. Das habe ich aber schnell bemerkt und ihn darauf aufmerksam gemacht. Schau mal, wo wir gelandet sind!

Karte von Teneriffa

Mir war ziemlich früh klar, dass das nicht Lanzarote sein kann, wie eigentlich geplant. Nach einem Zwischenstopp auf La Graciosa sind wir – nach knapp zwei Wochen Fahrt – stattdessen auf Teneriffa gelandet. Aber egal! Auch hier gibt es für Aimé Bonpland und mich genug zu entdecken, und wir machen uns sofort an die Arbeit.

Schon auf der Überfahrt auf die Kanaren habe ich Fische, Quallen, Vögel gefangen und seziert, und natürlich auch Seetang untersucht. Ich teste meine Instrumente aus, messe und notiere...

User: Wie lange bleibst Du?

Alexander von Humboldt:  Wir haben nur wenige Tage Zeit. Und die haben wir genutzt, um den Vulkan hier, den Pico del Teide, zu besteigen. Schau mal. Rund 3700 Meter hoch ist dieser Berg.

Pico del Teide

User: Wie sieht Eure Ausrüstung aus?

Alexander von Humboldt: Wir steigen anders auf Berge als Ihr in Eurer Gegenwart. Da gibt es keine besondere Ausrüstung, keine Zelte, keine Mäntel, ganz normale Schuhe. Geschafft haben wir es trotzdem. Es hat sich gelohnt. Obwohl oben der Wind so heftig war, dass wir uns kaum auf den Beinen halten konnten...

Und unsere Füße bekamen die ganze Hitze ab, die vom Boden des Vulkans aufstieg. Doch jeder Meter hat sich gelohnt. Übrigens: Ich habe hier schon die ersten Bestätigungen dafür gefunden, was ich vom Kolonialismus halte

User: Welche Bestätigung?

Alexander von Humboldt: “Auf unserem Weg zum Hafen von Orotava kamen wir durch die hübschen Dörfer Matanzas und Victoria. Diese beiden Namen findet man in allen spanischen Kolonien nebeneinander; sie machen einen widrigen Eindruck in einem Land, wo sonst alles Ruhe und Frieden atmet. Matanza bedeutet Schlachtbank, Blutbad, und schon das Wort deutet an, um welchen Preis der Sieg erkauft ist.” (Originalzitat)

User: Was plant ihr noch?

Alexander von Humboldt: Wir schauen uns den Krater an und übernachten in einer Höhle unterhalb des Gipfels des Vulkans. Und wir beschäftigen uns mit den unterschiedlichen Vegetationszonen und sammeln Pflanzen. Aber danach geht es über den Atlantik. Ich melde mich dann morgen wieder und erzähle von der großen Überfahrt. Bis dahin!

Eintrag 4: Endlich angekommen!

Alexander von Humboldt: Ich habe Neuigkeiten! Am 16. Juli 1799 sind wir nun endlich im Hafen von Cumaná an der Küste Neu-Andalusiens angekommen (heute ist das Venezuela). Was für eine Fahrt! 22 Tage waren wir unterwegs und ich bin so glücklich, dass wir endlich in Südamerika angekommen sind. Und 41 Tage sind vergangen, seitdem wir in La Coruña abgelegt sind.

User: Wie war's zur See?

Alexander von Humboldt: Auf unserem Schiff hatten sich tagelang schreckliche Szenen abgespielt. Es war unerträglich. Die halbe Besatzung hat gestöhnt und gehustet. Es war unerträglich. Viele haben Fieber, Kopfschmerzen und sogar Ausschlag bekommen.

User: Was war denn los?

Alexander von Humboldt: Bonpland hat mich aufgeklärt. Zum Glück ist er ja Arzt! Er hat mal bei der französischen Kriegsmarine gearbeitet und wusste, dass es sich um Typhus handelt. Ein Passagier ist gestorben. Der Kapitän wollte nur noch so schnell wie möglich einen Hafen ansteuern. Er wollte nicht noch mehr Tote riskieren. Und so sind wir in Cumaná gelandet. Mich hat an Bord aber noch was ganz anderes gestört.

User: Was hat gestört?

Alexander von Humboldt: Ich fand es ärgerlich, dass wir keine Lichter, keine Kerzen oder Lampen, anzünden durften, damit uns unsere Feinde nicht entdecken konnten... Wir segelten ja nach Süden, also wurde es immer früher dunkel. Und sobald es dunkel war, konnte man halt nichts – aber auch gar nichts – machen. Und ich brauche doch nur wenige Stunden Schlaf.

User: Wo bist Du jetzt?

Alexander von Humboldt: Hier sind wir nun genau gelandet. Cumaná wurde bereits Anfang des 16. Jahrhundert gegründet, also vor fast 300 Jahren. Die Stadt ist eine der ältesten europäischen Siedlungen Südamerikas. Das Kolonialreich der Spanier erstreckte sich von Kalifornien bis in den Süden Chiles. In Cumaná leben Spanier, Sklaven, Indianer oder auch Kreolen.

Alte Karte von Venezuela, auf der die Stadt Cumaná markiert ist

Nur zwei Jahre, bevor Bonpland und ich hier angekommend sind, wurde Cumaná von einem schrecklichen Erdbeben heimgesucht. Die Stadt wurde völlig zerstört. Man sieht immer noch überall in der Stadt die Ruinen von Häusern.

User: Was planst Du jetzt?

Alexander von Humboldt: Mein Haar-Hygrometer. Damit kann man die Luftfeuchtigkeit messen. Je nachdem, ob sich die Haare ausdehnen oder zusammenziehen, lässt sich das bestimmen. Eisen oxidiert hier deutlich schneller, weshalb ich sicher bin, dass die Luftfeuchtigkeit sehr hoch ist.

Bonpland und ich sind übrigens nicht mehr allein unterwegs. Ich habe uns einen Diener angestellt. Wir brauchen Unterstützung, und vor allem muss er mein Barometer beschützen. Es ist mir geradezu heilig.

User: Wozu dient das?

Alexander von Humboldt: Mein Barometer nutze ich, um den Luftdruck zu messen. Man kann es also auch nutzen, um die Höhe zu messen. Wir wollen schließlich hoch hinaus! Insgesamt fünf Jahre werde ich unterwegs sein, auch wenn ich das jetzt noch nicht so genau weiß.

User: Bis bald, Alex!

Alexander von Humboldt: Mach's gut – Ich melde mich nach dem Wochenende wieder bei Dir!

Eintrag 5: Auf dem Sklavenmarkt

Alexander von Humboldt: Ich schreibe nicht nur Dir – ich schreibe wie ein Verrückter. Nicht nur meine Notizen, in mein Tagebuch, ich schreibe auch ständig an mein Netzwerk. Noch direkt vor meiner Abfahrt von La Coruña aus habe ich 17 Briefe losgeschickt. Würde ich in Deiner Zeit leben, ich würde sicherlich bloggen oder zum Wissenschafts-Influencer werden wollen.

Hier in Cumaná habe ich in meinen ersten Tagen in Südamerika Entsetzliches gesehen – ich bin auf ein Thema gestoßen, das mich mein Leben lang nicht mehr loslassen wird.

User: Was entsetzt Dich?

Alexander von Humboldt: Hier in Cumaná habe ich meinen ersten leibhaftigen Sklavenmarkt gesehen. Direkt vor unserem Haus, das ich gemietet habe, werden junge afrikanische Männer und Frauen verkauft. Eingerieben mit Kokosfett, damit ihre Haut glänzt. Die Käufer reißen ihnen die Münder auf, um ihre Zähne zu überprüfen. Es ist ekelerregend. Dieses Thema wird mich mein Leben lang nicht loslassen.

User: Und sonst so?

Alexander von Humboldt: Wir haben in Cumaná knapp vier Monate Zeit, um die Gegend um diese Stadt herum zu bereisen. 4000 Pflanzen haben wir bisher hier eingesammelt.

Wir waren auch in der Guácharo-Höhle unterwegs – zumindest in deren vorderen Abschnitten. Das ist die größte Tropfsteinhöhle Südamerikas. Ich habe dort eine unbekannte Vogelart entdeckt. Ihr nennt sie heute Fettschwalme. Die Einwohner hier sammeln die Jungvögel kurz vor dem Flüggewerden ein, kochen sie dann stundenlang und gewinnen so Öl aus ihnen.

Eingang der Guácharo-Höhle

Diese Höhle wird übrigens im Jahr 1975 zum "Monumento Natural Alejandro de Humboldt" ernannt – Venezuelas erstem Nationaldenkmal. Jetzt muss ich mich aber erst mal vorbereiten...

User: Worauf denn?

Alexander von Humboldt: Auf meine erste Sonnenfinsternis! Ich habe das große Glück, hier eine erleben zu können. Das hilft mir, denn damit will ich die geografische Lage aller Orte bestimmen, die ich besuche.

User: Wie funktioniert das?

Alexander von Humboldt: Ich brauche den genauen Längengrad eines Ortes, quasi meinen Ausgangsmeridian. Mit einer Sonnenfinsternis kann man die exakte Zeit prüfen. Und wenn man die genaue Zeit in seinem Heimatort und die Ortszeit am aktuellen Standort, lässt sich diese Differenz auf die geografischen Koordinaten übertragen. Klingt vielleicht kompliziert, ist es aber eigentlich gar nicht.

User:  Klappt's?

Alexander von Humboldt: Die Sonnenfinsternis war perfekt! Und ich habe etwas sehr Interessantes herausgefunden.

User: Was denn?

Alexander von Humboldt: Ich habe mit meinen Messungen und Berechnungen herausgefunden, dass der südamerikanische Kontinent auf unseren europäischen Karten zu weit südlich eingezeichnet ist. Cumaná liegt einen Kilometer weiter nördlich als bisher gedacht!

User: Aha?

Alexander von Humboldt: Großartig, nicht? Und weißt Du, was ich glaube? Mein Forscherglück wird mich auch in den nächsten Monaten und Jahren nicht verlassen. Ich werde vieles auf einen Schlag erleben, worauf andere Menschen ihr ganzes Leben lang warten. Bis morgen!

Eintrag 6: Erdbeben und Meteoritenschauer

Alexander von Humboldt: Hallo, wie geht es Dir heute?

User: Ganz gut, danke!

Alexander von Humboldt: Schön, das freut mich! Mir geht es fantastisch... Ich habe es ja gestern schon ein wenig beschrieben. Aber es ist wirklich so: Mein Forscherglück verlässt mich nicht.

User: Na, erzähl' schon!

Alexander von Humboldt: Ich bin wirklich ein Glückspilz. Nach der Sonnenfinsternis habe ich am 4. November 1799 ein Erdbeben hier in Cumaná erlebt!

User:  Klingt gefährlich!

Alexander von Humboldt: Natürlich, sehr gefährlich sogar! Auf einmal schaukelte ich in meiner Hängematte wild hin und her. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was in Cumaná los war. Alle sind umher gerannt und haben geschrien. Doch ich konnte nur an eines denken: meine Instrumente. Ich habe sie zusammengesucht und bin mit meinem Freund Bonpland und meinem Diener José sofort los, um alles rund um das Erdbeben zu messen.

Ich habe festgestellt, wie viel Zeit zwischen den Erdstößen vergeht, wie sich das Beben von Norden nach Süden bewegte, habe die Stärke der Elektrizität bestimmt. Was für ein genialer Tag!

User: Beneidenswert.

Alexander von Humboldt: Ein wenig bedrohlich ist es natürlich auch. Ich habe über dieses Erlebnis auch notiert: "Man misstraut zum ersten Mal dem Boden, auf den man so lange zuversichtlich seinen Fuß gesetzt." Und noch etwas Wunderschönes habe ich erlebt. Zum Glück hat mich mein Freund Aimé geweckt! Ein Meteorschauer! Wünsch Dir schnell was!

Zeichnung: Humboldt und Bonpland beobachten Sternschnuppen

Wir werden bald aufbrechen und weiterziehen. Ich wäre ja schon früher los, aber ich habe vergebens auf eine Bankgutschrift gewartet. Jetzt aber hat der Statthalter mir das Geld netterweise aus eigener Tasche vorgestreckt. Wir haben ein Boot gemietet, es mit unseren ganzen Utensilien beladen, und Mitte November geht es weiter – nächste Station ist Caracas!

Wir sprechen uns hoffentlich morgen wieder! Danke für Deine Aufmerksamkeit.

User: Bis morgen!

Eintrag 7: Auf den "Stuhl von Caracas"

Alexander von Humboldt: Hallo, ich bin's wieder! Kennst Du das Gefühl, die Menschen um Dich herum nicht zu verstehen?

User: Durchaus!

Alexander von Humboldt: Danke. Dann bin ich also wenigstens nicht allein mit diesem Gefühl.

