Verdacht auf Tourette

Trauriger Vater und Sohn trösten einander

Tourette-Syndrom

Verdacht auf Tourette

Von Clara Walther

Eine Diagnose des Tourette-Syndroms ist schwierig und dauert oft Jahre. In dieser Zeit stellen sich viele Fragen rund um die "Krankheit der Tics".

Wie kommt der Arzt zur Diagnose?

Vom ersten Arztbesuch bis zur endgültigen Diagnose "Tourette-Syndrom" dauert es im Durchschnitt sieben Jahre. Für die Betroffenen ist das oft schlimm. Denn solange die Krankheit keinen Namen hat, können Arzt und Patient sie auch nicht behandeln.

Weder Bluttests noch andere technische Untersuchungen helfen dem Arzt bei seiner Diagnose. Stattdessen ist er darauf angewiesen, dass der Betroffene seine Leiden genau beschreibt. Nur wenn die Krankheit vor dem 18. Lebensjahr aufgetreten ist und der Patient dauerhaft an mehreren unterschiedlichen Tics leidet, kann der Arzt eindeutig das Tourette-Syndrom identifizieren.

Das Resultat steht fest. Und nun?

Sobald die Krankheit einen Namen hat, kann endlich etwas getan werden. Und das ist gut. Denn gerade für junge Patienten ist schnelle Hilfe wichtig. Kinder mit Tourette-Syndrom werden in der Schule oft gehänselt und von ihren Altersgenossen zurückgewiesen. Auch viele Eltern sind mit den Tics ihrer Kinder überfordert, wissen nicht, wie sie mit dem merkwürdigen Verhalten umgehen sollen.

Je länger dieser Zustand anhält, umso eher schlägt er sich auf den Gesundheitszustand der jungen Tourette-Patienten nieder: Viele Kinder ziehen sich zurück, verfallen in Depressionen. Professionelle Hilfe kann das verhindern. Und so ist es für Tourette-Patienten und ihre Familien wichtig, sich möglichst schnell an psychologische Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen zu wenden.

Mitglieder einer Selbsthilfegruppe im Stuhlkreis

Selbsthilfegruppen machen Patienten Mut

Schulbesuch trotz Tourette-Syndrom?

Kinder mit Tourette-Syndrom sind in der Regel genauso intelligent wie ihre Klassenkameraden. Sie sollten deshalb eine ganz normale Schule besuchen und versuchen, dem Unterricht so gut es geht zu folgen. Das ist nicht immer einfach – und leider haben viele Tourette-Patienten in der Schule Probleme.

Daran sind nicht nur ihre Tics schuld. Denn etwa die Hälfte der jungen Tourette-Betroffenen leidet zusätzlich an einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Konzentriertes Arbeiten ist für sie extrem schwierig und längeres Stillsitzen ein glatter Albtraum.

Medikamente helfen in so einem Fall kaum weiter. Denn die üblichen Stoffe führen bei Tourette-Patienten zu einer Verstärkung der Tics. Doch was ausweglos scheint, ist mit viel Geduld und gutem Willen in den Griff zu bekommen: Manchmal hilft ein Sitzplatz in der ersten Reihe, um die Aufmerksamkeit des Kindes zu bündeln und es vor allzu großer Ablenkung zu schützen.

Ein paar Schritte durchs Klassenzimmer können Wunder wirken, wenn das Stillsitzen nicht mehr klappen will. Die meisten Tourette-Patienten schließen die Schule erfolgreich ab. Und sie üben dann die unterschiedlichsten Berufe aus.

Ein Mädchen und ein Junge sitzen an ihrem Tisch im Klassenzimmer

Je weniger Ablenkungen, desto besser

Können die Tics verschwinden?

Der Verlauf des Tourette-Syndroms variiert von Patient zu Patient. Es ist daher sehr schwer, allgemeine Prognosen über den Krankheitsverlauf zu stellen. In aller Regel treten die Symptome um das siebte Lebensjahr auf und verstärken sich bis zum 13. Lebensjahr. Zwischen dem 16. und dem 30. Geburtstag nehmen die Tics bei vielen Patienten stark ab – bei einigen verschwinden sie sogar ganz.

Andere müssen ein Leben lang mit ihrer Krankheit zurechtkommen. Mal in stärkerer, mal in schwächerer Form. Die Tics plagen Betroffene vor allem dann, wenn das Leben ohnehin turbulent wird. Oft sind es schwere Lebenskrisen wie der Tod der Eltern oder die Trennung vom Partner, die verschwunden geglaubte Tics plötzlich wieder aufleben lassen.

Ist das Tourette-Syndrom vererbbar?

Wissenschaftler sind sich mittlerweile einig, dass eine erbliche Form des Tourette-Syndroms existiert. Die Gene, die das Syndrom auslösen, sind bisher nicht bekannt – und sie scheinen auch nicht allein für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich zu sein.

Vielmehr vermuten die Spezialisten, dass unter anderem Probleme während der Schwangerschaft und spätere Infektionen (zum Beispiel mit Streptokokken) eine wichtige Rolle spielen. Außerdem scheint das Geschlecht des Kindes einen entscheidenden Einfluss zu haben. Denn bei Jungs ist die Wahrscheinlichkeit, an Tics zu erkranken, bis zu zehn Mal höher als bei Mädchen.

Bis heute kann kein Arzt Eltern mit Sicherheit sagen, ob ihr Kind das Tourette-Syndrom haben wird oder nicht. Wissenschaftliche Studien belegen jedoch, dass nur etwa zehn Prozent der erblich vorbelasteten Kinder später mit einer schweren Form des Tourette-Syndroms leben müssen.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Aribert Rothenberger empfiehlt Tourette-Patienten daher, bei ihrer Familienplanung zuversichtlich zu sein. Denn schließlich werden auch die Behandlungsmethoden immer besser.

(Erstveröffentlichung: 2007. Letzte Aktualisierung: 05.05.2021)

WDR

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