Eva Bruchhaus: 82, kinderlos, glücklich

Porträt von Eva Bruchhaus

Mütter

Eva Bruchhaus: 82, kinderlos, glücklich

Von Katrin Ewert

Studieren in Paris, Sprachkurs in London, arbeiten in Afrika: Eva Bruchhaus hat ein Leben geführt, wie es eher typisch für die heutige Generation ist. Heiraten oder Kinder bekommen wollte die heute 82-Jährige nie, obwohl sie mehrmals die Möglichkeit dazu hatte.

Ein Leben gegen die Norm

Schwungvoll stellt Eva Bruchhaus die blaue Fotokiste auf das Sofa im Wohnzimmer. Der Raum gleicht einem Museum für afrikanische Kunst: Auf den Fensterbrettern reihen sich Tonvasen, Holzfiguren und Elefanten aus Porzellan. Teppiche mit bunten Mustern und Fransen bedecken den Boden. In den Bücherregalen stapeln sich Titel wie "Photo-Impressionen aus Ostafrika", "Kunstschätze aus Nigeria" und "Afrikanische Skulptur".

"Meine Liebe zu Afrika habe ich im Studium entdeckt", erzählt Bruchhaus und nimmt einen Stapel Fotos aus der Kiste. Nachdem sie 1954 ihr Abitur in Stuttgart absolviert hatte, ging sie nach Paris, um sich für Politikwissenschaften einzuschreiben.

Alte Hände wühlen in einer Fotokiste

Eine Kiste voller Erinnerungen: Fotos aus ihrer Zeit in Frankreich und Afrika

In den 1960er Jahren erlangten die französischen Kolonien ihre Unabhängigkeit. "Und so waren Experten gesucht, die sich mit Afrika auskannten", sagt sie. Bruchhaus wurde neugierig. Sie las sich ein, unternahm die ersten Reisen zur Elfenbeinküste, nach Mali und in den Senegal.

Als sie ihr Studium beendete, war Bruchhaus 27 Jahre alt. "Die Norm war damals: studieren, heiraten, Familie", sagt sie. Jetzt müsse man wohl Kinder bekommen, dachte Bruchhaus. Aber es kam anders. Zum Glück – wie sie heute sagt.

Als Journalistin und Entwicklungshelferin in Afrika

"Eigentlich wollte ich nur Neues lernen und Auslandsreisen machen", erinnert sich Bruchhaus. So konzentrierte sie sich auf das, was ihr Spaß machte: Sie arbeitete bei der Deutsch-Afrikanischen Gesellschaft, bei Radio Mali und bei der Deutschen Welle – zunächst als Redakteurin in der Afrika-Berichterstattung, später als Programmkoordinatorin und Leiterin des Sprachendienstes Französisch.

Eva Bruchhaus zeigt ein Foto von 1965

Mit 31 Jahren: Eine Freundin bekommt ein Kind, sie plant ihre nächste Reise

Währenddessen hatten viele ihrer Freunde andere Zukunftspläne: Sie heirateten oder wurden schwanger. "Ich selbst hatte nie einen Kinderwunsch", sagt Bruchhaus. Auch Heiraten war für sie keine Option. "Obwohl ich damals eine langjährige Beziehung zu einem Mann hatte, den ich sehr geliebt habe", sagt sie.

Bruchhaus hat sich nie bewusst gegen Heirat und Kinder kriegen ausgesprochen. "Ich war keine Rebellin", sagt sie, "es ist eher so, dass andere Bereiche meines Lebens spannender waren." Zum Beispiel ein neues Projekt in Mauretanien. Oder eine Reise zu Freunden in Nigeria.

"Als ich 33 Jahre alt war, dachte ich einmal, ich sei schwanger", erinnert sich Bruchhaus. "Aber ich war dann sehr froh und erleichtert, dass es doch nicht so war."

Manche reagierten verständnislos, andere bewunderten sie

Eva Bruchhaus blättert weiter durch die Fotos. Hin und wieder tauchen ein paar Postkarten von Freunden auf. Dann zieht sie ein Bild aus dem Stapel, über das sie sich sichtlich freut. "Das ist bei einer Feier in Addis", sagt sie und legt es vor sich auf den Glastisch. Die Aufnahme zeigt, wie sich Bruchhaus als 35-Jährige mit ihren Freundinnen aus Äthiopien unterhält.

Schwarzweiß-Foto: Die 35 Jahre alte Bruchhaus bei einer Feier in Addis Abeba, Äthiopien

Die 35-jährige Bruchhaus in Äthiopien: "Viele Frauen haben mich beneidet"

"Die afrikanischen Frauen konnten sich nicht vorstellen, wie es ist, keine Kinder zu haben", erzählt Bruchhaus. "Sie haben mich oft bemitleidet." In der afrikanischen Kultur sei es schließlich üblich, früh zu heiraten und viele Babys zu bekommen. "In längeren Gesprächen habe ich gemerkt, dass mich viele in Wahrheit beneideten", sagt sie. Um ihre Freiheit und ihre Unabhängigkeit.

