Jugend und Zukunft

Jugendlicher vor verschlossenem Laden.

Politik

Jugend und Zukunft

Von Claudius Auer

Wenn die Jugend politisch mehr Einfluss hätte, würde sich in Deutschland vieles ändern. Jugendliche wählen anders, fordern mehr digitale Infrastruktur und machen sich sehr berechtigte Sorgen um ihre Rente. Sie sehen eine zunehmende Einkommensschere und wissen: Der einseitige Kampf gegen Flüchtlinge wird diese Probleme nicht lösen.

Unterschätzte Jugend?

Als 1882 in St. Petersburg die 1. Symphonie von Alexander Glasunow unter großem Beifall aufgeführt wurde, staunte das Publikum nicht schlecht: Der Komponist dieses außerordentlich klaren und reifen Werkes für großes Orchester war gerade mal 16 Jahre alt. Ein Jahr vorher, mit 15, war Alexander aufs Land gereist und hatte sich mit der slawischen Volksmusik auseinandergesetzt. Ein Wunderkind?

2011 stand Felix Finkbeiner aus dem bayerischen Uffing vor der UN-Vollversammlung und warb in perfektem Englisch für sein Klimaprojekt, eine Milliarde Bäume zu pflanzen. Felix war damals 13. Seine Idee war schon ein Jahr später umgesetzt und läuft bis heute – mit der Unterstützung nicht nur der UN, sondern auch unzähliger engagierter Kinder weltweit. 2018, mit 20 Jahren, erhielt Finkbeiner das Bundesverdienstkreuz.

Unpolitische Jugend

Die Meinungen von Jugendlichen gehen in der Politik oft unter: Als im Sommer 2016 Großbritannien den Brexit wählte, zeigte sich die eher europafreundliche Jugend im Königreich geschockt. Ähnlich lief es in den USA: Donald Trump wurde Präsident – die meisten jungen Menschen waren aber für Hillary Clinton.

Auch in Deutschland hat die Meinung der Alten immer mehr Gewicht: Bei der Bundestagswahl 2015 waren die über 60-Jährigen mit rund 36 Prozent die größte Wählergruppe. Das Durchschnittsalter der Minister damals: 59 Jahre. Abgeordnete unter 30: 1,7 Prozent.

Das hat Folgen. Politik wird oft gegen die Jugend gemacht: Kohlekraft, Rentengeschenke und eine nicht endende Diskussion über Altersarmut. Und das, obwohl Kinder und Jugendliche statisch viel häufiger von Armut betroffen sind.

Erwerbsarmut betrifft immer mehr Kinder

Die Einkommensschere öffnet sich nämlich immer weiter, und damit wächst auch die sogenannte Erwerbsarmut. Menschen sind arm, obwohl sie arbeiten: Sie halten sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser und stecken oft in Teilzeit und prekären Arbeitsverhältnissen fest. In der Arbeitslosenstatistik tauchen sie nicht auf.

Generationen-Ungerechtigkeit Planet Wissen 20.02.2019 01:25 Min. Verfügbar bis 20.02.2024 SWR

Die Folge ist eine zunehmende Kinderarmut: beispielsweise Kinder von Alleinerziehenden, die oft von Anfang an in gesellschaftlicher Ausgrenzung aufwachsen. Deren Eltern haben kein Geld für Urlaube, Schulausflüge, Geburtstagsgeschenke.

Und das, obwohl in Deutschland jährlich geschätzte 300 Milliarden Euro vererbt werden. Davon profitieren aber nur die Reichen. Mit der zunehmenden Schere zwischen Arm und Reich wird es immer mehr Kinder geben, die in armen Familien chancenlos aufwachsen.

Jugendliche ohne Rente

Aber auch die Jugendlichen aus der Mittelschicht glauben oft, dass es ihnen nicht mehr so gut gehen wird, wie den Generationen davor. Bezahlt werden die Renten bisher – dank Generationenvertrag – von den immer weniger werdenden Jüngeren, vor allem von den letzten "Ausläufern" der Baby-Boomer-Generation.

