Was sich ändern wird

Industrie 4.0

Was sich ändern wird

Was wird sich in Deutschland durch die Industrie 4.0 ändern? Was muss sich ändern? Unsere Studiogäste schildern, welche Erfahrungen sie gemacht haben und geben Tipps.

Werden durch die Digitalisierung Arbeitsplätze verloren gehen?

Thomas Zeller:

"Es kann sein, dass in einigen Jahren oder Jahrzehnten Berufsbilder, die jetzt momentan noch existent sind, nicht mehr existieren. Ich teile allerdings die Annahme, dass wir dann wieder andere Herausforderungen haben, die durch Menschen gelöst werden müssen."

Frank Ackermann:

"Wir haben einiges in Maschinentechnik investiert und relativ stark in CNC-Technik [rechnergestützte numerische Steuerung] und auch in Software. Als ich angefangen habe, gab's noch keinen einzigen Bildschirmarbeitsplatz in der Firma. Jetzt sind es mittlerweile 35-40 Bildschirmarbeitsplätze."

Was wird sich ändern?

Thomas Zeller:

"Ich denke nicht, dass künstliche Intelligenz die Leitung einer Schreinerei übernimmt, sondern gewisse Funktionen automatisieren kann. Buchhaltungsfunktionen können beispielsweise automatisiert werden in Zukunft. Aber genau da besteht wieder eine Chance: Diese Personen können dann wieder andere Themen lösen, die man beispielsweise in der Schreinerei hat."

"Man sagt: Künstliche Intelligenz wird die Menschheit ähnlich verändern wie Elektrizität."

In welchen Bereichen sind Menschen nicht ersetzbar?

Frank Ackermann:

"Anschaffungen können Maschinen nicht entscheiden, das müssen Menschen entscheiden. Und auch für welche Zwecke sie noch einsetzbar ist. Die Maschine als Bedrohung kann ich so nicht sehen, weil die Maschine alleine nie etwas tun wird. Sie braucht immer Menschen, die sie ansteuer, die die Software verstehen. Ich glaube, dass da sehr viel Platz ist für Menschen."

"Fachkräfte sind sowieso knapp. Wenn jetzt zum Beispiel ein Mitarbeiter nicht hundert Teile nehmen und flach hinlegen muss, sondern, wenn das CAD-Programm das automatisiert machen kann, hat er wieder genügend Zeit für andere Aufgaben. Und das ist auch wichtig, ihn dafür freizusetzen."

Was muss sich ändern?

Frank Ackermann:

"Es wird ja oft gesagt: digitalisieren oder sterben! Ich glaube, dass es nicht sofort tödlich sein wird, aber in zwei, drei Jahren wird es durchaus existenzbedrohend werden, weil einer, der damit zu spät anfängt, dem Markt hinterher läuft. Das ist doch ein langwieriger Prozess. Man kann nicht sagen: 'Ab heute ist alles digital!' Je eher man diesen Weg beschreitet, desto sicherer wird man dort auch ankommen."

Thomas Zeller:

"Wir wissen nicht, wie schnell neue Erfindungen entstehen können. Wir können nicht auf die Vergangenheit schauen, um die Zukunft zu prognostizieren. Wir müssen uns schneller anpassen, man sagt 'agiler arbeiten'. Das verändert auch die Arbeitswelt heutzutage. In den Bereichen, in denen es früher noch möglich war, in einzelnen Funktionen abgeschottet zu arbeiten, muss man jetzt in autonomen Teams arbeiten."

"Das Bildungssystem muss sich weiterentwickeln. Was ganz wichtig ist: Kreativität steht wieder im Vordergrund. Einfache Aufgaben können in Zukunft durch Maschinen abgelöst werden. Es geht darum, dass ich kreativ arbeite, dass ich offen bin für Neues, dass ich mich ständig weiterentwickle und dass ich Experimente mache. Wie zum Beispiel Kleinkinder, die ständig experimentieren und daraus lernen. Das ist dass, was in der Schule wieder mehr gefördert werden muss."

Bleiben kleine Betriebe auf der Strecke?

Frank Ackermann:

"Ein kleiner Betrieb mit vier Mitarbeitern, was dem Durchschnitt der Schreiner in Bayern und Deutschland entspricht, kann sich große Maschinen nicht unbedingt leisten. Er kann aber Teil der digitalisierten Kette werden, indem er sich mit der Software beschäftigt, solche Teile vorbereitet und dann von einem größeren Betrieb produzieren lässt. Diese Zusammenarbeit einzuüben, ist, glaube ich, ein Schlüssel für die Digitalisierung. Sie müssen nicht die ganze Kette beherrschen. Wenn Sie vorne den Input bringen, kommt hinten auch genau das raus, was Sie wollen. […] Den Konkurrenten habe ich sowieso. Wenn ich jetzt mit ihm zusammenarbeite kann ich auch einmal einen Vorteil von ihm haben, sonst habe ich nur den Schaden."

Thomas Zeller:

"Es geht darum, ein Eco-System aufzubauen. Das heißt, dass Partner – früher sogar vielleicht Konkurrenten – miteinander arbeiten. Das können heutzutage Start-Ups mit großen Unternehmen sein oder Start-Ups miteinander. Was wir aktuell in München sehen, ist, dass große Software-Firmen genau das auch herausfordern. Zum Beispiel hat IBM/Watson ein großes Zentrum für künstliche Intelligenz in München gegründet. Microsoft hat genau das gleiche gemacht. Da weiß jeder, dass man nicht mehr alles abbilden kann. Selbst so ein großes Unternehmen kann das nicht. Es kann zum Beispiel nur die Software liefern und ist auf Partner im Sensoren-Bereich angewiesen. Diese Zusammenarbeit wird es in Zukunft ausmachen, Erfolg zu haben."

Ticken die im Silicon Valley wirklich so anders?

Thomas Zeller:

"Was das Silicon Valley […] ausmacht, ist eine gewisse Risikobereitschaft und das Silicon Valley ist sehr international, das heißt die besten Talente sind dort. Das haben wir hier allerdings auch. […] Was für uns wichtiger ist, ist das 'mind set', die Kultur, zu adaptieren. Wo wir extreme Vorteile haben, ist in den klassischen Industriebereichen. […] Das findet man nicht im Silicon Valley. Genau diese Kombination zu schaffen, zwischen Software und Digital-Knowhow und Ingenieurskunst. Da liegt eine sehr große Chance für Deutschland."

"Zu Scheitern, genau diese Kultur, Experimente einzugehen, möglichst früh zu Scheitern. Das ist natürlich auch wichtig. Wenn ich fünf Jahre versuche, eine Firma aufzubauen, die ein Kunden-Problem löst, das es nicht gibt, dann habe ich natürlich ein Problem. Möglichst früh schauen: Existiert das Kunden-Problem, ist meine Lösung richtig? Zu testen – dann ist ein frühes Scheitern auch gar kein Problem."

Frank Ackermann zum Thema Scheitern:

"Ich scheitere ständig. Wenn man schnell rückkoppelt – und ein Scheitern, an dem man nicht stirbt, das heißt ja dann sofort Erfahrung. Und Erfahrung kann man gut gebrauchen."

Autoren: Tanja Fieber / Christian Friedl

Stand: 26.10.2017, 10:00

Darstellung: