Wojtek Czyz – Modellathlet auf einem Bein

Wojtek Czyz mit Lorbeerkranz auf dem Kopf beißt in eine Goldmedaille.

Prothesen

Wojtek Czyz – Modellathlet auf einem Bein

Voller Stolz steht er auf dem Siegertreppchen – drei Goldmedaillen hat er bei den Paralympischen Spielen 2004 in Athen gewonnen. Noch vier Jahre zuvor saß er vor dem Fernseher und hatte Mitleid mit den behinderten Sportlerinnen und Sportlern. Denn damals hatte er noch zwei gesunde Beine und war ganz fest davon überzeugt, eines Tages sein Geld mit dem Leistungssport zu verdienen. Doch dann änderte sich für Wojtek Czyz mit einem Schlag sein Leben.

Ein verhängnisvoller Augenblick

Er ist ein guter Fußballer, ein richtig guter Fußballer. Wie so viele junge Männer träumt auch er den Traum von einer Profikarriere. Und es sieht gar nicht so schlecht aus: Am 11. September 2001 darf er zu einem Probetraining bei Fortuna Köln.

Damals spielt der Traditionsklub aus der Kölner Südstadt noch in der dritten Liga, mit Ambitionen nach oben. Und Wojtek Czyz, damals 21 Jahre alt, überzeugt: Die Verantwortlichen des Vereins bieten ihm einen Vertrag an. Kurze Zeit später soll er an den Rhein wechseln.

Am Wochenende danach steht das letzte Spiel für seinen Heimatverein in der Nähe von Mannheim an. Sein VfR Grünstadt spielt damals in der Verbandsliga Südwest. Zur Halbzeit steht es im Spitzenspiel gegen den SV Niederauerbach 0:0.

Zwei Minuten nach Wiederanpfiff wird Wojtek von einem Mitspieler mit einem Steilpass in Richtung des gegnerischen Tores geschickt. Die folgenden Sekunden sollen sein Leben grundlegend verändern:

"Ich renne dem Ball hinterher, bin schon im Strafraum. Als ich merke, dass ich das Leder nicht mehr kriegen kann und der Tormann schneller ist, versuche ich, über den Schlussmann zu springen. Aber er lässt mich nicht! Er trifft mich mit voller Wucht mit gestrecktem Bein. "Voll aufs Knie", erinnert sich der in Polen geborene Sportler auf seiner Homepage.

Schnell ist klar: In seinem Knie ist alles kaputt – Innenband, Außenband, beide Kreuzbänder, Innen- und Außenmeniskus. Doch all diese Verletzungen werden schnell zur Nebensache. Der Tritt des gegnerischen Torwartes hat auch eine Vene und eine Arterie unterhalb des Knies zerfetzt. Deshalb werden sein Unterschenkel und sein Fuß nicht mehr mit Blut versorgt.

Im Krankenhaus des 13.000-Einwohner-Städtchens diagnostizieren die Ärzte zwar die schwere Verletzung. Es ist aber kein Gefäßchirurg mehr im Dienst. So beginnt eine Odyssee durch mehrere Krankenhäuser.

Niemand kann wirklich helfen

Zunächst wird er ins Westpfalz-Klinikum nach Kaiserslautern gebracht. Doch auch dort kann ihm niemand helfen. Wojtek Czyz wird ins Universitätskrankenhaus Homburg verlegt. Hier beginnen die Ärzte erst nach Mitternacht endlich mit der dringend notwendigen Operation.

Siebeneinhalb Stunden nach dem rüden Foul. Siebeneinhalb Stunden, in denen sein Bein unterhalb des Knies nicht mehr durchblutet wird. Die Ärzte versuchen, die Blutversorgung des Unterschenkels wieder in Gang zu setzen. Auch in den nächsten Tagen bei weiteren Operationen.

Wojtek Czyz - Zum Athleten geboren 01:50 Min. Verfügbar bis 27.10.2020

Nach einer Woche lässt sich Wojtek nach Mainz verlegen. Dort soll noch ein letzter Eingriff erfolgen. "Stellen Sie sich das mal vor", erinnert sich der junge Mann, "du wirst nach der OP wach, schaust unter Deine Bettdecke und Deine schlimmste Vorstellung ist Gewissheit. Du wachst auf und hast nur noch ein Bein."

Es ist der 24. September 2001. Für den ambitionierten Sportler bricht eine Welt zusammen. "Der Vertrag bei Fortuna Köln, die Zusage zum Studium an der Sporthochschule in Köln – meine ganze Zukunft ist zerplatzt wie eine Seifenblase."

Neuen Mut geschöpft

Nach einigen Wochen im Krankenhaus wird Wojtek direkt in eine spezielle Reha-Klinik bei Augsburg überwiesen. Dort trifft er auf einen Mann, der seinen weiteren Weg entscheidend beeinflussen soll – Roberto Simonazzi. Dieser arbeitet als Therapeut in der Klinik und gewann bei den Paralympics, den Olympischen Spielen für Menschen mit körperlicher Behinderung, selbst zwei Goldmedaillen.

Simonazzi zeigt Czyz ein Video: Behinderte Sportler laufen im ausverkauften Stadion in Barcelona. Wojtek Czyz weiß heute noch, wie diese Bilder auf ihn wirkten: "Das war doch auch mein Traum. Ich wollte auch einmal als Sportler in ein vollbesetztes Stadion."

Die etwas andere Karriere

Im Mai 2002 steht er wieder auf einem Sportplatz. Er ist jetzt Leichtathlet. Mit einer speziellen Sportprothese beginnt er mit dem Training. 15.000 Euro kostet die Hightech-Maßanfertigung. Leisten kann er sie sich nur, weil ihn eine Stiftung unterstützt und der 1.FC Kaiserslautern, bei dem er als Jugendlicher spielte, ein Benefizspiel für ihn veranstaltet.

Auch als amputierter Sportler kommt sein ausgeprägter Ehrgeiz schnell zum Tragen. Nach nur fünf Tagen mit seiner neuen Prothese läuft er seinen ersten Wettkampf. Noch im Frühjahr, zehn Monate nach dem Unfall, verbessert er die deutschen Rekorde für Beinamputierte über 100 Meter und im Weitsprung.

Gerhard Schröder in dunklem Jackett umarmt Czyz, der eine Sportjacke trägt.

Gerhard Schröder gratuliert noch im Stadion persönlich

Wojtek trainiert jetzt jeden Tag mehrere Stunden und studiert zudem an der Sporthochschule in Köln. So richtig bekannt wird er bei den Paralympics 2004 in Athen. Innerhalb weniger Tage siegt er über 100 Meter, pulverisiert den Weltrekord über 200 Meter und steigert die ewige Bestleistung im Weitsprung um gigantische 38 Zentimeter.

Drei Starts – dreimal Gold. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder ist so begeistert, dass er Wojtek Czyz noch auf der Laufbahn im Athener Stadion um den Hals fällt.

Unermüdlich und erfolgshungrig

Wojtek Czyc beim Weitsprung, seine gesundes rechtes Bein und seine Sportprothesen stehen parallel in der Luft.

Wojtek Czyz dominierte jahrelang seine Disziplinen

Inzwischen ist die Liste seiner Erfolge noch viel länger. Auch 2005 holt er bei den Europameisterschaften der behinderten Sportler die Goldmedaille in allen drei Disziplinen. Ein Jahr später verweist er bei den Weltmeisterschaften wieder alle Konkurrenten auf die Plätze – dreimal Erster.

2007 wird er erneut Weltmeister im Weitsprung. Bei den Paralympics in Peking im Sommer 2008 holt er erneut Gold im Weitsprung - nach einem Jahr voller Rückschläge mit Ermüdungsanbruch im Fuß, Pfeifferschem Drüsenfieber und Operationen am Kiefer und am Stumpf seines amputierten Beines.

Bei der WM 2009 gibt es dann wieder dreimal Gold und 2011 den zweiten Platz im Weitsprung. Die Paralympics 2012 in London laufen allerdings nicht so gut für den ehrgeizigen Sportler. Zum ersten Mal in seiner Karriere bleibt er trotz Starts in vier Disziplinen ohne Medaillenplatzierung.

Im Juli 2013 beendet Wojtek Czyz seine aktive Laufbahn.

Autor: Silvio Wenzel

Stand: 30.08.2016, 13:18

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