Die Not der Notfallretter

Spielfiguren: Verletzer auf einer Liege, umgeben von zwei Notfallrettern.

Erste Hilfe

Die Not der Notfallretter

Rettungskräfte geben alles, um anderen Menschen zu helfen. Doch das Rettungssystem in Deutschland ist am Anschlag. Es fehlt vor allem an Ausstattung und Personal.

Das Versagen der Rettungsdienste – eine Horrorvision!

Von einer Sekunde auf die andere kann es passieren – ein Unfall, ein Herzinfarkt, ein Sturz. Dann muss ganz schnell professionelle Hilfe kommen. Aber was ist, wenn die Notfallrettung nicht funktioniert? Wenn die Hilfskräfte so spät eintreffen, dass die Rettung nicht mehr gelingen kann? Oder wenn sie falsche medizinische Entscheidungen treffen? Oder wenn sie schlicht überfordert sind?

Das klingt nach einem Horrorszenario, doch es könnte Realität werden. Denn das Rettungssystem in Deutschland gerät an seine Grenzen. Die Retter müssen immer mehr Einsätze bewältigen, bei steigenden medizinischen Anforderungen. Notfallrettung ist an mehreren Orten in Deutschland schon jetzt am Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Es fehlt an Personal, Ausstattung und manchmal auch an Professionalität.

Notfallsanitäter vor Einsatzwagen.

Seit 1973 gibt es die Notrufnummer112

Professionelle Rettung ist eine hart erkämpfte Errungenschaft

Historisch betrachtet ist die Entwicklung der Notfallmedizin in Deutschland eine echte Erfolgsgeschichte – vom zersplitterten, schlecht ausgestatteten Notfalldienst hin zu einer modernen Organisation mit hoher medizinischer Fachkompetenz.

In den 1960er Jahren mussten die Deutschen bei einem Notfall noch die Rufnummer des örtlichen Roten Kreuzes aus dem Telefonbuch heraussuchen, und die Rettungswagen hatten kaum medizinische Hilfsmittel an Bord. Sie fuhren ihre Patienten zwar so schnell es ging in die nächste Klinik, leisteten aber kaum Hilfe am Notfallort.

1973 wurde dann zum ersten Mal eine einheitliche Notrufnummer, die 112, getestet. Sie wurde zu einem großen Erfolg. Nun konnte der Aufbau eines einheitlichen Rettungssystems beginnen.

Das System Rettungskette hat sich bewährt

Heute gibt es den koordinierten Einsatz von Rettungsmaßnahmen in jedem Bundesland. Die Rettung verläuft nach standardisierten Abläufen, die im Laufe der Jahre immer weiter verbessert wurden. Bei der sogenannten Rettungskette ist das Herzstück die Leitstelle – der Ort, an dem die Notrufe zusammenlaufen.

Viele Städte und Landkreise haben eigene Leitstellen, manche wurden auch zu Regional-Leitstellen oder Integrierten Leitstellen zusammengelegt, in denen Notrufe für Feuerwehr und Polizei am selben Ort koordiniert werden.

Wählt jemand die 112, so wird der Anruf automatisch in die nächstgelegene Leitstelle geschaltet. Geschulte Fachkräfte klären am Telefon ab, welche Hilfe von Nöten ist, schicken Rettungswagen und, wenn gebraucht, auch gleich den Notarztwagen los. Falls nötig, leiten sie den Anrufer auch bei Erste-Hilfe-Maßnahmen an. Immer ist es das Ziel, dass die Rettung so schnell wie möglich am Ort eintrifft.

Jedes Bundesland hat andere Standards beim Rettungsdienst

In vielen Bundesländern gibt es ein durch Gesetze oder Verordnungen definiertes Zeitfenster, das die Rettungsdienste einhalten sollen, die sogenannte Hilfsfrist. Diese variiert von Bundesland zu Bundesland.

