Interview mit einem Anwalt für Erbrecht

Figuren stehen hinter den Buchstaben "Erben"

Erben und Vererben

Interview mit einem Anwalt für Erbrecht

Familien können im Erbfall viel Ärger und Streit vermeiden, wenn ihre Mitglieder zu Lebzeiten ein gutes, durchdachtes Testament machen, sagt Klaus Michael Groll, Fachanwalt für Erbrecht und Gründer des Deutschen Forums für Erbrecht. Weil viele das nicht tun, landet jeder fünfte Erbfall vor Gericht.

Planet Wissen: Herr Groll, was war in Ihren 40 Jahren als Fachanwalt für Erbrecht Ihr erstaunlichster Fall?

Klaus Michael Groll: Das war wahrscheinlich das Bierdeckel-Testament. Ein Mann hatte bei einem feucht-fröhlichen Kneipenbesuch seinen letzten Willen auf einem Bierdeckel niedergeschrieben. Es ging immerhin um 1,7 Millionen D-Mark. Tatsächlich ist nach seinem Tod der Bierdeckel vom Oberlandesgericht München als wirksames Testament anerkannt worden. Der persönliche letzte Wille hat in Deutschland großes Gewicht.

Klaus Michael Groll

Experte fürs Erben: Klaus Michael Groll

Immerhin hat er ein Testament gemacht. Statistisch gesehen macht das nur jeder Vierte. Warum machen das so wenige?

Das hat einerseits tatsächlich viel mit Aberglauben zu tun: "Wer sein Testament macht, stirbt", sagen mir viele. Das ist natürlich Quatsch. Wer ein Testament gemacht hat, stirbt wie alle anderen, aber er hat über seinen Tod hinaus die Dinge geregelt.

Aber der Tod ist ein Tabu – besonders der eigene: Wir leben im technisch-wissenschaftlichen Zeitalter. Da beschäftigen wir uns lieber mit dem Machbaren als mit der eigenen Endlichkeit.

Weil wir den Tod verdrängen, kümmern wir uns nicht darum, was mit unserem Erbe geschieht?

Viele vertrauen darauf, dass gesetzlich schon alles gut geregelt wird. Aber das Gesetz regelt immer modellhaft – nie individuell. Und jeder Erbfall ist anders.

Ich habe ein Handbuch zur Erbrechtsberatung herausgegeben, das umfasst 2500 Seiten und behandelt trotzdem nur das Wichtigste. Erbrecht ist eine sehr knifflige Materie. Ein kinderloses Paar zum Beispiel geht oft davon aus, dass sie sich automatisch gegenseitig zu 100 Prozent beerben. Das ist aber falsch.

Wo keine Kinder sind, haben die Verwandten zweiter Ordnung – also die Eltern, Geschwister und ihre Nachkommen – ein Erbrecht. Es kann passieren, dass ohne Testament plötzlich das Haus oder das Vermögen zum Teil an einen ungeliebten Neffen geht oder an eine Schwester, mit der der Verstorbene schon seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte.

Viele haben auch die Haltung: Nach mir die Sintflut. Ich finde das kulturlos und auch lieblos. Wenn man sich sein Leben lang um seine Familie gesorgt hat, wenn man gespart, gesammelt und vermehrt hat, warum sollte das abrupt mit dem eigenen Tod enden?

Ein Federhalter und ein Bogen Papier mit der Aufschrift "Testament"

Ein privates Testament muss handgeschrieben sein

Also auf jeden Fall ein Testament machen. Muss man dafür zum Anwalt? Ein handschriftlicher letzter Wille reicht doch, wenn man sich das eben erwähnte Bierdeckel-Testament anschaut.

Der Bierdeckel hat ja auch einen langen Prozess nach sich gezogen. Mit anwaltlicher Hilfe wäre das reibungsloser abgelaufen. Viele scheuen die Anwaltskosten, aber ein Laientestament kann für die Erben später unter Umständen viel teurer werden.

Ein Beispiel: "Ich vererbe meinen beiden Kindern gemeinsam alles." Das klingt nach einer klaren Sache. Ist es aber nicht. Wenn nach meinem Tod irgendwann die Kinder sterben, erben deren Ehepartner mit. Heiraten dann meine Schwiegerkinder noch einmal und sterben dann, landet mein Vermögen irgendwo und zwar auf Kosten meiner Enkel. Die Schwiegerkindfamilie und am Ende vollkommen Fremde profitieren. Es ist schon fraglich, ob das gewollt ist.

Ein professionelles Testament schafft juristische Klarheit, es schützt das Vermögen vor Zersplitterung und Prozesskosten und es ist gerecht, denn Gerechtigkeit bedeutet eben nicht, dass immer alle gleich viel bekommen. Und es stiftet letztendlich Frieden.

Zwei Hände zerren an einem Schlüssel

In jeder zweiten Familie kommt es im Erbfall zum Streit

Jede zweite Familie wird durch den Erbfall in ihrer Stabilität bedroht. Warum entsteht beim Erben so viel Unfrieden?

