Hausgemeinschaft für Seniorinnen

Vier Seniorinnen vor einem Neubau.

Gesellschaft der Alten

Hausgemeinschaft für Seniorinnen

Im Alter einsam in der Wohnung verkümmern? Im Alten- oder Pflegeheim auf den Tod warten? Das kommt für die 13 Seniorinnen in Esslingen am Neckar nicht in Frage. In ihrer Hausgemeinschaft leben sie eine Wohnform, die viele Politiker als zukunftsweisend postulieren – in einer Gesellschaft, in der immer mehr Alte von immer weniger Jungen versorgt werden. Sie werden selbstständig und selbstbestimmt alt, ohne auf die Hilfe und Geborgenheit einer Gemeinschaft verzichten zu müssen.

Die zündende Idee

Ohne Ursula Schebur, 75 Jahre alt, gäbe es das Haus der Seniorinnen nicht. Im Jahr 2004 besucht sie mit Freundinnen einen Vortrag über Wohnformen im Alter. Als dort Frauen aus Nürnberg von ihrem Wohnexperiment einer Hausgemeinschaft berichten, steht für die Freundinnen fest: Genau so wollen wir auch leben – gemeinsam mit anderen, doch jeder in seiner eigenen Wohnung.

Schnell scharen sich weitere Interessenten um die Esslingerin. Doch ihnen steht ein harter und frustrierender Kampf über acht Jahre bevor. Das schreckt viele ab. Von den Frauen der ersten Stunde hält nur Schebur durch, bis sie endlich in die Hausgemeinschaft einziehen kann.

Der Kampf

Von Anfang an ist klar: Es soll ein Haus für Frauen werden. Als Gäste sind Männer zwar willkommen, aber: "Das Leben unter Frauen ist viel einfacher", erläutert Schebur. "Männer in unserem Alter wollen oft nur versorgt werden. Außerdem gibt es dann unter uns keine Konkurrenz um den Hahn im Korb."

Die Frauen gründen den Verein "Hausgemeinschaft für Frauen" (HaGeF). Sie besuchen die wenigen Senioren-Hausgemeinschaften, die es bereits gibt, und versuchen von anderen zu lernen. Sie schreiben Bauträger an, bitten kommunale Politiker und städtische Stellen um Hilfe beim Bau des Hauses.

Wohlwollen schlägt den Frauen entgegen, doch keine konkrete Unterstützung. Als eine Baugenossenschaft nach anfänglicher Zusage plötzlich wieder abspringt, gelangen die Seniorinnen an einen Tiefpunkt. Doch Schebur lässt sich nicht unterkriegen und schließlich zahlt sich ihre Hartnäckigkeit aus. Die Esslinger Wohnungsbau GmbH willigt ein, das Pilotprojekt zu realisieren.

Die Bewohnerinnen

Die Wünsche der Frauen an den Bauträger sind einfach: 13 barrierefreie Wohnungen, jede mit Balkon, ein Aufzug und einen Raum mit kleiner Küche für Gemeinschaftstreffen. Besonders wichtig ist, dass es Mietwohnungen sind, denn teure Eigentumswohnungen können sich die meisten Damen nicht leisten.

Damit es mit der Gemeinschaft auch klappt, bestimmen die Frauen selbst, wer einziehen darf und wer nicht. Im September 2012 ist es soweit: 13 Frauen im Alter zwischen 56 und 75 Jahren beziehen das neue Mietshaus. Einige kennen sich seit Jahren, andere sind gerade erst dazugestoßen.

Ältere Frauen stehen vor einem Fahrstuhl.

Der Fahrstuhl ist ein Muss

Nähe und Distanz

Ohne Gemeinschaft klappt kein Zusammenhalt – das ist den Bewohnerinnen klar. Deshalb verpflichten sie sich "zu einem aktiven und positiven Gemeinschaftsleben". Trotzdem bewahren sich die Frauen ihren Freiraum. "Es hat mir sehr gefallen, dass man sich zurückziehen kann", erläutert Ursula Maier. "Ich habe nebenher noch sehr viele Aktivitäten wie Tanzen, Dartspielen. Ich bin bei der Bergwacht und dem Roten Kreuz. Da will ich gar nicht so klüngeln, mal da und da stundenlang sitzen", so die 75-Jährige.

Einmal in der Woche trifft sich die Hausgemeinschaft zur Besprechung im Gemeinschaftsraum. Ein- bis zweimal im Monat unternehmen die Frauen etwas in der Gruppe. Einige finden, das sei zu wenig, um eine tragfähige Gemeinschaft zu entwickeln. Doch mehr lässt sich nicht durchsetzen. Und natürlich steht es jedem frei, bei der Suche nach Freizeitpartnern bei den anderen anzuschellen.

Porträt einer Seniorin.

Ursula Maier möchte auch mal ihre Ruhe haben

Gegenseitige Hilfe

Auch in Notfällen wollen sich die Seniorinnen gegenseitig unterstützen und füreinander da sein. Doch zum Glück sind alle Bewohnerinnen gesundheitlich fit. Ernsthaft musste sich die Gemeinschaft bislang noch nicht beweisen. Der schwerste Fall war eine Grippeerkrankung. Da kochten die Frauen für die Patientin, begleiteten sie zum Arzt und leisteten ihr Gesellschaft.

Sie können und wollen sich gegenseitig nicht langfristig pflegen – da sind sich die Frauen einig. "Aber da kann die Sozialstation kommen und mir bei der Pflege helfen. Dann kann das Essen auf Rädern kommen. Das kann ich mir ja alles herbestellen", ist sich Heidi Schlemper, 72 Jahre, sicher. "Ich hoffe von hier wegzusterben", ergänzt Ursula Maier und fügt lachend hinzu: "Nur nicht so schnell!"

Autorin: Birgit Amrehn

Stand: 17.02.2015, 15:00

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