Positiv depressiv – Interview mit dem Autor Tobi Katze

Depressionen

Positiv depressiv – Interview mit dem Autor Tobi Katze

Tobi Katze schreibt Lyrik und Blogs, Bücher und Bühnenprogramme, er tritt bei Kabarettfestivals oder als Poetry-Slammer auf. Ein Künstler im Rampenlicht. Trotzdem, oder gerade deshalb, sagt er ganz offen: Ich bin depressiv. Seine Erkrankung macht er auch zum Thema seiner Texte: mal ernst, mal bissig und oft sehr witzig. Sein Roman über Depressionen schaffte es auf die Bestseller-Liste.

Planet Wissen: Warum hast du dich entschlossen, öffentlich über deine Depression zu schreiben?

Tobi Katze: Ende 2013 hat sich eine Freundin von mir wegen ihrer Depression das Leben genommen. Und ich wusste nicht, wohin mit meiner Trauer. Ich wollte etwas Positives machen, damit ich nicht daran kaputtgehe.

Dann kam irgendwann der Gedanke, dass es vielleicht nicht so weit gekommen wäre, wenn sie offener über ihre Depression hätte sprechen können. Das war für mich der ausschlaggebende Punkt. Ich wollte ausnutzen, dass ich zumindest ein bisschen in der Öffentlichkeit stehe, und eine Lanze für das Thema brechen.

Das heißt?

Die ursprüngliche Idee war, einen Blog zu starten und zu sagen: "Hallo! Das bin ich. Ich habe Depressionen." Meine Hoffnung war, dadurch Leute zu finden, die auch Depressionen haben und die sich da auch vorstellen wollen. Damit wollte ich zeigen: Wir sind ganz viele. Aber dann fanden die Leute, ich solle das lieber alleine weitermachen. Ich solle auf meine Art weiter darüber schreiben, wie es sich anfühlt, depressiv zu sein.

Tobi Katze auf einer Bühne.

Tobi Katze tritt unter anderem als Poetryslammer auf

Deine Art ist ja nicht immer ernsthaft, sondern eben auch lustig. Darf man über so ein Thema Witze machen?

Um Witze über etwas machen zu können und zu dürfen, muss man eine Sache verstehen. Ich wollte meine Depression nicht die Oberhand gewinnen lassen. Deshalb habe ich mich damit auseinandergesetzt: Was ist das genau? Was macht es mit mir? Darüber dann Witze zu machen, nimmt dem Ganzen ganz viel Schrecken.

Wie war die Reaktion darauf?

Gut. (lacht) Ungewöhnlich gut. Ich wäre völlig zufrieden gewesen, wenn in meinem Facebook-Freundeskreis ein bisschen Bewusstsein für das Thema eingesetzt hätte. Dass sich das dann quer durch Deutschland geteilt hat bei Facebook, damit hätte ich im Leben nicht gerechnet. Und dass ich bis auf zwei negative Reaktionen nur positive bekommen habe, das war schon ein bisschen unheimlich.

Aber es gab auch Kritik: Da kommt einer und macht seine Krankheit zu Geld.

Stimmt, die Kritik gab es auch. Was soll ich dazu sagen? Ja, ich spreche über meine Depressionen. Und ja: Ich bekomme Geld dafür. Ich habe damit aber nicht anfangen, um Geld zu verdienen. Auf so ein Thema setzt man nicht, um Geld zu verdienen. Das macht man, weil es sein muss. Wenn ich Geld hätte verdienen wollen, dann hätte ich lustige Einzeiler geschrieben über Frauen und Männer.

Dass ich jetzt Geld damit verdiene, dass ich mich mit meiner Krankheit öffentlich beschäftige, dafür schäme ich mich nicht, weil ich immer versuche, etwas Positives, Produktives daraus zu machen. Und ich mache keine Witze über Depressionserkrankte, sondern Witze über Depressionen. Das ist für mich ein ganz wichtiger Unterschied. Ich verdiene nicht an dem Leid anderer, sondern ich verdiene an dem, was das Leid verursacht.

