Der Fliegenpilz

Mehrere Fliegenpilze

Gift- und Speisepilze

Der Fliegenpilz

Als Glückssymbol ziert er Geburtstagskarten. In Kinderliedern und Märchen hat er seinen festen Platz. Und in der Vorstellung vieler Menschen zählt er zum unverzichtbaren Handwerkszeug von Hexen und Zauberern: der geheimnisumwitterte Fliegenpilz. Um ihn ranken sich zahlreiche Legenden – dabei ist die Wahrheit oft schon überraschend genug.

Fliegen kann der Pilz nicht töten

Der Fliegenpilz als Fliegenfalle – so lautet eine der Erklärungen dafür, wie der Pilz zu seinem Namen kam. Angeblich schnitten die Menschen früher den Pilz in kleine Stücke und legten ihn in gezuckerte Milch ein. Man glaubte, wenn die Fliegen davon naschten, fielen sie tot um.

Das stimmt so aber nicht. In Versuchen hat sich herausgestellt: Die Fliegen fallen zwar um, sind aber nur betäubt. Nach einiger Zeit fliegen sie munter weg. Es sei denn, man hat vorher mit der Fliegenklatsche nachgeholfen. Ebenfalls aus dem Reich der Mythen stammt wohl auch die Erklärung, der Pilz besitze die Kraft, Menschen fliegen zu lassen.

Am wahrscheinlichsten erscheint Folgendes: Im Mittelalter galten Fliegen als Symbol des Wahnsinns. Wer vom Fliegenpilz isst, ihn raucht oder anders zu sich nimmt, kann plötzlich Halluzinationen bekommen. Toben, wüten, phantasieren – das sind Zeichen des Wahnsinns.

Zu dieser Erklärung passt auch eine andere Bezeichnung für den Fliegenpilz: Narrenschwamm. Auch dass der Fliegenpilz als Glückssymbol gilt, könnte an seiner berauschenden Wirkung liegen. Vielleicht aber auch einfach daran, dass er so schön bunt und lustig aussieht.

Fliegenpilz, Hufeisen, Kleeblatt und Marienkäfer

Glücksbringer Fliegenpilz

Die Punkte sind abwaschbar

Der Fliegenpilz gehört zur Gattung der Wulstlinge, zu der auch der besonders giftige Grüne Knollenblätterpilz gehört. Er tritt bei uns vor allem zwischen Juli und Oktober in Erscheinung und steht meist unter Fichten und Birken.

Der rote Pilz wird bis zu 20 Zentimeter groß, sein Hut fast ebenso breit. Seine Haut ist leuchtend rot und mit den charakteristischen weißen Tupfern gesprenkelt. Sie sind nichts anderes als Reste der Hülle, Velum genannt, in der der Pilz in seiner Jugend zum Schutz der Sporen steckt. Die Schuppen können weggespült werden, wenn es stark regnet.

Fliegenpilze unter Fichte

Fliegenpilze siedeln sich gerne in der Nähe von Fichten an

In Japan eine Spezialität

Die meisten Menschen halten den Fliegenpilz für einen tödlichen Giftpilz. Einige essen ihn aber auch – nicht wegen seiner berauschenden Wirkung, sondern als Speisepilz. In Teilen Japans gilt der Pilz als leckere Spezialität.

Auch in der Gegend in und um Hamburg standen Fliegenpilze früher auf dem Speisezettel. Einige ältere Leute können sich noch an die Zubereitung erinnern. Die Inhaltsstoffe im Pilz, die für Gift- und Rauschwirkung verantwortlich sind, befinden sich hauptsächlich in der Huthaut und sind größtenteils wasserlöslich. Die rote Haut wurde deshalb entfernt und der Pilz in kleine Stücke geschnitten.

Die Stücke wurden 24 Stunden in Wasser eingelegt. Anschließend schüttete man das Wasser weg und briet den Pilz in der Pfanne. Trotzdem bleibt das Risiko einer Vergiftung groß. Deshalb verschwand der Fliegenpilz in Deutschland komplett vom Speiseplan. Und vom Selbstversuch ist dringend abzuraten.

Fliegenpilz im Vordergrund, im Hintergrund Spaziergänger

Pilzsammler sollten um Fliegenpilze lieber einen Bogen machen

Frische Fliegenpilze enthalten bis zu ein Prozent der giftigen Ibotensäure. Diese Säure wandelt sich in Muscimol um, den Stoff, der zu Halluzinationen führt, wenn der Pilz getrocknet wird. Auch das Gift Muscarin kommt im Fliegenpilz vor, allerdings nur in so geringen Spuren, dass es keinen Beitrag zur Giftwirkung leistet.

