Neurodermitis

Das Foto zeigt Augen und Stirn einer Frau in Großaufnahme. Auf der Stirn verreibt die Frau ein wenig Creme. Sie ist hellhäutig und hat blaue Augen.

Krankheiten

Neurodermitis

Von Annette Holtmeyer/Britta Schwanenberg

Trockene Haut, entzündete Lippen und ein quälender Juckreiz: Diese Symptome machen Millionen von Menschen in Deutschland zu schaffen. Sie leiden an Neurodermitis. Was sich dabei in der Haut abspielt, ist gut erforscht – warum es zu der Krankheit kommt, noch lange nicht.

Volkskrankheit Neurodermitis?

Die Angaben, wie viele Menschen von Neurodermitis betroffen sind, gehen auseinander. Hautärzte schätzen, dass jeder Vierte leichte Anzeichen einer Neurodermitis kennt – meist sind es kleine, trockene Stellen auf der Haut.

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden unter einer echten Neurodermitis. Immer häufiger wird die Hautkrankheit bereits bei Säuglingen diagnostiziert.

Einige Experten gehen davon aus, dass sich die Zahl der Menschen mit Neurodermitis alle zehn Jahre verdoppelt. Ob die Anzahl der Erkrankten in Deutschland tatsächlich so stark zunimmt, oder ob die Menschen nur stärker auf ihre Haut und mögliche Veränderungen achten und rascher zum Arzt gehen, lässt sich aber schwer sagen.

Krankheitsverlauf und Erscheinungsformen

Die Erscheinungsformen der Neurodermitis verändern sich, abhängig vom Alter des Betroffenen. Im Allgemeinen werden drei Phasen der Erkrankung unterschieden:

Meistens tritt Neurodermitis bereits bei Säuglingen auf: Gesichtshaut, Arme und Beine, manchmal auch Bauch oder Rücken, sind entzündet und rötlich.

Ein früher Hinweis auf eine Neigung zur Neurodermitis kann der sogenannte "Milchschorf" sein. Diese krustige Hautveränderung hat ihren Namen wegen der Ähnlichkeit mit verbrannter Milch. Oft tritt sie in Kombination mit nässenden Ekzemen auf. Bei etwa 30 bis 60 Prozent der Babys klingen die Symptome nach dem Kleinkindalter ab.

Ab einem Alter von zwei Jahren äußert sich Neurodermitis dann in Form von "Beugeekzemen". Das sind Hautveränderungen in Kniekehlen oder Armbeugen, auch Hände, Hals und Nacken sind oft befallen.

Bleiben die Beugeekzeme über längere Zeit bestehen, wird die Haut dicker – man spricht von "Lichenifikation" oder "Elefantenhaut". Eine Sonderform der Neurodermitis, die vor allem bei Erwachsenen auftritt, ist die "Prurigoform". Dabei treten am ganzen Körper juckende Knoten auf, manchmal sind auch nur Körperteile wie Ohrläppchen oder Hände betroffen.

In jeder Phase gravierender körperlicher Änderungen besteht die Chance, dass die Neurodermitis langfristig verschwindet, sie kann in diesen Phasen allerdings auch erstmals auftreten. Zudem kann sich eine Neurodermitis im Kindesalter später in Asthma oder Heuschnupfen umwandeln. Mediziner sprechen dabei vom Etagenwechsel.

Mutter, Vater und Kind sitzen am Esstisch

Neurodermitis kann sich vererben

"Hautsache" Neurodermitis?

Die Hautkrankheit Neurodermitis ist schon lange bekannt. Ende des 19. Jahrhunderts gaben Mediziner ihr den aus dem Griechischen abgeleiteten Namen Neurodermitis ("neuron": Nerven; "derma": Haut; "itis": Entzündung).

Sie gehört zu den sogenannten "atopischen Erkrankungen": Atopisch bedeutet "fehl am Platz" und weist darauf hin, dass es nicht immer eine erkennbare Ursache für diese Krankheit gibt, beziehungsweise dass die Reaktion des menschlichen Immunsystems auf bestimmte Stoffe unangemessen, also "fehl am Platz" ist.

