Tourette-Syndrom

Ein Mann schneidet eine Grimasse.

Krankheiten

Tourette-Syndrom

Die junge Madame de Dampierre (1803-1884) fiel am Adelshof auf: Ihre Grimassen ließen blaublütige Freunde zusammenfahren. Zuckungen in Armen und Beinen brachten ihr Tadel ein. Und selbst die Herren erröteten, wenn Madame de Dampierre unanständige Schimpfwörter und bizarre Schreie ausstieß. Madame de Dampierre schien verrückt zu sein – so dachten die Menschen im 19. Jahrhundert. Doch der Arzt Georges Gilles de la Tourette (1857-1904) belehrte die Welt eines Besseren.

Darum geht's:

  • Das Tourette-Syndrom ist die Krankheit der Tics.
  • Tourette-Patienten stoßen oft auf Ablehnung.
  • Unterdrücken können sie die Symptome jedoch nicht.
  • Das Gleichgewicht der Basalganglien im Gehirn ist gestört.
  • Eine Heilung ist bisher nicht möglich.
  • Entspannungsübungen können die Symptome lindern.

Die Krankheit der Tics

Seit Georges Gilles de la Tourette 1885 seine berühmte Studie veröffentlichte, weiß man, dass Madame de Dampierre an einer seltenen Krankheit litt: Sie hatte "die Krankheit der Tics", wie Tourette sie in seiner Studie nannte. Und diese Krankheit der Tics befällt nicht nur junge Französinnen adeligen Blutes.

Sie ist in allen Ländern der Welt zu Hause und kennt keinen Unterschied zwischen Arm und Reich. Etwa 0,5 Prozent der Weltbevölkerung sind heute von ihr betroffen. In Deutschland sind das nach Angaben der Tourette-Gesellschaft ungefähr 40.000 Menschen.

Auch vor Heranwachsenden macht die Krankheit nicht Halt – im Gegenteil: In der Regel treten die Symptome bei Kindern zwischen sechs und sieben Jahren erstmals auf. Die Grundschüler beginnen mit den Augen zu blinzeln. Sie verziehen die Mundwinkel, sperren den Rachen auf, zucken mit dem Kopf oder mit den Schultern. Die Tics spielen dem Körper Streiche. Sie lösen ungewollte Bewegungen aus und lassen Muskeln ein Eigenleben führen.

Ein Arzt horcht die Brust eines Kindes ab. Die Mutter schaut zu.

Tourette wird meist bei Kindern diagnostiziert

Doch damit nicht genug. Das Tourette-Syndrom lässt die Betroffenen auch Tierlaute ausstoßen oder legt ihnen Worte in den Mund, die in keinerlei Zusammenhang mit dem Gesprächsthema stehen.

Und die Krankheit sorgt immer wieder für Missverständnisse und Beleidigungen: Denn ganz unvermittelt stoßen Tourette-Patienten Flüche und Schimpfwörter aus.

Körper außer Kontrolle

Peinlich ist das, wenn der Nachbarssohn während der Theatervorführung obszöne Wörter ruft. Oder in der Kirche den Pfarrer beschimpft. Oder im Supermarkt Tiergeräusche nachahmt. Tourette-Patienten stoßen in der Öffentlichkeit oft auf Ablehnung. Denn leider haben nicht alle Nachbarn, Kollegen und Familienmitglieder Verständnis für die Tics, die die Betroffenen plagen.

Auf einer Treppe schaut ein Mann einem anderen hinterher.

Tourette-Patienten stoßen oft auf Ablehnung

Schelte und böse Worte sind bei Tourette-Patienten jedoch fehl am Platz. Denn unterdrücken können sie die Symptome nicht. Wer die Unberechenbarkeit der Tics verstehen will, muss nur an die Tücke eines hartnäckigen Schluckaufs denken.

Eine gewisse Zeit kann jeder den Schluckauf kontrollieren. Doch dann muss er raus. Ganz von alleine bahnt er sich seinen Weg, lässt den Körper zusammenzucken. Diesen Impuls kann man mit dem Tic eines Tourette-Patienten vergleichen.

Immer wieder gehen Zuckungen durch den Körper, huschen Wörter und Geräusche über die Lippen. Wer das Tourette-Syndrom hat, wird mehrmals täglich von seinen Tics besucht. In neuen und aufregenden Lebenssituationen kommen sie häufiger vorbei als in entspannter Atmosphäre. Und während der Betroffene schläft, geben auch die Tics für einige Stunden Ruhe.

Wer das Tourette-Snydrom hat, muss lernen, mit den Tics zu leben. Für viele Betroffene ist der Besuch einer Selbsthilfegruppe dabei hilfreich. Hier können sie Informationen austauschen, Freundschaften schließen und sich gegenseitig Mut machen.

Für andere ist solch ein Austausch jedoch geradezu schädlich: Sie übernehmen die Tics anderer Tourette-Kranker und oft dauert es Wochen, bis diese fremden Tics wieder verschwinden.

Ursachen und Behandlungsmethoden

Bis heute sind die Ursachen des Tourette-Syndroms nicht geklärt. Fest steht jedoch, dass bei Tourette-Patienten ein Fehler im Gehirn vorliegt. Die Funktion der Basalganglien ist bei ihnen aus dem Gleichgewicht geraten.

Auf einem Löffel liegt eine Medikamentenkapsel. Im Hintergrund sieht man weitere Medikamente.

Mehr als die Hälfte der Tourette-Patienten nimmt Medikamente

Bei den Basalganglien handelt es sich um Nervenzellen im Endhirn, die für die Feinabstimmung von Körperbewegungen zuständig sind. Diese Nervenzellen arbeiten bei Tourette-Patienten besonders rege und senden besonders viele Signale aus. Diese Signale entladen sich – und zwar in den Tics.

Eine Heilung des Tourette-Syndroms ist bis heute nicht möglich. Es gibt jedoch eine Reihe von Medikamenten, die die Häufigkeit und Stärke der Tics reduzieren können. Hierzu gehört Tiaprid, aber auch Pimozid, Risperidon und Haloperidol.

All diese Medikamente haben Nebenwirkungen. Und genau deshalb müssen die Ärzte sie vorsichtig dosieren. So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Das ist die Devise.

60 Prozent der Tourette-Patienten sind zumindest zeitweise auf Medikamente angewiesen. Aber es gibt auch andere Behandlungsmethoden, die Tics lindern. Zum Beispiel Entspannungsübungen und Anti-Stresstraining. Wer weniger Stress hat, hat auch weniger Tics. Diese Weisheit trifft vermutlich nicht nur auf Tourette-Patienten zu.

Witty Ticcy Ray – glücklich mit Tourette-Syndrom

Nicht jeder Tourette-Patient fühlt sich durch seine Tics beeinträchtigt. So wie der Musiker Witty Ticcy Ray. Witty Ticcy Ray ist ein lebenslustiger Mensch, ein gefeierter Schlagzeuger, und er hat das Tourette-Syndrom.

Auf dem Bild sieht man wirbelnde Schlagzeugstöcke.

Genial am Schlagzeug

24 Jahre ist er alt, als er in den 1980er Jahren den New Yorker Neurologen Oliver Sacks in seiner Praxis besucht. Sacks verschreibt Witty Ticcy Ray das Medikament Haloperidol – und tatsächlich schlägt es an.

Doch die Substanz befreit Witty Ticcy Ray nicht nur von den Tics. Gleichzeitig verliert der junge Mann seine schnelle Reaktionszeit beim Tischtennis und die Genialität am Schlagzeug.

Und das ist noch nicht alles. Denn Witty Ticcy Ray hat ein merkwürdiges Hobby: Drehtüren ziehen ihnen magisch an. Und er liebt es, in letzter Sekunde in die wandelnde Tür hineinzuspringen, um sie ebenso schnell wieder zu verlassen. Doch genau dieser Spaß wird ihm nach Einnahme des Medikamentes zum Verhängnis – und endet mit mehreren Knochenbrüchen.

"Nehmen wir an, Sie könnten die Tics vollkommen wegbekommen", sagte Witty Ticcy Ray nach diesem Erlebnis zu seinem Arzt. "Was würde dann übrig bleiben? Ich bestehe aus Tics. Nichts würde übrig bleiben."

Den Neurologen Oliver Sacks hat diese Begegnung sehr beeindruckt. Und genau deshalb hat er sie 1985 in seinem Bestseller-Buch "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" niedergeschrieben.

Autorin: Clara Walther

Stand: 07.07.2017, 15:00

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