Geraubte Kinder

Schwarzweiß-Bild von Alfons Goppel.

Adoptivkinder

Geraubte Kinder

Als der Spiegel Ende 1975 erstmals einen Fall von Zwangsadoption in der DDR bekannt machte, kam es zwischen den beiden deutschen Staaten zu einem Eklat. Der damalige Bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU) sagte den Antrittsbesuch des neuen Bonner DDR-Vertreters Michael Kohl gleich wieder ab. Die Staatsführung der DDR wies den Bericht weit von sich. Der Spiegel-Journalist Jörg Mettke musste die DDR verlassen, obwohl er, wie der Spiegel Mitte 1991 betonte, den Bericht gar nicht selber veranlasst, geschrieben und recherchiert hatte.

Politische Zwangsadoptionen in der DDR

Um das sich gerade im Aufbau befindliche deutsch-deutsche Verhältnis nicht zu belasten, wurde von politischer Seite aus versucht, die ganze Geschichte unter den Teppich zu kehren. Der damals für die innerdeutschen Beziehungen verantwortliche SPD-Minister Egon Franke bestritt sogar, dass der Bundesregierung Fälle von Zwangsadoptionen bekannt seien. Er sagte die Unwahrheit.

Zufällig gefundene Akten

Ein Stapel Akten.

Ein zufälliger Aktenfund brachte alles ans Tageslicht

Dennoch geriet die ganze Geschichte für 16 Jahre in Vergessenheit. Erst im Frühjahr 1991 fand Markus Zimmermann, CDU-Bezirksstadtrat für Jugend und Familie in Berlin-Mitte, in Zeitungspapier eingewickelte Akten – mit brisantem Inhalt. Aus diesen Akten ging hervor, dass die DDR Mitte der 1970er Jahre Kinder, deren Eltern als "politisch unzuverlässig" eingestuft worden waren, zur Zwangsadoption freigab. Den Eltern, die bei der Republikflucht verhaftet worden waren oder die Ausreiseanträge gestellt hatten, wurden die Kinder entzogen. Viele sahen ihre Söhne und Töchter erst wieder, als diese schon längst erwachsen waren.

Kindesentzug nach versuchter Republikflucht

Der bekannteste Fall und eben jener, über den auch der Spiegel berichtete, ist der der Familie Grübel. Die Eltern hatten im August 1973 versucht, mit ihren beiden damals drei und vier Jahre alten Kindern in die Bundesrepublik zu flüchten. Sie wurden gefasst und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Während die Eltern 1975 von der Bundesrepublik freigekauft wurden, blieben die Kinder in der DDR. Sie waren von einem DDR-Ehepaar aufgenommen und Ende 1975 adoptiert worden. Erst im Frühling 1990 konnten die Grübels ihre Kinder wiedersehen. Sie waren zu diesem Zeitpunkt 19 und 20 Jahre alt.

Zahl der Zwangsadoptionen unklar

Babys auf einer Neugeborenenstation.

Wie viele Zwangsadoptionen gab es in der DDR?

Wie viele Fälle von Zwangsadoptionen es gegeben hat, ist bis auf den heutigen Tag nicht völlig geklärt. Während der Berliner Senator für Jugend und Familie, Thomas Krüger, 1991 von fünf bis sechs Fällen sprach, nannte die Bundesregierung im Ausschuss für Jugend und Familie im Juni 1991 die atemberaubende Zahl von über 7000 Fällen. Davon seien allerdings nur die wenigsten Adoptionen auf politische Motive zurückzuführen. Die überwiegende Anzahl seien Adoptionen, bei denen die Kinder ihren Eltern wegen Vernachlässigung entzogen worden seien.

Doch auch die Unterstellung der Vernachlässigung war durchaus politisch motiviert, auch wenn sie im Nachhinein nicht als solche benannt wurde. Im Strafgesetzbuch der DDR gab es in den 1970er Jahren den sogenannten Asozialenparagraph. Wer seine Kinder nicht zu "sozialistischen Persönlichkeiten" erziehen konnte, dem konnte auch das Sorgerecht entzogen werden. Die Erziehung der Kinder war vorrangig Aufgabe des Staates, nicht der Famile.

Insgesamt ist die Aktenlage verwirrend. Einerseits waren verschiedene, in Konkurrenz zueinander stehende Behörden mit den Vorgängen betraut, andererseits sind viele Akten mittlerweile verschwunden. Opferverbände haben jedoch schon weit über tausend Suchanfragen registriert, in denen Adoptivkinder aus der DDR nach ihren leiblichen Eltern suchen. Doch egal, wie viele Familien tatsächlich betroffen waren – die teilweise jahrzehntelange Trennung von den eigenen Kindern konnten die wenigsten Eltern überwinden.

Autoren: Melanie Wieland/Tobias Aufmkolk

Stand: 02.08.2016, 10:00

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