Gülle – Gefahr für unser Trinkwasser?  

Gülle als Problem für die Umwelt Planet Wissen 14.03.2017 02:42 Min. Verfügbar bis 14.03.2022 WDR

Anbaumethoden

Gülle – Gefahr für unser Trinkwasser?  

Von Renate Werner

In Deutschland werden etwa 830 Millionen Schweine, Rinder, Hühner und Puten gemästet – jedes Jahr. Sie produzieren Tonnen von Gülle, Mist und Jauche. Zu viel davon als Dünger auf unseren Feldern wird zur Gefahr fürs Trinkwasser.

Gülletourismus: Gülle aus Holland auf den Feldern der Eifel

In der Eifel ist Streit entbrannt: zwischen Anwohnern und Bauern. Sie streiten um Hühnerkot, Putenmist und Schweinegülle. Ausgerechnet hier, wo es kaum Tierställe gibt, landet immer mehr davon auf den Feldern.

Tankwagen karren die stinkende Brühe aus tierstarken Regionen wie dem Münsterland oder den Niederlanden Hunderte Kilometer über die Autobahn bis Grafschaft oder Bad Münstereifel.

Der Gülletourismus ist entstanden, weil bei der Fleischproduktion inzwischen so viele Fäkalien anfallen, dass mit ihnen gehandelt wird. Die Anwohner protestieren gegen diese Lieferungen, sie sehen ihr gutes Grundwasser in Gefahr.

Gülle auf einem Feld

Anwohner protestieren gegen die Gülle auf dem Feld

Anwohner wollen die Güllelieferungen stoppen

Gülle, Mist und Jauche sind organische Dünger. In ihnen stecken Stickstoff und Phosphat – Nährstoffe, die den Pflanzen helfen zu wachsen. Doch wenn zu viel davon aufs Feld gelangt, können die Pflanzen die Nährstoffe nicht mehr aufnehmen und gesundheitsschädliches Nitrat sickert ins Grundwasser.

In den Tiermastregionen sind die Böden teils schon so stark überdüngt, dass dort die stinkende Brühe nicht mehr auf die Felder darf. Denn zu viel Nitrat im Wasser ist laut EU-Nitrat-Richtlinie gesetzeswidrig.

Landwirtschaftliche Maschine bringt Gülle aufs Feld

1,5 Milliarden Liter Gülle landen jährlich auf unseren Feldern

Mehr als ein Drittel des deutschen Grundwassers ist schon jetzt in einem schlechten Zustand. Deshalb droht die Europäische Kommission mit einer Klage und Strafe in Millionenhöhe.

"Es ist ein Skandal, dass unsere Region immer mehr zu einem Entsorgungsort für Gülle aus Massentierhaltung wird", entrüstet sich Katharina Schmidt-Loske. Mit anderen Anwohnern der Eifel protestiert die Biologin gegen eine Politik, die den Gülletourismus ermöglicht.

Erst im vergangenen Jahr musste in Grafschaft das Trinkwasser mit Chlor versetzt werden, weil Kolibakterien in eine defekte Wasserleitung gelangten.

Katharina Schmidt-Loske auf einem Feld

Katharina Schmidt-Loske kämpft gegen den Gülletourismus

Gülle ist ein wertvoller organischer Dünger

Theo Münch kann die Aufregung nicht verstehen. Für den Eifelbauer ist der flüssige Mist ein wertvoller organischer Dünger und allemal besser als Kunstdünger. Münch profitiert von den viel günstigeren Güllelieferungen und plant bereits ein riesiges Gülle-Lagerbecken in Grafschaft. Wenn er Lagerraum zur Verfügung stellt, kann er aus Gülle Geld machen.

Bei der Fleischproduktion entstehen alleine in Deutschland jedes Jahr 1,5 Milliarden Liter Gülle. Immer mehr Tiere werden in immer größere Mastanlagen gepfercht, neue Megaställe sind im Bau. Ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht, künftig wird also immer mehr Gülle anfallen.

Bauer Theo Münch auf einem Feld

Theo Münch will ein Güllebecken bauen

Ist Gülle eine Gefahr für unser Wasser?

Das bereitet Wasserversorgern wie dem Oldenburg-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV) große Sorgen. Denn Nitrat sickert nur sehr langsam in die Tiefe.

"Was wir im Moment messen, sind die Auswirkungen der landwirtschaftlichen Nutzung von vor 30 Jahren. Was an Nitrat unterwegs ist, können wir nicht mehr ändern. Wir müssen aber dafür sorgen, dass kein neues hinzukommt", warnt Egon Harms, Geschäftsführer von Niedersachsen Wasser, einer Tochtergesellschaft des OOWV.

Für Wasserwerke ist Nitrat ein echtes Problem, denn die riesigen Filteranlagen reichen oft nicht mehr aus. Je schlechter die Beschaffenheit des Grundwassers, desto größer der finanzielle Aufwand, daraus Trinkwasser herzustellen.

