Tattoo-Theo – Gesamtkunstwerk auf Lebenszeit

Ein älterer Mann posiert für ein Foto. Er hat die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Der gesamte Oberkörper sowie die Arme sind tätowiert.

Tätowierungen

Tattoo-Theo – Gesamtkunstwerk auf Lebenszeit

Er war der Tätowierte vom Kiez – bis auf den Kopf war jeder Millimeter an seinem Körper mit Tattoos übersät. Die Geschichte des Tätowierens in Deutschland hat der Hamburger Theodor Vetter, genannt Tattoo-Theo, am eigenen Leibe erlebt und mitgestaltet.

Erste Tätowierung mit 13

Andere Jungs in St. Pauli gingen zum Spielplatz, Klein-Theodor drückte sich, schon bevor er einen Fuß in die Schule gesetzt hatte, die Nase am Schaufenster von Christian Warlich platt, dem Hamburger König der Tätowierer.

Die Faszination der bunten, in die Haut gestochenen Bilder sollte Theodor Hubert Hans Vetter, am 15. Februar 1932 in Hamburg geboren, Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen. Jede freie Minute verbrachte Theo in der Schankstube mit dem integrierten Studio und beobachtete, wie sich die Seeleute und Werftarbeiter unter Warlichs Nadel begaben.

Auch während des Krieges war die Tätowierstube nie geschlossen, Warlich war bei den Offizieren Hitlers gut gelitten. Zuerst, weil er ihnen SS-Abzeichen, Reichsadler und Hakenkreuze stach, später wegen seiner Geheimtinktur, mit der er die unerwünscht gewordenen Insignien des Dritten Reiches wieder von der Haut abzulösen vermochte.

Mit 13 Jahren, kurz vor Kriegsende, stach Theo sich selbst seine erste Tätowierung – ein Herz mit einem Dolch – mit einer Nähnadel und einer Mischung aus Ofenruß und Urin. Dafür erntete er wüste Beschimpfungen seines großen Vorbildes Warlich.

Nach dem Krieg hatte der Meister-Tätowierer ein Einsehen mit seinem inzwischen 16-jährigen Bewunderer und stichelte ihm ein Bild des Segelschiffes Gorch Fock auf die Brust. Der Grundstein einer Leidenschaft war gelegt. Die Tätowierungen gehörten fortan genauso zu Theos Leben wie St. Pauli, die Frauen und der Sex.

Gern gesehener Show-Gast

In den folgenden Jahren übte sich Theo selbst in der Kunst des Tätowierens und tat im Übrigen alles, was das Klischee eines Tätowierten auf St. Pauli verlangte: Er verdingte sich als Seemann, frönte dem Alkohol und den Frauen, schickte sie als Lude auf den Strich – und ließ sich ein Motiv nach dem anderen stechen.

Innerhalb von 40 Jahren setzten 230 Tätowierer ihre Nadel in Theos Haut. Später ließ sich Theo auch piercen: Über 70 Ringe und Stecker konnte er zum Schluss an Brust, Bauch, Penis und Hoden vorweisen.

Sein Aussehen zusammen mit seinem Auftreten als waschechtes Kind des Kiezes und seinem Sinn für Öffentlichkeit machten ihn zu einem immer wieder gern gesehenen Gast in Talk-Shows – von Hans Meiser bis Harald Schmidt. Alle großen Illustrierten berichteten über ihn und seine Leidenschaft.

Seine Tätowierungen waren auch eine Einnahmequelle für Tattoo-Theo. So tingelte er von einer Tattoo-Convention – den großen Messen innerhalb der Szene – zur nächsten, räumte Preise und Urkunden ab. Trotz seiner Vielweiberei und seines unsteten Lebenswandels liebten ihn die Frauen. Theo war dreimal verheiratet und Vater von elf Kindern.

Nachdem sein Idol Christian Warlich 1964 an einem Gehirnschlag starb, rettete Tattoo-Theo dessen Nachlass. In seiner Wohnung verwahrte Theo die Erinnerungen an Warlich und stellte so das wohl umfangreichste Archiv zur Tätowierkunst in Deutschland zusammen.

Sein Traum vom ersten Tattoo-Museum Deutschlands sollte sich allerdings mangels Sponsoren nie erfüllen. Tattoo-Theo starb am 14. Juli 2004 mit 72 Jahren an einer Lungenembolie.

Autorin: Beatrix von Kalben

Stand: 16.07.2018, 16:00

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