Wirksame Therapien gegen Stottern

Mund formt ein "L", Zeigefinger zeigt auf Mund

Stottern

Wirksame Therapien gegen Stottern

Von Anke Riedel

Die gute Nachricht zuerst: Stottern ist behandelbar. Je eher die Therapie beginnt, desto effektiver. Im Idealfall werden Außenstehende das Wort-Stolpern kaum bemerken - dennoch können die Redeflussstörung den Stotternden ein Leben lang begleiten.

Unzählige Behandlungsmethoden

Es gibt unzählige Therapien gegen das Stottern: Psychoanalyse, Bachblüten, Psychopharmaka, Hypnose – doch viele Therapien sind nicht wirksam.

Das war auch schon in der Vergangenheit so. Im 19. Jahrhundert hatten einige Chirurgen die Zunge als Übeltäter im Visier. Entsprechend brachial wurde das Sprechorgan behandelt, die Behandlungen reichten vom Spalten der Zunge bis zum Durchtrennen der Zungenwurzel. Übrigens mit wenig Erfolg: Das Stottern wurde zwar schwächer – richtig sprechen konnten die Menschen aber auch nicht mehr.

Später rückte dank des Neurologen Sigmund Freud die Psyche in den Mittelpunkt: Stottern galt als Ausdruck unterdrückter Wünsche und Konflikte, die sich durch gestammelte Worte ihren Weg bahnten. Entsprechend wichtig schien es, diese Konflikte anzugehen.

Sigmund Freud guckt streng in die Kamera

Sigmund Freud suchte die Ursachen des Stotterns in der Psyche

Der Gedanke, dass familiäre Konflikte, die Erziehungsmethoden oder eine besonders ängstliche Persönlichkeit Schuld an den Redeflussstörungen sind, hält sich bis heute. Völlig zu Unrecht, so Kristina Anders, therapeutische Leitung vom Institut der Kasseler Stottertherapie: "In unseren Kindergruppen ist alles dabei, vom lebhaften Rabauken bis zum schüchternen Mäuschen." Auch die Erwachsenen kommen aus allen Berufsgruppen, viele arbeiten auch in klassischen "Sprechberufen".

Als einer der Begründer der seriösen Stottertherapien gilt Charles Van Riper, der mit seinem Buch Die Behandlung des Stotterns in den 1970er Jahren einen Grundstein legte. Seither sind eine Vielzahl von Therapien entwickelt worden, doch nur bei wenigen ist eine Wirksamkeit auch wissenschaftlich nachgewiesen. Zwei Methoden haben sich bis heute besonders bewährt: Das Fluency-Shaping-Verfahren und die Stottermodifikation.

Denn heute weiß man: Es gibt wirksame Therapien. Unser Gehirn hat die Fähigkeit, sich neuen Herausforderungen anzupassen. Stottern ist also behandelbar – je früher, desto erfolgversprechender.

Wenn ein Kind länger als sechs bis zwölf Monate stottert, ist es Zeit aktiv zu werden. Denn bei Kindern führt eine Therapie deutlich häufiger zum Erfolg als bei Erwachsenen. Dennoch macht eine Stotter-Behandlung auch für Erwachsene Sinn, um die Symptome einzudämmen.

Fluency Shaping

Wissenschaftlich gut erprobt ist zum Beispiel die Methode des "Fluency Shaping". Bei dieser Behandlungsform lernen Stotternde, langsamer zu reden und die Wortanfänge möglichst weich zu sprechen. Denn Stottern passiert nicht zufällig, sondern meist am Wortanfang. So werden die Stottersymptome verhindert und das Sprechen wird flüssiger.

Der Stotternde muss für die Fluency-Shaping-Methode jedoch seine gesamte Sprechweise ändern, damit die Worte langsam und weich fließen. Und das hat einen Preis: Anfangs klingt diese geformte Sprechweise oft unnatürlich. Es bedarf also einiger Übung, um die normale Sprechflüssigkeit zu erhalten. Diese Methode hat aber sehr positive Effekt, wie zahlreiche Studien belegen.

