Karl Ludwig Schweisfurth

Ein älterer Herr steht auf einer Wiese und stützt sich mit einem Hirtenstab ab.

Bio-Lebensmittel

Karl Ludwig Schweisfurth

Von Birgit Amrehn

Karl Ludwig Schweisfurth war einst der Chef von "Herta", Europas größtem Wurstwarenhersteller. Er regierte über 5500 Mitarbeiter und zehn Fabriken mit einem Jahresumsatz von 1,5 Milliarden D-Mark. 1984 verkaufte er sein Imperium, um die Vision von einer achtsamen Lebensmittelherstellung zu verwirklichen: eine biologische Landwirtschaft, in der Lebensmittel verantwortungsvoll hergestellt werden. Was wie zwei komplett verschiedene Leben anmutet, ist bei näherem Hinsehen die konsequente Weiterführung persönlicher Werte.

Aus "Schweisfurth" wird "Herta"

Karl Ludwig Schweisfurth kommt am 30. Juni 1934 im westfälischen Herten auf die Welt. Zu diesem Zeitpunkt ist aus dem kleinen Metzgerladen seiner Großeltern bereits eine erfolgreiche Wurstfabrik mit mehreren Filialen geworden. 1947 führt das Familienunternehmen Schweisfurth zum 50. Firmenjubiläum den Markennamen "Herta" ein.

Karl Ludwig wächst als einziger Sohn im Unternehmen auf und wird als zukünftiger Firmenchef ausgebildet. Nach seinem Abitur absolviert er eine Metzgerlehre im Familienbetrieb und wird auf Wanderschaft in verschiedene fleischverarbeitende Betriebe geschickt.

Sein anschließendes Studium der Betriebswirtschaft unterbricht Karl Ludwig 1955, um ein verlockendes Angebot seines Vaters anzunehmen: eine Studienreise des "Verbandes der deutschen Fleischwarenindustrie" in die USA.

Die Masse macht's

In Deutschland ist die Fleischverarbeitung noch sehr traditionell und handwerklich. Wenig ist standardisiert. So werden auch bei "Herta" die Schweinehälften noch auf der Schulter über den Hof getragen.

In Amerika erlebt Karl Ludwig eine ganz andere, hoch technologisierte Arbeitswelt. Fasziniert beobachtet er, wie ganze Rinder am Fließband in kürzester Zeit zerlegt werden. Dass das abgetrennte Fleisch anschließend durch Rutschen in andere Etagen des Gebäudes der weiteren Verarbeitung zugeführt wird, beeindruckt ihn zutiefst. Höchste Produktivität ohne Stillstand – das soll es auch zu Hause bei "Herta" geben.

Wieder daheim überzeugt Karl Ludwig seinen Vater, den Familienbetrieb nach amerikanischem Vorbild umzubauen. Und zu seiner Überraschung wird er persönlich damit beauftragt. In Deutschland absolute Pionierarbeit, für den 25-jährigen Karl Ludwig Schweisfurth eine ungeheuerliche Verantwortung. Doch er ist erfolgreich. Das Geschäft boomt dank der neuen Technologie.

Schwarzweiß-Foto: Vor einer großen Fabrik sind unzählige Gatter mit Vieh.

Die Schlachthöfe in Chicago

Krisenstimmung

In den 1980er Jahren verwurstet "Herta" jede Woche bis zu 25.000 Schweine und 2000 Rinder. Die Massenproduktion spült Geld in die Kassen. Doch sie hat auch Schattenseiten: Karl Ludwig, im Herzen der Kunst des Metzgerhandwerks verpflichtet, bemängelt die schlechte Fleischqualität durch die benötigte Massentierhaltung.

Er sieht, dass altes Metzgerkönnen durch die Standardisierung der Wurstwarenherstellung in Vergessenheit gerät. Und dann der immense Preisdruck auf dem Wurstmarkt: Für ihn persönlich wichtige Unternehmensaspekte, wie Mitarbeiterfürsorge oder Kunst am Arbeitsplatz, lassen sich kaum mehr finanzieren.

