Blindipedia: Verena Benteles persönliches Lexikon des Alltags

Grafik: Die Buchstaben des Alphabets sind in einer Art Tastatur angeordnet.

Inklusion

Blindipedia: Verena Benteles persönliches Lexikon des Alltags

Von Verena Bentele und Julia Groß

Wie Blinde in einer Welt der Sehenden klarkommen, stellt Verena Bentele in ihrem Buch "Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser" dar. In einer sogenannten "Blindipedia" beschreibt sie Lösungen für Alltagsprobleme sehbehinderter Menschen. Hinter jedem Buchstaben des Alphabets versteckt sie eine typische Lösung für ihre Probleme im Alltag. Wir haben ein paar Beispiele exemplarisch für Sie ausgewählt:

"A" wie Anziehen

Ja, ich ziehe mich selbst an. Niemand muss mir dabei helfen, in ein Kleid zu steigen und den Reißverschluss am Rücken zu schließen. Allerdings ist es immer wieder mal eine Herausforderung herauszufinden, was zusammenpasst.

Mein Kleiderschrank ist relativ gut geordnet, jedoch nicht so perfekt, wie ich es gern hätte. Da geht es mir wie den meisten Frauen: Mein Schrank ist einfach zu klein für meine Klamotten, und trotzdem habe ich nichts anzuziehen.

Um unterschiedliche Farben oder Muster kombinieren zu können, muss ich mir genau notieren, was zusammenpasst. Dafür habe ich auf meinem Computer eine Datei mit dem Titel "Anziehen" angelegt, die eine genaue Beschreibung diverser Outfits für jeden Anlass enthält.

Das liest sich dann etwa so: sportlich schick – graue Hose mit Silberfäden, weißes Shirt mit Aufdruck, dazu Leopardenschal, kombiniert mit grauem Jackett. Eine Sache fällt mir allerdings immer noch schwer: Auf welcher Seite binde ich meine Dirndlschürze?

"C" wie Computer

Der Computer ist das wichtigste Kommunikationsmittel unserer Zeit, das gilt auch für Menschen, die nichts sehen. Auf meinem Laptop ist ein sogenannter Screenreader installiert, ein Programm, das mir den gesamten Inhalt des Bildschirms vorliest.

Die Bedienung funktioniert über die Tastatur, mit dem klassischen Zehn-Finger-System, das ich im wahrsten Sinne des Wortes blind beherrsche.

Grafik: Die Erde mit verschiedenen Icons daneben eine Computertastatur mit Händen.

Computer sind eine wichtige Hilfe – auch für Blinde

Bis auf Abbildungen und Fotos macht das Programm alles für mich hörbar, von selbstverfassten Texten und Menüfunktionen über E-Mails bis hin zu den Inhalten von Websites. Zusätzlich kann ich eine sogenannte Braillezeile anschließen, das ist ein Gerät, mit dem sich Computertexte in Blindenschrift lesen lassen.

Wenn es Probleme zwischen meinem Computer und mir gibt, liegt das meistens an mir. Sobald er merkt, dass ich wieder mal zu ungeduldig bin oder nebenher noch drei andere Sachen mache, stellt er jegliche Kommunikation ein und "hängt sich auf".

"K" wie Körpersprache

Die Körpersprache anderer Menschen nehme ich nur wahr, wenn die Bewegungen in meiner unmittelbaren Nähe stattfinden oder durch Geräusche, etwa klappernde Armreifen, begleitet werden. Sind Menschen sehr verkrampft, kann ich das spüren, wenn ich mich bei ihnen einhake.

Grafik: ein großes 'K' daneben eine junge Frau, die sich mit beiden Händen an den Kopf fasst.

Blinde können unsere Körpersprache nicht sehen

Beim Laufen ist es mir am liebsten, wenn mein Begleiter den Arm locker hängen lässt. Eine meiner Freundinnen hielt, als wir uns kennenlernten, den Arm immer ganz stark angewinkelt, sobald ich mich einhakte. Das signalisiert mir sofort eine gewisse Unsicherheit beim Führen.

Viele Menschen haben körpersprachliche Eigenheiten, die man hören kann: Die einen klopfen ständig mit der Hand auf den Tisch, die anderen wirbeln beim Sprechen mit den Händen herum, wieder andere spielen mit den Haaren oder fassen sich selbst im Gesicht an. Das alles kann ich zwar nicht sehen, aber ich höre es.

Blinden Menschen fällt es schwer, eine gezielte körperliche Ausdrucksform zu entwickeln. Auch wenn man vieles intuitiv richtig macht, buche ich doch regelmäßig eine Präsentationstrainerin, die mir Rückmeldungen und Anregungen zur Wirkung meiner Körpersprache gibt.

Sehende Menschen nehmen von klein auf die Bewegungen ihres Umfelds wahr und kopieren sie. Sie lernen auf diese Weise auch, ihre Körpersprache gezielt und kontrolliert einzusetzen, um eine bestimmte Wirkung hervorzurufen.

Da einem Blinden das nicht möglich ist, muss ich mir bestimmte Gesten zeigen lassen: Mit welcher Handbewegung kann ich zum Beispiel einen Satz unterstreichen?

"P" wie Putzen

Eines meiner liebsten Haushaltsgeräte neben dem Lappen ist der Staubsauger. Das Geräusch, das entsteht, wenn Brösel oder kleine Steinchen vom Fußabtreter durch das Rohr für immer und ewig verschwinden, klingt nach effektiver Arbeit.

Ich sauge mit System, denn einfach nur dort den Schmutz und Staub zu bearbeiten, wo es nötig wäre, funktioniert nicht so gut.

Also sauge ich den Boden in Bahnen von links nach rechts. Mit dieser Methode erwische ich ziemlich sicher alle Scherben eines zerbrochenen Glases – und sauge praktischerweise gleich den ganzen Raum.

Grafik: Ein großes 'P', daneben Kehrschaufel, Putzeimer und Reinigungsmittel.

Wie putzt man, wenn man den Dreck nicht sieht?

Das Putzen funktioniert ebenfalls mit System und Fingerspitzengefühl. Beim Spülen beispielsweise bin ich mit meinen Fingern sehr "umsichtig". Leider sind die Schlieren auf einem Weinglas nicht fühlbar. Deshalb poliere ich die Gläser immer, bevor ich sie auf den Tisch stelle.

Die Zimmerecken sind weit schwieriger zu bewältigen als das Geschirr in einem überschaubaren Becken. Auch wenn ich in der freien Natur nichts gegen Spinnen habe, möchte ich nicht mit ihnen in einer Wohngemeinschaft leben. Also müssen die Spinnweben weg, damit ich mich wohlfühle und überall hinfassen kann, ohne einen Schreck zu bekommen.

Aus diesem Grund kommt regelmäßig eine Putzfrau, die alle Sachen in Ordnung bringt, die ich "überfühlt" habe. Ihre Adleraugen sind für mich Gold wert und unverzichtbar.

"V" wie Verkehr

Bei Überquerungen der Straße sind Blindenampeln enorm hilfreich. Manche piepen, wenn es grün ist, an anderen ist ein kleines Kästchen mit einem Knopf angebracht, der mir durch Vibration anzeigt, wann ich losgehen kann.

Ist die Ampel nicht für blinde Fußgänger ausgerüstet, muss ich sehr aufmerksam zuhören, wann die anderen Fußgänger losgehen. Ich kann dann nur hoffen, dass sie sich an die Verkehrsregeln halten und nicht bei Rot über die Straße laufen.

An kleineren Straßenübergängen kann ich genauer hören, wann die Autos fahren oder stehen, und mir mithilfe der Umgebungsgeräusche die Systematik der Kreuzung erschließen. Allerdings erhöht sich die Gefahr bei Fahrrädern oder Elektroautos, weil sie geräuschlos daherkommen.

Hat es geschneit, ist der Straßenverkehr eine besondere Herausforderung für mich. Der Schnee schluckt nämlich nicht nur alle Geräusche, sondern auch die Kante zwischen Straße und Bürgersteig ist nicht mehr so eindeutig mit dem Stock zu erfühlen.

Stand: 01.10.2018, 10:45

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