Geriatrie – Medizin für alte Menschen

Ein alter Mensch in einem Klinikbett; seine Hände werden von zwei Händen eines jungen Menschen gehalten.

Alter

Geriatrie – Medizin für alte Menschen

Von Lothar Nickels

Im Alter braucht der Mensch eine spezielle medizinische Versorgung, die sämtliche Aspekte dieser Lebensphase im Blick hat. Betagte und hochbetagte Patienten sind oft gebrechlich und leiden an mehreren Krankheiten gleichzeitig. Diese richtig zu erkennen und zu behandeln und die Selbstständigkeit der Patienten zu erhalten, gehört zu den Aufgaben der Altersmedizin – der sogenannten Geriatrie.

Als Begründer der modernen Geriatrie gilt der österreichische Arzt Ignatz Leo Nascher. Beim Besuch eines Versorgungsheims für ältere Menschen in Österreich im Jahre 1908 wunderte er sich über die niedrige Sterberate der dortigen Bewohner.

Schließlich erfuhr er, dass ein Facharzt sich um die besonderen medizinischen Bedürfnisse der betagten Patienten kümmerte. Im Prinzip so, wie auch ein Pädiater – also Kinderarzt – die Behandlung seiner kleinen Patienten entsprechend ihrem Alter und Körper ausrichtet.

Nascher war von dem Behandlungsansatz des Versorgungsheims gänzlich überzeugt, konnte er doch mit eigenen Augen sehen, wie positiv dieser sich auf die Bewohner auswirkte.

Ein Geriater misst den Blutdruck bei einer alten Patientin.

Geriater haben den alten Menschen und sein Wohlbefinden als Ganzes im Blick

In Anlehnung an die Bezeichnung der Kinderheilkunde als "Pädiatrie" hob er für die spezielle Behandlung älterer Patienten den Begriff "Geriatrie" aus der Taufe.

Heutzutage definiert die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie e.V. den Begriff wie folgt: "Die Geriatrie ist die medizinische Spezialdisziplin, die sich mit den körperlichen, geistigen, funktionalen und sozialen Aspekten in der Versorgung von akuten und chronischen Krankheiten, der Rehabilitation und Prävention alter Patientinnen und Patienten sowie deren spezieller Situation am Lebensende befasst."

Risikofaktor Mehrfacherkrankungen

Viele alte Menschen leiden oft an mehreren Krankheiten gleichzeitig – sowohl an akuten als auch chronischen. Diese Multimorbidität macht es kompliziert, eine einzelne Erkrankung richtig zu diagnostizieren und zu behandeln. Besonders auch, weil sich Krankheiten im höheren Alter anders darstellen können als in jungen Jahren.

Organspezialisten kennen sich zwar auf ihren jeweiligen Fachgebieten sehr gut aus, häufig fehlt ihnen aber der Blick für den Gesamtzustand des betagten Menschen, der das Ergebnis des Nebeneinanders unterschiedlicher Erkrankungen ist. Die Multimorbidität macht es erforderlich, dass ältere Patienten von mehreren Ärzten oder Therapeuten unterschiedlicher Disziplinen behandelt werden.

Oftmals wissen diese aber untereinander nichts von der Therapie des anderen Facharztes. Untersuchungsergebnisse und Einschätzungen können nicht ausgetauscht und entsprechend ausgewertet werden.

Die fehlende Absprache führt dazu, dass die verordneten Medikamente nicht aufeinander abgestimmt sind. Möglicherweise nimmt der Patient auch mehr Medikamente ein als nötig. Es kommt zu unerwünschten Wechselwirkungen der Präparate, die zu Unverträglichkeiten und Nebenwirkungen führen. Erfolgt eine solche Multimedikation über einen längeren Zeitraum, kann sich sogar eine Medikamentenabhängigkeit entwickeln.

Risikofaktor Narkose

Wird ein betagter Mensch zur Operation in ein Krankenhaus eingeliefert, kann das anschließend eine Einschränkung oder gar den Verlust seiner Selbstständigkeit nach sich ziehen. Vor allem, wenn keine geeignete Rehabilitationsmaßnahme durchgeführt wird, die auf die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt vorbereitet.

Aber schon der operative Eingriff selbst stellt für ältere Patienten ein höheres Risiko dar. Anders als jüngere, wachen sie häufiger aus der Narkose nicht wie aus einem Tiefschlaf auf und sind zeitnah wieder bei vollem Bewusstsein. Stattdessen erleben sie Verwirrtheits- oder Angstzustände.

Narkose – Risiko für alte Menschen Planet Wissen 04.02.2020 02:07 Min. Verfügbar bis 04.02.2025 SWR

Die Wahrscheinlichkeit dafür wird begünstigt, wenn die im Alltag zur Orientierung benötigten Seh- oder Hörhilfen beim Aufwachen aus der Narkose nicht gleich zur Stelle sind.

Auch Hyperaktivität oder Teilnahmslosigkeit können nach einer Vollnarkose auftreten. Mediziner sprechen hier von einem Delir, das nach einer großen Operation bei 60 Prozent der über 65-Jährigen auftritt. Besonders Betagte und Hochbetagte erholen sich davon oft nicht mehr. Auch weil etwa zwei Drittel der Delirien gar nicht erst als solche erkannt werden. Dauerhafte Demenz und Pflegebedürftigkeit sind die Folgen.

Auslöser sind die Narkosemittel: Sie wirken im Gehirn. Eine ausführliche Voruntersuchung des alten Patienten vor einer OP kann ein Delir verhindern: Welche Medikamente nimmt der Patient ein? Welche Vorerkrankungen hat er und ist es bei früheren operativen Eingriffen bereits zu Komplikationen gekommen? Weiß der Narkosearzt darüber Bescheid, ist das Risiko für ein Delir deutlich geringer.

Ganzheitlicher Behandlungsansatz

Multimorbidität, Gebrechlichkeit und mentale oder psychische Veränderungen betagter und hochbetagter Patienten erfordern einen ganzheitlichen medizinischen Behandlungsansatz. Die Geriatrie – oder auch Altersmedizin – sieht den alten Menschen mit seinen Erkrankungen und Einschränkungen in einem wechselseitigen Gesamtzusammenhang. Dazu gehören neben den medizinischen Aspekten auch sein soziales Umfeld und seine Lebenssituation.

All diese Einzelinformationen werden mithilfe des geriatrischen Assessments zusammengetragen. Ein Test- und Bewertungsverfahren, das umfangreich Auskunft gibt über den physischen, kognitiven, emotionalen, ökonomischen und sozialen Zustand eines älteren Patienten.

Geriatrisches Netzwerk Planet Wissen 04.02.2020 02:29 Min. Verfügbar bis 04.02.2025 SWR

Dabei ist vor allem die Fähigkeit des Geriaters als Netzwerker gefragt, denn die Geriatrie ist eine fächerübergreifende Spezialdisziplin. Der Geriater leitet ein sogenanntes multiprofessionelles Behandlungsteam aus den Bereichen Innerer Medizin, Orthopädie, Neurologie und Psychiatrie. Er trägt die jeweiligen Untersuchungsergebnisse zusammen und entwickelt daraus ein geeignetes Therapie-, Pflege- oder Rehakonzept.

Damit legt er das Fundament für eine optimale und ganzheitliche Versorgung des älteren Patienten. Denn die Altersmedizin ist eine Medizin, die nicht immer primär auf die Ausheilung einer Krankheit ausgerichtet ist, sondern auf die bestmögliche Verbesserung des Patienten in seinem Gesamtzustand.

In den meisten Geriatrien liegt das Durchschnittsalter deutlich über 80 Jahren. Wobei die genaue Definition des geriatrischen Patienten nicht ganz einfach ist. In Deutschland sind die Kriterien ab einem Lebensalter von 75 Jahren in Kombination mit Multimorbidität erfüllt.

Die Geriatrie in Deutschland hinkt der demografischen Entwicklung deutlich hinterher. Es gibt etwa 600 Kliniken und Einrichtungen, die die erforderlichen Kriterien erfüllen. Demgegenüber stehen derzeit fünf Millionen Menschen, die 80 Jahre und älter sind. Bis 2050 sollen es zehn Millionen sein.

"Die alten Leute werden schneller mehr, als wir mit der Versorgung nachkommen", sagt Professor Roland Hardt, der die Geriatrie der Mainzer Unimedizin leitet. Um dem entgegenzuwirken, muss vor allen Dingen die Zahl entsprechend qualifizierter Ärzte und Pflegekräfte deutlich steigen.

Aber auch das vorherrschende Altersbild in der Gesellschaft muss sich wandeln. Nicht jeder von uns wird im Alter so vital und bei Kräften sein, dass er noch Auto fahren, Sport treiben oder auf Reisen gehen kann. Aber genau dieses Bild des fitten und agilen Seniors wird insbesondere durch die Werbung vermittelt und in den Köpfen als selbstverständlich verankert. Dabei ist das Altern nicht immer angenehm und problemfrei. Im Gegenteil!

Stand: 28.01.2020, 17:00

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