Der Autor Tobi Katze an einem Kanal.

Der Autor Tobi Katze am Dortmunder Hafen

Warum ist es für dich so wichtig, dass man über dieses Thema anders nachdenkt?

Ich wollte mich nicht verstecken müssen. Ich wollte mich auch nicht offenbaren müssen. Ich wollte das einfach sagen können: Ich habe Depressionen und das ist jetzt so. Ich wollte das einfach als ganz normale Krankheit akzeptiert sehen, die es mir auch erlaubt, Termine nicht wahrzunehmen.

Inzwischen kann ich zu Leuten sagen: "Ich kann heute nicht zum Kaffee kommen. Die Depression hat mich voll erwischt. Ich liege im Bett. Tut mir leid." Und alles, was ich bekomme, ist ein "Gute Besserung!". Fertig. Und das war das, wo ich hin wollte. Suizid ist auch so eine Sache. Ich wollte nicht an den Punkt kommen, wo ich das Gefühl habe, ich muss mich so doll verstecken, dass ich irgendwann keine Hilfe in Anspruch nehmen kann.

Hast du denn persönlich die Erfahrung gemacht, dass das Thema tabu ist, dass du deswegen schräg angeguckt wirst?

Bei mir war es so etwas wie ein inneres, ein "gefühltes" Stigma. Ich selbst habe nie Ablehnung erfahren, aber ich habe mich auch nie geäußert zu meiner Depression, eben weil ich Angst vor Ablehnung und Stigmatisierung hatte. Ich habe vorauseilend gar nichts gesagt. Das fand ich sehr anstrengend: immer aufpassen zu müssen, dass es nicht herauskommt. Immer eine vernünftige Ausrede parat zu haben, warum ich bestimmte Dinge gerade nicht tun kann.

Ich bin zwischendurch so weit gegangen, dass ich Urlaube inszeniert habe. Wenn ich in einer depressiven Phase war, dann habe ich "eine Woche Urlaub" gemacht. Das habe ich bei Facebook geschrieben. Da habe ich dann Fotos von irgendwo gepostet und solchen Kram. Und da hatte ich keinen Bock mehr drauf.

Tobi Katze in der Natur.

Tobi Katze schreibt einen Blog über Depressionen

Du sagst, da hattest Angst vor Ablehnung, aber als du dich dann öffentlich zu deiner Depression bekannt hast, war das Echo überwiegend positiv: Heißt das, dass das größte Stigma eigentlich das eigene ist?

Nein. Ganz sicher nicht. Ich bekomme von Fremden gerne auch mal Zuschriften wie "Früher hätte man so etwas wie dich ersäuft!". Und dann denke ich mir: Ich habe auf jeden Fall noch ein bisschen Arbeit vor mir. Oder wenn zum Beispiel der Bayerische Innenminister Herrmann nach der Germanwings-Katastrophe ein Berufsverbot für Depressive in den Raum stellt, dann macht mich das wütend. Man kann auch geistig erkrankt sein und ist deswegen nicht gleich verschroben oder gefährlich. In der Gesellschaft gibt es noch ganz schön viel Stigma.

Wie geht es für dich weiter?

Ich werde jetzt erstmal touren mit dem Programm zum Buch. Und dann möchte ich ein neues Buch schreiben, vielleicht über den Tod. Ich finde, der Tod ist auch ein fantastisches Thema für ein abendfüllendes Kabarettprogramm. Aber ich möchte nicht mehr über Depressionen schreiben. Das wäre mein Ziel: Dass das Thema so selbstverständlich geworden ist, dass alle sagen: Wie langweilig! Dass ich mich einfach nicht mehr damit befassen muss.

Interview: Katja Nellissen

Stand: 07.12.2015, 09:28

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