Blinde und neue Medien

Ein Blinder schreibt auf einer Braille-Tastatur.

Blinde

Blinde und neue Medien

Von Wolfgang Neumann-Bechstein

Die Digitalisierung der Informationsvermittlung eröffnet Blinden neue Möglichkeiten, an den Informationsprozessen der Gesellschaft teilzunehmen.

Blinde am Computer – wie geht das?

Im analogen Medienzeitalter war es noch erforderlich, dem Blinden alle wichtigen Informationen in die Braille-Punktschrift zu übersetzen und zu drucken. Computer und Internet können Blinde hingegen viel schneller benutzen – dank speziell entwickelter Soft- und Hardware.

Was normalerweise schwarz auf weiß auf dem PC-Bildschirm erscheint, lässt sich mit entsprechender Software auch in Brailleschrift und -sprache übertragen. Wenn Blinde den Computer nutzen, sieht der wie jeder andere aus, verfügt aber zusätzlich unterhalb der Tastatur über eine spezielle Ausgabeleiste für Braille-Schrift.

Jene Teile der Bildschirmseite, die der Blinde per Cursor anklickt, werden auf der Braille-Tastatur per Punktschrift erfühlbar und sind über Lautsprecher oder Kopfhörer mit Hilfe eines Sprachprogramms (Screenreader) zu hören.

Mit Tastsinn und Hörvermögen navigiert der Blinde über den Bildschirm und kann so wie jeder Sehende diverse Computerprogramme nutzen. Außerdem ermöglicht der PC in Verbindung mit einem Scanner mit Texterkennung, dass normale Bücher über die Braille-Zeile gelesen oder per Screenreader vorgelesen werden können.

Neue Möglichkeiten durch den PC

Der Zugang zum PC hat Blinden nicht nur eine neue Welt aktueller Informationen erschlossen, sondern eröffnet ganz neue Berufsfelder. Die Zeiten, als Blinde Masseure, Blindenpädagogen oder Telefonisten wurden, gehören der Vergangenheit an. Inzwischen stellen sie Informatiker, Mathematiker, Webdesigner, Informationskaufleute, Architekten, Ingenieure oder studieren Philosophie und Biologie.

Ermöglicht wird mit der Ausgabe von Daten in Braille-Punktschrift und Sprache auch der unmittelbare Zugang Blinder zum Internet. Ohne fremde Hilfe eröffnet sich Blinden die Welt des World Wide Web.

Blinde sind damit erstmals nicht mehr auf die aufwändigen Übersetzungsarbeiten von Druck- in Brailleschrift angewiesen, was bisher zur Folge hatte, dass nur ein beschränktes Angebot an Publikationen zur Verfügung stand. Online-Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften sind zeitgleich für Blinde und Sehende zugänglich, ebenso Suchmaschinen und Archive sowie alle anderen Inhalte des Internets.

Für die Blinden bedeutet dies einen gewaltigen Fortschritt, nicht nur in Sachen Informationsbeschaffung, sondern auch in der Teilhabe an kulturellen Entwicklungen. Mehr als für alle anderen Menschen bietet das Internet Blinden die Chance der Integration in die Wissens- und Informationsgesellschaft.

Ein Blinder sitzt am Computer.

Am Computer arbeiten ist für Blinde längst alltäglich

Nachteile des World Wide Web

Während sich jedoch Textbestandteile des Internets mühelos in Braille-Schrift übertragen lassen und Audiodateien problemlos gehört werden können, hört bei Grafiken aller Art einschließlich Videos der Spaß für Blinde schnell auf.

Nur einfache Grafiken wären mit großem Aufwand in Braille und Sprache zu übertragen. Und wenn den Fotos auf Internetseiten die Bildunterschriften fehlen, dann bleibt nicht nur der Lautsprecher des PC stumm, sondern auch die Braille-Zeile mit der Punktschrift gibt auf und der Blinde sitzt vor dem Nichts.

Deshalb hat in den vergangenen Jahren der Begriff der Barrierefreiheit immer größere Bedeutung gewonnen. Wenn eine Seite barrierefrei ist, bedeutet dies, dass sie von allen Menschen uneingeschränkt genutzt werden kann, egal welche körperlichen und technischen Voraussetzungen diese haben.

Um eine Seite für Blinde möglichst barrierearm zu gestalten, werden zum Beispiel Bilder mit einem sogenannten Alternativtext versehen, der sachlich beschreibt, was auf dem Bild zu sehen ist.

Laptop mit Kopfhörern.

Spezielle Programme lesen Web-Inhalte vor

Blindengerechtes Web

Was Webdesigner und Informatiker gern als höchste Schule ihres Programmiervermögens präsentieren, ist für den Blinden unter Umständen das Ende von Internetkommunikation und PC-Nutzung.

Multimediadarstellungen, grafische Benutzeroberflächen bei PC-Programmen, Webseiten mit animierten Grafiken: Die hohe Schule der Programmierarbeit hat ähnliche Folgen wie die Fußgängerampel ohne akustischen Warnton, sie ist für Blinde nutzlos.

Besonders pikant an dieser Entwicklung: Gerade stark textbasierte PC-Programme wie das frühe DOS oder Linux waren, beziehungsweise sind, für Blinde besonders gut geeignet. Erst der technische Fortschritt in Form visualisierter Bedienungselemente schafft die Behinderung.

Stand: 04.06.2018, 09:48

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