Interview mit Dirk van den Heuvel

Dirk van der Heuvel bei Planet Wissen im Studio.

Geriatrie

Interview mit Dirk van den Heuvel

Von Lothar Nickels

Dirk van den Heuvel ist Geschäftsführer des Bundesverbands Geriatrie e.V. Deutschland. Mit Planet Wissen hat er unter anderem über die Aufgaben und Ziele seines Verbands gesprochen. Außerdem verrät er, was er sich wünscht, wenn er eines Tages selbst ein betagter Mensch ist.

Herr van den Heuvel, seit wann gibt es den Fachbereich Geriatrie in Deutschland?

Der Bereich Geriatrie ist jetzt im Vergleich zu den "klassischen" Medizinfächern noch eher jung. Es gibt keinen Stichtag, von dem man sagt, ab diesem Tag gab es Geriatrie. Aber die Anfänge in Deutschland sind etwa so vor 40 Jahren gelegt worden. Und dass es wirklich ein breiteres Versorgungsangebot gibt, das ist seit etwa 25 Jahren der Fall. Also im Vergleich etwa zur Inneren Medizin ist die Geriatrie noch sehr jung.

In Deutschland gibt es knapp 2000 Krankenhäuser. Wie viele davon sind geriatriespezifische Kliniken?

Das ist nicht ganz leicht zu sagen, weil Geriatrie kein geschützter Begriff ist. Sie können jederzeit als Krankenhaus beschließen: "Wir sind jetzt auch eine Geriatrie!" Deshalb fordern wir zum Beispiel, dass die Therapiemöglichkeiten für Physio- und Ergotherapeuten oder Logopäden auch unmittelbar auf der Station vorhanden sind, um kurze Wege zu garantieren und die Arbeit im Team zu ermöglichen.

Legt man solche und andere Kriterien zugrunde, kann man sagen, dass es etwa um die 600 geriatriespezifische Fachkrankenhäuser oder Krankenhäuser mit entsprechender Fachabteilung gibt. Genaue Zahlen gibt es dazu nicht. Das sind Schätzungen. Es gibt in Deutschland kein Register, in dem die Krankenhäuser aufgeführt sind, die die erforderlichen Kriterien für Geriatrie erfüllen.

Wie gut ist die Geriatrie in Deutschland aufgestellt im Vergleich zu anderen Ländern?

Auch das ist eine etwas schwierige Frage, weil die Gesundheitssysteme in Europa sehr unterschiedlich strukturiert sind. Wir haben zum Beispiel in Deutschland eine Trennung zwischen Akutversorgung im Krankenhaus und einer gegebenenfalls anschließenden Rehabilitation. Solche Dinge kennen andere Länder nicht.

Allerdings muss man sagen, dass wir sicherlich nicht Vorreiter in Europa gewesen sind. So ist es zum Beispiel in Italien üblich, dass an jeder Universität, an der Medizin gelehrt wird, es auch einen Lehrstuhl für Geriatrie gibt. Da sind wir in Deutschland noch sehr weit von entfernt. Und das wirkt sich dann natürlich auch auf die Versorgungslandschaft aus.

Sie sind Geschäftsführer des Bundesverbandes Geriatrie e.V., der 1993 gegründet wurde. Wofür macht sich der Verband stark?

Bei uns sind die Krankenhäuser oder Rehabilitationseinrichtungen Mitglied, die eine besondere Fachabteilung für Geriatrie haben oder sich sogar die gesamte Einrichtung ausschließlich mit Geriatrie beschäftigt.

Wichtig ist uns, dass eine für die geriatriespezifische Versorgung wichtige bauliche Struktur gegeben ist. Wir fordern zudem auch eine vorgegebene personelle Ausstattung des geriatriespezifischen Behandlungsteams. Von daher ist es nicht ganz leicht, bei uns Mitglied zu werden.

Wir haben ein besonderes Aufnahmeverfahren, das diese Vorgaben berücksichtigt: Bei uns sind nur die Kliniken Mitglied, die unsere besonderen Anforderungen erfüllen. Und die unter ärztlicher Leitung eines Geriaters stehen. Pflegeheime können daher zum Beispiel nicht Mitglied werden.

Unser Ziel ist es, genau diese auf die Bedürfnisse des betagten beziehungsweise hochbetagten Patienten ausgerichtete Struktur für Altersmedizin im Bereich der Krankenhausversorgung sowie der geriatriespezifischen Rehabilitation zu fördern, sodass geriatrischen Patienten in Deutschland ein flächendeckendendes geriatriespezifisches Versorgungsangebot zur Verfügung steht.

Der Bundesverband vergibt das Qualitätssiegel Geriatrie. Wer bekommt das?

Das Qualitätssiegel Geriatrie ist nochmal ein besonderer Nachweis der Qualifikation einer Einrichtung. Allerdings vergeben wir das nicht selbst. Der Bundesverband legt die Voraussetzungen dafür fest, die erfüllt sein müssen.

Die eigentliche Prüfung erfolgt durch unabhängige Zertifizierungsgesellschaften. Und jede Klinik, die meint, die Anforderungen zu erfüllen, kann eine Zertifizierungsgesellschaft beauftragen, eine solche Prüfung durchzuführen. Ist dem tatsächlich so, erhält diese Einrichtung für drei Jahre das Qualitätssiegel Geriatrie.

Fachärztemangel in Pflegeheimen Planet Wissen 04.02.2020 02:39 Min. Verfügbar bis 04.02.2025 SWR

Sind das die Kriterien, die sie weiter oben benannt haben?

Nein, das geht noch ein bisschen darüber hinaus. Also, einmal sind die Anforderungen hinsichtlich der personellen Ausstattung höher. Wir fordern zum Beispiel etwas mehr Personal mit entsprechend höherer Qualifikation, als wir dies für die Aufnahme in den Bundesverband voraussetzen.

Und dann sind auch die baulichen Voraussetzungen noch einmal etwas strenger, zum Beispiel bei der Frage, wie die Therapiemöglichkeiten auf der Station, beziehungsweise darüber hinaus, ausgestaltet sind. Zudem wird noch genauer hinterfragt, welche Therapieangebote es gibt.

Wie vielen Kliniken wurde dieses Qualitätssiegel bisher verliehen?

Seit 15 Jahren gibt es das Qualitätssiegel Geriatrie. Aktuell haben 160 Kliniken und geriatriespezifische Einrichtungen die Erfüllung der Voraussetzungen durch das Qualitätssiegel Geriatrie nachgewiesen.

Werden Kliniken, die das Qualitätssiegel bekommen haben, danach auch weiter kontrolliert?

Das Siegel gilt immer für einen Zeitraum von drei Jahren. Nach eineinhalb Jahren kommt eine Überprüfung auf die Kliniken zu. Die Einrichtungen können sich also nicht zurücklegen und sagen: "Jetzt haben wir erst mal drei Jahre Ruhe, bis wir das Qualitätssiegel wieder verlängern lassen müssen."

Diese Überprüfung erfolgt von den gleichen unabhängigen Prüfern, die auch die Erstüberprüfung durchgeführt haben. Allerdings nicht unangemeldet. Wobei, das auch nicht so entscheidend ist. Es geht also nicht um eine Momentaufnahme, sondern um die Frage: Ist die vorgegebene Struktur erhalten worden?

Kliniken sind zu einer sehr umfangreichen Dokumentation verpflichtet. Auf diese wird unter anderem bei diesen Überprüfungen zurückgegriffen. Die Kliniken müssen dann zum Beispiel auch durch Zertifikate belegen, dass die Mitarbeiter in den letzten eineinhalb Jahren erfolgreich an den entsprechenden Fortbildungen teilgenommen haben.

Was wünschen Sie sich später einmal für Ihr eigenes Alter, Herr van den Heuvel?

Ich wünsche mir für mein eigenes Alter, dass, wenn ich eine medizinische Versorgung brauche, ich flächendeckend – egal, wo ich in Deutschland wohne – auf eine fachspezifische Versorgung für geriatrische Patienten zurückgreifen kann. Sowohl im stationären Sektor als auch bei ambulanten Angeboten. Und dass man dann als alter Mensch medizinisch gut versorgt alt werden kann. Das wäre zumindest mein Traum.

Wie hoch sehen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser Traum erfüllt?

Sagen wir mal so: Ich bin jetzt knapp 50 Jahre alt. Bis zum klassischen Eintrittsalter in die Geriatrie mit 75 bis 80 sind es ja auch noch ein paar Jährchen. Eigentlich habe ich den Traum, dass es so lange nicht mehr dauert.

Aber die Frage ist ganz klar: Gibt es den politischen Willen, die Geriatrie entsprechend zu gestalten oder nicht? Die demografische Entwicklung verlangt entsprechendes Handeln, insofern hoffe ich auf die Politik. Wenn der politische Handlungswille vorhanden ist, wird es sicherlich keine 25 oder 30 Jahren mehr dauern. Die Basis ist gelegt und die Konzepte liegen vor.

Stand: 23.01.2020, 10:00

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