Grüne Stadt

Fünf Menschen arbeiten in einem Gemüsebeet in Griechenland

Landwirtschaft in der Stadt

Grüne Stadt

Die Städte erblühen in sattem Grün – auf eine ganz besondere Weise gilt dies für immer mehr Gemeinden in Deutschland. Hier ist es ausdrücklich erwünscht, dass die Bürger tatkräftig mit anpacken, um städtische Grün- oder Brachflächen in Gärten zu verwandeln. "Betreten verboten" galt gestern. Heute heißt es: mitmachen, sich einbringen, austauschen.

Darum geht's:

  • Andernach stellt öffentliche Flächen für den Gartenbau zur Verfügung.
  • Jeder Bürger darf mithelfen und ernten.
  • Die Pflanzenvielfalt ist in Städten besonders groß.
  • Im Berliner Prinzessinnengarten darf jeder gärtnern.
  • Die Beete sind mobil und können verlegt werden.

Andernach – eine Stadt zum Anbeißen

Eine junge Frau pflückt leuchtend rote Tomaten und schneidet saftig grünen Schnittlauch für einen leckeren Salat. Männer buddeln Kartoffeln aus der Erde. Ein knackiger Kohlrabi fürs Mittagessen liegt bereits im Korb einer älteren Dame.

Solche oder ähnliche Szenen spielen sich im Sommer zur Erntezeit in Andernach ab. Und zwar nicht etwa in Privatgärten, sondern auf öffentlichen Grünflächen der Stadt. Dort gibt es frisches Gemüse nicht nur komplett in Bioqualität, sondern auch noch zum Nulltarif.

Die Gartenbauingenieurin Heike Boomgaarden hat sich im Jahre 2010 einen Traum erfüllt: Sie ließ das Städtchen am Rhein neu erblühen – und lud sämtliche Bürger Andernachs ein, sie dabei zu unterstützen.

Jeder konnte daran mitwirken, aus städtischen Parkanlagen öffentliche Gärten zu kreieren. Jeder durfte säen und ernten, Unkraut jäten, Beete anlegen oder Zwiebeln setzen und dabei sein Wissen einbringen oder sein Nichtwissen verringern.

Zwei Menschen ernten vor der Burg in Andernach einen Kohlkopf

Bio-Lebensmittel zum Nulltarif

Andernach – die essbare Stadt

Natürlich kann das angebaute Obst und Gemüse die Stadt Andernach mit seinen rund 29.000 Einwohnern nicht versorgen. Vielmehr geht es in der "essbaren Stadt" darum, das Wachsen und Gedeihen von Bohnen, Möhren und Co. zu erleben und aktiv mitzugestalten.

Ein willkommener Nebeneffekt: Die Bürger sind stolz auf ihre grüne Stadt. Das gemeinsame Wirken und Werkeln habe Andernach kommunikativer und lebendiger gemacht, urteilt Gartenexpertin Boomgaarden.

Städte bieten große Artenvielfalt

Die Fülle an unterschiedlichen Pflanzenarten ist in Andernach besonders groß – nicht zuletzt durch die vielen engagierten Gärtner. Jeweils 100 verschiedene Tomaten- und Bohnensorten entrissen sie der Vergessenheit. Seltene Pflanzen wie den Diptam und die Hauswurz brachten sie aus den umliegenden Weinbergbrachen in die Stadt.

Doch auch jenseits solcher Gartenprojekte ist die Artenvielfalt in den Städten teilweise größer als auf dem Land. Freilich konzentriert sie sich im urbanen Umfeld vor allem auf eng verwandte Arten, die sich den städtischen Umweltbedingungen gut anpassen können.

Ein Beispiel dafür sind die Korbblütler, eine der weltweit artenreichsten Pflanzenfamilien. Löwenzahn, Ringelblumen und Gänseblümchen, allesamt dieser Familie angehörig, gedeihen prächtig auf Stadtboden.

Mehrere Umstände begünstigen den urbanen Reichtum an unterschiedlichen Arten: Oft entstanden Städte an Orten, an denen es von jeher besonders grünte und blühte, wie an Flüssen und Auen.

Oberdrein finden Pflanzen in Städten vielfältige Biotope auf engem Raum, angefangen bei Gärten und Parkanlagen über Friedhöfe bis hin zu kleinsten Ritzen im Asphalt. Schließlich gelangt Saatgut heutzutage mühelos in Städte, Autos und Züge gewähren ihm unwissentlich gute Mitfahrgelegenheiten.

Eine pinke Blume wächst neben einer Straße

Pflanzen nutzen selbst die kleinsten Ritzen im Asphalt

Der Prinzessinnengarten in Berlin

1400 Beete auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern, die täglich beackert werden – und das mitten in Berlin, am Moritzplatz in Kreuzberg. Dort verwandelten 150 freiwillige Helfer ödes Brachland voller Unrat in eine grüne Insel mitten im Stadtgetümmel.

Seit Sommer 2009 ist der Prinzessinnengarten ein frei zugänglicher Gemeinschaftsgarten, der jährlich stolze 50.000 Besucher aus aller Welt anlockt.

Die können dort allerlei bunte Eindrücke sammeln: Hobbygärtner jeden Alters und unterschiedlicher Herkunft rupfen und zupfen, graben und hacken, pflanzen und gießen. Junge Menschen treffen auf alte, Arbeiter auf Akademiker, Russen auf Türken, Chinesen auf Deutsche.

Der Gemeinsinn wird großgeschrieben und das Verständnis für fremde Kulturen gefördert: Beim Austausch von Kochrezepten und Saatgut kommen die Freizeitgärtner sich leichter näher als in manchem Schrebergarten, wo Besitzer lieber für sich sein wollen. Die Pflanzenfreunde im Prinzessinnengarten schätzen das Wir-Gefühl.

Dynamisch sind im Prinzessinnengarten nicht nur die Menschen, sogar die Beete sind mobil. Fenchel, Rettiche und andere Gemüsesorten wachsen hier nicht im Boden, sondern in ausrangierten Brotkisten, Reissäcken und Tetra-Packs.

Diese findige Idee entstand nicht ohne Grund: Sollte den Hobbygärtnern einmal das Nutzungsrecht für die Fläche fehlen, kann die Stadtoase mitsamt ihrem bepflanzten Sack und Pack weichen und ihre Pforten auf einem anderen Fleckchen Erde öffnen.

Kohl wächst im Prinzessinnengarten am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg

Für Jeden frei zugänglich: der Prinzessinnengarten

Autorin: Leonie Schmid

Stand: 02.08.2017, 11:44

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