Schmerzversorgung bei Kindern

Sven Gottschling zu Gast im Planet Wissen Studio.

Chronische Schmerzen

Schmerzversorgung bei Kindern

Von Andrea Wieland

Schmerz bei Kindern ist für Schmerztherapeut Prof. Sven Gottschling das am meisten unterschätzte Thema überhaupt. Ob Mittelohrentzündung, Wachstumsschmerzen oder das Impfen und die Blutentnahmen beim Arzt: Kinder kommen an Schmerzen nicht vorbei. Zudem gibt es in Deutschland 500.000 chronisch kranke Kinder. Trotzdem wird erst seit Ende der 1980er Jahre ihr Schmerzempfinden ernst genommen.

Planet Wissen: Klassische Situation auf dem Spielplatz: Ein Kind fällt hin und verletzt sich. Nun gibt es Eltern, die ihr Kind beruhigen – oder solche, die entsetzt reagieren ("Was hast du gemacht, wie furchtbar!"). Welchen Einfluss hat das Verhalten der Eltern darauf, wie das Kind mit Schmerzen umgeht?

Sven Gottschling: Wir nennen dieses Verhalten "Katastrophisieren" [Anmerkung: das Empfinden von Schmerzen als eine unbeeinflussbare Katastrophe]. Das führt zu einer Schmerzverstärkung. Ein möglichst entspannter Umgang mit der Situation ist hier äußerst hilfreich.

Das heißt nicht, dass die Schmerzen bagatellisiert werden müssen. Eine gute Ablenkungsstrategie und ein nicht allzu aufgeregter Umgang sind eine gute Idee. Zum Beispiel mal auf die verletzte Stelle pusten. Hier wird über die Aktivierung von Druck- und Berührungsrezeptoren tatsächlich die Schmerzweiterleitung aus dem betroffenen Hautareal ins Gehirn unterbunden. Das Pusten wirkt also schmerzlindernd.

Und was man natürlich in solchen Situationen immer parat haben sollte – ich kann nur sagen: bei meinen Kindern hilft's – ist ein Notfall-Gummibärchen. In aller Regel ist Weinen mit vollem Mund ziemlich anstrengend und wird dann sofort eingestellt.

Ist ein Übermaß an Fürsorglichkeit vielleicht gar nicht so gut?

Wir wissen, dass viel Fürsorge eher schmerzverstärkend und sich sogar chronifizierend auswirken kann. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der Mann liegt mit "Rücken" auf der Couch und jetzt stelle man sich zwei Situationen vor. Die überfürsorgliche, besorgte Ehefrau sagt: "Ach Gott Schatz, du Armer! Komm, bleib liegen, ich hol dir noch ein Bier."

Situation Nummer zwei: Die Frau wirft dem auf der Couch liegenden Mann drei Aktenordner vor die Füße und sagt: "Weißt du was, die Steuererklärung kannst du auch im Liegen machen." Dreimal dürfen Sie raten, wer schneller wieder auf den Beinen ist. Und auch beim Kind gilt: Kurz beruhigen, ablenken und weiter geht's.

Auf der anderen Seite hören Kinder auch den Spruch: "Der Indianer kennt keinen Schmerz!" Was halten Sie davon?

"Ein Indianer kennt kein Schmerz". Diese Aussage ist an Blödsinnigkeit nicht zu toppen. Zum einen stammt sie von dem deutschen Schriftsteller Karl May aus dem Buch "Der Schatz im Silbersee". Geschrieben, bevor er zum ersten Mal eine Reise nach Nordamerika unternahm. Dieser Satz ist dort vollständig unbekannt. Indianer spüren sehr wohl Schmerzen.

Das Missverständnis rührt vielleicht daher, dass bei der Sonnentanzzeremonie, einer Art Trance-Phänomen, hypnotherapeutische Techniken angewandt wurden, um schlimmste Schmerzen auszuhalten. Der Rückschluss darauf, dass Indianer besser Schmerzen aushalten, ist völliger Quark. Wenn ein Kind richtig starke Schmerzen hat, sei es Mittelohrentzündung oder Wachstumsschmerzen, ist dieser Spruch weder tröstlich noch hilfreich.

Ab wann entwickelt sich überhaupt unsere Schmerzwahrnehmung?

Ab der 16. Schwangerschaftswoche (SSW) ist die gesamte Körperoberfläche sensibel mit Nerven versorgt. Alle notwendigen Strukturen, Nervenbahnen und Versorgungsbrücken, die uns eine Bewusstwerdung von Schmerzen ermöglichen, existieren etwa ab der 22. SSW, das heißt knapp nach der Hälfte der Schwangerschaft.

Das Perfide ist, dass unsere körpereigenen schmerzhemmenden Systeme erst vier Wochen nach der Geburt ausreifen. Das heißt, gerade ganz kleine Babys spüren alles. Und viel heftiger, weil sie keine Möglichkeiten haben, ihre körpereigenen Schmerzabwehrsysteme zu aktivieren.

Trotzdem ging man lange davon aus, dass Säuglinge keine Schmerzen empfinden.

Diese Fehlinterpretation, dass Säuglinge keine Schmerzen empfinden, hat sich bis ins Jahr 1987 gezogen. Damals wurde eine bahnbrechende Studie im Lancet veröffentlicht. Dr. Sunny Anand aus Arkansas konnte nachweisen, dass Frühgeborene, die am offenen Brustkorb operiert wurden, den Eingriff häufiger überlebten, wenn ihnen ein starkes Schmerzmittel gespritzt wurde. Operiert wurde üblicherweise bei völligem Bewusstsein ohne Schmerzausschaltung, lediglich eine Muskellähmung wurde durch Medikamente herbeigeführt.