Alexander von Humboldt: Das ist die Silla de Caracas, zu deutsch: der Stuhl von Caracas. Kannst Du Dir vorstellen, diesen Berg ein ganzes Leben lang direkt vor Deiner Nase zu haben und ihn nicht aus der Nähe betrachten zu wollen? Caracas, das ist der bedeutendste Hafen hier weit und breit. 40.000 Einwohner. Und offenbar ist noch niemand je auf die Idee gekommen, ihn besteigen zu wollen. Wo bleibt die Neugierde?

Hochhäuser von Caracas, dahinter ein Berg

User:  Bist Du rauf?

Alexander von Humboldt:  Aber selbstverständlich! Der Berg gehört zum Ávila-Massiv und ist knapp 2600 Meter hoch. Klar mussten wir da rauf. Am 1. Januar 1800 war es soweit. Oben habe ich erst mal wieder meine Instrumente ausgepackt. Thermometer, Barometer, Hygrometer, Elektrometer und was ich noch so hochtragen konnte.

Mich interessieren die unterschiedlichen Vegetationszonen. Und ich habe die Aussicht genossen, die kein Mensch vor uns je betrachtet hat. Jedenfalls keiner, der davon berichtet hat. Das neue Jahrhundert hätte wohl kaum besser beginnen können. Ich will alles ausprobieren. Das hat mit Goethe schon empfohlen.

User: Was gemessen?

Alexander von Humboldt: Das kann ich hier nicht alles aufschreiben. Nur ein Beispiel: Auf dem Weg nach oben habe ich mit meiner Inklinationsnadel die Magnetfelder gemessen. Ich will sie überall auf dieser Reise noch messen. Und dann meine Schlüsse ziehen.

User: Wie geht's weiter?

Alexander von Humboldt: Anfang Februar werden wir Richtung Süden aufbrechen, natürlich mit unserer ganzen Sammlung. Das sind Tausende an Pflanzen, Mineralien und Tieren. Ich will etwas beweisen, was mir mal wieder niemand glaubt.

Es geht um einen Wasserweg, der den Orinoco mit dem gewaltigen Amazonas-Strom verbindet. Das wird eine gefährliche Expedition, die wir erst mal akribisch vorbereiten müssen. Alles, was wir brauchen, muss ja in diese kleinen Kanus passen.

User: Viel Erfolg!

Alexander von Humboldt: Ich glaube, den werde ich haben. Das Abenteuer beginnt ja erst. Bis bald!

Eintrag 8: Umweltzerstörung am Valenciasee

Alexander von Humboldt: Hallo! Ich muss gleich was loswerden. Auf dieser Reise ist mir mal wieder eines mit aller Deutlichkeit klar geworden: Der Mensch ist nicht der Mittelpunkt der Welt. Schon allein dafür hat sich unser Abstecher zum Valenciasee gelohnt.

User: Das ist doch klar!

Alexander von Humboldt: Dass der Mensch nicht der Mittelpunkt der Welt ist? Euch im 21. Jahrhundert vielleicht – wobei Ihr Euch auch nicht immer danach verhaltet. Zu meiner Zeit glauben alle, auch die führenden Köpfe, dass die Natur dazu gedacht sei, vom Menschen genutzt und unterworfen zu werden. Ganz so, wie es schon in der Bibel steht. Und das kann man hier im Valenciasee mal wieder erkennen.

Luftaufnahme vom Valenciasee

User: Woran denn?

Alexander von Humboldt: Ich muss kurz ausholen: Am 7. Februar 1800 haben mein Freund Aimé Bonpland, mit dem ich diese Reise mache, unser Diener José und ich Caracas verlassen. Mit vier Maultieren sind wir zu unserer ersten großen Expedition aufgebrochen. Eigentlich wollen wir nach Süden, zum Rio Apure, einem Nebenfluss des Orinoco, 300 Kilometer entfernt – aber erst mal haben wir einen Umweg Richtung Westen eingelegt.

Nach sieben Tagen haben wir "die lachenden Täler von Aragua" erreicht, in denen der Valenciasee (auch Tacariguasee genannt) liegt. Und hier wurden wir Zeugen einer beispiellosen Umweltzerstörung. Die natürlich niemand wahrnimmt.

User: Umweltzerstörung?

Alexander von Humboldt: Eigentlich ist das hier eine wunderschöne Gegend, reich bewachsen, mit üppigen Feldern, geradezu idyllisch. Nur ist der Wasserspiegel des Sees in den vergangenen Jahren rapide gesunken. Das berichten mir die Menschen, die hier leben.

User: Woran liegt's?

Alexander von Humboldt: Der Grund ist offensichtlich: DIe Bauern haben die Wälder gefällt, um mehr Ackerland zu haben, und das Wasser abgeleitet, um ihre Äcker zu bewässern.

Das hat Folgen: Der Wald hatte den Boden vor Verdunstung geschützt, und ohne diesen Schutz kann er das Wasser kaum mehr speichern. Nur ist der Wasserspiegel des Sees in den vergangenen Jahren rapide gesunken. Das berichten mir die Menschen, die hier leben.

Die Menschen hier zerstören ihre eigene Lebensgrundlage, und wenn die Böden ausgelaugt sind, werden sie wohl weiterziehen. Aber sie zeigten keinerlei Einsicht, als ich ihnen das alles erklärt und bewiesen habe. Und dabei reden wir noch gar nicht von den Schäden durch die Indigopflanze!

 User: Indigopflanzen?

Alexander von Humboldt: Vielleicht weißt Du, dass aus dieser Pflanze der Indigo-Farbstoff zum Färben von Stoffen gewonnen wird. So sieht sie aus.

Zeichnung einer Indigo-Pflanze

Nur muss ich leider feststellen, dass der Boden hier durch den Anbau der Pflanze ganz schön ausgelaugt ist. Diese kolonialen Plantagenbesitzer beuten den Boden aus wie eine Mine. Ich habe die Befürchtung, dass bald nichts mehr wächst.

User: Was tust du?

Alexander von Humboldt: Ich kann ja nicht viel mehr machen, als darauf hinzuweisen. Auch in meinen Büchern später werde ich versuchen, den Menschen klarzumachen, welche Schäden sie in der Natur anrichten. Alles ist Wechselwirkung, davon bin ich zutiefst überzeugt.

Meine Biografin Andrea Wulf hält mich deswegen für den ersten Umweltschützer überhaupt und sagt, ich sei ebenfalls der erste, der auf den menschengemachten Klimawandel hingewiesen habe. Diese Entwicklung ist so traurig, denn die Natur hier ist so einzigartig, dass ich immer noch jeden Tag begeistert bin.

User: Wie geht's weiter?

Alexander von Humboldt: Wir werden bald weiterziehen. Als nächstes müssen wir die Llanos überqueren, eine staubtrockene Ebene. Und das zu einer denkbar schlechten Reisezeit. Es glüht vor Hitze. Nun ja, wir werden ja sehen! Bis bald!

Eintrag 9: Durch die Llanos

Alexander von Humboldt: Viele Grüße aus Südamerika! Der Valenciasee liegt hinter uns, nun wir haben uns daran gemacht, die Llanos zu durchqueren. Es ist heiß – ich messe 50 Grad … und sehr mühsam. Alles ist ausgetrocknet. Wenn ich daran denke, dass es eigentlich ein Zufall ist, dass meine Reise mich ausgerechnet hierher geführt hat! Aber bereuen werde ich das nicht.

Capybaras an einem Wasserloch in den Llanos

Im Frühjahr sind die Llanos noch grün

User: Warum Zufall?

Alexander von Humboldt: Nun, nachdem der Tod meiner Mutter und mein großes Erbe mir vor gut vier Jahren endlich die Möglichkeit eröffnet hatten, auf Weltreise zu gehen, da stand noch lange nicht fest, wohin es mich verschlagen würde. Mir war nur eines klar, ich wollte raus aus Europa. Davon sprach ich schon seit Jahren.

User:  Wie hast Du Dich vorbereitet?

Alexander von Humboldt: Ich habe sehr viel Geld für meine Instrumente ausgegeben – ich glaube, ich habe schon öfter erwähnt, wie stolz ich darauf bin, das modernste Gerät zu haben, das es gibt. Und natürlich habe ich jedes einzelne erst ausprobiert, bevor ich es gekauft habe. Dazu bin ich quer durch Europa gereist.

Und ich habe mich weitergebildet, bin zum Beispiel nach Wien in den botanischen Garten des Kaisers gereist oder habe in den Alpen bei Salzburg fünf Monate lang in Berghütten gelebt und meteorologische und magnetische Messungen durchgeführt.

In Freiberg habe ich mich mit Geologen beraten, in Dresden gelernt, wie ein Sextant zu bedienen ist. Aber einen richtigen Plan hatte ich noch nicht. Eigentlich wollte ich weiter Richtung Süden, zum Ätna und zum Vesuv, aber Napoleon kam mir in die Quere, mit seinem Einmarsch in Italien. Doch dann schien sich eine neue Gelegenheit zu bieten.

User: Wohin?

Alexander von Humboldt: Nach Ägypten! Dieser Mann bot mir an mit nach Ägypten zu kommen. Frederick Hervey, 4. Earl of Bristol. Ein Engländer mit sehr viel Geld, Bischof, Kunstliebhaber und Exzentriker.

Porträtgemälde von Frederick Hervey

Er hatte bereits eine Reisegruppe zusammengestellt. Leider hielten die Franzosen ihn für einen Spion und verhafteten ihn. Und außerdem kam mir schon wieder Napoleon in die Quere, der im Mai 1798 mit seinen Soldaten Richtung Ägypten aufbrach, um das Land und seine Kunstschätze auszuplündern.

User: Das klingt verworren.

Alexander von Humboldt: Oh ja, das war es auch! Und das Durcheinander war noch nicht nicht zu Ende. In der Zwischenzeit war ich nach Paris gegangen (eine großartige Stadt, viel angenehmer und anregender als meine Heimat Berlin!) und hatte dort das Glück, Aimé Bonpland kennen zu lernen, der mich jetzt ja auch begleitet.

Beinahe hätte ich an der Weltumseglung des Kapitäns Baudin teilgenommen – Buenos Aires, Feuerland, der amerikanische Westen, die Südsee, das Land, das Ihr heute Australien nennt, Madagaskar, das Kap der guten Hoffnung – nur leider wurde die Angelegenheit verschoben. Du weißt schon: alles unsicher, Krieg allerorten. Im Oktober 1798 sind Aimé und ich dann Richtung Marseille aufgebrochen.

User: Frustrierend..

Alexander von Humboldt: Man darf sich nicht entmutigen lassen! Jedoch auch unser neuer Plan, uns Richtung Tunis einzuschiffen, scheiterte. Ich wollte aber unbedingt nach Nordafrika und wählte deswegen den Umweg über Spanien.

Und dort geschah dann das Unerwartete: Glück, mein diplomatisches Geschick, und nicht zuletzt meine Erfahrung im Bergbau führten dazu, dass ich – als erster Ausländer überhaupt – vom spanischen König die Erlaubnis erhielt, seine Kolonien zu bereisen. Den Rest der Geschichte (oder zumindest den Anfang vom Rest) kennst Du inzwischen.

User: Wo bist Du nun?

Alexander von Humboldt: Die Llanos, das sind weite Ebenen hier im nördlichen Südamerika, vor allem von Feuchtsavannen geprägt. Der Fluss Orinoco – das Ziel meiner Expedition – entwässert sie. Ich nenne sie in meinen Aufzeichnungen "glühende Ebenen", und das trifft es sehr genau.

Diese Weite der Llanos macht einsam, sie ist schier unendlich. Es gibt keinen Schatten, und wir haben kaum mehr zu essen und viel zu wenig zu trinkbares Wasser dabei. Und wenn wir mit Glück mal ein Wasserloch entdecken, stoßen wir kurz danach auf Krokodile und müssen die Flucht ergreifen. Aber trotzdem gut, dass ich hier bin.

User: Kannst Du auch mal was Lustiges erzählen?

Alexander von Humboldt: Ich bin nicht so der Witzeerzähler. Obwohl ich Humor habe. Ich habe mal über mich selbst gesagt: "Humboldt, der versteht die Kunst zu lachen. Sind die Menschen unterhaltend, lacht er mit ihnen. Sind sie langweilig, so lacht er über sie. Die Moral ist nicht übel."

Zumindest etwas, was Dich amüsieren könnte, fällt mir gerade ein. Was, denkst Du, bezeichnen die Indianer als "Arschstöpsel"?

User: Keine Ahnung..

Alexander von Humboldt: Tomaten!  Die Einheimischen hier nennen sie deshalb so, weil die hiesige Sorte Verstopfungen verursachen kann. Bonpland spuckte das Gemüse sofort wieder aus, nachdem ich ihm das gesagt hatte. Hoffentlich war es nicht schon zu spät.

Schönes Wochenende! Ich wünsche Dir eine gute Zeit und melde mich am Montag wieder. Mein Dschungelabenteuer beginnt jetzt.

User: Danke, Dir auch!

