Der Kniefall von Warschau

Willy Brandt während des Kniefalls vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos.

Willy Brandt

Der Kniefall von Warschau

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das deutsch-polnische Verhältnis schwierig. Polen war Teil des Ostblocks, Deutschland gehörte zum Westen. 1970 – mitten im Kalten Krieg – reiste der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt nach Warschau. Ein Besuch, der in die Geschichte eingehen sollte und Willy Brandt weltweit viel Sympathie einbrachte.

Darum geht's:

  • Der Kniefall von Warschau wird zum Symbol der Aussöhnung.
  • Polen und Deutschland haben lange ein schwieriges Verhältnis.
  • Die Aussöhnung mit Polen ist ein wichtiger Teil seiner Ostpolitik.
  • Im eigenen Land ist die Ostpolitik der Regierung Brandt dagegen umstritten.

Wenn Worte nicht ausreichen

Der 7. Dezember 1970 ist ein kalter, grauer Tag in Warschau. Vor dem Mahnmal zum Gedenken an den jüdischen Ghetto-Aufstand von 1943 steht Bundeskanzler Willy Brandt. Es ist der erste Besuch eines deutschen Regierungschefs in Polen seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein historischer Moment, zu dem auch viele Vertreter der internationalen Presse angereist sind.

Willy Brandt hat einen Kranz niedergelegt, zupft noch einmal an der Schleife, tritt zurück. Dann plötzlich ist der Kanzler verschwunden. Er ist gestürzt, denkt ein Reporter. Einem anderen schießt der Gedanke an ein Attentat durch den Kopf.

Die Fotografen drängeln nach vorne und dann sehen sie es: Willy Brandt ist auf die Knie gefallen. Er kniet auf dem nassen Boden vor dem Mahnmal als Zeichen der Betroffenheit. Es ist eine Geste, mit der er stellvertretend für sein Land um Vergebung bittet für die Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg.

Das Foto vom Kniefall in Warschau geht um die Welt. Es wird zum Symbol für die Aussöhnung der beiden Staaten. Die Geste – so Willy Brandt später – war spontan, ungeplant und dafür umso intensiver.

Die Last der Geschichte

Der Feldzug gegen das polnische Volk, die Vernichtung der polnischen Juden, Auschwitz, die grausame Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Es ist eine ungewöhnliche Last, sagt Brandt später, die er mit nach Warschau gebracht habe. Das deutsch-polnische Verhältnis ist schwierig. Die Verbrechen Hitlerdeutschlands auf der einen Seite und die Vertreibung der Deutschen aus Polen auf der anderen Seite sind nur schwer zu vergessen.

Im Jahr 1939 schlossen Deutschland und Russland ein geheimes Abkommen, den Hitler-Stalin Pakt. Darin vereinbarten sie die Aufteilung Polens. Ein heimtückisches Manöver, denn Deutschland hatte den Polen zuvor vertraglich zugesichert, sie nicht anzugreifen.

Am 1. September 1939 marschieren deutsche Soldaten in das Land ein. Sie ermorden Polen, besetzen die Städte und vernichten fast die gesamte jüdische Bevölkerung. Im Süden Polens, nahe der Stadt Oswiecim, errichten sie das Konzentrationslager Auschwitz, in dem über eine Million Menschen umgebracht werden. Es ist nur eines von vielen Konzentrationslagern in Polen.

Nach dem Untergang des Hitler-Regimes und den Potsdamer Verträgen wird die polnische Westgrenze verschoben. Es gilt die Oder-Neisse-Grenze und das bedeutet für viele Deutsche, dass sie nun auf polnischem Gebiet leben. Polen will die Deutschen aber nicht mehr. Sie werden vertrieben. Auf dem Weg in den Westen sterben viele vor Hunger und Erschöpfung.

Die deutschen Vertriebenenverbände haben lange gefordert, dass die ehemals deutschen Gebiete zurückgegeben werden und die Polen sich für die Verbrechen während der Vertreibung entschuldigen. Den Kniefall von Willy Brandt haben sie damals scharf kritisiert.

Die Ostverträge

Der Kniefall ist eine spontane symbolische Geste. Der eigentlich Grund von Willy Brandts Reise nach Polen ist die Unterzeichnung eines Vertrages. Die sozial-liberale Regierung verfolgt zu diesem Zeitpunkt eine neue Richtung in der Ostpolitik: Entspannung durch Annäherung. Deutschland West sucht den Kontakt zu den Staaten des Ostblocks.

Willy Brandt war zuvor schon in Russland und hatte den Moskauer Vertrag ausgehandelt. Darin verpflichten sich beide Staaten, Konflikte mit friedlichen Mitteln zu lösen. Außerdem knüpft Brandt wieder erste offizielle Kontakte zur DDR.

Die Aussöhnung mit Polen ist ein wichtiger Teil der Ostpolitik. Mit dem Warschauer Vertrag erkennt die deutsche Regierung die Oder-Neisse Grenze offiziell an. Für die Polen ist das ein lange überfälliger Schritt. 25 Jahre nach Kriegsende ist ihre Westgrenze endlich gesichert.

Im eigenen Land ist die Ostpolitik der Regierung Brandt dagegen umstritten. "Verzichtspolitiker" nennen ihn seine politischen Gegner. Die Ostgebiete Pommern, Breslau, Stettin, Danzig, Schlesien, Posen und Ostpreußen waren zwar schon nach Kriegsende "verloren", aber das hat Deutschland nun auch offiziell akzeptiert. Der Traum der Vertriebenen, ihre Heimat eines Tages wieder zurückzubekommen, ist damit ausgeträumt. Die ehemaligen deutschen Gebiete sind polnisch und sie bleiben es.

Willy Brandt ist sich der psychologischen Wirkung des Warschauer Vertrages bewusst. "Für viele meiner Landsleute, deren Familien im Osten gelebt haben, ist dies ein problemgeladener Tag. Manche empfinden es so, als ob jetzt der Verlust eintritt, den sie vor 25 Jahren erlitten haben", sagt Brandt und fügt hinzu: "Mit diesem Vertrag wird nichts verspielt, was nicht Hitler schon verspielt hat."

Porträtaufnahme von Willy Brandt an einem Schreibtisch.

Entspannung in der Ostpolitik

Autorin: Andrea Oster

Stand: 03.08.2017, 14:00

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