Mit Krebs leben

Frau joggt durch einen herbstlichen Wald

Krebs

Mit Krebs leben

Die Diagnose Krebs ist ein Schock – danach folgt die große Unsicherheit: Wie geht das Leben jetzt weiter? Neben der richtigen Behandlungsmethode geht es vor allem darum, den Alltag mit der Krankheit zu meistern und die Lebensqualität hochzuhalten.

Eine gute Kommunikation ist wichtig

Sylvia Brathuhn ist 30 Jahre alt, als bei ihr Schilddrüsen-Krebs festgestellt wird. Für sie bricht eine Welt zusammen. Ihr erster Gedanke: "Das kann nicht sein. Ich habe doch ein Kind!" Als gelernte Krankenschwester hat sie regelmäßig mit Krebspatienten zu tun. Trotzdem hat sie nie einen Gedanken daran verschwendet, selbst einmal betroffen zu sein.

Das geht fast allen Patienten so. Und noch im Sprechzimmer des Arztes beginnt das Leben mit der Diagnose Krebs. Deshalb ist die Art, wie der behandelnde Arzt mit dem Patienten kommuniziert, sehr wichtig. Wird die Panik durch die Ansprache des Arztes noch größer oder können einige Ängste behutsam bearbeitet werden? Patienten verbieten sich bei solchen Hiobsbotschaften oft, ihre Gefühle offen zu zeigen. Sie reißen sich zusammen, aber innerlich bricht das Chaos aus.

Auch Fachbegriffe sind in solchen Gesprächen nicht angebracht oder müssen zumindest ungefragt erklärt werden. Die Patienten fragen meist nicht nach, entweder weil sie aufgeregt sind oder weil sie selbst in dieser Extremsituation nicht als Unwissende rüberkommen wollen. Deshalb kann es durchaus sein, dass ein Arzt nach einem Gespräch denkt: "Mensch, das ist aber gut gelaufen!", der Patient aber völlig verunsichert ist.

Grundsätzlich gilt: Immer nachfragen! Was in der Situation des Schocks natürlich nicht einfach ist. Deshalb empfiehlt der Deutsche Krebsinformationsdienst (KID), sich bei Bedarf noch eine zweite ärztliche Meinung einzuholen und eine vertraute Person mitzunehmen.

Sylvia Brathuhn hat dabei gute und schlechte Erfahrungen gemacht. Bei ihrer ersten Krebsdiagnose wurde sie sehr gut informiert und von ihrer Ärztin umfassend und behutsam informiert. Als der zweite Befund überbracht wurde, war sie in einem anderen Krankenhaus und hat dort eine für sie sehr schreckliche Erfahrungen gemacht: Der Oberarzt sprach in ihrem Beisein mit einem anderen Arzt über ihren Befund.

Eine Ärztin spricht im Sprechzimmer mit einer Patientin

Wie das Gespräch mit dem Arzt verläuft, ist für die Psyche des Patienten entscheidend

Auch das Umfeld ist betroffen

Sylvia Brathuhns Mann sorgte besonders in den Phasen der Operation, Therapie und den damit verbundenen Nebenwirkungen dafür, dass der Alltag der Familie weiterlief, so gut es eben ging. Er war Ansprechpartner für Freunde, die sich nach dem Befinden von Sylvia Brathuhn erkundigten. Geduldig beantwortete er die Fragen. Nach seiner Gefühlslage wurde er fast gar nicht befragt.

Auch Angehörige kommen dabei an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Sie müssen sich kümmern und haben selbst auch Kummer. Deshalb ist für sich hilfreich, auch jemanden zu haben, dem sie sich anvertrauen können.

Empfehlenswert sind auch immer mal wieder kleine Auszeiten. Das kann ein spontaner, kurzer Spaziergang oder ein fest eingeplanter, wöchentlicher Termin im Schwimmbad sein. Hauptsache, man bekommt regelmäßig Zeit zum Durchatmen.

Denn besonders in langanhaltenden Therapiephasen oder in Wartezeiten auf Befunde kostet der Umgang mit den an Krebs erkrankten Ehepartnern, Freunden oder Familienangehörigen viel Kraft.

Viele Angehörige sind selbst sehr betroffen, wollen helfen, fühlen sich allerdings durch eine große Unsicherheit gehemmt. Dem an Krebs Erkrankten Fragen zu stellen kann helfen: Was brauchst du? Sollen wir reden oder nicht?

Wenn die Betroffenen selbst nicht wissen, was sie möchten, ist es wichtig, keinen Druck zu machen, sondern zu signalisieren: Kein Problem! Ich bin einfach da! Es kann auch helfen, die eigene Unsicherheit transparent zu machen. Manchmal ist schweigen und einfach da sein hilfreicher als ein Satz, der einfach so dahingesagt wird.