Fliegenpilzvergiftungen können zu schweren Gesundheitsstörungen, aber nur in sehr seltenen Fällen zum Tode führen. Das Nervengift des Pilzes ist vor allem für Menschen mit starken Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefährlich. Man geht davon aus, dass Vergiftungen durch Fliegenpilze nur etwa ein bis zwei Prozent aller Pilzvergiftungen ausmachen.

Ein allseits begehrtes Rauschmittel

Die Germanen glaubten, Fliegenpilze würden überall dort wachsen, wo Schaum aus dem Maul von Wotans Pferd auf die Erde getropft sei. Wotan war nicht nur der Toten- und Kriegsgott, sondern auch der Gott der Ekstase. Da der Fliegenpilz die Aggressivität steigern kann, soll er für die berühmt-berüchtigten Wutausbrüche der Berserker verantwortlich gewesen sein.

Der germanische Gott Wotan reitet auf seinem Pferd durch die Wolken.

Wotans Pferd säte den Fliegenpilz

Die Priester der Maya sollen ihn geraucht haben, um zu göttlichen Visionen zu kommen. Im alten Indien trank man den Saft des Fliegenpilzes angeblich bei kultischen Handlungen. Bis heute ist umstritten, ob der heilige Trank Soma aus Fliegenpilzen zubereitet wurde.

Auch die sibirischen Schamanen sammelten den Pilz, um sich damit in Ekstase zu versetzen. Der Fliegenpilz galt den sibirischen Völkern als das materialisierte göttliche Fleisch, das den Konsumenten mit der spirituellen Welt verschmelzen lässt.

Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich der Fliegenpilz in Sibirien zu einer Modedroge. So berichtet der englische Reisende Oliver Goldsmith von Festen eines Volkes, den Korjaken, bei denen ein Sud aus Fliegenpilzen gereicht wurde. "Wenn die hohen Damen und Herren versammelt sind", schrieb Goldsmith, "macht der Pilzsud seine Runde. Sie beginnen zu lachen, erzählen Unsinn, werden zunehmend beschwipst und somit zu ausgezeichneten Gesellschaftern."

Die Pilze waren so begehrt, dass für ein einzelnes Exemplar manchmal ein ausgewachsenes Rentier bezahlt wurde. Natürlich waren auch die ärmeren Leute an den berauschenden Pilzen interessiert. Deshalb legten sie sich angeblich auf die Lauer und warteten, bis die Damen und Herren der Gesellschaft zum Wasserlassen herauskamen, fingen den Urin auf und tranken ihn. Denn die Wirkung wird durch die Filtration im Körper nicht gemindert.

Nicht nur in Sibirien, sondern auch in Europa sollen Fliegenpilze konsumiert worden sein. In Schottland trank man sie angeblich in Whisky aufgelöst. Finnen und Latten sollen den Urin von Rentieren getrunken haben, denen sie vorher Fliegenpilze zu fressen gegeben hatten.

Im Rausch verändern sich die Dimensionen

Ob geraucht, gekaut oder getrunken – die Wirkung des Pilzes wird ähnlich beschrieben: Hochgefühl und Halluzinationen. Raum- und Zeitvorstellungen, Sprache und Denken und das Gefühl für Dimensionen werden verändert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kommt es zu Übelkeit, Schwindel und Schläfrigkeit.

Anschaulich beschrieb der britische Schriftsteller Lewis Carroll den Pilzrausch in seinem berühmten Kinderbuch "Alice im Wunderland": Die Raupe mit der Wasserpfeife gibt Alice den Tipp, von dem Pilz zu essen, um wieder zu ihrer normalen Größe zurückzufinden: "Von der einen Seite wirst du kleiner und von der anderen größer." Doch der Pilz ist unberechenbar. Mal stößt Alice mit dem Kinn an ihren Fuß, mal blickt sie über die Baumwipfel bis sie endlich vorsichtig knabbernd wieder ihre Normalgröße erlangt.

Porträtfoto von Lewis Carroll

Lewis Carroll beschreibt die Wirkung des Fliegenpilzes in "Alice im Wunderland"

Autorin: Katrin Mock

Stand: 24.04.2018, 13:48

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