In Nordrhein-Westfalen etwa gibt es die Vorgabe, dass vom Eingang der Meldung bis zur Ankunft am Notfallort in städtischen Bereichen nicht mehr als fünf bis acht Minuten vergehen sollen, in ländlichen zwölf Minuten. In Baden-Württemberg sieht der Rettungsdienstplan vor, dass die Helfer bei 95 Prozent der Einsätze in 15 Minuten da sein sollen. Berlin und Hamburg wiederum haben keine Vorgaben festgelegt.

Umstritten ist, wie wichtig Hilfsfristen überhaupt sind, denn fest steht auch, dass sie in der Realität oft nicht eingehalten werden. Berichten von NDR und Süddeutscher Zeitung von 2017 zufolge, kommen in elf von 16 Bundesländern die Rettungswagen oft später, als die Hilfsfrist es vorgibt.

Ursachen sind zum einen die langen Wege in ländlichen Gebieten und die verstopften Straßen in den Städten. Zum anderen sind es die vielen Bagatelleinsätze, die Rettungswagen blockieren. Für den echten Ernstfall trifft die Rettung dann mitunter verspätet ein. Aus medizinischer Sicht ist es dringend notwendig, dass Notfallretter nicht später als zehn Minuten am Notfallort eintreffen.

Notarzt-Standorte sind oft überlastet

Besonders gravierend ist es für Patienten, wenn der Notarzt nicht rechtzeitig vor Ort ist oder nicht professionell genug arbeitet. Rettungssanitäter haben nur begrenzte Befugnisse, sie müssen bei vielen Maßnahmen auf den Notarzt warten.

Notärzte allerdings kommen fast immer später an als die Rettungswagen, obwohl sie zeitgleich von den Leitstellen losgeschickt werden. Das hat verschiedene Gründe: Notarztstandorte sind oft überlastet. Oft gibt es zu wenig Personal. Stellenpläne sind zu knapp bemessen und gute Bewerber sind nicht immer in ausreichender Zahl vorhanden.

Die Probleme, ausreichend Nachwuchs zu generieren, rühren auch daher, dass es keine Pflicht zur Fortbildung gibt und zu wenige Angebote zur Weiterentwicklung. Und weil zu wenige junge Kollegen nachkommen, sind manchmal auch noch ältere Notärzte im Einsatz, die schon länger bei keiner Fortbildung mehr waren.

Professionalität ist deshalb schon heute nicht mehr überall selbstverständlich. Wenn die Notfallrettung auch in der Zukunft gesichert und weiter verbessert werden soll, muss der Notarztberuf dringend attraktiver gemacht werden.

Die Notfallrettung muss reformiert werden

Viele Vorschläge zur Verbesserung der Notfallhilfe stehen im Raum – zum Beispiel Werbung an Schulen für den Beruf des Notarztes oder eine Verringerung von Notarzt-Einsätzen. Hier könnte bessere Aufklärung der Bevölkerung über Notfallsituationen helfen. Denn in vielen Fällen ist gar nicht die Rufnummer 112 sinnvoll, sondern die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116117 viel besser.

Eine weitere Idee zur Entlastung der Notarzt-Einsätze ist, die Rettungswagen mit Videotechnik auszurüsten, um von dort zu einer festen Notarzt-Einheit schalten zu können. So könnten Rettungssanitäter sofort nach Ankunft über Videokonferenz erfragen, was sie selbst tun können.

Blaulicht.

Werbung soll den Beruf Notarzt attraktiver machen

Erste Hilfe am Unfallort ist extrem wichtig

Auch strukturelle Reformen in der Organisation des Rettungswesens werden diskutiert – darunter eine Reform der Zusammenarbeit zwischen Hilfsdiensten und der Feuerwehr sowie eine Reform der Abrechnung, um über andere Vergütungssysteme den Ausbau von Notarzt-Standorten attraktiver zu machen.

Bislang ist noch unklar, ob und wie es gelingen wird, dass die Retter schneller vor Ort sein können. Deshalb fordern Notfallmediziner auch eine bessere und breitere Ausbildung von Laien. Wenn mehr Menschen in Erster Hilfe ausgebildet wären, könnten sie die Zeit bis zum Eintreffen der Profi-Retter sinnvoll überbrücken.

Autorin: Angelika Wörthmüller

Stand: 08.10.2018, 09:45

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