Gewitter im Gehirn

Mehrere Nervenzellen sind untereinander durch Dendriten verbunden

Epilepsie

Gewitter im Gehirn

Von Gregor Delvaux de Fenffe

Ein epileptischer Anfall beruht auf einer Störung des zentralen Nervensystems. Bei einem gesunden Menschen ist das Zusammenspiel durch Milliarden von Nervenzellen in unserem Gehirn genau aufeinander abgestimmt. Die Nervenzellen, die bei uns jeden Gedanken, jede Regung und Bewegung steuern, stehen sozusagen unter Strom, sie funktionieren mit elektrischer Ladung und Entladung. Bei einem epileptischen Anfall kommt es zu einer Art Kurzschluss, als würde eine Sicherung im Gehirn durchbrennen.


Generalisierte und fokale Epilepsien

Plötzlich funktioniert das Gleichgewicht der Nervenzellen nicht mehr. Große Partien der Nervenzellen sind übererregt und entladen sich alle gleichzeitig. Diese unkontrollierten Entladungen reizen in unnatürlicher Weise das Gehirn und führen zum epileptischen Anfall.

Epileptischen Erkrankungen werden generell in zwei Kategorien unterschieden. Es gibt die sogenannte generalisierte Erkrankung. Dann sind bei einem Anfall das ganze Gehirn oder beide Gehirnhälften gleichzeitig betroffen.

Daneben existiert die fokale Epilepsieerkrankung: Der Anfall bricht in einer punktuellen Region im Gehirn aus. Diesen krampfauslösenden Bereich nennt man auch den Epilepsie-Herd.

Grand Mal, Petit Mal und Absence

Epileptische Anfälle unterscheiden sich in ihrer Ausprägung und ihrem Schweregrad erheblich voneinander. Es gibt den berüchtigten Prototypen des epileptischen Anfalls, den großen Krampf – genannt Grand Mal, französisch für "großes Leiden".

Beim Grand Mal kommt es zu Sturz, Bewusstseinsverlust, zu Muskelkrämpfen und Zittern. Manche Grand-Mal-Anfälle sind von kurzer Dauer, etwa eine halbe Minute, die klassischen Anfallsphasen dauern jedoch zwischen zwei und vier Minuten.

Daneben gibt es noch komplizierte und schlimme Krampfattacken, die wesentlich länger dauern können, Mediziner sprechen dann von Status-Anfällen. Während eines Grand Mal ist der Epilepsiekranke bewusstlos und kann sich hinterher an nichts mehr erinnern.

Es gibt weniger starke Anfälle, die kurzeitig zu einem Krampf etwa eines Arms oder Beines führen können. Dann spricht man vom "kleinen Leiden", dem sogenannten Petit Mal.

Die leichteste Form der Epilepsie ist die Absence, ein meist nur Sekunden währender Bewusstseinsverlust, eine Art Entrücktheit des Betroffenen, die Außenstehenden gar nicht auffallen muss.

Bei den Absencen sind alle Schattierungen möglich. Die Wahrnehmung des Betroffenen kann vollständig abdriften, der Krampfende kann aber auch in einer Art Dämmerzustand die Absence bewusst erleben.

Folgeschäden am Gehirn?

Kleine epileptische Anfälle wirken sich auf die Konsistenz des Gehirns nicht aus. Bei Grand-Mal-Krämpfen sterben Hirnzellen ab, die den Grad der Intelligenz eines Menschen jedoch nicht beeinflussen.

Bedrohlicher sind dagegen lang anhaltenden Status-Krämpfe. Diese besonders schwerwiegenden Krampfattacken können zu schweren motorischen Defekten, etwa einer Halbseitenlähmung, und Intelligenzminderung führen.

Ärztliche Behandlung

Sobald der Verdacht auf Epilepsie besteht, beispielsweise nach einem Zusammenbruch, sollte ein Hausarzt aufgesucht werden, um das Krankheitsbild zu identifizieren. So können konkrete Symptome geklärt und eventuelle Zweifel schon im Vorfeld ausgeräumt werden.

Erhärtet sich der Verdacht auf eine Epilepsieerkrankung, sollte der Betroffene einen Neurologen konsultieren, der durch genaue Tests eine Diagnose stellen kann.

Der Neurologe wird mittels der Elektro-Enzephalographie (EEG) die elektrischen Gehirnströme des Patienten messen. Dabei werden Elektroden über ein Haarnetz verteilt auf dem Kopf des Patienten angebracht. Ein EEG ist eine völlig schmerzfreie Untersuchung, die der Neurologe ambulant durchführt und bei der der Patient in ruhendem Zustand ist.

Bei schweren Epilepsie-Erscheinungen, die eine längere Beobachtung und Analyse verlangen, werden im Krankenhaus sogenannte Langzeittests durchgeführt, oder auch Schlaf-EEGs, bei denen der Patient rund um die Uhr unter Video-Bewachung steht.

Eine Fraum beim EEG.

Hirnströme werden mit dem EEG gemessen

Medikamentöse Therapie

Mediziner behandeln Epilepsien seit langer Zeit mit Medikamenten. 24 unterschiedliche Wirkstoffe lassen sich den spezifischen Erscheinungsformen der Epilepsieerkrankung entsprechend einsetzen.

Es handelt sich um sogenannte Antiepileptika. Die meisten vielfach erprobten Arzneien sind gut verträglich. 80 Prozent der Epilepsiekranken können durch die Medikamente beschwerdefrei leben.

Wie bei den meisten Medikamenten können auch bei Antiepileptika Nebenwirkungen auftreten – sie sind aber nicht die Regel. Wenn der Patient ein anfallsfreies Leben führen möchte, muss er die Medikamente manchmal ein Leben lang einnehmen. Aber: Jeder Fall einer Erkrankung muss unterschiedlich bewertet und die medikamentöse Therapie individuell abgestimmt werden.

Bei manchen Anfallsgruppen lassen sich Verlaufsmuster erkennen. Epilepsien etwa, bei denen keine Grands Mals auftreten, lassen sich meist effektiv und schnell mit Antiepileptika behandeln. Allerdings muss die Medikation auch hier oft ein Leben lang fortgeführt werden.

Dagegen gibt es Beispiele heftiger Grand-Mal-Ausbrüche, die einige Jahre medikamentös behandelt werden und dann völlig verschwinden. In solchen Fällen müssen Patienten oft keine Medikamente mehr nehmen.

Operativer Eingriff

Bei rund 20 Prozent der Epilepsie-Patienten wirken die Arzneimittel nicht. Leidet der Betroffene an einer fokalen (punktuellen) Epilepsie und hat trotz Medikamenten Anfälle, kommt eine Operation infrage.

In diesen Fällen verursacht eine bestimmte, lokale Region im Gewebe des Gehirns den Krampf – zum Bespiel durch eine Narbe im Gehirngewebe, die ein Tumor hinterlassen hat. Der Chirurg kann hier das entsprechende Gewebe entfernen, indem er das funktionsgestörte Areal millimetergenau herausschneidet.

Eine Zeichnung einer Frau mit offenem Gehirn.

Eine Operation am Gehirn ist nicht ungefährlich

Schrittmacher im Gehirn

Mittlerweile können Ärzte auch ein Implantat einsetzen, eine Art Schrittmacher im Gehirn. Diese Form der Therapie nennt sich Vagus-Nerv-Stimulation (VNS). Dabei wird der sogenannte Vagus-Nerv elektrisch stimuliert, wodurch Patienten erheblich weniger Anfälle erleiden. Manchmal bekommen sie auch gar keine Anfälle mehr.

Stand: 04.09.2019, 13:21

Darstellung: