Quo vadis Medizin? Eine Zivilisation und ihre Krankheiten

Fallpauschalen: Geld je nach Diagnose

Evolutionsmedizin

Quo vadis Medizin? Eine Zivilisation und ihre Krankheiten

Von Andrea Wengel

Nur ein Siebtel der Weltbevölkerung wird nach dem Standard der Wissenschaft medizinisch versorgt. Für die restlichen sechs Milliarden fällt die Versorgung nur sehr ungenügend aus.

Exportschlager Zivilisationskrankheiten

Es geht um Marktwirtschaft, ums Verkaufen – schlicht ums Geld. Wir leben in einer Gesellschaft, die vom Überfluss geprägt ist und deren Produkte sich gut verteilen lassen.

Industriell bearbeitete und gefertigte Nahrungsmittel werden gegen harte Währung in aller Herren Länder exportiert – in Länder, die diese Errungenschaften der Zivilisation eigentlich nicht brauchen, sie aber dennoch haben wollen. Diese Menschen übernehmen mit unserem westlichen Lebensstil auch all die Folgen, die übersüßte Getränke, Fertigprodukte, Junkfood und Co mit sich bringen.

Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu mentalen Erkrankungen – es sind die Zivilisationskrankheiten, die wir längst als Preis für unseren genussvollen Lebenswandel in Kauf nehmen und der nachhaltig unser Gesundheitssystem belastet. Immerhin haben wir mittlerweile erkannt, was unseren Umfang in die Breite und den Blutdruck in die Höhe treibt und setzen auf Prävention.

Sehr erfolgreich sind wir damit allerdings bis jetzt noch nicht. Aber immerhin kann unsere Hightech-Medizin so manch gesundheitliche Talfahrt abfangen, bevor es zum Schlimmsten kommt. Gesünder sind wir deswegen kaum und glücklicher macht es uns wohl auch nicht. Aber auch wenn das für die Zukunft nicht die Lösung des Problems sein kann – es hat zumindest etwas Beruhigendes. Für uns.

Zahlreichen Menschen in ärmeren Verhältnissen fehlt aber diese Infrastruktur mit Ärzten, Krankenhäusern und einer modernen Medizin. Und dennoch, wir betreiben den Export einer Lebens- und Ernährungsweise, deren Fehler wir kennen und um deren Risiken und Nebenwirkungen wir sehr genau wissen – allerdings ohne Beipackzettel.

Mangelnde Verantwortung aus wirtschaftlichen Interessen ist kein guter Weg und langfristig gesehen auch kein wirklicher Gewinn. Wir leben in einer Weltgemeinschaft, in der Probleme, die wir an anderer Stelle schaffen, letztlich wieder auf uns zurückfallen – und für die wir schließlich dann auch wieder zahlen müssen.

Blutdruckmanschette

Nur Wenige sind medizinisch gut versorgt

Medizin für alle – Chancen und Grenzen

Es muss das Ziel derjenigen sein, die viel haben, die zu unterstützen, die wenig oder gar nichts haben. Doch auch wenn die reichen und von Fortschritt geprägten Nationen und Bevölkerungsschichten mit langfristigen Strategien alles daransetzen, eine gerechte medizinische Versorgung der gesamten Weltbevölkerung zu erreichen, ist es fraglich, ob wir es irgendwann einmal schaffen können, mehr als sieben Milliarden Menschen nach den Kriterien behandeln zu können, wie sie in Berlin, Amsterdam, Zürich oder Boston erwartet werden können.

Dennoch sollte es unser Ziel sein. Im Klartext heißt das: Teure Hightech-Medizin funktioniert nicht überall. Sie kann nicht einfach flächendeckend verbreitet werden. Es fehlen in den armen Gebieten Infrastruktur und Geld.

Letztlich wird es also nur möglich sein, die ganz großen Ungerechtigkeiten in der medizinischen Versorgung zu vermeiden. Dies geht mit einer Medizin, die nicht zu teuer ist und deswegen weit verbreitet angewandt werden kann. Aber auch, indem die medizinische Forschung ihr Augenmerk vermehrt auf eine Versorgungsforschung setzt und nach Wegen sucht, großen Bevölkerungskreisen zumindest eine Basisversorgung zu ermöglichen.

Es bleibt dabei auch die Frage, welche Medizin wir in Zukunft haben wollen. Und da gibt es große Unterschiede. Andere Länder, andere Sitten – gleiche Medizin für alle geht nicht. Kultur und Tradition beeinflussen deutlich die Akzeptanz bestimmter Formen der medizinischen Versorgung. Wer wollte sich anmaßen, alte Traditionen zu brechen, ohne wirklich einen erwiesenen Fortschritt zu liefern?

So setzt die über Jahrtausende entwickelte Traditionelle Chinesische Medizin auf die Kräfte der Natur, Tees und Akupunktur, in Verbindung mit Bewegungsübungen, die der Ausgeglichenheit der psychischen Lage dienen. Auch wenn diese Traditionen nicht evidenzbasiert, also durch kontrollierte Studien in ihrer Wirkung nachgewiesen sind – es gilt, mit einer großen Gelassenheit auch solch traditionelles Wissen zu erhalten, statt mit wildem Eifer zu missionieren.

Eine Akupunkturnadel wird in einen Rücken gestochen.

Akupunktur kann helfen

SWR | Stand: 17.07.2018, 09:25

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