Warum wir sprechen können

Evolution: Warum wir sprechen können Planet Wissen 06.09.2017 02:57 Min. Verfügbar bis 06.09.2022 ARD-alpha

Sprache

Warum wir sprechen können

Von Tanja Fieber und Florian Guthknecht

Genetische Mutationen

Vor fünf bis sieben Millionen Jahren entwickelten sich Menschen und Menschenaffen getrennt. Seitdem gab es etwa 20 Millionen genetische Mutationen, schätzt der Genetiker Professor Wolfgang Enard von der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Enard geht davon aus, dass ein paar davon dazu geführt haben, dass wir aufrecht gehen, keine Ganzkörperbehaarung mehr haben und dass wir sprechen können. Denn die Fähigkeit des Menschen zu sprechen, ist einzigartig im Tierreich.

Kultur ist eine Fähigkeit

"Eine entscheidende Fähigkeit des Menschen ist die Fähigkeit zur Kommunikation, die Fähigkeit zur Kultur. Das ist vielleicht unsere Hauptfähigkeit und unsere ökologische Nische.

Affen haben zwar auch Kultur, aber bei weitem nicht in diesem Maß. Das heißt, wir müssen die Information von einer Generation zur nächsten bringen. Und dabei investieren wir unglaublich viel und das ist vor allem Sprechen und Sprache lernen. Jeder, der ein Kind hat aufwachsen sehen, weiß, wieviel Kinder in dieses Sprechen-Lernen investieren."

Professor Wolfgang Enard, Genetiker, LMU München

Fox P2 – unser Sprechgen

Menschenaffen zeigen zwar auch ein hochkomplexes, menschenähnliches Sozialverhalten und lernen schnell, doch sprechen können sie nicht. Wolfgang Enard macht dafür ein Gen verantwortlich: Fox P2. Menschenaffen haben es und wir Menschen auch, aber minimal verändert. Dieser kleine Unterschied könnte große Folgen gehabt haben: Der Mensch fing an zu sprechen.

"Fox P2 ist ein Gen oder eine Anleitung für ein Eiweiß, das reguliert andere Gene. Wenn das kaputtgeht – man bekommt ja immer zwei Kopien von Mama und Papa – wenn eine davon kaputt ist, bekommt man sehr spezifische Probleme, sprechen zu lernen. Man lernt schon sprechen, aber man kann sich nicht richtig artikulieren.

Das ist das einzige Gen, von dem wir wissen – es gibt aber bestimmt mehr – von dem wir wissen, dass es so spezifisch das Sprechen betrifft. Es ist ein Sprechgen. Dieses Fox P2 gibt es auch bei Mäusen, bei allen, aber es hat sich beim Menschen an zwei Stellen geändert und diese Änderungen haben vielleicht etwas mit unserer Fähigkeit, sprechen zu lernen, zu tun."

Professor Wolfgang Enard, Genetiker, LMU München

Wie unser Sprechgen gefunden wurde

Fox P2 wurde gefunden, weil es eine Familie mit einer auffälligen Krankheit gab. Ein paar Familienmitglieder hatten sehr spezifische Probleme beim Sprechen lernen. Bei Untersuchungen stellten Forscher fest, dass alle Familienmitglieder mit Sprach-Schwierigkeiten nur eine funktionsfähige Kopie (statt zwei Kopien) von Fox P2 hatten. So wurde unser Sprechgen isoliert.

Von Menschen und Mäusen

Auch Mäuse haben eine Variante von Fox P2 – doch wie Affen sprechen sie nicht. Sie piepsen und geben Ultraschalllaute von sich, die wir Menschen nicht hören können.

Um seine Theorie vom menschlichen Sprechgen zu überprüfen, setzte Wolfgang Enard Mäusen die menschliche Variante von Fox P2 ein. Als erstes fiel dem Genetiker auf, dass sich die Mäuse aktiver verhielten als ihre Artgenossen.

Als Enard nicht behandelte Mäuse in einem zweiten Käfig dazusetzte und ein Mikrofon installierte, stellte er fest, dass sich die Frequenz der Ultraschalllaute bei den behandelten Mäusen leicht verändert hatte.

Die tierische und die menschliche Fox P2-Varianten unterscheiden sich nur minimal, könnte aber ein entscheidender Baustein in der Evolution des Sprechens gewesen sein.

Stand: 06.09.2017, 09:22

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