Eintrag 10: Wie man Zitteraale fängt

Alexander von Humboldt: Heute will ich Dir von einer Episode berichten, die es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hat.

User: Erzähl' schon!

Alexander von Humboldt: In der kleinen Handelsstadt Calabozo, auf halbem Weg durch die heißen und trockenen Ebenen der Llanos, habe ich etwas Sensationelles gehört! Viele der Tümpel hier sollen von Zitteraalen geradezu verseucht sein. Was für eine großartige Nachricht! Ich habe schon von ihnen gehört. Diese Tiere erzeugen Strom. Ich bin begeistert – schon zuhause in Deutschland hatte ich mich mit tierischer Elektrizität beschäftigt.

User:  Welche Erfahrungen hast Du gemacht?

Alexander von Humboldt:  In der Zeit, in der ich im Bergbau gearbeitet habe, Anfang der 1890er-Jahre, habe ich mich sehr für tierische Elektrizität interessiert. Man nennt das auch "Galvanismus", nach dem italienischen Wissenschaftler Luigi Galvani ... Der hier. Er hat es geschafft, Muskeln und Nerven von Tieren dazu zu bringen zu kontrahieren, indem er sie an verschiedene  Metalle anschloss. Das musste ich natürlich auch probieren!

Stich von Luigi Galvani

User: Warum denn?

Alexander von Humboldt: Weil mich diese Idee faszinierte, natürlich, also musste ich es selbst ausprobieren. Ich habe über 4000 Experimente durchgeführt. Ich habe Frösche, Mäuse und Eidechsen mit Stromschlägen getötet und sie aufgeschnitten, um herauszufinden, was passiert. Und natürlich habe ich das alles in meinem Werk "Versuch über die gereizte Muskel- und Nervenfaser", das ich 1797 veröffentlicht habe, dokumentiert.

User:  Die armen Tiere..

Alexander von Humboldt: Das ist alles für die Wissenschaft! Ich habe ja nicht nur Versuche an Tieren durchgeführt, sondern auch an mir selbst. Ich habe meinem eigenen Körper Schnitte und Wunden mit Skalpellen zugefügt, Chemikalien und Säuren hineingegeben und mit unterschiedlichen Metallen oder Elektroden gemessen, was passiert.

Jede Zuckung meines Körpers, jedes Brennen wollte ich genau dokumentieren. Wochenlang war mein Körper mit blutgefüllten Beulen übersät. Aber das war alles egal, denn es geht um die Sache. Alles habe "prächtig" geklappt, schrieb ich damals auf.

User: Zurück zu den Aalen...

Alexander von Humboldt: Ja, genau. Auf einmal begegne ich in diesem kleinen Kaff mitten in den Llanos – Zitteraalen: Ich konnte mein Glück kaum fassen! Schon lange hatte ich mir gewünscht, mal so einem Tier in Wirklichkeit zu begegnen. Sie sollen elektrische Schläge von bis zu 600 Volt erzeugen können!

Es ist nur nicht besonders leicht, sie zu fangen, wie Du Dir bestimmt vorstellen kannst. Aber die Einheimischen hier haben mir gezeigt, wie es geht.

User:  Wie denn?

Alexander von Humboldt:  Die Tiere graben sich in den Schlamm am Boden des Tümpels ein. Anfassen kann man sie nicht, das kann einen umbringen. Deswegen trieben die Llaneros hier Pferde in den Teich, und die Aale griffen die Pferde an. Es war ein grausiges Schauspiel.

Zecihnung: Pferde und Zitteraale in einem Fluss

User: Und dann?

Alexander von Humboldt: Die Aale sprangen so lange aus dem Wasser und peitschten gegen die Bäuche der Pferde, bis sie irgendwann müde wurden. Auch die Stärke ihrer Stromschläge hat dann nachgelassen. Die Llaneros konnten uns fünf Exemplare fangen, die ich im Anschluss direkt untersucht habe.

User: Was hast Du rausgefunden?

Alexander von Humboldt: In erster Linie die Stärke ihrer Stromschläge, aber eben auch, dass diese Tiere imstande sind, aus dem Wasser herauszuspringen und sogar Pferde anzugreifen. Zwei Pferde ertranken sogar, sie gingen gelähmt von den Stromschlägen unter. Das ist natürlich etwas absurd, wenn man überlegt, wie klein diese Fische verglichen zu Pferden sind.

Ich gebe zu: 200 Jahre dachten die Menschen auf der Welt, dass ich mir diese Geschichte nur ausgedacht hätte. Niemand wollte mir das glauben. Erst 2016 wies der Wissenschaftler Kenneth C. Catania von der Universität in Nashville (USA) nach, dass ich tatsächlich Recht gehabt hatte.

Mittlerweile kannst Du Dir diese Experimente sogar auf Youtube anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=Y9VHeEmr5fg

Naja, besser spät als nie! Bis morgen! Ich kann Dir versprechen, meine Reise wird nicht weniger abenteuerlich als diese Berichte...

Eintrag 11: Ab in den Dschungel!

Alexander von Humboldt: Einen schönen Tag wünsche ich Dir! Hier ist mal wieder Alexander von Humboldt. Eigentlich habe ich heute kaum Zeit, mich zu melden, denn es gibt viel zu tun. Noch mehr als gewöhnlich!

Inzwischen haben wir Ende März 1800. Unser Aufbruch aus Caracas liegt zwei Monate zurück. Wir sind nun am Rio Apure angekommen, genauer: in San Fernando de Apure. Das liegt mitten im heutigen Venezuela. ..und es geht los. Endlich geht es wirklich los.

User:  Was ist der Plan?

Alexander von Humboldt: Ich wiederhole mich, aber ich muss es einfach noch mal sagen: Eigentlich beginnt erst jetzt unser richtiges Abenteuer. Wir werden den großen Orinoco und sein Netz an Nebenflüssen erforschen. Mein Ziel ist es, den Rio Casiquiare zu finden.

Vor 50 Jahren hat ein Jesuiten-Pater berichtet, dass dieser Fluss die Ströme des Orinoco und des Amazonas miteinander verbindet. Glaubt natürlich wieder keiner, also werde ich das beweisen. Ich bin der erste Wissenschaftler, der sich das anschaut.

 User: Wie sieht's da aus?

Alexander von Humboldt: Es gibt ein berühmtes Bild von mir und meinem Begleiter Bonpland. Aber vermutlich war unsere Tour durch den Dschungel nicht ganz so gemütlich und zivilisiert, wie es darauf aussieht. Hier, schau doch trotzdem mal.

Gemälde: Humboldt und Bonpland in einer Hütte mit Messinstrumenten und Pflanzen

Alexander von Humboldt: Die Fahrt den Rio Apure hinunter ist nicht ungefährlich. Aber ich freue mich drauf.

User: Hast Du Angst?

 Alexander von Humboldt: Ich wiederhole mich, bitte entschuldige, aber: Ich kenne keine Angst. Meine Gier nach Wissen ist unersättlich. Und dazu gehört es eben auch, das eine oder andere Risiko einzugehen. Wissen bedeutet Fortschritt, und ich will vorankommen. Für mich und die Welt.

 Ich mache hier äußerst interessante Beobachtungen. Die Tiere kämpfen hier ums Überleben, es geht darum zu fressen oder gefressen zu werden.

 User: Ein Beispiel?

 Alexander von Humboldt: Ich beobachte Capybaras, das sind große Wasserschweine... wie sie aus dem Fluss springen, auf der Flucht vor Krokodilen, nur um dann von den Jaguaren an Land gefressen zu werden. Die einen Tiere sind die Speise der anderen.

Selbst Pflanzen spielen dieses Spielchen mit. Im Regenwald habe ich gesehen, wie Schlingpflanzen riesige Bäume erwürgten. Das Leben ist nicht nur miteinander verflochten, sondern in einem ständigen Kampf mit- und gegeneinander.

User: Klingt nach Darwin.

Alexander von Humboldt:  Ja, du hast Recht. Bloß bin ich einige Jahre älter als Darwin und habe diese Beobachtungen in ihren Grundzügen zuerst gemacht. So weit zu Ende gedacht wie er habe ich sie allerdings nicht, das muss ich ehrlich zugeben...

Zu meiner Zeit glaubten die Menschen, jedes Lebewesen auf der Welt sei von Gott erschaffen, eine von Gott vorgegebene Nahrungskette existiere. Nach meinen Beobachtungen halte ich das für Unsinn. Ich glaube, dass durch die Kämpfe der Tiere und Pflanzen untereinander die Gesamtzahl beschränkt wird.

Charles Darwin fand meine Idee, die ich später in dem Werk "Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents" niederschreiben werde, bedeutsam und hat diese durch eigene Beobachtungen weiterentwickelt zu seiner Evolutionstheorie des Überlebens der am besten angepassten Individuen. Darwin mochte meine Bücher. Aber eine Sache hier nervt mich doch ein wenig...

Porträtfoto des alten, vollbärtigen Charles Darwin.

User: Was denn?

Alexander von Humboldt: Die Moskitos! Die Europäer haben keine Vorstellung davon, wie unerträglich diese Moskitos im Dschungel sind. Sie attackieren uns pausenlos. Ich habe überall Quaddeln, alles juckt, und nichts scheint gegen diese Tiere zu helfen. Wir haben uns sogar schon im Sand vergraben, um ihnen zu entkommen. Die Indianer wollen, dass wir uns mit dem Blut eines verwesenden Krokodils einschmieren.

Manch einer schlägt auch Schildkrötenöl vor. Ich würde am liebsten einfach ins Wasser springen – doch dort wimmelt es von Piranhas. Aber am Ende macht mir auch das nichts aus. Ich bin gespannt, was die nächsten Tage bringen. Und ob ich beweisen kann, dass ich Recht habe und der Rio Casiquiare tatsächlich den Orinoco und den Amazonas verbindet...

 ..auch wenn ich daran nicht wirklich zweifle! Ich melde mich wieder. Bis demnächst!

Eintrag 12: Krokodile, Springaffen und Pfeilgiftfrösche

Alexander von Humboldt: Hallo, schön, dass Du da bist! Nach einigen Tagen auf dem Rio Apure haben wir nun endlich den Orinoco erreicht. Allerdings ist unser Steuermann offenbar lebensmüde.

User: Warum?

Alexander von Humboldt: In diesem Fluss wimmelt es von Krokodilen und anderen gefährlichen Tieren, die uns sofort zerfleischen könnten (und die ich mit großem Vergnügen beobachte). Und dieser Steuermann fährt mit waghalsigen Manövern durch die Gewässer. Gut, dass ich vorgesorgt habe!

User: Wie hast Du vorgesorgt?

Alexander von Humboldt: Wie alle Reisenden meiner Epoche, mische ich mir meine Tinte selbst. Denn ich notiere natürlich am laufenden Band alles, was mir unterwegs auffällt (der hintere Teil unseres Bootes ist überdacht, dort stehen meine Instrumente und Tische, an denen ich arbeiten kann).

Schau mal, so sieht eine Seite aus, die ich unterwegs in diesem Dschungel beschrieben habe. Ich will immer alles sofort festhalten, wer weiß ich, ob ich mich später noch exakt erinnern kann. Die Berliner Staatsbibliothek hat das komplette Werk digitalisiert, Du kannst Dir alles online durchlesen (wenn Du meine Schrift entziffern kannst).

Was die Tinte betrifft, habe ich jedenfalls vorsorglich so lange experimentiert, bis ich eine wasserfeste Mischung hinbekommen habe. Und das war auch eine gute Idee.

Aufgeschlagene Seite von Humboldts Tagebuch

User: Bist Du ins Wasser gefallen?

Alexander von Humboldt: Nicht ich, aber mein Tagebuch. Ich musste allerdings reinspringen, um es zu retten. Dabei wäre ich fast ertrunken – schwimmen kann ich nicht. Und das ist selbstverständlich nicht die einzige Gefahr... Hier lauern viele Gefahren auf uns.

User: Welche Gefahren?

Alexander von Humboldt: Nicht nur die wilden Tiere und der Fluss sind eine Gefahr für uns. Einmal habe ich mich fast versehentlich mit Gift ums Leben gebracht. Mit Curare, um genauer zu sein. Wenn dieses Pfeilgift, dass ich von einem einheimischen Stamm erhalten hatte, in den Blutkreislauf gerät, führt es zu einer tödlichen Lähmung. Die Indianer vergiften damit ihre Pfeile, die sie aus Blasrohren abschießen.

Ich habe es natürlich untersucht. Nur sickerte das Gift aus seinem Behältnis auf meine herumliegenden Socken heraus. Ich habe es glücklicherweise bemerkt, bevor ich sie angezogen habe. Meine Füße sind nämlich voller Wunden, wegen der ganzen entzündeten Moskito-Stiche. Wäre ich nicht aufmerksam gewesen, hätte das Gift meine Muskeln gelähmt und ich wäre erstickt. Dann wäre ich nie dazu gekommen, all das zu berichten. Und ich hätte auch keinen Affen...

