Mülltaucher – Protest mit dem Griff in die Tonne

Schnippelpartys - Resteessen 2.0 04:36 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Müllentsorgung

Mülltaucher – Protest mit dem Griff in die Tonne

Von Tobias Fülbeck

Mülltaucher durchwühlen die Container von Supermärkten nach Essbarem. Sie wollen mit ihren Aktionen gegen die Wegwerfpraxis des Einzelhandels protestieren. Ein nächtlicher Streifzug.

Tauchgang mit Empörung

Wenn Marco (Name geändert) taucht, fließt schon mal ein bisschen Eidotter über seine Hände. Das kaputte Ei im Müllcontainer konnte er im schwachen Licht seiner Taschenlampe nicht sehen. Was soll’s. Marco schüttelt die Dotterfäden von seinen Händen ab und wühlt weiter, immer tiefer.

Er streift gammelige Paprikas und schimmelndes Brot – bis er fischt, was er sucht: frische Joghurt-Becher, Lauchstangen, Bananen, Salatköpfe und Ciabatta-Brötchen. "Sonst liegt hier mehr drin", murmelt er, verstaut die Lebensmittel in seinen Rucksack und verschwindet in der Dunkelheit.

"Mülltaucher" heißen Leute wie Marco. Meist sind sie unter Kapuzenpullis versteckt. Sie durchwühlen nachts die Tonnen und Container deutscher Supermärkte. Die meisten tauchen nicht aus Geldnot in die Tonne, sondern aus Empörung.

"Ich will die Wegschmeiß-Praxis des Einzelhandels geißeln. Die Gesellschaft muss begreifen, dass gut Essbares im Müll landet", sagt Marco, 22. Der ehemalige Waldorf-Schüler studiert im fünften Semester Physik in Freiburg. Hört er Sätze wie "Ist halt so" oder "Das macht man so", verzieht er sein Gesicht.

Keine neue Szene

Er selbst redet gern und viel. Auf seinem Rucksack kleben ein Anti-Atomkraft-Sticker und ein Logo der Piratenpartei. Morgens liest er die "taz", abends Jean- Paul Sartre.

"Wenn ich eineinhalb Kilo Champignons aus der Tonne fische, empfinde ich Wut und Abneigung", sagt er. Gleichzeitig sei da aber auch eine "zynische Freude. Auf perverse Weise profitiere ich beim Mülltauchen von den Praktiken, die ich kritisiere." Marco ist erst seit kurzer Zeit ein Mülltaucher.

Doch Containern ist keineswegs neu. Bereits Mitte der 1990er Jahre entstand die Bewegung in den USA. In Städten wie New York gibt es sogar Container-Führungen für Szene-Neulinge.

In Deutschland organisieren sich die Protestler im Internet auf Seiten wie www.containern.de. Foren-Nutzer berichten dort vom "Exquisa-Frischkäse-Fest", bei dem sie ganze Paletten vor dem Ablaufdatum im Müll gefunden hätten.

So etwas hat Marco noch nicht erlebt. Aber auch er schreibt im Forum als "Audiophiel" Beiträge und fragt, wer mit ihm auf Tour gehen will – Kontaktbörse via Müll.

Zwei Mülltaucher in einem Supermarkt-Hinterhof.

Mülltauchen oder Dumpster Diving ist kein neuer Trend

Die Ästhetik zählt

An diesem Abend ist Marco allein unterwegs – und manchmal erfolglos. In der nächsten Tonne stinkt es nach verdorbenem Fleisch. Es sind Hähnchenbrust-Filets. "Das ist jetzt mal wirklich echter Müll", sagt Marco.

Er findet in drei großen Tonnen nur zwei Packungen Tomaten, die er mitnehmen kann. Gerade als er die in seinen Rucksack stopft, kommt Besuch herangeschlurft, ein weiterer Mülltaucher, ebenfalls vermummt, ebenfalls Anfang 20. "Hi. Hier gibt’s nix mehr", sagt Marco zu dem Fremden. Der Unbekannte nickt kurz und geht wortlos.

Marcos Mülltauchen funktioniert nur, weil Supermärkte Produkte vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums wegschmeißen. Denn die meisten Verbraucher achten neben Frische und Qualität vor allem auf Ästhetik. Der Druck auf Einzel- wie Großhandel nimmt dadurch zu.

