Ein Leben im Müll

Kind mit einem Sack voller Dosen

Müllentsorgung

Ein Leben im Müll

Von Melanie Wieland/Mareike Potjans

Sie leben von dem, was andere wegschmeißen. Rund um die Welt gibt es Menschen, die auf Mülldeponien leben und arbeiten. Die Abfallberge sind zu ihrer Heimat geworden. Hier können sie gerade so viel Geld verdienen, dass es zum Überleben reicht. Viele Kinder werden von ihrer Eltern auf die verseuchten Halden geschickt, damit sie zum Beispiel Metallteile sammeln, die sich weiterverkaufen lassen. Eine Schulbildung bekommen die allerwenigstens von ihnen und haben so kaum eine Chance, die Mülldeponien später verlassen zu können.

Manila: "Smokey Mountain"

Der "Smokey Mountain" in der philippinischen Hauptstadt Manila wurde in den 1980er Jahren zu einem unrühmlichen und international bekannten Wahrzeichen der Stadt. Die riesige Müllhalde, 1954 zum ersten Mal benutzt, liegt an der Manila-Bay und war von jedem einlaufenden Schiff aus sichtbar.

Die Deponie hatte sich im Laufe der Jahre zu einer Slumsiedlung mit bis zu 30.000 Bewohnern entwickelt. Diese sammelten leere Flaschen, Papier, Pappe sowie Metallteile und verkauften den Müll weiter. Anfang der 1990er Jahre beschloss Präsident Fidel Ramos, das Wahrzeichen der Armut zu schließen – gegen den Willen der Slumbewohner, die fürchteten, mit dem Müllberg ihre Existenzgrundlage zu verlieren.

Der Protest half nichts: Im Sommer 1995 ließ Ramos die riesige Müllhalde gewaltsam räumen. Ein schwer bewaffnetes Einsatzkommando zerstörte die Hütten der Einwohner; es gab einen Toten und viele Verletzte. Der "Rauchende Berg" wurde durch Zäune abgeriegelt und teilweise abgetragen.

Seitdem bewachen bewaffnete Sicherheitskräfte das Gelände. Der Berg raucht heute nicht mehr. Ursache für das Phänomen, das der Halde seinen Namen gab, waren ständige Brände auf der Deponie. Die letzte Glut ist mittlerweile erloschen.

Die mehr als 2500 Familien wurden in überfüllten Übergangshäusern nur 500 Meter vom "Smokey Mountain" entfernt untergebracht. Doch das ambitionierte Projekt, das auch berufliche Trainingsprogramme und einen neuen Industriepark auf der Halde vorsah, geriet ins Stocken. Dringend benötigte neue Wohnungen fehlten.

Viele der Müllsammler wanderten auf die Deponie im Stadtteil Payatas ab. Dort kam es am 10. Juli 2000 zu einer Katastrophe: Nach einem Monsun stürzte der riesige Abfallberg in sich zusammen und begrub Hunderte von Menschen unter sich. Mehr als 260 Tote waren am Ende zu beklagen.

Kinder spielen auf einer Mülldeponie

In Manila leben immer noch viele Menschen im Müll

Jakarta: Bantar Gebang

Etwa 2000 Familien leben auf Bantar Gebang, einer der größten Müllhalden Südostasiens, gut 30 Kilometer östlich von der indonesischen Hauptstadt Jakarta entfernt. Täglich werden Hunderte Tonnen Abfall hier abgeladen.

Der Gestank des Dorfes inmitten von Müll ist schon von Weitem zu riechen und bereitet Besucher auf das schier unvorstellbare Elend vor, in dem die Menschen leben. Sie durchwühlen bis tief in die Nacht den Müll der wohlhabenden Bevölkerung nach etwas, das sich zu Geld machen lässt.

Die Folgen für die Gesundheit bleiben nicht aus: Atemwegserkrankungen, Ausschläge und Durchfälle sind die Regel. Eine Studie ergab, dass das Grundwasser von durchsickernden Giften verseucht ist. Die Slumbewohner trinken es trotzdem – etwas anderes können sie sich nicht leisten. Ein Großteil des Mülls stammt mittlerweile aus Europa.

Auch wenn es viele Hilfsprojekte gegen die Armut gibt – nur wenige Bewohner können mithilfe von Nicht-Regierungsorganisationen den Müllberg für immer verlassen. Doch wenigstens können die Organisationen mit Gesundheitsprojekten, Lebensmittelhilfen und Unterricht für Kinder und Mütter versuchen, den am Rande der Gesellschaft Gestrandeten ein wenig zu helfen und ihr Leben erträglicher zu machen.

Menschen an einem Müllberg

Leben und arbeiten im Müll ist in Jakarta für viele Alltag

Phnom Penh: Stung Meanchey

Sie wühlen von drei Uhr morgens bis sieben Uhr abends im Müll, tragen oft nur Flipflops und verdienen umgerechnet 50 Cent an einem guten Tag – die Kinder von Stung Meanchey, einer riesigen Mülldeponie im Süden der kambodschanischen Stadt Phnom Penh.

600 sollen es nach Schätzungen von Hilfsorganisationen sein, manche sprechen sogar von Tausenden. Hinzu kommen viele Erwachsene, die am Rande der Müllkippe in selbstgezimmerten Baracken wohnen. Dafür müssen sie sogar Miete an den Landbesitzer bezahlen.

Viele von ihnen kamen nach Phnom Penh, um Arbeit zu finden – und endeten im Slum von Stung Meanchey. Trotzdem kann eine ganze Familie hier mehr verdienen als in dem Dorf, aus dem sie ursprünglich kommt. Die wenigsten Kinder gehen zur Schule; ihre Eltern brauchen das Geld, das sie verdienen. Hilfsorganisationen vor Ort versprechen deswegen, den Eltern Reis zu geben, wenn sie ihre Kinder nicht mehr auf die Mülldeponie, sondern zur Schule schicken.

Ein großes Problem in Stung Meanchey ist die stetig wachsende Zahl an HIV-Infizierten. Viele Kinder sind zu Waisen geworden oder leiden selbst an der Krankheit. Eine andere häufige Todesursache sind Unfälle: Wenn die Lkw in der Dunkelheit den Müll abladen, werden manche Müllsammler unter den Säcken begraben.

Weiterführende Infos

Stand: 08.10.2019, 14:56

Darstellung: