Auslandsadoption – Die Ware Kind

Adoptivkinder

Auslandsadoption – Die Ware Kind

Sie wollen den Kindern ein besseres Zuhause geben oder sie wollen ganz einfach ein Kind, egal, woher es kommt: Die Gründe, Kinder aus dem Ausland zu adoptieren, mögen vielfältig sein. Die Probleme, die diese Adoptionen mit sich bringen, sind es auch. Denn mit der Anzahl der aus fremden Ländern adoptierten Kindern wächst auch die Gefahr, dass das Kind zur Ware wird.

Dubiose Vermittler

Von den 3805 Kindern, die laut Statistischem Bundesamt 2014 in Deutschland adoptiert wurden, besaßen 622 nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. 299 der adoptierten Kinder und Jugendlichen waren extra aus Anlass der Adoption nach Deutschland gekommen. Kinder also, die ihren Kulturkreis verließen, um in Deutschland ein – vermeintlich – besseres Heim zu bekommen.

Die Kinderhilfsorganisation "terre des hommes" stellte schon Mitte der 1990er Jahre fest, dass der Anteil der Auslandsadoptionen in den Jahren zuvor stetig anstieg. Weil viele Paare in Deutschland – aus unterschiedlichen Gründen – oft Jahre oder vergeblich auf die Vermittlung eines Kindes warten, suchen einige ihr Kinderglück im Ausland.

Das Problem: Um das Verfahren zu vereinfachen, werden dubiose Agenturen oder Privatleute beauftragt, die meist an den staatlichen Stellen des Herkunftslandes vorbei die Adoptionen durchführen. Die Kinder, die dabei vermittelt werden, werden häufig "beschafft". Die soziale Notlage der Mütter wird ausgenutzt, manche Kinder werden gar entführt, damit die Nachfrage auf dem deutschen Markt befriedigt werden kann. Für "terre des hommes" ist dies eindeutig eine Form von Kinderhandel.

Differenzen im Adoptionsrecht

Eine hellhäutige Frau hält ein fernöstliches und ein indisches Kind im Arm.

Ausweg Auslandsadoption?

Das bedeutet natürlich längst nicht in allen Fällen, dass Kinder, die aus dem Ausland adoptiert wurden, auf dubiosen Wegen "beschafft" wurden. Meist wissen die Paare auch gar nicht, dass es bei der Agentur, an die sie sich wenden, nicht mit rechten Dingen zugeht.

Um Kinderhandel von vorne herein zu unterbinden, wurde 1993 das Haager Adoptionsübereinkommen beschlossen. Die inzwischen rund 90 Unterzeichnerstaaten des Übereinkommens haben sich dazu verpflichtet, eine Auslandsadoption immer nur zum Wohle des Kindes zu erlauben. Erst wenn für das Kind im eigenen Land keine geeigneten Adoptionseltern gefunden werden können oder es in seinem Herkunftsland keine Perspektive hat, kann eine Auslandsadoption in Betracht gezogen werden.

Dabei ist das Adoptionsverfahren zwischen den Vertragsstaaten standardisiert. Erst wenn das Herkunftsland und der Aufnahmestaat der Adoption zustimmen, wird die Adoption genehmigt. Deutschland hat die Haager Konvention 2001 ratifiziert und wurde 2002 offiziell ein sogenannter Vertragsstaat. Zu den weiteren Staaten zählen Länder aus Südamerika, Afrika und Asien wie zum Beispiel Uruguay, Madagaskar, Kenia, Guinea und Mali.

Konkret bedeutet das: Staatliche Stellen prüfen vor der Freigabe eines Kindes zur Auslandsadoption erst einmal, ob sich für das Kind keine Perspektive im Herkunftsland ergibt. Erst wenn sich die Auslandsadoption als die bessere Möglichkeit zum Wohle des Kindes herausstellt, werden die entsprechenden Papiere ausgestellt. Und: Dann müssen auch von deutscher Seite alle in Deutschland für Adoptionen geltenden Formalitäten eingehalten werden.

Integration als Lebensaufgabe

Nur: Auch wenn das Kind nach rechtlicher Lage im Herkunftsland als adoptiert gilt, heißt das noch lange nicht, dass auch die deutschen Behörden dem Kind die deutsche Staatsbürgerschaft verleihen. Wer also ein Kind aus dem Ausland adoptieren will, sollte sich immer an eine staatliche Vermittlungsstelle wenden.

Und was Eltern, die ein Kind aus einem anderen Land adoptieren, ebenfalls nicht vergessen sollten: Der Integrationsprozess kann unter Umständen eine Lebensaufgabe sein. Denn selbst, wer nicht in einer besonders fremdenfeindlichen Gegend wohnt – es wird dennoch immer sichtbar sein, dass das Kind nicht leiblich, sondern adoptiert ist, gerade wenn es aus Asien oder Afrika stammt.

Alissa Berger ist nirgendwo richtig zu Hause

Diese Probleme kennt auch Alissa Berger. Sie wurde 1971 während des Vietnamkrieges als Baby in einem Waisenhaus abgegeben. Ihre Herkunft war unbekannt, ihr Geburtsdatum konnten die Nonnen nur schätzen. Mit ungefähr neun Monaten wurde sie an ein kinderloses Paar nach Deutschland vermittelt.

In Fellbach in der Nähe von Stuttgart wuchs die junge Vietnamesin wohlbehütet auf. Doch obwohl sie ihre Eltern sehr liebte und sie eine schöne Kindheit hatte, fühlte sie sich immer anders. Auf dem Spielplatz bezeichnete sie zum Beispiel einmal ein anderes Kind als Chinesin und Menschen reagierten irritiert, einem asiatischen Mädchen mit schwäbischem Akzent zu begegnen. Immer wieder angeschaut und auf ihre Herkunft angesprochen zu werden, habe sie damals genervt, sagt Alissa Berger heute. Erst als sie sich an der Uni einschrieb und anfing zu studieren, fiel sie in dem multikulturellen Umfeld nicht mehr so auf.

Dennoch gehört sie zu keiner Kultur richtig dazu – weder zur deutschen noch zur vietnamesischen. Sie sei überall zu Hause und nirgends, sagt Alissa Berger. Sie hält es für wichtig, dass die Adoptiveltern ihrem ausländischen Adoptivkind die Kultur seines Herkunftslandes nahe bringen.

Autoren: Melanie Wieland/Wiebke Ziegler

Stand: 02.08.2016, 10:00

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