Winzige braune Stellen an der Banane, leicht eingedellte Tomaten? Gibt’s nicht. So etwas stört nur in der appetitlich ausgeleuchteten Obst- und Gemüsetheke. Gibt es solche Stellen doch einmal, wandern die Produkte in die Container.

Krummes Gemüse 01:56 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Verriegelte Müllcontainer

Zugeben will das allerdings kaum ein Einzelhändler. "Der Einzelhandel wirft doch keine haltbare Ware weg, das wäre ja wie Geld wegwerfen", sagt Utz Geiselhart, Geschäftsführer des Handelsverbandes Südbaden.

Rewe-Sprecher Raimund Esser erklärt, dass "Lebensmittel, die nicht mehr verkauft, wohl aber bedenkenlos verzehrt werden können, bei den 'Tafeln' landen". Ihm seien "nur wenige Einzelfälle" von Mülltauchern bekannt. In solchen Fällen versuche Rewe Aufklärungsarbeit zu leisten. Was damit gemeint ist, erklärt Esser nicht. Marco sagt, er habe neuerdings bei Rewe-Supermärkten verriegelte Container gefunden.

Egon Heizmann, Chef der Freiburger Niederlassung vom Obst- und Gemüsehandel "Univeg" spricht offen: "Zwei Prozent der einwandfreien Ware wird aussortiert – allein aufgrund ästhetischer Gründe, die der Verbraucher von uns verlangt."

Den Ausweg aus der Wegwerf-Misere kennt auch Marco nicht. "Ich bin kein Weltverbesserer und Illusionist, ich bin pragmatisch", sagt Marco. Deshalb findet er es gut, dass immer mehr Supermärkte abgelaufene oder fast abgelaufene Waren in Rabatt-Aktionen billiger anbieten. Auch wenn dann weniger für ihn übrig bleibt.

Keksprozess: Diebstahl und Hausfriedensbruch?

0:34 Uhr, Supermarkt-Hinterhof Nummer Vier im Freiburger Süden. "Vorsicht: Videoüberwachung", warnt ein Schild. Marco ist das egal, obwohl Mülltauchen illegal ist. Weil Marco die Hinterhöfe der Supermärkte unerlaubt betritt, begeht er Hausfriedensbruch. Aber Marco weiß auch: Wo kein Kläger, da kein Richter.

"Wenn hier mal ein Wachmann rumgurkt, hoffe ich auf Verständnis für mein Handeln", sagt er. Nicht alle haben so viel Glück. Das Landgericht Lüneburg verurteilte in erster Instanz einen 52-jährigen Mülltaucher wegen Hausfriedensbruch zu einer Geldstrafe von 125 Euro.

Der Mann, der eine Packung Kekse aus dem Müll mitgenommen hatte, ging in Berufung. Das Landgericht Lüneburg sprach ihn schließlich Ende Februar 2013 frei.

Die Presse stilisierte den Fall zum Grundsatzurteil über Mülltaucher hoch – obwohl bis heute unklar ist, ob Mülltaucher "nur" Hausfriedensbruch oder auch Diebstahl begehen. Deutscher Supermarktmüll ist nicht "herrenlos" wie etwa in Österreich, sondern Eigentum der Unternehmen oder bereits der kommunalen Abfallentsorger.

Häuserfassade der Freiburger Innenstadt bei Nacht.

Freiburg bei Nacht: Zeit für Mülltaucher

Müllroute endet um 1 Uhr nachts

Im Sommer 2013 stellte das Landgericht Aachen in zweiter Instanz einen Prozess gegen zwei Mülltaucher ein. Rewe hatte den Vorwurf des Hausfriedensbruchs fallen gelassen. Den Vorwurf des Diebstahls für Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen war, hielt das Gericht dann doch für zu geringfügig. Doch auch hier betonte eine Gerichtssprecherin, dass es sich nicht um ein richtungsweisendes Urteil für das "Containern" handele.

Um kurz nach 1 Uhr schließt Marco die letzte Tonne seiner Müll-Route. Er lässt den Chinakohl liegen, und auch der Viererpack Fruchtjoghurt, der erst in drei Wochen ablaufen wird, bleibt im Müll. "Erdbeer-Geschmack mag ich nicht." Marco ist ein Edel-Mülltaucher und kein sogenannter "Freeganer", der sich ausschließlich durch Müllbüffets ernährt. Mit seinen Bafög-Zuschüssen kann er auch normal einkaufen.

Stand: 15.08.2016, 10:00

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