Letztendlich sind es jedoch seine heranwachsenden drei Kinder, die den Unternehmer ins Grübeln bringen. Vor allem seine zwei Söhne Karl und George halten ihm die damals aufkommenden Ideen vom ökologischen Landbau und artgerechter Tierhaltung vor.

Als sich Schweisfurth daraufhin in Mastbetrieben ein Bild von der Massentierhaltung macht, wird ihm klar, dass Fleisch von derart gequälten Tieren keine lebensfördernde Nahrung sein kann.

Seine Söhne kritisieren aber auch Schweisfurths Lebensstil, von Fabrik zu Fabrik zu hetzen. Sie entfernen sich immer mehr von ihrem Vater und lehnen es ab, "Herta" eines Tages zu übernehmen. Schweisfurths Ehe ist bereits gescheitert. Die Familie droht auseinanderzubrechen.

Die Vision

In dieser Lebenskrise fährt Schweisfurth Ende 1983 mit seiner zweiten Ehefrau Dorothee zum Fasten nach Spanien. Dort hat er eine Vision: Er muss zurück zu den Wurzeln der Lebensmittelherstellung. Ähnlich wie früher in einem Dorf, möchte er verschiedene Handwerksbetriebe unter einem Dach ansiedeln: Bäckerei, Käserei, Metzgerei, Schlachthaus, Brauerei, Hofladen und Restaurant.

Die Betriebe sollen in alter Handwerkskunst wieder Lebensmittel in höchster Qualität herstellen. Alle Zutaten entstammen entweder dem eigenen Bio-Bauernhof oder der regionalen biologischen Landwirtschaft.

Noch in Spanien fasst er den Entschluss, für diese Vision alles aufzugeben. 1984 verkaufte er Herta an Nestlé.

Ein Metzger prüfet einen Schinken.

Gutes altes Metzgerhandwerk

Die "Herrmannsdorfer Landwerkstätten"

1985 gründet Schweisfurth in München eine Stiftung und stattet sie mit 15 Millionen D-Mark aus. Sie soll die Erforschung des ökologischen Landbaus fördern. Ein Jahr später kauft Schweisfurth ein großes Gut, 30 Kilometer südöstlich von München, und gründet die "Herrmannsdorfer Landwerkstätten". Neben der ökologischen Landwirtschaft entsteht hier sein Traum von den handwerklichen Betrieben unter einem Dach. Vom Experiment des Vaters fasziniert, kehren die Söhne zurück.

Dass die Schweisfurths Spinner sind, davon sind in Oberbayern viele überzeugt. Als Pionier der ökologischen Landwirtschaft muss Karl Ludwig viele Dinge neu ausprobieren und zahlt Lehrgeld. Erst nach zehn Jahren Durststrecke werfen die Herrmannsdorfer Landwerkstätten Gewinn ab.

Heute sind sie längst zu einer Erfolgsstory geworden: knapp 200 Angestellte, zwölf Geschäfte in München und 15 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Karl Ludwig Schweisfurth zeigt damit, dass sich Achtsamkeit, Ethik und Moral in der Lebensmittelherstellung auch unternehmerisch umsetzen lassen. 1996 hat Sohn Karl den Betrieb übernommen.

Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten 04:20 Min. Verfügbar bis 15.09.2020

Symbiotische Landwirtschaft

Seitdem experimentiert Vater Karl Ludwig Schweisfurth auf zehn Hektar Land mit der Tierhaltung und gründet die Symbiotische Landwirtschaft. Wie auch in natürlichen Ökosystemen leben die verschiedenen Tierarten zusammen und profitieren voneinander.

So erleichtern die Schweine den Hühnern die Wurmsuche, indem sie den Boden durchpflügen. Die Hühner picken dafür auch lästige Parasiten auf. Ziel ist es, gerade kleineren Bauern mit schlechteren Böden eine arbeitssparende und gewinnbringende Alternative zur Agrarindustrie zu bieten.

Schweine und Hühner zusammen auf einer Wiese.

Tiere wieder vereint

Literaturtipp

Karl Ludwig Schweisfurth
Der Metzger, der kein Fleisch mehr isst
Oekom Verlag München (2014)
ISBN: 978-3865814708

Stand: 21.12.2015, 15:00

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