Das wird sich aber bereits in den nächsten zehn Jahren dramatisch ändern. Jeder, der heute jung ist, wird bald mit seinem Einkommen je einen Rentner finanzieren müssen. 1965 gab es 12,5 Prozent Rentner (Menschen über 65), die dann noch etwa zehn Jahre lebten. 2016 waren es schon 21,2 Prozent, die von da an noch fast 20 Jahre leben werden (Quelle: Statista). Es hat sich also nicht nur die Zahl der Alten verdoppelt: Rentner leben jenseits der 65 auch noch doppelt so lange wie früher.

Figur eines Mannes sitzt auf Geldmünzen.

Rentner leben doppelt so lange wie früher.

Deutschland verschläft seine digitale Zukunft

Beruflich ist es für die Jungen auch nicht einfach, weltweit Schritt zu halten. Denn Deutschland hinkt in der Digitalisierung enorm hinterher. Bisher fehlt es vor allem an flächendeckenden Glasfaseranschlüssen. In Japan sind 76 Prozent der Haushalte schon damit versorgt, in Deutschland nur 2,1 Prozent. Von den 20 wichtigsten Internetunternehmen der Welt sitzen elf in den USA, neun in China und keines in Europa. Egal?

Laut der Shell-Studie von 2015 sind sich Jugendliche zwar der Gefahren des Internets sehr bewusst. 46 Prozent der 12- bis 14-Jährigen geben an, im Internet vorsichtig mit den eigenen Daten umzugehen.

Aber das Internet ist ein Markt, der immer mehr traditionelle Geschäftsmodelle ins Wanken bringt. Selbst die Software für deutsche Autos kommt oft nicht mehr aus Deutschland. Wenn die Digitalisierung weltweit wächst und Deutschland den Anschluss verschläft, geraten die jetzigen Berufsanfänger bei uns bald ins Hintertreffen.

Digitale Welt – Handy in der Schule Planet Wissen 20.02.2019 02:56 Min. Verfügbar bis 20.02.2024 SWR

Jugend und Migration

Und die Jugendlichen werden immer weniger: Bis 2060 wird Deutschland womöglich um zehn Millionen Menschen schrumpfen. 2060 stellen die 70-Jährigen vielleicht schon die größte Bevölkerungsgruppe. Eine erfolgreiche Migration könnte die Alterung der Gesellschaft zumindest abmildern und für mehr Beschäftigte sorgen. Gerade die Ausbildung von jugendlichen Migranten und deren Arbeitsmarktintegration wäre dabei ein wichtiges Element.

Erstaunlicherweise sehen Kinder und Jugendliche das Thema Migration wesentlich gelassener als Erwachsene: Laut der Shell-Studie von 2015 ist es 82 Prozent der Jugendlichen wichtig, die Vielfalt der Menschen anzuerkennen und zu respektieren.

Jugend und Bildung

Acelya Aktas und Lukas Ostermann, die Gäste der Sendung, sind sich einig: Deutschland investiert zu wenig in Bildung. In vielen Bundesländern sind die Schulgebäude in desolatem Zustand. Es fehlt an Unterrichtsmaterial und vor allem an Lehrern – eine traurige Folge falscher Sparpolitik. Bildung müsse schon im Kindergarten anfangen, um auch Kinder von einkommensschwachen Familien gesellschaftlich zu integrieren.

Während der Hauptschulabschluss immer stärker abgewertet wird, erscheint vielen ein Abitur und ein Universitätsstudium als einzig sinnvolles Ziel. Dabei könnte mehr Akzeptanz für einen guten Hauptschul- oder Mittleren Schulabschluss mit anschließender Lehre zu mehr Beschäftigten führen. Das funktioniert aber nur mit wesentlich größeren Investitionen in Schulen aller Bildungswege. 

Stand: 13.02.2019, 12:00

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