Der Erbfall ist der Endpunkt eines lebenslangen Prozesses. Der familiäre Bereich und das Gleichgewicht der Mitglieder sind sehr sensibel. Das Enttäuschungspotential ist enorm hoch. Vieles, was in der Familie gelaufen ist, wird erst im Erbfall offenbar: dass zum Beispiel ein Kind von den Eltern schon Vermögen überschrieben bekommen hat – hinter dem Rücken der Geschwister. Solche Dinge können sehr verletzen.

Manchmal haben Eltern auch ein mögliches Erbe in Aussicht gestellt und damit Hoffnungen geweckt. Wenn das Testament dann anders lautet, sorgt das natürlich für Unfrieden.

Also sollte man schon im Vorfeld ausführlich darüber sprechen?

Davon rate ich eigentlich eher ab. Das kann schief gehen. Und es kann sich nach so einem Gespräch einiges ändern. Man sollte sich seine Entscheidungsfreiheit bewahren. Auch bei großen Schenkungen zu Lebzeiten rate ich eigentlich ab. Im Alter können noch große Kosten auf einen Zukommen: Krankheiten, Pflegebedürftigkeit. Und dann ist es für beide Seiten schlecht, wenn am Lebensende die Eltern zu Bittstellern der Kinder werden.

Und: Ein früher Reichtum kann demotivieren. Ich hatte mal einen Fall, da haben die Eltern dem Sohn Mietwohnungen überschrieben. Der war durch die Höhe der Mieteinnahmen so geblendet, dass er sein Studium geschmissen und sich zur Ruhe gesetzt hat. So sinnvoll die Schenkung steuerlich war, so schwierig war sie familientechnisch.

Ein Stempel mit der Aufschrift Erbschaftsstreit

Erbschaftsstreit kommt häufig vor

"Anstrengungslosen Wohlstand" hat der Soziologe Klaus Butterwegge das Erben genannt. Im Moment befindet sich Deutschland in einer Erbenwelle. 250 Milliarden Euro werden jedes Jahr schätzungsweise vererbt. Ist das eigentlich gerecht?

Das Erbrecht ist ein grundgesetzlich garantiertes Recht. Es ist eine Frage des Familienbildes, das man zugrunde legt. Wenn man Familie nicht als kleinen Personenverband begreift, sondern als eine Verkettung von Generationen, sieht das etwas anders aus. Das Erbe ist dann nicht ein Haufen Geld, der den Kindern unverdient zufällt, sondern ein Familienbesitz, den die Erben im Idealfall für die kommenden Generationen erhalten und weiterführen.

Natürlich könnte man sagen, dass Besitz nach dem Tod an den Staat zurückfließen muss, aber gäbe es dann überhaupt noch einen Anreiz zu sparen und zu vermehren? Ein besonderes Problem stellt das bei der Vererbung von Familienbetrieben und -unternehmen dar: Natürlich sind die als Erbmasse einiges wert, aber das Geld steckt ja in der Firma, die auch erhalten bleiben soll, nicht zuletzt um die Arbeitsplätze zu erhalten.

Bei Privatvermögen ist das etwas anderes. Da ist eine gewisse steuerliche Belastung vertretbar, um eine zu große Vermögenskonzentration zu vermeiden.

Also keine Kritikpunkte am Erbrecht? Wie sieht es mit Patchwork-Familien und nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften aus?

Nichteheliche Kinder sind ja seit 2001 den ehelichen im Erbrecht gleichgestellt. Das Problem hat eher der unverheiratete Lebenspartner: Ohne Testament erbt er gar nichts. Und er zahlt ab einer Erbschaft von 20.000 Euro hohe Steuern.

Ehepartner dagegen haben einen Freibetrag von 500.000 Euro und darüber hinaus ist der Steuersatz moderat. Heiraten lohnt sich erbschaftsteuermäßig also immer noch.

Was ich kritisch sehe: Ich finde, der Erbanteil der Kinder ist gegenüber dem des überlebenden Ehepartners zu groß. Das kann große Probleme mit sich bringen. Im US-angelsächsischen Recht ist das etwas anders. Da gibt es auch keinen Pflichtteil – eine Einrichtung, die viele als ungerecht empfinden.

Warum haben Sie sich vor 40 Jahren auf Erbrecht spezialisiert? Was ist so faszinierend daran?

Es menschelt! Es ist ein hochsensibler Bereich: Wie gestalte ich das Testament ideal für meine Familie? Wie sichere ich in Patchwork-Familien-Zeiten mein Vermächtnis auch noch für meine Enkelkinder? Das hat viel mit Verantwortung zu tun, aber auch mit Macht.

Es gibt durchaus Klienten, die über den Tod hinaus noch das Leben ihrer Familie regeln wollen. Die wollen zum Beispiel festschreiben, dass ihr Haus über Jahrzehnte von den Erben nicht verkauft werden darf. Die zur Vernunft zu bringen, ihnen zu helfen loszulassen, ist auch eine Aufgabe des Anwalts.

Genauso wie Erben vor die Frage zu stellen: Lohnt es sich hier für mich, vor Gericht zu gehen? Ist es das wert, sich das Leben und den Familienfrieden durch lange, teure Erbrechtsprozesse zu ruinieren? Erbrecht ist zu 80 Prozent Psychologie. Der reine, nicht einfühlsame Jurist ist dazu häufig ungeeignet, aber mich fasziniert das bis heute.

Interview: Barbara Garde

Stand: 24.06.2016, 10:00

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