Wie bei allergisch bedingten Krankheiten wie Heuschnupfen oder Asthma ist auch die Neurodermitis auf eine Überreaktion des Immunsystems zurückzuführen. Während Heuschnupfen oder Asthma aber durch Pollen oder Hausstaub ausgelöst werden, sind die Ursachen bei Neurodermitis nicht so eindeutig zu benennen.

Sicher scheint heutzutage, dass die genetische Veranlagung eine große Rolle spielt. Haben beide Eltern eine atopische Erkrankung, liegt das Erkrankungsrisiko für das Kind bei rund 70 Prozent, bei nur einem erkrankten Elternteil liegt es zwischen 20 und 40 Prozent.

Fachleute vermuten, dass psychische Faktoren und Umwelteinflüsse den Ausbruch der Krankheit provozieren. Auslöser für Krankheitsschübe können Tierhaare oder Blütenpollen, Wollkleidung oder bestimmte Nahrungsmittel sein.

Cremen oder kratzen

"Das Schlimmste ist der unerträgliche Juckreiz" – fast alle Neurodermitis-Patienten sind sich in diesem Punkt einig. Denn sie wissen, dass sie dem Reiz nicht nachgeben dürfen. Beim Kratzen dringen Allergene und Schmutz in die Haut. Die Barrierefunktion der Haut wird geschädigt. Schlimme Entzündungen können die Folge sein.

Ein wichtiger Bestandteil der Therapie bei Neurodermitis ist daher eine konsequente Hautpflege. Eine Behandlung der trockenen Haut mit Cremes ist auch in symptomfreien Phasen wichtig, hier helfen Salben mit Harnstoff (Urea) oder ungesättigten Fettsäuren besonders gut.

Im Winter ist oftmals eine fettere Salbengrundlage erforderlich als im Sommer – oft mixen Ärzte individuelle Cremes für die einzelnen Patienten.

In einem leichten bis mittelschweren Krankheitsschub empfehlen viele Ärzte die kurzzeitige Anwendung von schwachen bis mittelstarken cortisonhaltigen Salben mit anschließendem Übergang auf Salben mit Teer oder Schieferöl.

Um die Hautentzündung während eines Krankheitsschubes zu behandeln, haben sich auch Zinkschüttelmixturen oder nachtkerzenölhaltige Cremes als wirksam erwiesen.

Seit einigen Jahren sind zwei neue Wirkstoffe auf dem Markt, die zunächst als Wundermittel gefeiert wurden, weil sie ohne Cortison auskommen und die Entzündungsprozesse wirksam unterdrücken: Tacrolimus und Pimecrolimus.

Allerdings fehlen noch Langzeitstudien über mögliche Nebenwirkungen; es ist derzeit nicht ausgeschlossen, dass sich bei regelmäßiger Anwendung das Krebsrisiko erhöht.

Blaues Cremetöpfchen

Eincremen – ja oder nein?

Den Auslösern auf der Spur

Vor allem in der Vergangenheit wurde Schulmedizinern immer wieder vorgeworfen, dass sie sich in erster Linie auf die Behandlung der Symptome beschränken. Doch seit einigen Jahren konzentrieren sich Hautärzte, Kliniken oder alternative Heilmethoden immer stärker auf die Auslöser der Krankheit.

Ganzheitliche Therapien versuchen, das gesamte Umfeld des Betroffenen in die Therapie einzubeziehen. In jedem Fall ist es für die Betroffenen wichtig, nach den Auslösern für die Krankheitsschübe zu suchen, also gemeinsam mit ihrem Hautarzt mögliche Allergien festzustellen.

Unbestritten unter fast allen Experten ist der Tipp, Seife, synthetische Stoffe oder Wolle zu meiden und durch seifenfreie Waschlotionen und Baumwolle zu ersetzen.

Viele neue Ratgeber und Modelle propagieren auch spezielle Diäten für Neurodermitiker – einige Patienten haben durch das Meiden von bestimmten Nahrungsmitteln eine deutliche Besserung der Symptome erlebt.

Stand: 29.07.2019, 11:25

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