User: Einen Affen?

Alexander von Humboldt: Ja, mir gefallen die Springaffen sehr gut. Aber es ist sehr schwer, sie zu fangen. Bonpland und ich habe uns schließlich die Methode überlegt, das Muttertier mit einem Giftpfeil aus dem Blasrohr zu töten. Das Junge hält sich auch weiter an der Mutter fest, wenn sie hinabfällt. WIr laufen dann rasch hinzu und entreißen den Kleinen seiner Mutter. So haben wir eine ganze Reihe Affen fangen können.

Vier Springaffen

Eines der Tiere ist so schlau, dass es die Bilder in meinen wissenschaftlichen Büchern zu erkennen scheint! Es interessiert sich nur für die essbaren Sachen, die darin abgebildet sind.

User: Wie schlaft ihr?

Alexander von Humboldt: Mal haben wir auf einem Granitfelsen mitten im Fluss geschlafen, dann wieder an einem Hang mit der Angst, gleich im Orinoco zu landen. Fast hätte uns auch ein starker Sturm weggespült. Wenn es geht, dann bilden wir einen Kreis, und wir selbst schlafen nach Möglichkeit in Hängematten, um uns zu schützen.

Alexander von Humboldt: Auch wenn es um Hygiene geht, müssen wir vorsichtig sein. Wir wechseln uns beim Bad im Fluss ab: Einige waschen sich, der Rest hält Ausschau nach wilden Tieren, die uns gefährlich werden können. Bis jetzt hat das funktioniert. Ich melde mich morgen wieder!

Eintrag 13: Beweis erbracht!

Alexander von Humboldt: Hallo! Schön, dass Du wieder da bist.

User: Hallo!

Alexander von Humboldt: Wir haben es geschafft! Ich habe zwar fest daran geglaubt, aber die Bestätigung freut mich doch... Du weißt ja: Wir waren auf dem Orinoco und seinen Nebenflüssen unterwegs. Am 11. Mai haben wir die Einmündung des Rio Casiquiare entdeckt – genau die, die wir finden wollten. Und zehn Tage später sind wir wieder auf den Orinoco gestoßen. Weißt du, was das bedeutet?

User: Sag schon!

Alexander von Humboldt: Der Beweis ist eindeutig: Der Casiquiare verbindet den Orinoco und den Amazonas über den Rio Negro miteinander. Ich habe es bewiesen. 

Ein Wermutstropfen allerdings: In der Region hier war das schon lange bekannt, auch wenn diese Information nicht aus dem Dschungel herausgedrungen war. Die Missionare, die wir getroffen haben, wussten das alles schon. Aber genau vermessen hat diesen Teil der Welt dennoch noch nie jemand vor mir.

User: Die Missionare?

Alexander von Humboldt: Ach, die Missionare. Natürlich waren die Missionsdörfer hier überall praktisch für uns, weil wir da Station machen konnten. Aber meine Meinung von diesen Europäern ist keineswegs so hoch wie die, die sie selbst von sich haben.

Viele Indianer haben direkt an den Flüssen gelebt, wurden aber von den Kolonialisten so tief in den Wald getrieben, dass ihre ganze Lebensgrundlage verändert wurde. Und dann müssen sie auch noch für einen sehr geringen oder gar keinen Lohn arbeiten. Diese Männer der Kirche, wie sie sich selbst bezeichnen, behandeln die Einheimischen sehr schlecht.

User: Das ärgert Dich?

Alexander von Humboldt: Natürlich. Diese Männer hängen der Kirche an, aber behandeln andere Menschen dann als seien sie nichts wert. Das ist einer der Gründe, warum ich für Religion nichts übrig habe. Warum sollte ich mir solche Predigten anhören? Da verkoste ich doch lieber Flusswasser (und schmecke Unterschiede, wirklich!).  Oder ich versuche, von den indianischen Einheimischen hier etwas über die Natur zu erfahren.

Ihr Wissen ist beeindruckend! Für mich sind sowieso alle Menschen gleich, ich mache keine Unterschiede. Ich bin im Übrigen sehr stolz darauf, dass in meinem Werk "Kosmos" kein einziges Mal das Wort "Gott" vorkommt.

User: Wo seid Ihr jetzt?

Alexander von Humboldt: Wir sind wieder zurück in der Zivilisation... Ganze 75 Tage ist es her, dass wir in San Fernando de Apure aufgebrochen sind. 2500 Kilometer auf dem Wasser haben wir hinter uns gebracht.

Am 13. Juni 1800 sind wir in Angostura angekommen, der heutigen Ciudad Bolívar. Die Stadt hier hat gerade einmal 6000 Einwohner, aber wir fühlen uns wie in Paris. Selbst die einfachste Unterkunft ist purer Luxus für uns. Was bin ich froh, diese grässlichen Moskitos hinter mir gelassen zu haben.

Karte des nördlichen Südamerikas mit eingezeichneter Route von Humboldts Reise

User: Wie geht’s weiter?

Alexander von Humboldt: Angostura ist eine sehr schöne Stadt, aber wir müssen hier länger als geplant bleiben. Alle werden wir krank, und das nach der Zeit im Dschungel, wo uns nichts umwerfen konnte. Aber nach ein paar anstrengenden Wochen im Bett ist selbst mein Begleiter Aimé Bonpland, den es am schlimmsten erwischt hat, wieder ganz der Alte, und wir können Angostura endlich wieder verlassen.

Erst einmal geht es durch die Llanos – Du erinnerst Dich? –zurück nach Cumaná. Von dort aus will ich uns ein Schiff in Richtung Kuba organisieren.

User: Kuba?

Alexander von Humboldt: Ja, Kuba ist unsere nächste Station... Die Überfahrt von Cumaná aus ist stürmisch, und unterwegs werden wir auch noch von Piraten angegriffen. Glücklicherweise kommt uns ein englisches Kriegsschiff zur Hilfe. Am 19. Dezember 1800 kommen wir in Havanna an – das ist übrigens der wichtigste Flottenstützpunkt der Spanier, ein sehr lebhafter Hafen. Und der Kaffee hier ist exzellent!

Ich werde auf dieser Reise hier noch mal Station machen, dann berichte ich mehr. Vor allem über das Unwesen des menschenverachtenden Sklavenhandels – dazu gibt es hier viel zu recherchieren... Aber dieses Mal breche ich schnell wieder auf. Denn Anfang 1801 habe ich etwas Unglaubliches in der Zeitung gelesen!

User: Was denn?

Alexander von Humboldt: Kapitän Nicolas Baudin. 

Schwarzweiß-Stich von Nicolas Baudin

Den wollten wir ganz zu Beginn unseres Abenteuers auf seiner Entdeckungsfahrt begleiten – die damals daran scheiterte, weil ihnen das Geld fehlte – soll diesem Bericht zufolge nun nach Südamerika kommen und von hier aus weiter in die Südsee segeln. Du kannst Dir bestimmt denken, was das für mich bedeutet?

User: Du willst mit?

Alexander von Humboldt: Richtig! Eigentlich wollte ich nach Mexiko, aber das hier ist offensichtlich eine einmalige Chance. Aimé und ich müssen nun nur noch überlegen, wo genau wir ihn abpassen könnten. Wir gehen davon aus, dass er in Lima neue Vorräte auf sein Schiff laden muss, bevor es in die Südsee geht. Wir müssen also dorthin. Wir haben nur noch zehn Monate Zeit dafür, und wir müssen über die Berge. Doch es ist machbar!

User: Ihr schafft das!

Alexander von Humboldt: Das denke ich auch. Drück' uns die Daumen. Und: Bis bald. Ich freue mich darauf!

Eintrag 14: Vom Dschungel in die Anden

Alexander von Humboldt: Hallo! Es ist soweit! Von Cartagena (das ist die größte Stadt in Neu-Granada, heute heißt das Kolumbien) brechen wir Richtung Lima auf. Das heißt: Es geht über die Anden.

User: Cartagena?

Alexander von Humboldt: Hier sind wir, schau... Eine schreckliche Stadt!

Kupferstich: Ansicht auf Hafen und Stadt von Cartagena

Nachts fallen hier Schlangen von den Decken in unserem Gasthaus. Überall gibt es Fledermäuse, die einem den Schlaf rauben. Und auch die Menschen nerven mich. Alle Menschen, insbesondere die Frauen … alle wollen immer nur über die spanische Königin reden. Das interessiert mich jedoch herzlich wenig.

User:  Eure Tour?

Alexander von Humboldt: Zunächst sind wir zwei Wochen lang durch dichte Wälder bis zum Rio Magdalena marschiert. Danach paddelten wir ganze 55 Tage gegen die starke Strömung des Flusses – denn für uns ging es flussaufwärts. Wir waren mal wieder im Urwald gefangen, es war heiß und feucht, alles voller Krokodile und Schlangen.

Diese Flussfahrt wurde zu einer "schrecklichen Tragödie", so nenne ich sie später. Einige unserer einheimischen Ruderer sind am Fieber gestorben, aber meine Gesundheit blieb glücklicherweise weiter so verlässlich wie bisher. Und das Ziel dieser Tour hielt eine angenehme Überraschung bereit.

User: Was denn?

Alexander von Humboldt: Du glaubst nicht, was hier passiert. Die Menschen feiern unsere Ankunft mit einem großen Empfang. Es scheint, dass wir dank unserer Abenteuer inzwischen zu Berühmtheiten geworden sind!

User: Einfach so?

Alexander von Humboldt: Ein bisschen was hatte ich damit schon zu tun ... Noch bevor wir uns auf den Weg hierher gemacht haben, habe ich José Celestino Mutis  einen sehr schmeichelhaften Brief geschrieben. Er ist ein berühmter spanischer Botaniker, und seine Sammlungen sollen beeindruckend sein. Die Sammlung  musste ich also unbedingt sehen. Ich habe ihm geschrieben, er sei der einzige Grund, weshalb ich nach Bogotá käme.

Gemälde von José Celestino Mutis

User: Ernst gemeint?

Alexander von Humboldt: Sagen wir es so: Ich wollte unbedingt seine Sammlung sehen und mit ihm über seine Forschung sprechen. Er soll sogar Künstler beschäftigen, die Zeichnungen von den Pflanzen anfertigen für ihn. Und er weiß mehr über die südamerikanischen Pflanzen als irgendwer sonst. Da kann man auch schon mal dick auftragen. Außerdem hat es eben etwas gebracht: Nicht nur er, sondern halb Bogotá wusste von unserer Ankunft.

User: Was treibst Du jetzt so?

Alexander von Humboldt: Es geht uns gut hier. Nach diesem großartigen Empfang haben sie uns hier sogar eine eigene Villa bereit gestellt. Nichts als Empfänge, Dinners, Honneurs... Und natürlich lohnt sich auch die Gelegenheit, sich Mutis' legendäre Bibliothek genauer anschauen zu dürfen.

Ich zeige mich hier erkenntlich bei den Spaniern, dass sich mich so frei durch ihre Kolonien reisen lassen, verfasse ein Gutachten über das Bergwerk von Zipaqirá, schlage Innovationen vor. Dem Vizekönig habe ich – ungefragt – Karten vom Rio Magdalena und der Hochebene von Bogotá bis zum Orinoco überreicht. Das hat ihn durchaus beeindruckt.

User: Bleibt ihr länger?

Alexander von Humboldt: Ja, aber nicht freiwillig. Denn Aimé hat erneut hohes Fieber bekommen. Er liegt ihm Bett, und man kann nichts machen. Er war wieder einige Wochen krank. Ich habe die Zeit genutzt, um Ausflüge in der Gegend zu machen.

User: Gute Besserung!

Alexander von Humboldt: Danke

User: Wann gehts weiter?

Alexander von Humboldt: Aimé ist nun wieder fit und somit können wir am 8. September 1801 nach zwei Monaten aus Bogotá aufbrechen. Bepackt mit drei Maultieren und einigen Vorräten geht es nun über den Quindío-Pass – dem gefährlichsten Pass der Anden in über 3600 Metern Höhe. Ich werde hier allerdings ein wenig komisch angesehen ...

User: Warum?

Alexander von Humboldt: Die Kolonialherren hier lassen sich gerne von den Indianern in einer Art Stuhl über den Pass tragen. Selber zu laufen, wie ich es tue, kommt ihnen komisch vor. Ich wehre mich wirklich dagegen getragen zu werden. Ab und zu lasse ich es doch zu. Aber nur, um dann auch mal den Indianer hochzutragen. Für mich ist das selbstverständlich.

Allerdings: Ich kann dir nicht sagen, wie sehr meine Füße schmerzen. Meine Schuhe sind schon ziemlich hinüber, ich habe entzündete Blasen, Schnitte, Abschürfungen von Felsen und sogar Kakteenstacheln stecken hier und da mal drin. Dieser Pass hat es echt in sich. Wir sind schon ziemlich müde.

