Interview: Burn-out bei Kindern

Burn-out bei Kindern Planet Wissen 05.07.2016 02:24 Min. Verfügbar bis 05.07.2021 WDR

Stress

Interview: Burn-out bei Kindern

Von Annette Holtmeyer

Der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort scheute sich erst, einen Begriff aus der Erwachsenenpsychiatrie auf Jugendliche zu übertragen. Doch die Zahl erschöpfter Schüler in seiner Sprechstunde wächst. Inzwischen ist er sicher: "Burn-out ist bei unseren Kindern angekommen."

Planet Wissen: Nimmt die Zahl der Kinder mit Burn-out wirklich zu oder schaut man nur genauer hin als früher?

Michael Schulte-Markwort: Diese Frage lässt nicht ganz einfach beantworten. Denn früher ging man davon aus, dass bestimmte psychische Probleme Kinder grundsätzlich nicht betreffen. Heute wissen wir, dass das so nicht stimmt.

Als ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und des Altonaer Kinderkrankenhauses stelle ich jedenfalls fest, dass in den letzten Jahren zunehmend Kinder und Jugendliche mit einer Erschöpfungsdepression in meine Sprechstunde kommen. Das ist nur ein anderer Begriff für ein Burn-out.

Auch die "Health Behaviour in School-aged Children"-Studie unter Schirmherrschaft der Weltgesundheitsorganisation WHO kommt zu dem Ergebnis, dass sich rund 30 Prozent der heutigen Schüler erschöpft fühlen.

Welche Gründe führen bei Kindern zum Burn-out?

Es ist immer das Missverhältnis zwischen Anpassungsvermögen und geforderter Leistung. Wenn man die Anforderungen nur hoch genug setzt, endet jeder im Burn-out. Kinder und Jugendliche beugen sich dem enormen Leistungsdruck, den unsere Gesellschaft heute vorgibt.

Da sind die 9-Jährigen, die unbedingt den Wechsel aufs Gymnasium schaffen wollen – auch dann, wenn sie langsamer lernen als der Klassendurchschnitt.

Und es gibt immer mehr Oberstufenschüler, für die ein Abitur mit einer Durchschnittsnote unter 1,3 nichts wert ist. Um die Anforderungen erfüllen zu können, arbeiten viele Jugendliche bis zur Erschöpfung.

Seit der Verkürzung der Gymnasialzeit klagen viele Schüler über mehr Stress. Hat die Schulreform zum Anstieg von Burn-outs bei Jugendlichen beigetragen?

Die Umstellung auf das Abitur nach der 12. Jahrgangsstufe allein macht den Schulstress nicht aus. Das sind im Schnitt gerade mal zwei bis vier Unterrichtsstunden mehr pro Woche, zum Teil sind es wöchentlich sogar nur 45 Minuten zusätzlich.

Hilfreich wäre es, die Lehrpläne zu entrümpeln, denn noch immer müssen die Schüler viel überflüssiges Wissen ansammeln. Und die Lehrer sollten dazu angehalten werden, ihre Schüler zu unterstützen und zu ermutigen, anstatt sie zu Höchstleistungen anzustacheln.

Viele Lehrer vermitteln ihren Schülern heute: "Ihr könnt euch noch so sehr anstrengen und trotzdem werde ich nie mit euch zufrieden sein." Sie setzen die Anforderungen immer weiter hoch, sodass am Ende nur die Besten und Fleißigsten noch hinterherkommen. Das wiederum hat viel mit dem Ranking der Schulen und der Konkurrenz untereinander zu tun.

Die Schulen messen ihre Qualität an der Zahl der Schüler, die ein glattes Einser-Abi hinlegen. Dieser Leistungsgedanke ist durchaus für den Anstieg von Burn-outs bei Jugendlichen verantwortlich. Wenn Kinder permanent das Gefühl haben, den Anforderungen nicht gerecht zu werden, ist das ein erster Schritt hin zur Erschöpfungsdepression.

Lehrer vor einer Schulklasse

Leistungsdruck in der Schule kann zum Burn-out führen

Machen auch die Eltern heute zu viel Druck, wenn es um schulische Leistungen geht?

Bei vielen meiner jungen Patienten verzweifeln die Eltern eher deshalb, weil es ihnen nicht gelingt, ihre Kinder in ihrem Ehrgeiz zu bremsen.

Sie betonen immer wieder, dass sie gar keine Bestnoten erwarten und wünschen sich, dass die Kinder häufiger entspannen. Das nützt aber nichts, wenn die Schüler den Eindruck haben, nur mit guten Noten für eine Zukunft mit wirtschaftlicher Sicherheit gerüstet zu sein.

