Waisen

Schwarzweiß-Bild: Kinder in einem Waisenhaus in den 1950er Jahren.

Adoptivkinder

Waisen

Allein das Wort ist ein Schreckgespenst. Als Waisen stellt man sich Kinder vor, die in Heimen ein trübsinniges, liebloses Leben fristen, ohne große Zukunftsaussichten. Tatsächlich sahen die Lebensbedingungen für Waisen früher nicht besonders rosig aus. Wer seine Eltern verlor - oder von diesen verlassen wurde - und nicht bei Verwandten unterkam, musste im schlimmsten Fall selbst zusehen, wie er klar kam.

Der Schrecken der Verwaisung

Vater und Mutter zu verlieren, diesem Schicksal haftet grundsätzlich etwas Schreckliches an. Die westliche Literatur- und Kulturgeschichte ist voll von Erzählungen über Kinder, deren Glück sich ins Gegenteil verkehrte, als die Eltern starben. Unabhängig davon, ob die Waisen der Literatur bei – meist böswilligen – Verwandten oder in Heimen groß wurden: Immer mussten sie sich gegen die leiblichen Kinder ihrer "neuen" Eltern oder gegen die Gefühlskälte ihrer Erzieher behaupten.

Auch Halbwaisen, die ihre Mutter verloren, war zumindest erwartungsgemäß kein besseres Schicksal beschieden. Tatsächlich verloren Kinder früher eher ihre Mütter. Sie verstarben bei der Geburt, im Wochenbett oder später aus Krankheit und Entkräftung. Die Väter, so wollen es Märchen und volksgeschichtliche Überlieferungen, heirateten eine andere Frau, die ihre Stiefkinder ablehnte und als Mägde und Knechte missbrauchte, so zum Beispiel im Märchen Aschenputtel.

Farbzeichnung: Ein Mädchen sitzt an einem Tisch, auf dem zwei Tauben Wasser trinken und Körner fressen.

Auch Aschenputtel war eine Halbwaise

Diese Erzählungen waren ein Spiegel der Gesellschaft. Ohne Eltern aufzuwachsen bedeutete früher in den meisten Fällen ein Leben am Existenzminimum, wenn nicht gar in Armut. Waisen waren von der Fürsorge abhängig. Immer mussten sie hart arbeiten, damit ihr Lebensunterhalt einigermaßen gesichert war. Selten waren die Arbeitsbedingungen gut.

In manchen Waisenhäusern wurde auf die Ausbildung der Jungen noch Wert gelegt, damit sie als Handwerker später ein Auskommen hatten. Die Mädchen waren grundsätzlich schlechter dran – eine klassische Waisenbiografie mündete in einer Existenz als Dienstmädchen.

Benachteiligung trotz sozialer Absicherung

Zimmer in einem Kinderheim. Ein Junge sitzt an einem Schreibtisch und beschäftigt sich mit einer Sache, während ihm ein anderer Junge über die Schulter schaut.

Das Heim als letzte Möglichkeit

Längst schon haben sich die Zeiten geändert. In Deutschland greifen die sozialen Sicherungssysteme ein, wenn Kinder ihre Eltern oder einen Elternteil verlieren. Das Jugendamt übernimmt die Vormundschaft des Kindes bis ein neuer Vormund bestimmt wird. Das können Verwandte sein, ein Teil oder auch die gesamte Vormundschaft kann aber auch beim Amt verweilen.

Bevor ein Kind in die Obhut einer anderen Familie gegeben wird, überprüft das Jugendamt, ob das Kind dort in guten Händen ist. Generell aber gilt für Deutschland, dass vorrangig versucht wird die Waisen in ihrer gewohnten Umgebung zu belassen. Bei älteren Jugendlichen kann das auch bedeuten, dass sie weiterhin in der Wohnung ihrer verstorbenen Eltern wohnen und dort betreut werden. Erst wenn sich keine andere Möglichkeit auftut, wird ein Kind in ein Heim eingewiesen und gegebenenfalls zur Adoption freigegeben.

Trotz allem: Die soziale Absicherung, die der Staat verwaisten Kindern bietet, mündet bedauerlicherweise nicht in Chancengleichheit. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, die im November 2002 veröffentlicht wurde, kam zu dem Schluss, dass Kinder, die in frühen Jahren einen Elternteil verlieren, früher selbstständig werden müssen – zum Nachteil ihrer Allgemein- und Ausbildung.

Sterben Mutter oder Vater vor dem zehnten Lebensjahr eines Kindes, so sind dessen Chancen die Schule mit dem Abitur abzuschließen deutlich geringer als bei Kindern, die aus "vollständigen" Familien stammen oder die erst später einen Elternteil verlieren.

Die Kinder, so interpretiert der für die Studie verantwortliche Soziologe Dr. Steffen Hillmert die Ergebnisse, werden in der Wahl einer weiterführenden Schule deutlich weniger unterstützt als Kinder aus Vollfamilien. Sie fangen früher mit einer Berufsausbildung an, die auch wesentlich kürzer ausfällt als bei Nicht-Waisen. Finanzielle Nöte führen dazu, dass die Kinder so früh wie möglich mit der Erwerbstätigkeit beginnen. Denn in drei Vierteln der Studien-Fälle starb der Vater und damit meist der finanzielle Hauptversorger der Familie.

Sympathie gesichert

Szene aus dem Film 'Gottes Werk und Teufels Beitrag': Die Schauspieler Tobey Maguire und Michael Caine mit Arztkitteln.

Tobey Maguire (rechts) in "Gottes Werk und Teufels Beitrag"

Es kann kein Trost sein, aber einer Emotion können sich Waisenkinder sicher sein: Der Sympathie ihrer Umwelt. In jeder Geschichte, in jedem Märchen sind die Kinder ohne Eltern die Sympathieträger. Viele dieser Geschichten gehen glücklich aus und Leser wären empört, wenn das nicht so wäre.

Als Motiv jedenfalls sind Erzählungen von Waisenkindern sehr beliebt – erst recht, wenn sie sich, wie die "Blues Brothers", um die Erhaltung des Heimes kümmern, in dem sie großgeworden sind. Oder wenn sie in der Verfilmung ihrer literarischen Vorlage von Stars wie Tobey Maguire verkörpert werden, der in dem John- Irving-Bestseller "Gottes Werk und Teufels Beitrag" den Waisenjungen Homer Wells spielt.

Autorin: Melanie Wieland

Stand: 02.08.2016, 11:00

Darstellung: