Multiple Sklerose

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Multiple Sklerose

Über Multiple Sklerose (MS) heißt es immer wieder, die Krankheit führe auf jeden Fall zu einem Leben im Rollstuhl, sie verlaufe tödlich oder habe psychische Ursachen. Das sind Mythen. MS ist eine Autoimmunerkrankungen, das heißt, das Immunsystem greift körpereigenes Gewebe an. Aber ein Patient kann damit durchaus alt werden kann. Die Ursache für die Krankheit ist noch unklar – was Forscher nicht daran hindert, stetig neue Therapien zu entwickeln.

Die Krankheit und ihre Symptome

1832 in Paris, Frankreich: Der Schriftsteller Heinrich Heine schreibt als Korrespondent für Tageszeitungen in Deutschland. Eines Tages ist seine linke Hand wie gelähmt. Zwei Jahre später kann er nicht mehr richtig sehen. Seine Gesichtszüge beginnen zu versteinern, die Beine fühlen sich taub an.

Der Dichter leide an Syphilis, sagen die Ärzte. Die Infektionskrankheit kann nach ein bis zwei Jahrzehnten neurologische Störungen hervorrufen. Heute vermuten Experten jedoch, dass Heinrich Heine an Multipler Sklerose gelitten hat.

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Im Körper eines gesunden Menschen ummantelt eine Isolierschicht die Nervenzellen, die Myelinscheide.

Ist ein Mensch an Multipler Sklerose erkrankt, greifen körpereigene Abwehrzellen diese Myelinscheiden an. Die Abwehrzellen bauen die Schutzschicht der Neuronen ab, obwohl sie eigentlich Fremdkörper wie Bakterien und Viren aufspüren und vernichten sollten.

Die Folge: Das Gewebe, das die Körperabwehr angegriffen hat, vernarbt und verhärtet. Multiple Sklerose bedeutet auf Deutsch "mehrere Verhärtungen".

Das Nervensystem lässt sich mit einer elektrischen Leitung vergleichen. Die Nervenzellen elektrische Impulse weiter - und damit Informationen wie "balle die linke Hand zu einer Faust".

Im Körper eines MS-Patienten übertragen die Nervenzellen die Impulse langsamer als in einem gesunden Menschen. Ist der Schutzwall der Nerven zerstört, leiten diese keine Signale mehr. Der Betroffene spürt ein Kribbeln oder eine Taubheit. Im schlimmsten Fall spürt er nichts mehr wie Heinrich Heine mit seiner Hand.

Etwa 130.000 Menschen in Deutschland betroffen

In einem frühen Krankheitsstadium sehen viele Betroffene verschleiert oder doppelt. Ihre Sehnerven sind entzündet; oder sie haben vorübergehende Sprach-, Geh- oder Sensibilitätsstörungen. Manche MS-Patienten leiden an Lähmungen, andere an Vergesslichkeit.

Die Blase oder der Darm können einem Betroffenen Probleme bereiten. Auch im Bett läuft es eventuell nicht mehr so wie vorher, weil die Nervenentzündung eine Erektion verhindert.

Wegen der vielen möglichen Symptome wird Multiple Sklerose auch die "Krankheit mit den tausend Gesichtern" genannt. Eine eindeutige Diagnose fällt den Ärzten daher oft schwer.

Etwa 130.000 Menschen in Deutschland sind Schätzungen zufolge an Multipler Sklerose erkrankt. Viele Betroffene sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, wenn die Krankheit ausbricht. Damit ist MS die häufigste chronische Erkrankung des Zentralen Nervensystems unter jungen Menschen.

Mikroskopaufnahme des Muskelgewebes.

Impulse müssen schnell von einer Zelle zur nächsten

Weltweit sind etwa 2,5 Millionen Menschen an MS erkrankt, wobei die Krankheit in Mittel- und Nordeuropa sowie in Nordamerika häufiger auftritt als in Südeuropa und Afrika. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen.

Nicht nur Schübe: Verschiedene Verlaufsformen

Bei acht von zehn MS-Patienten verläuft die Erkrankung in Schüben: Mal ist die Hand taub, mal ein Bein gelähmt - aber das gibt sich wieder, mal vollständig und ohne bleibende Schäden, manchmal nicht vollständig und mit Folgeschäden. Wenn diese acht Betroffenen nicht behandelt werden, verschlechtert sich der Zustand von mindestens vier von ihnen innerhalb der nächsten zehn Jahre. so, Es treten kontinuierlich immer mehr Symptome und neurologische Störungen auf - und die Patienten haben weiterhin Schübe, zumindest für eine gewisse Zeit. Fachleute sprechen bei diesem Verlauf von "sekundärer Progredienz".

Einen von Anfang an chronischen Verlauf haben ein bis zwei der ursprünglichen zehn MS-Patienten. Bei diesem "primär progredienten Verlauf" haben die Betroffenen keine Schübe. Es geht ihnen kontinuierlich schlechter, vor allem Spastiken und Gehprobleme treten auf. Die seltenste und zugleich schwerste Verlaufsform ist die akute MS: Dabei treten die Symptome sehr schnell auf, in wenigen Jahren kann man schwer behindert sein oder sogar sterben.

Die verschiedenen Verlaufsformen der Multiplen Sklerose anhand von Kurven in einem Diagramm.

Die häufigsten Verlaufsformen von MS

Trotzdem: Dass jeder MS-Betroffene auf einen Rollstuhl angewiesen ist oder sein wird, ist eine Mär. Ebenso, dass MS ansteckend ist und vererbt wird. Es wird höchstens eine Neigung zur Multiplen Sklerose vererbt, wie zum Beispiel Geschwisterstudien gezeigt haben. Wenn jemand an MS erkrankt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sein eineiiger Zwilling ebenfalls MS bekommt, etwa 33 Prozent - bei anderen Geschwistern liegt dieser Wert nur bei etwa vier Prozent.

Die Auslöser sind ungeklärt

Trotz intensiver Forschung ist nach wie vor nicht genau geklärt, was Multiple Sklerose auslöst. Mediziner gehen heute davon aus, dass Virusinfektionen bei der Entstehung der chronischen Erkrankung eine Rolle spielen - auch wenn die Infektion lange vor dem Ausbruch der MS-Erkrankung lag.

Dafür spricht zum Beispiel, dass das Immunsystem von MS-Kranken falsch programmiert ist. Außerdem könnten Übergewicht im Kindesalter und Rauchen das Entstehen von Multipler Sklerose begünstigen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging man davon aus, MS entstünde, weil Blut im Bereich der Hals- und Brustvenen nicht ordentlich abfließen kann. 2006 wurde diese Theorie von Wissenschaftlern erneut diskutiert. In einer Ausgabe der Fachzeitschrift Journal of Vascular Surgery veröffentlichte der Mediziner Paolo Zamboni eine Studie, die scheinbar einen Beleg dafür lieferte.

Für die Untersuchung weitete der Chirurg die Venen von 65 MS-Patienten, wodurch sich deren Zustand angeblich deutlich verbesserte. Kritiker bemängelten allerdings, dass ein Großteil der Probanden an einer milden Form der Erkrankung litt. Zudem hatte Zamboni für seine Studie keine Kontrollgruppe untersucht und Faktoren wie den Einfluss von Medikamenten nicht berücksichtigt.

Mehrere Forscherteams versuchten daraufhin, Zambonis Studie zu wiederholen. Allerdings ist bislang kein Wissenschaftler auf dieselben Ergebnisse gekommen wie Zamboni. Durch Meta-Analysen kam man zu dem Schluss, dass die sogenannte chronische zerebrospinale venöse Insuffizienz kein Auslöser für MS ist. Viele Forscher und Mediziner raten MS-Patienten daher davon ab, ihre Venen im Hals erweitern zu lassen.

Zwei junge Frauen, die eineiige Zwillinge sind.

MS: Genetische Komponente, aber keine Erbkrankheit

Die Forscher diskutieren heute auch darüber, inwiefern Vitamin D das Entstehen und den Verlauf von MS beeinflusst. Viele Erkrankte haben einen niedrigen Spiegel an Vitamin D und bislang ist unklar, ob das eine Folge oder Ursache der Multiplen Sklerose ist oder gar nichts mit der Erkrankung zu tun hat.

Bessere Behandlungskonzepte

Grundsätzlich gilt: MS ist nicht heilbar. Aber Forscher wie Ärzte versuchen, die Schübe zu lindern und den schleichenden Verlauf zu verlangsamen. So wird vielen Patienten während eines akuten Schubes in hohen Dosen Kortison verabreicht.

Zwischen den Schüben sollen dagegen andere Medikamente die gestörte Immunreaktion der Betroffenen unterdrücken. Diese Immunsuppressiva sollen helfen, dass die Myelinscheiden nicht mehr so sehr angegriffen werden. Interferon, ein Protein, gehört zu den Standard-Behandlungsmöglichkeiten, ebenso Immunglobuline, also Antikörper, die direkt ins Blut verabreicht werden.

Eine Seniorin sitzt in einem Sessel, vor ihr steht ein Rollator.

Rollstuhl muss nicht sein: ältere MS-Patientin

Mittlerweile gibt es aber auch erste Präparate in Tabletten-Form, die wirksam sind. Alternative Verfahren wie zum Beispiel die Magnetfeld-Therapie hingegen haben keinen Nutzen und sind deswegen wissenschaftlich nicht anerkannt.

Damit Ärzte ihre MS-Patienten entsprechend des aktuellen Stands der Forschung behandeln können, aktualisiert die Deutsche Gesellschaft für Neurologie fortlaufend ihre Leitlinie "Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose".

Autor/in: Franziska Badenschier/Birgit Thater

Stand: 11.12.2014, 12:00

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