Eltern stehen heute häufig selbst unter Druck in ihrem Bestreben, die Anforderungen im Job und in der Familie unter einen Hut zu bringen. Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist größer geworden.

Zu meiner Schulzeit konnte man auch mit einem Hauptschulabschluss einen guten Job bekommen. Von Seiten der Eltern hieß es noch: "Du sollst es mal besser haben als wir." Heute sorgen sich viele Kinder, ob sie den Lebensstandard ihrer Eltern halten können.

Viele Kinder haben auch außerhalb der Schule einen vollen Terminkalender mit Sportvereinen und Musikunterricht. Wäre da weniger häufig mehr?

Musik und Bewegung sind dazu angetan, die kindliche Entwicklung zu fördern. Deshalb macht es keinen Sinn, Musikunterricht oder Sport im Verein grundsätzlich zu streichen. Schließlich gibt es auch guten Stress, den sogenannten Eustress. Fast jeder kennt das Gefühl, dass man sich zwar anstrengt, aber trotzdem Freude bei einer bestimmten Tätigkeit empfindet.

Man sollte aber vermeiden, dass Hobbys in negativen Stress – den sogenannten Distress – ausarten. Wenn es auch in der Freizeit mehr um Leistung als um Spaß geht, wenn Eltern das zutiefst unmusikalische Kind zum täglichen Klavierüben anhalten, kann Anstrengung schon früh zu einem Lebensgefühl werden.

Kinderhände auf einem Klavier

Hobbys sollten nicht in Stress ausarten

Was sind erste Anzeichen für ein Burn-out bei Jugendlichen?

Es ist oft eine Kette von Veränderungen: Es beginnt mit einem Einknicken bei den schulischen Leistungen, auf das dann verstärktes Arbeiten folgt.

Die betroffenen Kinder und Teenager haben permanent Angst, dass sie es nicht schaffen, den Ansprüchen gerecht zu werden. Einschlafstörungen, Appetitmangel und verminderter Antrieb sind oft die Folge.

Das führt dann wiederum dazu, dass die Leistungsfähigkeit weiter sinkt. Die Betroffenen geraten so in einen Teufelskreis, aus dem sie keinen Ausweg mehr wissen. Das sind typische Symptome einer Erschöpfungsdepression.

Was kann ich tun, wenn ich als Mutter oder Vater solche Anzeichen bei meinem Kind entdecke?

Ganz wichtig ist es, solche Anzeichen ernst zu nehmen. Eltern sollten sich viel Zeit nehmen, um mit ihrem Kind über seine Probleme zu sprechen. Und so früh wie möglich Hilfe bei einem Facharzt oder einem Psychotherapeuten suchen.

Wie sieht eine Therapie bei Kindern mit Burn-out aus? Gibt es ein Muster?

Natürlich ist kein Patient ist wie der andere und bei jedem jungen Menschen muss man genau ausmachen, an welchen Punkten die Therapie ansetzt. Dennoch lassen sich gewisse Grundmuster ausmachen. Als Therapeut entwickele ich Strategien, um das Kind widerstandsfähiger zu machen.

Ich schaue, wie es Distress, also den negativen Stress, in Eustress, den positiven, motivierenden Stress, umwandeln kann. Gemeinsam mit Lerntherapeuten finde ich Wege, damit sich die Betroffenen andere Lernstrategien aneignen, um den Stress in der Schule zu reduzieren.

Im Zweifelsfall müssen sie auch lernen, sich damit abzufinden, dass die hoch gesteckten Ziele nicht erreicht werden können, dass es nicht immer nur Einsen in der Schule geben kann.

Fast überall macht es Sinn, die Familie zusammenzurufen, alle Terminkalender nebeneinander zu legen und Inseln der Gemeinsamkeit zu schaffen.

Anfangs brauchen viele betroffene Jugendliche Antidepressiva, damit sie den Teufelskreis aus Angst und Erschöpfung durchbrechen und Kraft haben, wieder nach vorne zu schauen. In der Regel kann man aber spätestens nach sechs Monaten die Medikamente absetzen und die Therapie ohne diese weiterführen.

Mutter tröstet ihre Tochter

Eltern sollten beim Burn-out für ihr Kind da sein

Wie groß sind die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung?

Die Erfolgsbilanz ist bei der Therapie von Jugendlichen insgesamt sehr gut. Die Behandlung bei einem Burn-out erfolgt bei uns ausschließlich ambulant. Die meisten der jungen Patienten können nach spätestens einem Jahr, oft sogar schon nach sechs Monaten wieder aus der Therapie entlassen werden.

Stand: 05.07.2016, 11:00

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