User: Euer Weg?

Alexander von Humboldt: Der Pfad auf dem wir gehen, ist gerade einmal 20 Zentimeter breit. Mittlerweile laufen wir auch alle barfuß, weil es so schlammig ist, und man sonst ausrutscht. Und der arme Aimé hat erneut Fieber bekommen. Ausgerechnet hier und jetzt. Aber es scheint nicht so schlimm zu sein. Er kann jedenfalls langsam weiterlaufen.

User: Anstrengend!

Alexander von Humboldt: Ist es auch! Ich kann gar nicht glauben, dass es schon neun Monate her ist, dass wir Cartagena verlassen haben. Wie die Zeit vergeht. Aber wir haben es geschafft. Wir sind endlich in Quito angekommen.

User: Glückwunsch!

Alexander von Humboldt: Quito ist wirklich sehr schön. Nur das Wetter irritiert mich ein wenig. 1797 gab es nämlich in Riobamba – ungefähr 150 Kilometer von hier – ein großes Erdbeben. Seitdem sind die Temperaturen stark gefallen und der Himmel ist häufig grau. Die Beben halten immer noch an. Doch das stört mich natürlich nicht. Etwas anderes jedoch hat mich sehr frustriert. Es sieht so aus, als sei der ganze Weg umsonst gewesen!

User: Warum umsonst?

Alexander von Humboldt: Carlos de Montúfar y Larrea-Zurbano, der 22-jährige Sohn des Provinzgouverneurs in Quito, hat mir erzählt, dass Baudin gar nicht auf dem Weg nach Südamerika ist.

User: Sondern?

Alexander von Humboldt: Aimé ist völlig außer sich. Ich muss ihn beruhigen. Schließlich finden wir auch ein anderes Abenteuer. Ich bin sicher.

User: Was hast Du vor?

Alexander von Humboldt: Du weißt ja, wie sehr mich Vulkane faszinieren. Deshalb haben wir beschlossen erst einmal in der Gegend zu bleiben und die vulkanischen Bergketten hier zu erforschen. Mein neuer Freund, Carlos Montúfar, ist ganz versessen darauf, uns zu begleiten.

User: Viel Spaß!

Alexander von Humboldt: Nach dem Wochenende melde ich mich wieder und berichte, ob dieser Plan funktioniert hat... Lass es Dir so lange gut gehen!

Eintrag 15: Im Bann der Vulkane

Alexander von Humboldt: Hallo! Ich wünsche Dir einen guten Start in die Woche! Leider hat mein Plan, mit Kapitän Baudin die Welt zu umsegeln, ja bekanntlich nicht geklappt – er war der Grund, warum ich über die Anden nach Lima wollte.

Ich musste also umplanen, mein Stützpunkt ist nun Quito. Von hier aus plane ich neue Touren. Heute geht es um Vulkane. Und um – Gefühle.

User: Gefühle?

Alexander von Humboldt: Vielleicht habe ich gerade ein bisschen viel versprochen. Denn so richtig erzählen werde ich Dir nichts. Auch zu Lebzeiten war ich in diesen Dingen recht privat. Jedenfalls habe ich in Quito ja Carlos de Montúfar y Larrea-Zurbano kennen gelernt – von ihm habe ich schon kurz berichtet.

Er ist zehn Jahre jünger als ich und der Sohn des Provinzgouverneurs. Er begleitet uns auf unseren Vulkanbesteigungen. Und vielleicht auch noch länger, mal schauen. Ich habe das Gefühl, dass das eine sehr innige Beziehung werden wird.

 User: Was ist mit Frauen?

 Alexander von Humboldt: Ich interessiere mich mehr für Vulkane als für die Ablenkungen, die Quito bietet. Den Vornehmen in der Stadt nehmen wir das bereits übel. Rosa Montúfar, die für ihre Schönheit berühmte Schwester von Carlos, beschwerte sich bereits über mich, dass ich bei gesellschaftlichen Ereignissen nie länger verweile als notwendig ist.

Ich scheine an Vulkanbesteigungen mehr Gefallen zu finden als an der Gesellschaft hübscher Frauen, schrieb sie. Insofern würde ich Dir jetzt auch gern von meinen ersten Touren erzählen, wenn ich das noch nicht gemacht habe... sonst melde ich mich morgen wieder, ok?

User: Zurück zu den Vulkanen..

Alexander von Humboldt: Sagt Dir Antisana was?

User: Nein, keine Ahnung

Alexander von Humboldt: Schau mal hier, so sieht er aus. Ein Vulkan in den Anden, 5700 Meter hoch. Den werden wir von Quito aus besteigen. Vulkane faszinieren mich sehr. Ich glaube, mit ihrer Hilfe kann man viel herausfinden.

Blick über einen See auf den Vulkan Antisana

User: Warum Vulkane?

Alexander von Humboldt: Warum mich Vulkane interessieren? Ich frage mich, ob es es eine unterirdische Verbindung zwischen ihnen gibt, ob sie vielleicht über den Erdkern miteinander verbunden sind? Daher werde ich von Quito aus (übrigens eine schöne Stadt!) jeden Vulkan besteigen, an den ich rankommen kann. Vielleicht kann ich sogar Hinweise darauf finden, wie die Erde entstanden ist?

User: Irgendwelche Ideen?

Alexander von Humboldt: Schon länger sind sich die führenden Wissenschaftler meiner Zeit einig, dass die Erde älter sein muss, als die Bibel suggeriert. Aber wie sie entstanden ist, darüber herrscht keine Einigkeit.

Die Neptunisten (zu denen zählt übrigens auch mein alter Freund Goethe, von dem ich Dir ja bereits berichtet habe), glauben daran, dass das Wasser die alles antreibende, zentrale Kraft ist.

Die Vulkanisten hingegen sagen, alles sei durch entscheidende Ereignisse, wie Vulkanausbrüche, entstanden. Ich glaube inzwischen eher, dass die zweite Gruppe Recht hat. Vielleicht finde ich auf meiner Antisana-Tour mit Bonpland, José und meinem neuen Freund Carlos mehr heraus...

User: Eure Tour?

Alexander von Humboldt: Bonpland, Carlos, der sich uns angeschlossen hat, unser Diener José und ich sind nun unterwegs. Es ist so unglaublich windig hier. Der Eisregen peitscht uns ins Gesicht. Er fühlt sich an, wie Nadelstiche. Mein Gesicht blutet sogar schon. Carlos geht es leider nicht gut. Er hat Brust- und Magenschmerzen.

User: Klappt sonst alles?

Alexander von Humboldt: Oh nein, leider nicht. Wir haben es nicht geschafft, den Antisana zu besteigen. Das Wetter war schrecklich, wir kamen kaum voran und mussten auf 5500 Metern abbrechen. Ein Felshang hat uns den Weg versperrt. Es ärgert mich schon, dass wir so kurz vor dem Ziel aufgeben mussten.

User: Neuer Versuch?

Alexander von Humboldt: Ja, natürlich, ich sollte mich nicht unterkriegen lassen. Es gibt ja zum Glück noch andere Vulkane, die auf mich warten. Davon berichte ich Dir in den nächsten Tagen.

User: Bis bald, Alex!

Eintrag 16: Gescheiterte Gipfelstürme

Alexander von Humboldt: Da bin ich wieder! Ich komme voran auf meiner Vulkantour. Heute ist der 14. April 1802, und wir sind immer noch in den Anden unterwegs. Nach dem Antisana ist nun der Pichincha dran. Er ist knapp über 4700 Meter hoch.

User: Wo bist Du genau?

Alexander von Humboldt: Wir sind immer noch in Quito. Ich mache auch Wanderungen in der Umgebung. Aber am meisten reizen wie mich – wie Du weißt – die Anden-Vulkane. Den Pichincha – sowas wie der Hausberg von Quito – will ich zusammen mit meinem Diener José und mit Carlos besteigen.

Blick auf den Vulkan Pichincha

User:  Schwierig?

Alexander von Humboldt:  Natürlich ist es machbar, aber mir gelingt es nicht. Unser erster Versuch ist bereits gescheitert. Ich habe wie immer ziemlich viele Instrumente dabei gehabt – und dieses Mal auch Kohle. Ich wollte nämlich unbedingt testen, wie sich der Siedepunkt von Wasser verhält, je höher man aufsteigt.

Ich kann mich daran erinnern, dass ich diesen bei 86,2 Grad gemessen hatte und dann wurde plötzlich alles schwarz. Ich bin in Ohnmacht gefallen! Aber ich habe mich erholt, und es ging weiter – bis wir vor einer Felswand standen, die unüberwindbar schien. Daraufhin haben wir beschlossen umzukehren. Ich ärgere mich immer noch darüber.

User: Neuer Versuch?

Alexander von Humboldt: Selbstverständlich. So schnell gebe ich nicht auf. Mein Begleiter Aimé Bonpland allerdings hat Besseres zu tun und kümmert sich um den Versand eines Lamaskeletts, das nach Paris geschickt werden soll. Und Carlos möchte ihm dabei helfen. Ich vermute, dass das nur Ausreden sind. Sie trauen sich nicht noch einmal nach oben.

José begleitet mich jedoch erneut und passt wie immer auf meine Instrumente auf. Ich will unbedingt den Krater erreichen, den bereits vor mir der Mathematiker Charles-Marie de la Condamine bei seiner Besteigung entdeckt hat. Aber es läuft wieder einiges schief.

User: Was läuft schief?

Alexander von Humboldt: Mein lieber José ist eingebrochen ein und hing über einem Krater. Das war wirklich knapp. Aber er konnte sich befreien. Und auch dem Barometer ist nichts passiert. Aber irgendwann waren wir 18 Stunden unterwegs, es wurde schon dunkel, und es blieb uns nichts anderes übrig, als wieder hinabzusteigen.

Wir sind die ganze Zeit gestolpert, weil es so schwierig war, auf diesem Weg zu laufen. Ich habe mitgezählt: 123 Stürze! Aber aufgeben will ich nicht, ich probiere es noch mal! Umsonst war auch der zweite Versuch nicht – ich habe eine Entdeckung gemacht.

User: Was für eine Entdeckung?

Alexander von Humboldt: Zusammen mit José habe ich Feuer im Krater des Vulkans gesehen. De la Condamine hatte jedoch gesagt, dass der Kratergrund schneebedeckt sei. Es scheint also, als sei der Vulkan wieder aktiv. Und tatsächlich merken wir seit heute Erschütterungen in Quito. Hätte ich nicht ohnehin schon beschlossen gehabt, den Vulkan erneut zu besteigen, das hätte den Ausschlag gegeben.

User: Weitere Pläne?

Alexander von Humboldt: Unser nächstes Ziel ist der Chimborazo. Der höchste Berg unserer Welt. Wenn mir dessen Besteigung gelingt, wird mich das noch berühmter werden lassen. Ich werde bald berichten, bis dann!

Eintrag 17: Auf zum höchsten Berg der Welt!

Alexander von Humboldt: Guten Morgen! Heute freue ich mich ganz besonders, wenn Du mich auf meinen Abenteuern begleitest.

User: Guten Morgen!

Alexander von Humboldt: Wir schreiben den 22. Juni 1802. Es ist 13 Tage her, dass wir in Quito aufgebrochen sind, eine Strecke von 150 Kilometern. Zum Chimborazo. Dem höchsten Berg der Welt (zumindest dachten wir damals, dass er das sei). An seinem Fuß sind wir heute angekommen. Morgen wollen wir hinauf. Das wird für Weltruhm sorgen.

Gemälde: Alexander von Humboldt mit Weggefährten am Fuß des Chimborazo

User: Weltruhm?

Alexander von Humboldt:  Es geht hier um einen Weltrekord. Dieser erloschene Vulkan ist fast 6300 Meter hoch. Noch nie waren Menschen so weit oben. Inzwischen zähle ich, danke meiner vielen Touren, zu einem der erfahrensten Bergsteiger der Welt. Doch ich muss zugeben, mein neues Vorhaben flößt auch mir Respekt ein. Wenn Du uns heute sehen könntest, untrainiert und ohne echte Ausrüstung, Du würdest uns für verrückt halten.

User: Dann mal los!

Alexander von Humboldt: Ganz früh am Morgen ging es los, auf Maultieren, und begleitet von einheimischen Trägern. Die Tiere ließen wir irgendwann zurück, als der felsige Anstieg zu steil wurde. Dann schlug das Wetter um, es wurde eisig kalt, und wir konnten den Gipfel des Chimborazo nicht mehr sehen. Und dann wollten die Indianer auch nicht mehr weiter.

User: Warum ?

Alexander von Humboldt: Die Kälte war nur schwer zu ertragen. Die meisten hatten Atemnot. Und da unsere einheimischen Begleiter selbst nie auf die Idee gekommen waren, den Berg vor ihrer Nase zu besteigen, konnten sie ihre großsprecherischen Ankündigungen eben auch nicht einhalten. Das war auf umgerechnet 4750 Meter Höhe. Aimé Bonpland, Carlos und ich übernahmen die Instrumente von ihnen und machten weiter.