Der Stotternde hat nun ein Werkzeug in der Hand: Durch regelmäßige Übung und Anwendung klingt die neue Sprechweise zunehmend weniger künstlich und lässt sich nach einiger Zeit gut in den Alltag integrieren.

Junges Mädchen sagt ein Gedicht auf

Fluency Shaping verhindert den Stottermoment

Stottermodifikation und andere Ansätze

Auch die Stottermodifikation ist eine anerkannte Methode: "Die Stottermodifikation hilft, das Stottern zunächst zuzulassen und sich dann durch Technik locker aus dem Satz herauszustottern", erklärt der Neurophysiologe Prof. Martin Sommer. "Danach kann ganz normal weiter gesprochen werden." Ein Nachteil dieser Therapie: Das Stottern bleibt hörbar. Deshalb ist es Teil der Behandlung, sich gegen die Angst vor dem Hängenbleiben zu wappnen.

Oft werden auch beide Methoden kombiniert. Dann kann der Stotternde entscheiden, ob er dem Stottern vorbeugen möchte, oder ob er sich erst daraus befreit, wenn er festhängt.

Andere Therapie-Ansätze setzen auf Lob für flüssiges Sprechen beim Kind, oder auf die Behandlung von psychischen Problemen, die oft mit dem Stottern einhergehen. Denn häufig leiden Stotternde aufgrund ihres Handicaps an Ängsten oder einem geringen Selbstwertgefühl.

Kein Wunder, manchmal reagiert das Umfeld erstaunlich unsensibel: "Rede doch einfach mal langsamer", lauten zum Beispiel gut gemeinte Ratschläge. Viele Stotternde kennen auch die demütigende Situation, wenn sie betont langsam und deutlich angesprochen werden – als wären Redeflussstörungen ein Zeichen für verminderte Intelligenz oder Verständnisschwierigkeiten. Und, der Klassiker: Der Gesprächspartner beendet proaktiv den Satz des Stotternden, um zu helfen. Wer einem Stotternden tatsächlich helfen möchte, lässt ihn ausreden, auch wenn es etwas länger dauert.

Für Stotternde ist das Verhalten ihrer Mitmenschen und die ganze Situation mitunter sehr belastend. Eine Psychotherapie kann dabei helfen, sie ist jedoch kein Ersatz für eine Stotter-Behandlung, sondern nur eine Ergänzung.

So oder so gilt: Wenn sich nach mehreren Monaten noch kein Erfolg zeigt, ist die gewählte Stottertherapie vielleicht nicht der richtige Ansatz.

Junge mit Käppi schreit mit geschlossenen Augen

Hilfreich: Stotternde ausreden lassen

Heilung bei Erwachsenen selten

Experten bezweifeln, dass Stottern immer vollständig geheilt werden kann. Zumindest Jugendliche und Erwachsene scheinen sich mit dem gelegentlichen Stolpern der Wörter arrangieren zu müssen. Eine wirksame Therapie kann jedoch bewirken, dass Außenstehende das Stottern gar nicht bemerken – oder dass der Stotternde mit der Situation gut zurechtkommt.

Bei Kindern im Vorschulalter verschwindet das Stottern häufig wieder von ganz allein. Dann erreichen die Kinder einen Zustand, in dem sie sich keine Gedanken mehr über das Sprechen machen müssen und sich wieder ganz auf den Inhalt des Gesagten konzentrieren können. Bleibt das Sprechen über ein Jahr so flüssig, gibt es gute Hoffnung, dass das Stottern oft sogar dauerhaft überwunden ist.

Doch auch Stotternde können ihren Leidensdruck durch eine wirksame Behandlung deutlich mindern. Und die Tatsache, dass sich die Abläufe im Gehirn durch eine Stotter-Therapie verändern lassen, spendet Hoffnung. Vielleicht lassen sich die Redeflussstörungen ja eines Tages ganz beseitigen. Fest steht jedenfalls: Eine wirksame Pille gegen das Stottern gibt es nicht.

Junge streckt Zunge heraus

Bei drei von vier Kindern verschwindet das Stottern von allein

Stand: 19.03.2019, 11:58

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