Glyphosat Studienkrimi

Symbol Totenkopf mit Schriftzug Glyphosat.

Anbaumethoden

Glyphosat Studienkrimi

Von Christiane Gorse

Sind Glyphosat-haltige Herbizide bedenklich für die menschliche Gesundheit? Löst dieser weit verbreitete Stoff vielleicht Krebs aus? Was hat es zu bedeuten, wenn Messungen über die Jahre eine anwachsende Dosis im Urin von Menschen feststellen? Die Studienlage ist nicht eindeutig und so streiten sich Wissenschaftler und Politiker, was besser ist: das für die Landwirtschaft so praktische Glyphosat weiter einzusetzen, oder auf Nummer sicher zu gehen und den Einsatz deutlich zurückzufahren.

Jahrzehntelang galt: alles harmlos!

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist seit mehr als 40 Jahren im Einsatz. Über Jahrzehnte sagten Zulassungs- und Gesundheitsbehörden in den USA, Kanada und auch die Weltgesundheitsorganisation, es gebe keinen Hinweis auf ein Krebsrisiko durch Glyphosat.

Doch seit einigen Jahren gerät das Totalherbizid zunehmend in die Kritik. In der EU stehen Pflanzenschutzmittel alle zehn Jahre erneut auf dem Prüfstand. Nur wenn sich keine gravierenden Nebenwirkungen zeigen, wird die Zulassung für ein Mittel verlängert.

Ein Traktor sprüht Glyphosat auf ein Feld.

Mit der Stimme der BRD bei der EU darf Glyphosat weiter auf die Felder gesprüht werden

Neue Überprüfung für die EU-Zulassung

2015 stand die Entscheidung über die Neuzulassung von Glyphosat wieder an. Daher beauftragte die EU 2014 das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die Studienlandschaft für das Herbizid erneut zu sichten. Mehr als tausend Studien bildeten die Basis für die Beurteilung. Das Institut kam zu dem Schluss,

dass bei derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand bei sach- und bestimmungsmäßiger Anwendung keine krebserzeugende, reproduktionsschädigende oder fruchtschädigende Wirkung durch den Wirkstoff Glyphosat anzunehmen ist. Es geht hier nur um den Wirkstoff von Glyphosat und nicht um die Pflanzenschutzmittel und wie sie angewendet werden.“ (Zitat Prof. Dr. Andreas Hensel, Direktor des BfR)

Die WHO schlägt Alarm

Im März 2015 dann der Paukenschlag: Wissenschaftler der IARC – der Internationalen Agentur für Krebsforschung einer Institution der Weltgesundheitsorganisation WHO – stuften Glyphosat in die zweithöchste Risikoklasse ein: „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“.

Im November 2015 bekam das IARC Rückendeckung von rund 100 internationalen Forschern. Sie erhoben in einem offenen Brief an die EU schwere Vorwürfe gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Die Wissenschaftler hielten die Analyse zum Unkrautvernichter in Teilen für "wissenschaftlich inakzeptabel".

Plakat mit Schriftzug der IARC.

Die IARC stuft Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend ein

Die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit EFSA reagierte auf die Diskussion unter den Wissenschaftlern und vertagte daraufhin die Entscheidung über die Neuzulassung von Glyphosat in der EU-Kommission auf Juni 2016.

Widerspruch gegen Krebsannahme

Mitte Mai 2016 erschien dann ein neuer Bericht, der dritte innerhalb von 14 Monaten – veröffentlicht vom Gremium JMPR, das sich aus Experten der Weltgesundheitsorganisation und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO zusammensetzt.

Dieses Mal wieder Entwarnung: Das Gremium kam zu dem Ergebnis, dass beim Verzehr von Lebensmitteln, die mithilfe von Glyphosat hergestellt wurden, wahrscheinlich kein krebserzeugendes Risiko zu erwarten sei. Diesem Urteil schloss sich das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) 2017 an und der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) stimmte im Alleingang bei der EU-Entscheidung für eine Verlängerung von weiteren fünf Jahren.

Bier und Brezeln auf einem Tisch.

Glyphosat konnte auch in Bier und Brot nachgewiesen werden

Kritische Stimmen

Nach wie vor gab es aber viele Wissenschaftler und Ärzte, die es nicht als ausreichend untersucht erachteten, wie sich ein konstant geringer Kontakt mit Glyphosat, wie etwa beim Verzehr von Brot, für den Menschen auswirkt.

Eine breit angelegte Langzeitstudie an amerikanischen Landwirten, die Glyphosat verwendeten, hatte gezeigt, dass es zu Lymphdrüsenkrebs kommen kann. Jedoch waren die Zahlen nicht sehr aussagekräftig. Eine erhöhte Gefahr sahen die Wissenschaftler möglicherweise für Leukämie. Sie forderten daher weitere Forschungen.

Studienkrimi - Der Streit um die Gesundheitsrisiken für Menschen Planet Wissen 14.05.2019 02:46 Min. Verfügbar bis 14.05.2024 SWR

Ausblick der Debatte

Auch in Deutschland riss die Kritik nicht ab und die neue Regierung von CDU/CSU und SPD schrieb 2018 ein mögliches Verbot von Glyphosat-haltigen Herbiziden in den Koalitionsvertrag.

In der Kritik steht nicht allein Glyphosat, sondern die intensive Landwirtschaft insgesamt, die jährlich viele Tonnen von Herbiziden, Insektiziden und Fungiziden versprüht – oft sogar als reine Vorsorgemaßnahme. Rückstände in Lebensmitteln und Gewässern sowie das Artensterben insbesondere von Insekten und Vögeln verunsichern auch heute noch viele Verbraucher.

Stand: 27.02.2019, 13:00

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