Doch aus Sylvia Brathuhns Erfahrungen als Betroffene wird auch klar: Manchmal ist es egal, welcher gut gemeinte Satz aus dem engsten Umfeld kommt; je nach Stimmung kommt der falsch an. Wenn Freunde sagten: "Es wird schon alles gut", dann empfand sie das als Schönreden der Situation – und wenn Angehörige ihr Mitleid äußerten, dann führte das bei ihr zusätzlich zu einer belastenden Stimmung.

Ältere Frau sitzt im Sessel, älterer Mann hockt neben ihr und blickt sie verständnisvoll an

Angehörige leiden mit den Erkrankten

Aktiv mitwirken und Bewegung

Pauschale Ratschläge, wie das Leben mit einer Krebserkrankung gelingt, gibt es nicht. Das hängt von Faktoren wie dem Alter des Patienten, der Art und dem Stadium der Erkrankung zusammen. Unter diesen individuellen Gesichtspunkten sind auch die folgenden drei Eckpfeiler zu sehen. Trotzdem können sie eine gute Orientierung bieten.

Selbstwirksamkeit

Selbst etwas dazu beitragen zu können, dass es einem besser geht, das hilft vielen Menschen mit einer Krebserkrankung. Laut Deutschem Krebsinformationsdienst spielen Bewegung und Sport für die meisten Erkrankten eine wichtige Rolle.

Mögliche Krankheits- und Behandlungsfolgen können durch gezielte Sportarten und Krankengymnastik vermindert oder vermieden werden. Außerdem fördere Bewegung ein gutes Lebensgefühl.

Zukunftsplanung

Auch wenn die aktuelle Krankheitssituation ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit fordert, ist ein Blick in die Zukunft hilfreich. Wie gelingt eine berufliche und soziale Wiedereingliederung nach der Therapie? Hier gibt es verschiedene Modelle.

Der stundenweise Einstieg ist eine Möglichkeit. Hierzu ergänzt der Deutsche Krebsinformationsdienst auf seiner Website: „Bis die volle Stundenzahl wieder erreicht ist, erhält man bei diesem Modell weiter Krankengeld. Auch die Anerkennung einer Schwerbehinderung ist möglich.“

Das Ziel ist immer, eine möglichst barrierefreie Beteiligung am Leben wiederzuerlangen.

Austausch mit anderen

Sylvia Brathuhn ist nicht nur Betroffene, sondern sie engagiert sich im Verein "Frauenselbsthilfe nach Krebs e.V.", einer der größten und ältesten Krebs-Selbsthilfegruppen Deutschlands, und ist mittlerweile Bundesvorsitzende.

Dabei merkt sie immer wieder, dass bei vielen Patienten der Wunsch nach Austausch mit anderen Erkrankten vorhanden ist. Die gleiche Situation verbindet und Gemeinsamkeit macht stark.

Eine Möglichkeit dafür sind Selbsthilfegruppen. Hier trifft man nicht nur Leidensgenossinnen und -genossen, sondern bekommt Unterstützung in jeglichen Lebenslagen. Der einfache Austausch kann dabei genauso hilfreich sein wie eine gemeinsame Aktion, zum Beispiel ein Schminkkurs.

Zwischen Zweifel und Hoffnung

Nach einem langen und mühsamen Krankheitsweg ist Sylvia Brathuhn seit vielen Jahren beschwerdefrei. Aus Dankbarkeit und aus dem Wunsch heraus, anderen Menschen mit Krebserkrankungen beizustehen, engagiert sie sich selbst seit vielen Jahren ganz bewusst in einer Patientenorganisation.

"Psychotherapien und Selbsthilfegruppen gehören genauso zu einer Behandlung von Krebspatienten wie die medizinischen Methoden", sagt sie. "Denn die Achterbahnfahrt, die mit der Diagnose begonnen hat, bleibt den Betroffenen leider auch in der langen Phase der Krankheit und Behandlung erhalten. Es ist ein Wechselbad zwischen Hoffnung und Zweifeln bei der Lebensgestaltung, beim Umgang mit den Einschränkungen, den Veränderungen des Körpers und bei der Akzeptanz der Erkrankung."

Auch die Angst vor dem Tod schwingt gerade bei Krebserkrankungen mit. Trotz vieler Fortschritte im medizinischen Bereich enden immer noch viel zu viele Krebserkrankungen tödlich.

Sylvia Brathuhn findet es wichtig, keine Ängste zu schüren, aber doch mehr Augenmerk auf die Patienten zu legen, deren Krebs gestreut (metastasiert) hat und somit die Chance auf eine Heilung immer mehr schwindet. "Hospizbewegungen, die palliative Medizin und Sterbebegleitung müssen im Zusammenhang von Krebs immer wieder thematisiert werden", sagt sie.

Denn: Hilfe und Lebensqualität gibt es in jedem Stadium der Krankheit.

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Bewegung hilft, dem Körper und der Seele etwas Gutes zu tun

Autor: Daniel Schneider

Stand: 28.11.2018, 16:00

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