Wissensfrage

Adoptivkinder

Wissensfrage

Gibt es Adoptionen auch bei Tieren?

Radierung: Wölfin mit zwei Menschenbabys.

Romulus und Remus wurden von einer Wölfin aufgezogen

Sieht man einmal davon ab, dass eine Adoption erst dann gültig ist, wenn die Adoptionsurkunde unterzeichnet ist, kann man schon in gewisser Weise von Adoptionen im Tierreich sprechen. Bei artgleichen Tieren kann es durchaus vorkommen, dass ein anderes Weibchen des Familienverbandes die Mutterrolle übernimmt, falls die leibliche Mutter das Kind nicht annimmt oder zu wenig Milch zum Säugen hat. Bei in Gefangenschaft lebenden Gorillas hat man sogar schon beobachtet, dass nach dem Tod der leiblichen Mutter der Vater des Jungtieres sein Kind einem anderen Weibchen der Gruppe anvertraut hat, das es dann liebevoll aufzog.

Doch auch bei artfremden Tieren kommt es manchmal zu Adoptionen. Besonders prädestiniert hierfür scheinen Hündinnen zu sein, die schon Schweine, Katzen oder sogar junge Rehe in die Gruppe ihres eigenen Nachwuchses integriert haben.

Einen bizarren Fall von Tieradoption meldete ein kenianischer Naturpark im Jahr 2002: Eine Löwin hatte sich eines Antilopenjungen angenommen und behütete damit ein Tier einer anderen Art, das ihr eigentlich als Nahrung dienen sollte. Die Forscher gingen zuerst von einer einmaligen Verwirrung aus, doch nachdem das erste Antilopenjunge von einem anderen Löwen verspeist worden war, suchte sich die Löwin ein zweites "Antilopenkind". Nachdem sie auch von diesem getrennt worden war, adoptierte die Löwin eine dritte Antilope – ein Fehlverhalten, das sich die Forscher nicht mehr erklären konnten.

Tiere, die Menschen aufziehen, gibt es in Geschichten und Legenden zuhauf. Die Brüder Romulus und Remus, die sagenhaften Begründer Roms, werden von einer Wölfin aufgezogen. Ähnlich ergeht es dem Dschungelbuch-Helden Mogli, der ebenfalls einer Wölfin sein Überleben verdankt. Der Roman- und Filmheld Tarzan dagegen wird von einer Gruppe Affen adoptiert und aufgezogen.

Menschenkinder, die von Tieren adoptiert wurden, gibt es jedoch nicht nur in Legenden und Kindergeschichten. Seit dem Mittelalter gibt es Berichte über mehrere Dutzend Kinder, die von Tieren aufgezogen wurden oder zumindest eine Zeit lang unter ihrem Schutz gelebt haben. Ob man den lange zurückliegenden Geschichten glauben schenken kann, bleibt dahingestellt.

Schwarz-Weiß-Aufnahme von Konrad Lorenz am Rande eines Sees umringt von Graugänsen.

Konrad Lorenz und seine Graugänse

Dagegen gibt es glaubhafte Berichte aus den vergangenen 30 Jahren, in denen Kinder immer wieder eine Zeitlang in der Gemeinschaft eines Tierrudels lebten. In Osteuropa sind es obdachlose Straßenkinder, die sich mit einem Hunderudel anfreunden und sich unter ihren Schutz stellen. In Afrika sollen es Affenhorden sein, die sich Straßenkindern annehmen.

Es gibt auch Tiere, die sich ihre Eltern unter artfremden Wesen, nämlich Menschen aussuchen. Die Gänse des Verhaltensforschers Konrad Lorenz sind das bekannteste Beispiel dafür. Lorenz stellte fest, dass Gänse auf das erste Lebewesen geprägt werden, das sie in ihrem Leben sehen – und das kann auch ein Mensch sein. Weiterführende Versuche haben aber auch ergeben, dass Gänse oder Enten auch auf eine Holzkiste oder einen Fußball geprägt werden können. Die Küken haben kein angeborenes Erscheinungsbild der Mutter und müssen in den ersten Stunden nach dem Schlüpfen lernen, wer ihre Mutter ist. Diese Art der Prägung kommt in der Natur aber nur bei sehr wenigen Tierarten vor.

Autoren: Melanie Wieland/Tobias Aufmkolk

Stand: 02.08.2016, 10:00

Darstellung: