Du bist, was du isst: Warum wir Fleisch essen

Porträtfoto von Christoph Klotter

Fleisch

Du bist, was du isst: Warum wir Fleisch essen

Von Barbara Garde

Fleisch zu essen, ist für uns selbstverständlich – Tiere zu töten oder beim Schlachten zuzuschauen, fällt uns aber schwer. Ein Paradox? Wir sprechen mit dem Ernährungspsychologen Prof. Christoph Klotter darüber, wie sich unser heutiger Fleischkonsum entwickelt hat.

Planet Wissen: Wir essen gern und viel Fleisch. Aber wir haben große Schwierigkeiten, Tiere selbst zu schlachten, zu zerlegen oder auch nur dabei zuzuschauen. Warum ist das so?

Christoph Klotter: Das sind zwei Stränge. Der Soziologe und Zivilisationsforscher Norbert Elias hat gesagt, dass der zivilisatorische Prozess den Akt des Tötens hinter die Kulissen verschieben lässt: Wir metzeln unseren Kriegsgegner nicht mehr persönlich nieder, wir töten unser Suppenhuhn nicht mehr selbst.

Und der zweite Strang: Wenn wir etwas essen, wenn wir etwas zwischen unseren Zähnen zermalmen, dann machen wir uns objektiv schuldig. Etwas wird getötet, zerstört, damit wir es essen. Und das wollen wir eigentlich nicht wahrhaben. Wir wollen gute, moralische Menschen sein.

Deswegen schieben wir den Gedanken an das ehemalige Tier weg, soweit es geht. Wir sehen gar kein Tier mehr im Fleisch. Das Fleisch im Supermarkt soll nicht nach Fleisch riechen, nicht bluten. Wir essen auch lieber Hühnerbrust als Keule – und Füße gehen schon gar nicht.  Wir wollen nicht wirklich an das Tier erinnert werden, das wir da essen.

Gebratene Hähnchenbrust

Fleisch soll heute möglichst wenig nach Tier aussehen

Warum essen wir dann trotzdem Fleisch?

Fleischessen wird seit jeher mit Macht, Ansehen, Wohlstand gleichgesetzt. In früheren Zeiten durften nur Adlige jagen und regelmäßig Fleisch essen. Erst seit rund 200 Jahren haben hier bei uns alle Menschen Zugang zu Fleisch.

Seitdem haben wir uns an unsere tägliche Portion Wurst, Ragout und Steak gewöhnt. Wir wachsen damit auf und wir verbinden mit dem Fleischessen gute Erinnerungen: das Weihnachtsessen in der Familie, die Kinderwurst-Scheibe an der Metzgertheke, der erste Burger.

Fleischessen ist weitgehend positiv besetzt – Gemüseessen nicht. Und: Fleisch ist bei uns ein sehr billiges Lebensmittel, das darüber hinaus auch immer verfügbar ist in Form von Fast Food: Döner, Burger, Chicken Nuggets, Currywurst… Als sich in den 1970er Jahren die Fast-Food-Ketten ausbreiteten, war der Fleischkonsum erst einmal sprunghaft angestiegen.

Eine Frau isst einen großen Burger

Mit Ausbreitung der Fast-Food-Ketten stieg der Fleischkonsum sprunghaft an

Männer essen doppelt so viel Fleisch wie Frauen. Warum?

Viele Männer haben in ihrem Selbstbewusstsein verinnerlicht, dass ihnen Fleisch als Nahrung zusteht, dass es essenziell für sie ist. Frauen sind nach der herkömmlichen Geschlechterrolle eher zurückhaltend, beanspruchen keine Machtposition, auch nicht am Grill, die essen dann den Salat.

Für die Nachfahren der Mammutjäger, die Grill-Enthusiasten von heute, ist das Barbecue  auch oft eine Fortsetzung des großen Horden-Lagerfeuers mit anderen Mitteln. Damals bekam der Chef das meiste Fleisch, das wirkt vielleicht heute noch nach.

Und man darf nicht vergessen: Die Fähigkeit zum Jagen hat uns in der Nahrungskette ganz nach vorne gebracht. Indem der Homo sapiens den Spieß umgedreht hat, wurde er zum Herrscher der Welt: Er war nicht mehr Beute, er aß die Beute. Fleisch essen ist immer noch auch eine Machtfrage.

Zeichnung: Cro-Magnon-Menschen jagen ein Mammut

Die Fähigkeit zum Jagen brachte den Menschen in der Nahrungskette weit nach vorne

Aber das ändert sich ja gerade etwas. Fast jeder zweite Deutsche sagt von sich, dass er nur noch wenig Fleisch isst.