In Deutschland sei sie nur zweimal wegen des Themas angegangen worden – einmal von Kollegen, ein anderes Mal von Nachbarn: Es sei egoistisch, keine Kinder zu bekommen, warfen sie ihr vor, schließlich zahlten die Kinder die Rente.

"Das waren aber Ausnahmen", sagt Bruchhaus. Ihre Freunde und ihre Familie hätten die Entscheidung sehr gut akzeptiert. Ihre kleine Schwester war zu dem Zeitpunkt bereits verheiratet und hatte drei Kinder. "Unsere Eltern haben uns nie zu irgendetwas gedrängt und unsere Zukunftspläne uns überlassen", sagt Bruchhaus.

Und Zukunftspläne – davon hatte Eva Bruchhaus viele: Mit 40 Jahren – das war 1974 – schrieb sie sich an der Fachhochschule Kassel ein, um ein zweites Mal zu studieren. Vier Jahre später schloss sie ihr Diplom in Internationaler Landwirtschaft ab. Seitdem arbeitete sie als freiberufliche Gutachterin für Entwicklungsprojekte.

"Es gibt so viele tolle Kinder, um die man sich kümmern kann"

Spätestens mit dem zweiten Studium war für Bruchhaus klar, dass sie niemals eigene Kinder haben wird. Und trotzdem ist sie ständig von ihnen umgeben: "Es müssen ja nicht die eigenen Nachkommen sein, die man schätzt und mag", sagt sie. Befreundete Paare nahmen erst ihre Kinder, später die Enkelkinder mit zu den Verabredungen.

So ist Bruchhaus zwar kinderlos, zumindest aber Halbzeit-Mutter und -Oma: "Warum sollte man eigene Kinder in die Welt setzen, wo es bereits so viele tolle Kinder auf der Welt gibt, um die man sich kümmern kann?"

Eva Bruchhaus bei ihrem 80. Geburtstag in Kenia

Umringt von Kindern: Eva Bruchhaus an ihrem 80. Geburtstag in Kenia

In der Zeit, in der andere ihre Kinder großziehen, hat Eva Bruchhaus ihre Freundschaften gepflegt. "Durch das Leben, wie ich es geführt habe, habe ich sehr viele interessante Menschen kennengelernt", sagt sie.

Die oft befürchtete Einsamkeit im Alter habe nichts damit zu tun, ob man Kinder habe. Im Gegenteil: Die 82-Jährige, die mittlerweile in Rente ist, hat enge Freunde auf ganzen Welt, die sie entweder besucht oder in ihre Wohnung in Köln einlädt. Abends liebt es Bruchhaus, ins Theater oder essen zu gehen – stets in Begleitung.

Dass manche Menschen es auch heute noch nicht verstehen können, wenn Frauen keine Kinder bekommen wollen, kann Bruchhaus nicht nachvollziehen. "Wenn man mit Spaß und Leidenschaft einer Sache nachgeht, ist man auf dem richtigen Weg." Für manche sei das die Familie, für andere das Arbeiten oder Reisen. Das müsse man gegenseitig respektieren.

Und noch etwas habe sie gelernt: "Mit 20 bis 30 Jahren ist man mit dem Kopf ständig in der Zukunft", sagt sie, "man verfolgt ein Ziel nach dem anderen." Wer älter werde, lebe mehr in der Gegenwart. Dadurch sei sie im Laufe der Zeit immer zufriedener geworden. Das sei etwas, das man sich als jüngerer Mensch abschauen könne: zwischendurch einfach mal anhalten, den Moment genießen.

Ihr neues Projekt: Flüchtlingskinder und Nachhilfeschüler

Trotz ihrer 82 Jahre macht Bruchhaus täglich Gymnastik und geht am Rhein spazieren. Ihre Augen sind wach, ihr Blick voller Tatendrang. Auch als Rentnerin engagiert sie sich weiter: Sie arbeitet in der Flüchtlingshilfe und hilft Menschen aus Eritrea bei Behördengängen und beim Deutschlernen.

Außerdem gibt sie ehrenamtlich Nachhilfe: Zweimal pro Woche kommt ein achtjähriger Schüler aus Nigeria zu ihr. "Lesen und schreiben klappt ganz gut", sagt Bruchhaus, "das Rechnen fällt ihm noch ein wenig schwer."

Eva Bruchhaus zeigt auf das Mathematikbuch, während der Nachhilfeschüler Aufgaben löst

Bruchhaus mit ihrem Nachhilfeschüler: "Er bereichert meinen Alltag"

Und so dreht sich das Leben von Eva Bruchhaus auch im Alter um Afrika – diesmal um die Kinder. Bruchhaus sortiert die Fotos wieder in die blaue Kiste ein und verschließt sie mit dem Pappdeckel. "Ich würde alles noch einmal so machen", sagt sie.

Stand: 21.09.2016, 09:19

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