BürgerversicherungInterview mit Stefan Greß

Portrait-Aufnahme von Stefan Greß im Planet Wissen-Studio.

Gesundheitssystem

BürgerversicherungInterview mit Stefan Greß

Von Christian Jakob

Professor Stefan Greß leitet an der Hochschule Fulda das Fachgebiet Versorgungsforschung und Gesundheitsökonomie im Fachbereich Pflege und Gesundheit. Ein Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenkasse sieht er kritisch. Stattdessen ist der Ökonom ein Befürworter der sogenannten Bürgerversicherung, in der es auch wieder vermehrt leistungsstärkere Mitglieder geben würde, wodurch sich die Beitragslast besser verteilt.

Planet Wissen: Warum ist die Bürgerversicherung besser als das jetzige System?

Stefan Greß: Die Bürgerversicherung ist effizienter und gerechter als der jetzt bestehende Dualismus aus gesetzlicher und privater Krankenkasse. Schließlich würden sich entscheidende Punkte ändern.

Nehmen wir mal das bestehende System: Das ist ineffizient, weil sich Ärzte vor allem in Regionen mit vielen Privatversicherten niederlassen – und nicht dort, wo der Bedarf am höchsten ist.

Und ungerecht, weil sich der wohlhabendere Teil der Bevölkerung der Solidargemeinschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung entziehen kann – dadurch, dass er die Möglichkeit hat, sich privat zu versichern. Das würde sich beides mit der Bürgerversicherung ändern.

Wäre die Bürgerversicherung dann auch für diejenigen erreichbar, die sich jetzt trotz Versicherungspflicht keine Krankenkasse leisten können?

Daran würde die Bürgerversicherung direkt nichts ändern. Allerdings wäre es in einer nachhaltig finanzierten Bürgerversicherung eher möglich, gerade Selbstständigen bei der Beitragskalkulation entgegenzukommen – sprich, dass sie nicht so viel zahlen beziehungsweise nicht so viel nachzahlen müssen.

Was wird aus denen, die in der PKV verbleiben? Wie wird es ihnen "ergehen"?

Das Kalkulationsmodell in der privaten Krankenversicherung geht grundsätzlich davon aus, dass die Tarife sich auch ohne neue Versicherte rechnen. Allerdings müssen die verbliebenen Privatversicherten trotzdem mit stark steigenden Beiträgen rechnen. Gründe dafür sind die immer weiter ansteigenden Ausgaben in der Medizin und die möglicherweise dauerhaft niedrigeren Zinsen.

Denken Sie, ein solches Modell wird sich tatsächlich durchsetzen lassen; beziehungsweise was muss dafür passieren, dass es sich durchsetzt?

Auf absehbare Zeit sehe ich keine politischen Mehrheiten für die Durchsetzbarkeit einer Bürgerversicherung. Ich prognostiziere allerdings für die kommenden Jahrzehnte eine Implosion der privaten Krankenversicherung wegen der immer weiter ansteigenden Beiträge. Viele werden das nicht bezahlen können. Spätestens dann wird die Bürgerversicherung über kurz oder lang alternativlos sein.

SWR | Stand: 25.01.2017, 09:19

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