Fleischessen ist nicht mehr so angesagt. Da werden auch einige sagen, sie essen sehr wenig Fleisch, um der Erwartungshaltung zu entsprechen. Aber es stimmt, dass im Schnitt jedes Jahr ein Schlachtbetrieb in Deutschland schließt.

Aber wir sind noch weit entfernt von der fleischfreien Ernährung. Wir haben in Deutschland eine Premiumversorgung mit Lebensmitteln. Wir brauchen uns ums Überleben keine Sorgen zu machen. Wir haben 170.000 Lebensmittelprodukte im Angebot. Das erlaubt uns den Luxus, Ernährung zum Teil unseres Selbstbildes zu machen.

Heute steckt hinter der Aussage "Ich bin Vegetarier oder Veganer" eine ganze Lebenshaltung: Man ist empathisch, tolerant, umweltbewusst, tritt für Tierrechte ein. Andererseits entlastet es auch, wenn man das riesige Angebot für sich einschränkt, indem man zum Beispiel alle Tierprodukte ausschließt. Das bringt Ordnung ins Leben.

Andererseits wird Fleischessen aber auch von einigen vehement vertreten.

Stimmt: Es gibt Hochglanzzeitschriften wie "BEEF – Männer kochen anders"; es gibt  Beef-Clubs, wo das Fleisch reift wie sonst nur guter Wein. Da wird versucht, das Fleisch wieder zu etwas Exklusivem zu machen – weg vom Billigfleisch.

Und es gibt eine Strömung, die die Wissenschaft Karnismus nennt: das offensive Konsumieren von Fleisch. Solche eingefleischten Fleischesser propagieren, dass Fleischessen natürlich (der Mensch ist als Allesfresser angelegt), normal (alle essen Fleisch) und notwendig ist (der Mensch braucht Fleisch, um gesund zu bleiben).

Und stimmt das?

Es stimmt, dass der Mensch ein Allesfresser ist. Das war in früheren Zeiten überlebensnotwendig. Man hat gegessen, was man kriegen konnte und war da nicht wählerisch – das konnten sich unsere Vorfahren auch nicht leisten. Die hatten keinen Supermarkt um die Ecke.

In unserer Gesellschaft ist es normal, Fleisch zu essen. Aber es ist historisch betrachtet noch nicht so lange normal. Fleischkonsum für alle gibt es erst seit der Industrialisierung der Fleischerzeugung.

Das ist also kein gottgegebener Zustand und kann sich ändern – zumal in anderen Ländern der Fleischkonsum ganz anders aussieht. Da werden Hunde, Insekten oder Ratten gegessen und unsere Fleischeslust an Schweinen und Rindern wird dort als ekelig oder unrein empfunden. Normal ist eben immer sehr relativ.

Und was die Notwendigkeit angeht: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sagt, dass eine vegetarische Ernährung völlig ausreichend ist, um gesund zu bleiben. Veganern fehlt das Vitamin B12. Das muss dann über Nahrungsergänzungsmittel aufgenommen werden.

Schweinehälften in einem Schlachtbetrieb

Raubtier Mensch: Rund 60 Millionen Schweine werden in Deutschland jährlich geschlachtet

Aber evolutionstechnisch betrachtet sind wir doch Fleischfresser, oder?

Evolutionsbiologisch hat uns das Fleischessen wahrscheinlich weitergebracht. Das Gehirn ist gewachsen. Der Körper verwertet Fleisch besonders gut, denn der Bauplan des tierischen Organismus ist dem menschlichen näher als der Bauplan von Pflanzen.

Aber dieser evolutionäre Schritt ist seit langem abgeschlossen. Wir haben uns als Raubtiere in den jetzigen Stand versetzt. Aber jetzt brauchen wir das zum Überleben nicht mehr und wir sind hier in Europa in der angenehmen Situation, dass wir selbst entscheiden können, was wir essen und wie wir leben wollen.

Also: Du bist, was du isst?

Genau. Wir müssen uns klarmachen, dass dieses Ausmaß an Fleischkonsum unsere Lebensgrundlage auf diesem Planeten zerstören wird. Eine Fleischerzeugung wie wir sie betreiben, ist nicht effektiv.  Um ein Kilogramm tierisches Eiweiß zu gewinnen, müssen wir sechs Kilogramm pflanzliches Eiweiß verfüttern.

Ich bin kein Freund von dogmatischen Haltungen: Warum nicht immer mal wieder ein gutes Stück Fleisch essen? Aber wir müssen wissen, was wir da essen, und das Tier hinter dem Braten, dem Döner, der Currywurst nicht ausblenden.

Meine Großeltern hatten einen Bauernhof. Da hat der Opa samstags das Huhn Susi geschlachtet, damit es sonntags einen Braten gab. Mich hat das als Kind befremdet, dass die Susi da auf dem Teller lag, aber lecker war es schon.

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Stand: 26.04.2018, 10:12

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