User: Keine Angst?

Alexander von Humboldt:  Meinst Du, ob es mir bewusst war, dass dieses Vorhaben – mal wieder – lebensgefährlich war? Das selbstverständlich. Links und rechts von uns ging es steil bergab, der Grat ist an manchen Stellen nur fünf Zentimeter breit, also krochen wir lieber.

Wir hielten uns mit den Händen am scharfen Gestein fest, schnitten uns, bluteten. Auch unser Zahnfleisch und unsere Lippen bluteten. Die Atemnot wurde schlimmer, und die Übelkeit, die ich schon am Pichincha erlebt hatte, kehrte zurück. Dauernd war uns schwindlig, was in dieser Situation nicht unbedingt hilfreich ist. Aber wir stiegen weiter.

User: Alles für die Forschung?

Alexander von Humboldt: Natürlich – deswegen schleppen wir doch die Instrumente mit. Ich bin ja kein Freizeitkletterer. Regelmäßig stellte ich die Geräte auf, auch wenn es so kalt und unsere Hände so taub waren, dass es sehr schwer wurde, sie zu bedienen.

Ich maß die Bodentemperatur, und mit dem Barometer den Luftdruck, um die Höhe zu bestimmen, und auch Luftproben nahm ich, die ich später chemisch analysieren will. Und ich überprüfte an verschiedenen Stellen, wo der Siedepunkt des Wassers lag. Und natürlich beobachtete ich die Natur sehr genau und hielt alles fest.

User: Schafft ihr es hoch?

Alexander von Humboldt: Das wussten wir in diesen Momenten selbst nicht. Aber als wir alle schon nicht mehr konnten, hob sich plötzlich der Nebel und da war sie: die wunderschöne schneebedeckte Spitze des Chimborazo. In 300 Meter Entfernung.

Blick auf den Chimborazo

 User: Da ging doch noch was?

 Alexander von Humboldt:  Ich wünschte, Du hättest Recht. Aber unser Pfad endete im Nichts. Besser: direkt vor einer gewaltigen Gletscherspalte. Über ein Tiefschneefeld hätten wir sie zwar umgehen können. Aber es war schon 13 Uhr, der Schnee war ein bisschen aufgeweicht. Als Carlos Montúfar versuchte, auf dem Schnee zu gehen, versank er komplett darin. Ein Weiterkommen: unmöglich. Ich habe noch mal die Höhe gemessen. 5917 Meter. Unser Weg war hier zu Ende.

User: Enttäuscht?

Alexander von Humboldt: Ich weiß es nicht. Immerhin: So hoch wie wir war noch nie jemand vor uns! Nicht mal die Ballonfahrer. (Und auch wenn ihr heute wisst, dass der Chimborazo doch nicht der höchste Berg der Welt ist: Da er so nahe am Äquator liegt, ist er auch heute noch der Punkt, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt ist.)

Und wir – wir blickten von ganz oben auf die Welt. Ein unvergleichbares Gefühl. Den Rekord werde ich allerdings nicht lange halten – nur drei Wochen. Allerdings weiß ich da lange nichts davon. Der Chemiker Joseph Louis Gay-Lussac werden es im Juli 1803 mit einem Heißluftballon auf 7010 Meter schaffen. Aber das ist auch etwas anderes.

 User: Was hast Du herausgefunden?

Alexander von Humboldt:  Sehr viel. Dieser Vulkan hat mich vieles, was ich bisher schon gesehen und erkannt habe, zusammenfügen lassen. Wenn man von Quito aus den Chimborazo besteigt, ist es, als würde man eine botanische Reise vom Äquator zu den Polen durchlaufen. 

Erst gibt es tropische Pflanzen, etwa Palmen, und wenn man dann weiter nach oben steigt, nur noch Nadelbäume, so wie in Europa. Noch weiter oben trifft man auf alpine Pflanzenarten, die ich aus der Schweiz kenne. Und dann Flechten, die es auch in Lappland gibt. 

Es ist eine wahnsinnige Erkenntnis! Es ist, als wären diese Pflanzenarten eine nach der anderen geschichtet. Und die Vegetationszonen verändern sich eben nicht nur mit der Höhe, auch mit der Entfernung zum Äquator. Alles hängt miteinander zusammen, alles ist miteinander verbunden. Die Natur ist ein lebendiges Ganzes! Doch in Eurer Zeit verschiebt sich da gerade etwas.

 User: Was denn?

 Alexander von Humboldt: 2012 – 210 Jahre nach unserem Abenteuer – machen sich fünf Klimaforscher auf den Weg zum Chimborazo und folgten dort meinen Spuren. Die Wissenschaftler haben meine Daten verwendet, um Auswirkungen des Klimawandels auf die Vegetation zu untersuchen. 

Sie zeigten, dass sich die Pflanzenanordnung, wie ich sie beschrieb, seitdem um 500 Meter nach oben bewegt hatte. Die Erwärmung unserer Erde führt also zu erheblichen Veränderungen bei der Verteilung tropischer Pflanzen. Die Ergebnisse der Forscher wurden 2015 im Journal of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

User: Man liest Dich noch!

Alexander von Humboldt:  Ja, schön, oder? Dazu hat dieses Werk möglicherweise auch beigetragen. Das hast Du möglicherweise schon mal gesehen... Mein berühmtes "Naturgemälde" – oder "Tableau physique des Andes et Pays voisins".

Zeichnung: Pflanzengeografisches Tableau mit verschiedenen Höhenstufen

Das habe ich natürlich erst nach meiner Reise aufgrund meiner Aufzeichnungen angefertigt. Schau es Dir doch mal in Ruhe an – das ist so etwas wie die erste Infografik, und da steckt jede Menge Wissen drin.

User: Ok, mach ich!

Eintrag 18: Enttäuschungen in Lima

Alexander von Humboldt: Guten Morgen! Ich wünsche Dir (bald) ein schönes Wochenende. Bei uns gibt es aber natürlich keine Pausen. Es treibt mich voran. Seit ich als Junge von den Abenteuern von Kapitän Cook und Bougainville gelesen habe, wünsche ich mir, den Pazifischen Ozean selbst zu sehen. Heute ist es soweit. Es geht nun weiter zum südlichsten Punkt unserer Reise.

User: Wie ist Lima so?

Alexander von Humboldt:  Ich bin enttäuscht von dieser Stadt, die wir am 23. Oktober 1802 erreicht haben. Lima wurde mal als "Stadt der Könige" bezeichnet, doch von dieser Pracht fehlt jede Spur. In den Straßen liegen Eselkadaver, es ist dreckig, und ich sehe kein einziges schön eingerichtetes Haus. Eigentlich würde ich so schnell wie möglich weiter wollen. Aber für den 9. November 1802 ist der Merkurtransit vorhergesagt.

Schwarzweiß-Stich eines Platzes in Lima mit Kirchen

User: Merkurtransit?

Alexander von Humboldt: Alle paar Jahre zieht der Merkur zwischen Sonne und Erde durch, und man kann den Planeten als kleinen schwarzen Fleck sehen. Mit Hilfe dieses Naturphänomens will ich den Längengrad von Lima genauer bestimmen.

In Callao – dem 15 Kilometer von Lima entfernten Hafen – stelle ich meine Instrumente auf. Während ich wartete, zeichne ich die Pinguine. Ein deutscher Zoologe, Franz Julius Ferdinand Meyen, wird sie in 31 Jahren nach mir benennen, weil ich ihr erster Entdecker bin.

Vier Humboldt-Pinguine

User: Klappt die Messung?

Alexander von Humboldt: Der Himmel ist klar, alles klappt wunderbar. Denke ich zumindest. Doch zurück in Lima erzählen mir die anderen, dort sei der Himmel bewölkt gewesen. Das kann ich nicht glauben. Und werde ziemlich wütend. Sowas kann ich einfach nicht begreifen.

 User: Wie schade!

 Alexander von Humboldt: Nein, glücklicherweise ist der Schaden nicht groß. Meine eigenen Messungen sind so genau, dass ich den Längengrad von Lima – trotz allem – exakt bestimmen kann. Aber ich bin froh, dass wir Lima nun verlassen. Ich will hier wirklich weg.

 User: Gratuliere! Und nun?

 Alexander von Humboldt: Dankeschön. Ich war auch sehr erleichtert. Aber ich bin froh, dass wir Lima nun verlassen. Am 24. Dezember 1802 stechen wir endlich wieder in See. Es war echt an der Zeit, Lima zu verlassen. Von Quito sind wir hergekommen, und über Guayacil wollen wir nach Acapulco, das bleibt der Plan. Doch auf dem Schiff habe ich mir noch etwas vorgenommen.

User: Was denn?

Alexander von Humboldt: Ich will natürlich etwas herausfinden – über die Wassertemperatur. Eine erstaunliche Entdeckung. Du hast wahrscheinlich schon mal vom Humboldt-Strom gehört?

User: Ja!

Alexander von Humboldt: Das freut mich. Ich habe nämlich gemessen, dass es eine kalte Meeresströmung entlang der Westküste Südamerikas gibt. Sie fließt vom südlichen Chile bis zum nördlichen Peru. Hier leben sehr viele Tiere und Pflanzen, es ist ein faszinierendes Ökosystem – wie Ihr das heute nennen würdet.

Heute trägt dieser Strom meinen Namen. Das macht mich natürlich sehr stolz, auch wenn ich ehrlich sein muss ... Die Fischerjungen hier in den Dörfern kannten den Strom selbstverständlich bereits. Ich war nur der Erste, der die Temperatur auch tatsächlich gemessen und die Ergebnisse festgehalten und veröffentlicht hat.

User: Und in Guayaquil?

Alexander von Humboldt: Guayaquil haben wir am 4. Januar 1803 letztendlich erreicht. Wir sind wirklich schon lange unterwegs. Und mein Forscherglück scheint mich auch nach so vielen Jahren nicht im Stich zu lassen. Genau heute, am Tag unserer Ankunft hier, soll der Vulkan Cotopaxi ausgebrochen sein... – das ist der zweithöchste Berg Ecuadors. Ganze 5897 Meter hoch. Und das nur 300 Kilometer von uns entfernt. Ich nehme an, Du weißt, was das bedeutet?

Blick auf den verschneiten Vulkan Cotopaxi.

User: Eine Vulkantour!

Alexander von Humboldt: Na klar! Mein Begleiter Aimé, der ja gelernter Arzt ist, muss leider eine kranke Frau hier behandeln und kann nicht mit. Vielleicht will er auch gar nicht. Auch mein Freund Carlos Montúfar, der uns seit Quito begleitet, hat keine große Lust, weil er Angst hat, dass wir dadurch unser Schiff nach Mexiko verpassen könnten. Aber das hier ist eine einmalige Chance und die lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Am Montag werde ich Dir berichten, wie es ausgegangen ist.

User: Viel Erfolg, Alex!

Eintrag 19: Faszinierendes Mexiko

Alexander von Humboldt: Wir sind ja inzwischen in Guayaquil gelandet. Die Anden und unsere Abenteuer in den Bergen liegen hinter uns. Aber die Vulkane lassen mich nicht los. Zusammen mit meinem Freund Carlos Montúfar bin ich auf dem Weg zum Cotopaxi. Dieser Vulkan ist ausgerechnet am Tag unserer Ankunft hier ausgebrochen. Was für eine Gelegenheit! Allerdings müssen wir auch dringend unser Schiff nach Mexiko kriegen…

Blick auf den Vulkan Cotopaxi

User: Warum so dringend?

Alexander von Humboldt: Die Hurrikan-Saison beginnt bald, und wir müssen dringend vorher ein Schiff finden, sonst sitzen wir monatelang in dieser Hafenstadt fest. Und ich will doch unbedingt noch nach Mexiko. Wir probieren es einfach! Ich habe Carlos überredet, und wir sind losgezogen.

User: Schafft ihr's?

Alexander von Humboldt: Geschafft hätten wir es wohl, denke ich. Auf unserem Weg hörten wir den Vulkan die ganze Zeit grollen. Ich habe mich so darauf gefreut, ihn wiederzusehen, aber nicht tot, wie bei unserer Besteigung vor acht Monaten. Sondern in voller Aktion. Aber es wurde nichts draus. Bonpland hat uns einen Boten hinterher geschickt, er hatte ein Schiff aufgetrieben. Wir mussten umkehren.

User: Sehr traurig?

Alexander von Humboldt: Ja, das hat mich schon sehr frustriert, obwohl uns natürlich nichts anderes übrig bleibt, wenn wir nicht bis zum Ende des Jahres 1803 hier im Hafen von Guayaquil festsitzen wollen. Am 17. Februar brechen wir auf – und das Brüllen des Cotopaxi begleitet unsere Fahrt. Selbst seine Erschütterungen spüren wir noch hier auf dem Meer.

Das alles macht mich traurig. Zumal mir der Blick an den Sternenhimmel beweist, dass wir dabei sind, die südliche Erdhalbkugel zu verlassen.

User: Kommst Du wieder?

Alexander von Humboldt: Nein. Ich werde noch viele Reisen in meinem Leben machen, aber hierher kehre ich nicht zurück. In der Nacht zum 26. Februar 1803 überqueren wir den Äquator. Zum letzten Mal für mich. Die Überfahrt dauert insgesamt einen Monat. Am 23. März 1803 kommen wir schließlich in Acapulco an. Zu Fuß geht es durch die Sierra Madre del Sur bis nach Mexiko-Stadt, die wir am 12. April erreichen. Warst Du schon mal hier?

User: Nein

Alexander von Humboldt: Nun ja, die Stadt im Jahr 2019 hat auch nichts mit der Stadt zu tun, die ich im Jahr 1803 besuche. Anfang des 18. Jahrhunderts war Mexiko-Stadt die Hauptstadt des Vizekönigreichs Neuspanien. Richtig fortschrittlich, mit eigener Universität und einer öffentlichen Bibliothek. Selbst einen botanischen Garten gibt es. Und Unmengen an Kirchen.

Die Spanier haben viele Steine der alten Azteken verwendet – teilweise auch nur, um den Boden zu pflastern. Vom höchsten Punkt der Stadt aus, einem Hügel, der für die Azteken eine heilige Stätte war, hat man einen Blick über die ganze Stadt. Man kann auch die beiden Vulkane Popocatépetl und Iztaccíhuatl sehen. Diese Stadt ist eleganter als viele europäische Städte. Worüber willst Du mehr wissen?

User: Die Azteken!

Alexander von Humboldt: Mich haben die Azteken ja auch schon immer interessiert, Du weißt das. Ich finde es äußerst beeindruckend, was diese frühe Zivilisation an Hochkultur geschaffen hat. Hier in Mexiko-Stadt war einmal das Zentrum des Azteken-Reichs. Der zentrale Platz der Stadt, der Zócalo, wurde auf dem alten Templo Mayor, dem Hauptheiligtum der Azteken, gebaut. Schau mal, ein Foto (aus Eurer Zeit natürlich). 

Menschenmassen auf dem Zocalo in Mexiko-Stadt

Die Kathedrale befand sich zum Zeitpunkt meines Besuchs im Bau, sie wurde erst 1813 fertig. Ich habe mir die alten Handschriften der Azteken angeschaut: Die haben nämlich Glyphen erfunden und so kommuniziert. Sehr beeindruckend! Diese Welt steht unserer in keinster Weise etwas nach. Kennst Du das längste aztekische Wort?

User:  Nö!

Alexander von Humboldt: Amatlacuilolitquitcatlaxtlahuilli. Es bedeutet: "Die Belohnung, die der Bote bekommt, der ein Dokument überbringt auf dem in Hieroglyphen eine Botschaft steht."

Aber Aimé wird es so langsam langweilig, immerhin haben wir Mexiko-Stadt seit drei Monaten nicht verlassen. Deshalb haben wir heute beschlossen, zu einem kleinen Abenteuer aufzubrechen. Wir reiten nach Guanajuato.

User: Was ist das?

Alexander von Humboldt: Die berühmten Silberminen, etwa 350 Kilometer nordwestlich von Mexiko-Stadt. Ein Teil des spanischen Reichtums der frühen Neuzeit ist auf Silber begründet. Als Bergwerkexperte muss ich mir das natürlich ansehen.

Einen Monat lang haben wir sämtliche Minen hier in der Gegend begutachtet. Ich muss sagen: Nicht einmal am Orinoco war es so anstrengend wie hier. Ich glaube, das sind die strapaziösesten Wochen in meinem bisherigen Leben. Wegen meines Unfalls, aber auch wegen der entsetzlichen Arbeitsbedingungen hier.

User: Du hattest einen Unfall?

Alexander von Humboldt: Ich hatte ganz vergessen, davon zu berichten. Ich bin gestürzt und in einen der Schächte in einer Mine gefallen. Keine Sorge, mir geht es wieder gut. Mein Rücken und mein Steißbein haben ein bisschen was abbekommen, aber nach einer kurzen Bettruhe von zwei Tagen bin ich nun wieder fit.

User: Und die Arbeiter?

Alexander von Humboldt: Die Bedingungen, zu denen sie arbeiten müssen: Das ist weitaus schlimmer als mein kleiner Unfall. Der Bergbau ist wirklich ein knochenharter Job. Die Bergmänner tragen bis zu 160 Kilogramm auf ihrem Rücken und steigen mindestens über 2000 Stufen – und das bis zu zehn Mal am Tag. Und auch die Aufseher lassen sich von den Bergmännern tragen. Ich bin schockiert.

Aber so wird hier überall mit Menschen umgegangen. Im Frühjahr 1803 besuchen wir unter anderem auch die Stadt Querétaro, die bekannt ist für ihre Manufakturen, die grobe Tuche herstellen. Die Arbeiter werden von den Fabrikherren in die Verschuldung getrieben, und müssen dann für sie arbeiten, um ihre Schulden zu begleichen. Was sie niemals können, da sie mit falschen Abrechnungen bezahlt werden oder mit zu teuren Kleidungsstücken.

Die Regierung sollte sich dringend mit diesen Missständen befassen! Ich bin froh, dass ich mich nicht nur mit diesen Abgründen auseinandersetzen muss, sondern dass eine Tour in die Natur für Abwechslung sorgt. Kennst Du den Jorullo?

User: Nein! Mal wieder ein Vulkan?

 Alexander von Humboldt: Und zwar nicht irgendeiner. Er soll sich 1759 nach einem Erdbeben im Laufe einer einzigen Nacht gebildet haben. Der Krater soll einen Durchmesser von 1600 Metern haben. Das muss ich natürlich sehen. Heute ist der 10. September 1803 und wir machen uns auf den Weg.

User: Viel Erfolg!

Alexander von Humboldt: Den habe ich. Wir sind nicht auf einen Vulkan getroffen, sondern gleich auf hunderte! Es ist unfassbar heiß. Wir wollen natürlich den höchsten Berg erklimmen, jedoch ist der Boden mit so einer dicken Schicht aus Asche bedeckt, dass der Aufstieg wirklich anstrengend ist. Ständig rutschen wir ab und runter. Mein Ziel ist es, den Krater des Jorullo zu erreichen. Mittlerweile hat die Außentemperatur 60 Grad erreicht.

User: Wie geht es Euch?

Alexander von Humboldt: Fantastisch. Ich habe den Ausbruch des Cotopaxi verpasst, das hier lasse ich mir – Hitze und Schwefel hin oder her – nicht nehmen. Und es gelingt: Wir haben uns die Hosen zerrissen, die Gesichter verbrannt, überall Blasen und Schnitte, aber wir haben es geschafft. Ich war am Krater und bin auch heil wieder rausgekommen. 

Jetzt geht es zurück nach Mexiko-Stadt. Dort ruhen wir uns ein paar Tage lang aus, und dann brechen wir auf. Morgen erzähle ich Dir, wohin es uns als nächstes verschlägt. Mach es gut und bis bald!

Eintrag 20: Der Sklavenhandel widert mich an!

Alexander von Humboldt: Es wird Zeit! Ein ganzes Jahr haben wir in Mexiko-Stadt verbracht… Immer öfter überfällt mich das Heimweh nach Europa – nach fünf Jahren wahrscheinlich kein Wunder. Meine Reise neigt sich dem Ende zu. An diesem Samstag, dem 14. September 2019, würde ich übrigens meinen 250. Geburtstag feiern. Jetzt machen wir uns aber erst mal auf zur Küste von Mexiko. Wir wollen in den Norden.

User: In die USA?

Alexander von Humboldt: Mein Ziel sind tatsächlich die USA. Ich habe dort einen Termin beim Präsidenten. Man wird mich wie einen Staatsgast behandeln. Nun ja, ich bringe diesem jungen Staat ja auch wichtige Informationen über seinen südlichen Nachbarn mit…

Aber bevor es in die USA geht, machen wir noch mal Halt auf Kuba. Mitte März 1804 werden wir dort ankommen. Und hier werde ich mich noch mal intensiv mit einem Thema auseinandersetzen, das mir schon ganz zu Beginn dieser Reise begegnet ist…

User: Moskitos?

Alexander von Humboldt: Wir sind doch gerade nicht im Dschungel! Und besonders komplex ist das Thema auch nicht, damit kann man sich wirklich nicht länger beschäftigen… Nein, mich lässt die Sklaverei nicht los. Erinnerst Du Dich noch an den allerersten Stopp auf unserer Reise, an die Hafenstadt Cumaná?

User: Ja

Alexander von Humboldt: Dann weißt Du noch, wie sehr mich der dortige Sklavenmarkt – er fand direkt gegenüber von unserem Haus statt – entsetzt hat. Seit diesem Erlebnis habe ich überall auf unserer Reise Informationen darüber gesammelt und analysiert, wie diese Art der Ausbeutung funktioniert und wer daran verdient. Ich bin ein entschiedener Gegner der Sklaverei, und das werde ich auch mein Leben lang bleiben.

Kuba bietet mir noch mal die Möglichkeit, mich intensiv in dieses Thema einzuarbeiten. Die Insel ist eine Drehscheibe des Menschenhandels. Und es gibt zusätzlich noch einen aktuellen Anlass, mich damit zu beschäftigen.

User: Welchen Anlass?

Alexander von Humboldt: Du kannst davon ausgehen, dass meine Gedanken über den Sklavenhandel auch davon beeinflusst waren, dass schon seit 1791 Sklavenaufstände die französische Kolonie Saint-Domingue erschütterten. Hier ein später entstandenes Bild von Karl Girardet, das eine Schlacht aus dem Jahr 1802 darstellt.

Gemälde: Sklavenaufstand in Sainte-Domingue


Ungefähr eine halbe Million Menschen sollen in diesem Bürgerkrieg umgekommen sein. Am 1. Januar 1804 erklärte sich der Staat Haiti für unabhängig – also kurz vor unserem Aufenthalt in Kuba. Und auch wenn ich die Aufstände nur am Rande und sehr selten in meinen Aufzeichnungen erwähne, waren diese Ereignisse damals überall präsent und wurden von allen Mächtigen diskutiert. Sie hatten große Angst, dass ihnen auch so etwas widerfahren könne.

User: Und Du?

Alexander von Humboldt: Nun, ich brauche keine Angst zu haben – ich profitiere ja nicht davon. Aber mich interessiert, wie das System funktioniert. Und es stößt mich ab. Erst vor wenigen Jahren ist mein verlorenes Tagebuch aus dem Jahr 1804, das ich auf der Insel Kuba mit meinen Eindrücken füllte, wieder aufgetaucht und herausgegeben worden.

Darin wird klar, wie stark ich den Sklavenhandel ablehne – aber auch, dass ich mich für seine politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Ursachen und Folgen interessiere und sie analysiere. Wenn Du Dich dafür wirklich interessierst, darin findest Du einen umfassenden Text von einem Wissenschaftler, der dazu viel zu sagen hat.

Eintrag 21: Eine stürmische Überfahrt

Alexander von Humboldt: Guten Morgen. Heute muss ich mich kurz fassen, ich stehe ein wenig unter Druck… Spontan wie ich bin, hatte ich ja beschlossen, vor unserer Heimreise nach Europa noch einen Abstecher in die USA zu machen – in diesen aufregenden neuen Staat, der jünger ist als ich (ich bin inzwischen 34). Nur fürchte ich jetzt, das war gar keine gute Idee…

User:  Hattest Du Einreiseprobleme?

Alexander von Humboldt: Nein, gar nicht. Ich werde dort mit offenen Armen empfangen, bin sogar zu Gast bei Präsident Jefferson. Das ist also echt nicht das Problem. Aber ich fürchte um mein Leben.

User: Jetzt erzähl schon.

Alexander von Humboldt: Ich fürchte, dass meine Reise, meine ganze Geschichte hier und heute zu Ende geht. Viel zu früh. Auf der Überfahrt nach Philadelphia sind wir mitten in einem Hurrikan gelandet. Selbst der Kapitän glaubt nicht, dass wir es schaffen werden. Das hat er mir gerade selber gesagt.

User: Doch, ihr schafft's!

Alexander von Humboldt: 250 Jahre später weißt Du natürlich, wie es ausgegangen ist. Ich aber frage mich die ganze Zeit, was aus meiner ganzen Arbeit, diesen ganzen irren Anstrengungen, werden wird, wenn ich auf hoher See sterbe. Wenn ich das nicht alles niederschreibe und bekannt mache, wird man mich vergessen. Den Namen Humboldt wird man höchstens wegen meines Bruders Wilhelm kennen...

User: Wie ist die Lage?

Alexander von Humboldt: Die Wellen werden immer höher, um uns herum kreisen Haie. Ich warte eigentlich nur noch darauf, dass die Concepción kentert. Meine ganzen Beobachtungen, mein ganzes Sein – das alles würde einfach verschwinden. Nichts von mir würde bleiben. 

Ich lenke mich ab, indem ich versuche zu berechnen, wann das Schiff kentert. Das klingt verrückt, aber das hat vor mir schon einmal jemand getan. Ein Seefahrer namens Gabriel Cisca hat den Schwerpunkt eines Schiffs und damit dann den Kenterpunkt errechnet. Ich muss mich nur noch daran erinnern, wie das ging.

User: Sturm nun vorbei?

Alexander von Humboldt: Am Ende ist wider Erwarten doch alles gut ausgegangen. Der Sturm hat sich seit einigen Stunden gelegt. Es regnet zwar wie aus Eimern, aber wenigstens hat der Wind nachgelassen. Wir sind fast am Ziel und können bereits die Küste von Delaware sehen. Ich melde mich dann demnächst wieder, sobald wir festen Boden unter den Füßen haben…

User: Auf jeden Fall!

Alexander von Humboldt: Ich werde Dir auch berichten, welchen Eindruck der dritte Präsident der Vereinigten Staaten auf mich macht. Und dann ist ja unsere gemeinsame Reise auch bald schon zu Ende. Danke, dass Du mir heute zur Seite gestanden bist.

Eintrag 22: Zu Besuch bei Thomas Jefferson

Alexander von Humboldt: Schön, Dich dabei zu haben auf den letzten Stationen meiner großen Reise! Heute bin ich etwas später dran, die gesellschaftlichen Verpflichtungen hier nehmen ein wenig überhand! Es ist inzwischen Ende Mai 1804, und wir sind in der zweitgrößten Stadt der Vereinigten Staaten angekommen. Rate mal, welche das zu meinen Zeiten war!

User: Philadelphia

Alexander von Humboldt: Beeindruckend. Woher wusstest du das? (Vielleicht, weil mir gestern schon rausgerutscht ist, dass wir hierher wollen?) Aber ja, genau! Nur noch New York ist größer. Wir sind in Philadelphia angekommen, und ich fühle mich sehr wohl hier. Zwischen 1790 und 1800 war die Stadt sogar die Hauptstadt der Vereinigten Staaten, und bis jetzt ist sie das kulturelle Zentrum des Landes geblieben. Hier eine 27 Jahre alte Karte (also von 1777).

Karte von Philadelphia aus dem Jahr 1777

Wir wurden hier geradezu sehnsüchtig erwartet und werden nun von einer Person zur nächsten, von einem Empfang zum nächsten gereicht. Ich wurde sogar in die American Philosophical Society eingeführt, habe einen Vortrag über unsere Reise gehalten. Ich lerne unterschiedlichste Menschen kennen und genieße es sehr. Und natürlich habe ich selbst mit dafür gesorgt, dass die Begeisterung so groß ist.

Und die beste Nachricht stand heute in der Zeitung: Aimé und ich haben gelesen, dass unsere Aufzeichnungen sicher in Paris bei meinem Bruder Wilhelm angekommen sind.

User:  Deine PR-Strategie?

Alexander von Humboldt: Nun: Ich habe Dir ja schon öfter erzählt, dass ich nie müde geworden bin, mein ganzes Netzwerk – und über diese Kontakte auch gern die Zeitungen – mit den Berichten von meinen (unseren) Erlebnissen und Erkenntnissen zu versorgen.

Besonders die Chimborazo-Besteigung hat zu meinem Ruhm beigetragen – gleichgültig, ob ich ganz oben war oder nicht. Und jetzt mal ehrlich: Das, was ich (ja, zusammen mit Bonpland, Montúfar und unserem Diener José de la Cruz) in den letzten fünf Jahren durchgezogen habe, hat vor mir eben noch kein Weißer gewagt.

Außerdem habe ich in Havanna auf Kuba den dortigen US-Konsul kennengelernt, der mich in seine Heimat eingeladen hat – er vermutet zurecht, dass ich wertvolle Informationen über das südliche Nachbarland der USA mitbringe.

Und am 24. Mai habe ich Thomas Jefferson in einem sehr höflichen Brief, in dem meine eigenen Verdienste nicht zu kurz kamen, um ein Treffen gebeten. Und er hat eingewilligt! Von Philadelphia aus geht es in der Postkutsche nach Washington. Der Präsident erwartet mich.

User  Wie ist Washington?

Alexander von Humboldt: Um ehrlich zu sein: Ich bin schockiert! Hier ist es ist klein, dreckig, voller Schlamm und eigentlich eine riesige Baustelle. Das habe ich nicht erwartet. Selbst das Haus des Präsidenten ist noch nicht fertig. Da kommen einem Quito und erst recht Mexiko-Stadt deutlich moderner vor.

User:  Und der Präsident?

Alexander von Humboldt: Jefferson ist 61 Jahre alt, selbst Wissenschaftler und Autor. Später hat er über unser Treffen gesagt: "Doch ich war tatsächlich begeistert, weil ich mehr Informationen über die verschiedensten Dinge in weniger als zwei Stunden erhielt, als ich in den beiden vergangenen Jahren gelesen oder gehört habe." Ganz schmeichelhaft, oder? Aber vermutlich zutreffend.

Porträtgemälde von Thomas Jefferson

User: Was hast Du erzählt?

Alexander von Humboldt: Meine Informationen über Mexiko sind für diesen jungen Staat von unschätzbarem Wert. Es gibt in Eurer Zeit Autoren, die mich tatsächlich einen "Doppelagenten" nennen. Aber das halte ich für leicht übertrieben.

Dennoch: Bis jetzt habe ich die Informationen, die ich auf meiner Reise gesammelt habe, nicht einmal an die spanische Krone weitergegeben. Aber meine Begeisterung für diese Vereinigten Staaten ist so groß, dass ich ihnen alles zur Verfügung stelle.

Mit Jefferson diskutiere ich sogar darüber, ob es nicht möglich wäre, den Atlantik und den Pazifik mit einem Wasserweg zu verbinden – es wird aber noch über 100 Jahre dauern, bis der Panama-Kanal eröffnet wird. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mich während dieses Besuchs auch ein wenig verbiege und nicht immer meinen eigenen moralischen Ansprüchen gerecht werde…

User: Du verbiegst Dich?

Alexander von Humboldt: Ich spare – auch wenn das kein gutes Licht auf mich wirft, wenn wir ehrlich sind – das Thema Sklaverei aus. Ich bin hier zu Gast, will niemanden irritieren… Wenigstens kommt es nicht zu einem Besuch auf Jeffersons Landsitz in Monticello, Virginia. Dort hält der Präsident gut 200 Sklaven. Dass ich die Plantagen nicht besuche, macht es mir wirklich einfacher, höflich zu bleiben.

Außerdem bleibe ich auch nur fünf Wochen hier. Fünf Wochen USA nach fünf Jahren in Lateinamerika – und dann ist es Zeit, wieder nach Hause zu fahren.

User: Heißt das Abschied?

Alexander von Humboldt: Du bist mich noch nicht ganz los. Ich werde mich noch mal melden, um Dir zu erzählen, was aus mir wurde. Ich bin ja noch jung, keine 35 Jahre alt. Es wartet noch einiges auf mich!

Eintrag 23: Mach's gut!

Alexander von Humboldt: Auf Dich wartet das Wochenende. Und auf mich mein restliches Leben… Es ist vorbei – wir segeln nach Hause.

Ende Juni 1804 haben wir die französische Fregatte "Favorite" bestiegen, beladen mit 45 Kisten, mit Notizbüchern voll mit Skizzen und Messungsergebnissen, und mit 60.000 Pflanzenproben von 6000 Arten. 2000 davon, wird sich herausstellen, sind in Europa noch unbekannt.

Aufgeschlagene Seite von Humboldts originalen Reisetagebüchern

Ebenfalls mit an Bord: meine Freunde und Gefährten. Nicht nur Aimé Bonpland, mit dem gemeinsam ich vor fünf Jahren vom spanischen Cumaná aus zu dieser Reise aufgebrochen bin, sondern auch Carlos Montúfar, der uns seit Quito begleitet, und sogar unser Diener José.

User: Vorfreude?

Alexander von Humboldt: Sicher! Schon vor zwei Jahren habe ich in einem Brief nach Hause davon geschrieben, wie ich mich danach sehne, wieder zurück in Paris zu sein! Kurz vor meinem 35. Geburtstag, im August 1704, treffen wir hier ein. Aimé, der aus La Rochelle stammt, hat dort noch seine Familie besucht, aber Carlos hat mich gleich weiter in die französische Hauptstadt begleitet. Es ist kaum zu glauben, wie sehr sich diese Stadt – und ganz Europa – während unserer Abwesenheit verändert hat…

User: Was ist passiert?

Alexander von Humboldt: Als ich 1798 hier weg ging, war Paris die Hauptstadt einer Republik. Jetzt regiert hier Napoleon als Alleinherrscher. Im Dezember will er sich zum Kaiser krönen lassen. In den nächsten Jahren werden verheerende Kriege Europa verwüsten.

User: Mag Napoleon Dich?

Alexander von Humboldt: Nein, man kann nicht sagen, dass Napoleon besonders begeistert von mir ist. Es ist überliefert, dass er mich mal gefragt hat, ob ich mich für Botanik interessiere. Und als ich höflich bejahte, fertigte er mich ab mit: "Das tut meine Frau auch." 

Aber vielleicht ging es ihm auch nur darum, mich auf meinen Platz zu verweisen. Wir sind ja beide im gleichen Alter, und wir beide verändern die Welt, in die wir 1869 hineingeboren wurden. Nur sterben wegen Napoleon Millionen Menschen. Ich hingegen wirke auf die Gesellschaft ein, indem ich mein Wissen mit ihr teile.

Portraitbild Napoleons

User: Wo wohnst Du?

Alexander von Humboldt: Erst mal bleibe ich hier in Paris. Zwar steht der Vorschlag im Raum, mich zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften in Berlin zu machen – aber ich will nicht nach Preußen zurück. Ich habe einen neuen engsten Freund gefunden, er heißt Joseph Louis Gay-Lussac. Auch ein Naturwissenschaftler und Abenteurer: Im September steigt er bei einem gefährlichen Ballonflug auf über 7000 Meter Höhe – höher als mein Chimborazo-Rekord. Mit ihm gehe ich nächstes Jahr auf Reisen. Der Plan: Vulkantouren in Italien.

User: Und Carlos und Aimé?

Alexander von Humboldt: Nach einiger Zeit hier in Paris zieht Carlos weiter nach Madrid. 1810 kehrt er nach Südamerika zurück. Er wird gemeinsam mit Bolívar für die Unabhängigkeit seiner Heimat kämpfen, erhält von den Revolutionären den Spitznamen "El Caudillo" – der Anführer. Aber er wird nicht alt, nur 35 Jahre. 1816 wird er gefangen genommen und hingerichtet.

Aimé hingegen lebt lange. Aber er hält es auf Dauer nicht in Europa aus. 1816, nach dem Sturz Napoleons, schifft er sich nach Buenos Aires ein, zieht von dort weiter nach Paraguay und legt dort eine Pflanzung an... Doch der Diktator des Landes lässt die Pflanzung überfallen und zerstören, Aimé wird gefangen genommen.

Nicht nur ich, auch viele einige europäische Regierungen setzen sich für seine Freilassung ein – aber er kommt erst nach acht Jahren wieder aus dem Gefängnis, im Jahr 1829. Er kehrt nie wieder nach Europa zurück, 1859 stirbt er in Armut in Santa Ana in Argentinien. Heute heißt der Ort ihm zu Ehren Bonpland.

User: Und Du?

Alexander von Humboldt: Ich schreibe. Nicht ein Buch, viele. Und ich halte Vorträge. Ich will darauf einwirken, wie die Menschen die Rolle sehen, die sie in der Natur sehen. Sie sind nicht der Herrscher darüber – die Natur ist nicht gemacht, um vom Menschen (aus) genutzt zu werden.

User: Aber das ist ja selbst in Eurer Gegenwart noch nicht in allen Köpfen angekommen.

Alexander von Humboldt: Mit den Kosmos-Vorträgen, die ich in über 20 Jahren in Berlin halten werde, und die ich – völlig entgegen der üblichen Gepflogenheiten auch für die breite Öffentlichkeit öffne, werde ich erneut Geschichte schreiben. Die Menschen werden sich darum drängen, zuhören zu dürfen, wenn ich in der Berliner Sing-Akademie (dem heutigen Maxim-Gorki-Theater) mein Wissen teile. Und natürlich auch von Südamerika berichte.

User: Schön war's!

Alexander von Humboldt: Finde ich auch. Nun aber ist diese Reise wirklich zu Ende. Und ich verabschiede mich. Ich bedanke mich.

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Stand: 12.11.2019, 16:04

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