Wie Schmerz unser Leben prägt Planet Wissen 29.04.2019 01:54 Min. Verfügbar bis 29.04.2024 SWR

Gut, dass wir das hinter uns haben, oder?

Es wäre schön, wenn es nicht nur Schmerzspezialisten wissen würden. Anders kann ich mir nicht erklären, warum nach aktuell geltendem deutschen Recht Beschneidungen bei männlichen Säuglingen zu Hause auf dem Küchentisch ohne jedwede schmerzlindernde Medikation durchgeführt werden dürfen. Im Grunde genommen ist das staatlich legitimierte Folter.

Auch beim Arzt erfahren Kinder Schmerzen. Was ist Ihre Erfahrung? Wie sollten sich Eltern auf keinen Fall verhalten?

Meine Erfahrung ist: "Katastrophisieren", aber auch Aussagen wie "Jetzt kommt der böse Arzt und pikst dich" sind schlecht. Das heißt, das Kind einer schlimmen Situation ausliefern und das auch noch benennen, ist nicht sehr sinnvoll. Genauso wenig wie beruhigend auf das Kind einwirken zu wollen. Dann gehen beim Kind alle Alarmglocken an.

Das Beste ist, dass man gar nicht so ein großes Aufhebens macht. Das Kind sollte die Eltern als Partner des Arztes empfinden und eine gewisse Mitsprache haben. Vielleicht Aussuchen, auf welcher Seite gepikst wird oder bis zum Piks runterzählen. Es gibt auch lokale Betäubungsmöglichkeiten wie Betäubungspflaster oder Eisspray.

Was wunderbar funktioniert, ist Ablenkung durch Fernsehen oder Computerspiel. Und natürlich darf man dem Kind auch vorher mal sagen, dass es hinterher ein kleines Geschenkchen gibt. Auch das hebt die Stimmung.

Beim Impfen verabreichen Ärzte manchmal Zucker als Schmerzstiller? Sinnvoll?

Ja, wir haben durchaus viele Daten, die belegen, dass die Schmerzreaktionen von Kindern nach der oralen Gabe von Zuckerstoffen geringer ausfallen. Es gibt aber auch einige Studien, die belegen, dass eventuell nur die Reaktion, aber nicht das, was tatsächlich im Gehirn an Schmerzempfinden tatsächlich ankommt, geringer ausfällt. Hier ist sicherlich noch Forschungsbedarf. Nach aktuellem Wissensstand kann man sagen: Ja, die orale Gabe von Zuckerstoffen ist als Schmerzstiller sinnvoll. Allerdings wirklich nur im Neugeborenenalter.

Wie beurteilen Sie allgemein die Schmerzmittelversorgung bei Kindern heute?

Die Schmerzmittelversorgung von Kindern ist sicherlich noch weitaus schlechter als die von Erwachsenen, obwohl die schon nicht gut ist. Wir haben viel zu wenig Spezialisten, die sich mit Schmerzen bei Kindern auskennen. So werden viele Kinder fehl- und überdiagnostiziert, entweder gar nicht oder mit den falschen Schmerzmedikamenten behandelt und müssen noch viel mehr Leid ertragen als so mancher Erwachsener.

Wir gehen davon aus, dass wir rund 500.000 chronisch schmerzkranke Kinder und Jugendliche in Deutschland haben. Die Anzahl weitergebildeter Kinderschmerztherapeuten auf dem Gebiet ist optimistisch geschätzt immer noch unter 20 Personen. Das ist nicht mehr und nicht weniger als ein schlechter Witz.

Besonders heikel sind Notfälle bei Kindern. Wie können Ärzte Kindern möglichst schnell und effektiv helfen?

In Notfällen bei Kindern sollte man genauso schnell und effizient Schmerzmedikamente einsetzen wie bei Erwachsenen. Leider erleben wir hier immer wieder, dass sich Mediziner sehr unsicher sind, was Dosierungen anbelangt. Und da passiert es wie so oft: Bevor ich was falsch mache, mache ich lieber gar nichts oder zu wenig. Das bedeutet, dass Kinder auch bei Notfällen häufig eine völlig unterdosierte Schmerztherapie erhalten und viel zu viel leiden müssen.

Hinzu kommt, dass oft vergeblich versucht wird, einen Venenzugang zu finden. Dabei kann man wunderbar hocheffektive Schmerzmedikamente als Nasenspray verabreichen. Die wirken in drei bis fünf Minuten. Und dann kann man sich immer noch auf die Suche nach einem venösen Zugang machen. Selbst wenn man sich in der Dosis geirrt hat und versehentlich ein Kind überdosiert hat, kann man auch die Gegenmittel über Nasenspray verabreichen. Also gibt es keinen Grund für Angst.

Warum wissen das viele Ärzte nicht?

Weil Schmerzmedizin bis 2016 nicht Bestandteil des Medizinstudiums war. Erst jetzt lernen Studenten etwas über Schmerzmedizin. Das bedeutet, dass eigentlich alle Ärzte, die in der freien Wildbahn unterwegs sind, nichts über Schmerzmedizin gelernt oder gehört haben. Es sei denn, sie haben sich freiwillig weitergebildet. Der Wissenszuwachs der Studenten wird erst in einigen Jahren wirklich spürbar sein.

Stand: 16.04.2018, 10:00

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