Damit wir Leitungswasser bedenkenlos trinken können, muss in stark belasteten Regionen jetzt schon immer tiefer nach reinem Wasser gebohrt werden. Damit wird dann nitrathaltiges Wasser gestreckt.

Porträtfoto Egon Harms

Egon Harms warnt vor Nitrat im Grundwasser

Nitrat sickert aber Jahr für Jahr in immer tiefere Schichten, erklärt Egon Harms vom OOWV: "Wenn es immer so weitergeht, laufen wir Gefahr, dass irgendwann das Nitrat zu den Förderbrunnen durchbricht. Dann haben wir kein reines, unbehandeltes Trinkwasser mehr."

Das Trinkwasser der zukünftigen Generationen steht also auf dem Spiel, denn Nitrat verwandelt sich im Körper zu Stoffen, die als krebserregend gelten. Und es gibt noch ein Problem: Antibiotika, die in großen Tiermastanlagen häufig verabreicht werden, gelangen nicht nur ins Fleisch, sondern über die Ausscheidungen auch in die Umwelt.

Rückstände von Antibiotika lassen Boden- und Gewässerorganismen absterben und mit der Gülle können sogar Keime auf den Feldern landen, die Krankheiten verursachen. Wasserwerke entdeckten an einigen Messstellen sogar Antibiotika im Grundwasser und schlugen Alarm.

Nicht immer werden die Vorschriften eingehalten

Zum Schutz des Grundwassers regelt die Düngeverordnung, wann und wie viel Gülle, Mist und Jauche aufs Feld dürfen. Die Landwirtschaftskammern berichten aber: Immer wieder bringen Bauern Gülle zum falschen Zeitpunkt oder gegen die Vorschrift in viel zu großen Mengen aus.

Hinzu kommt, dass bei Unfällen und durch illegale Entsorgung alleine im letzten Jahr sieben Millionen Liter Fäkalien zusätzlich in die Umwelt gelangten.

Die meisten deutschen Mastställe gibt es im sogenannten Schweinegürtel um Cloppenburg und Vechta in Niedersachsen. Seit die Bodenbindung abgeschafft wurde, sind Stallbauten lukrativer geworden: Wer eine Tiermastanlage baut und darin zig-tausende Tiere hält, muss anders als früher keinen Quadratmeter Acker bewirtschaften.

Das Futter wird einfach angeliefert, große Mengen stammen aus Lateinamerika. Das System zielt darauf ab, mit möglichst niedrigen Kosten so viel wie möglich zu produzieren und es ist günstiger, einen Bauern zu finden, der die immensen Mengen an Fäkalien abnimmt, als zusätzlich eigenes Futter anzubauen und Felder zu bewirtschaften.

Ein Gülle-Lagerbecken

Stallbetreiber müssen Gülleüberschüsse lagern

Immer weniger Höfe mästen immer mehr Tiere

So mästen in Deutschland immer weniger Höfe immer mehr Tiere – Auswirkungen einer mächtigen Fleischindustrie, die den Preis mitbestimmt. Die Hälfte aller Schlachtungen in Deutschland liegt in der Hand von nur drei großen Konzernen: Tönnies, Vion und Westfleisch. Eine immense Menge Fleisch geht in den Export – die Gülle aber bleibt hier.

"Solange Bauern den Gülleüberschuss abnehmen, besteht das System der Überproduktion weiter. Damit wird aber das Problem nur größer – es gibt immer mehr Gülle", sagt der Niederländer Jan van Hoof, der die Aktivisten aus der Eifel unterstützt.

Ein Blick auf die EU-Agrarsubventionen zeigt: Weiter steigende Massenproduktion und Export sind politisch gewollt. Gleichzeitig ist in Deutschland die Lust ungebrochen, möglichst billiges Fleisch zu kaufen.

Weil die Güllebelastung auch mit dem Fleischkonsum zusammenhängt, isst die Aktivistin Katharina Schmidt-Loske nur selten Fleisch und wenn, dann bio. Denn auf Biohöfen leben zum Beispiel Schweine im Stroh und nicht auf nackten Spaltenböden, und der Schweinemist kommt auf die Äcker zurück, auf denen das Futter angebaut wurde. Wegen dieser Kreislaufwirtschaft sind Biohöfe gut für die Umwelt und das Grundwasser.

"Ich will nicht demnächst von meinen Kindern gefragt werden: Wieso hast du eigentlich nichts gemacht, du hast das doch gewusst, warum hast du das auf uns zukommen lassen? Die Probleme bekommt ja die nächste Generation und da ist dann nichts mehr zurückzudrehen", sagt die Biologin.

Ihre Tochter Sybilla lebt inzwischen sogar ganz vegetarisch. Eine individuelle Lösung gegen den allgemeinen Fleischhunger. In anderen Familien landen etwa 60 Kilo Fleisch pro Jahr und Person auf den Tellern.

Eng zusammenstehende Schweine in einem Stall

Moderne Schweinefleischproduktion

Stand: 31.05.2019, 14:00

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