Interview mit Acelya Aktas

Portraitaufnahme von Acelya Aktas.

Jugend und Zukunft

Interview mit Acelya Aktas

Von Claudius Auer

Sie bekam eine Hauptschulempfehlung und wurde dann Landesschülersprecherin in Bayern. Als Enkelin von Migranten weiß sie, dass man es manchmal schwer haben kann, wenn man keinen deutschen Namen trägt. Mehr Chancengerechtigkeit von der Kita an ist für sie der wichtigste Baustein für weniger Hartz IV und die Renten der Zukunft.

Frau Aktas, Sie sind 19 Jahre alt und schon seit längerer Zeit politisch sehr aktiv. Wie haben Sie sich bisher engagiert?

Ich habe mich schon als Schülerin für Politik interessiert, war Landesschülersprecherin in Bayern und bin immer noch Vorstandsmitglied im Stadtjugendring Augsburg. Außerdem habe ich mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt einen großen Kongress für Jugendliche organisiert.

Es ist oft gar nicht so einfach, sich da zu behaupten und ernst genommen zu werden. Ein CDU-Abgeordneter warf mir einmal vor, dass unsere Generation selbst daran schuld sei, dass so wenig Politik in unserem Sinne gemacht wird. Dabei sind Jugendliche gar nicht so desinteressiert, wie so manch einer denkt, ganz im Gegenteil.

Als Stadtjugendring haben wir in Augsburg eine Podiumsdiskussion zur Landtagswahl gemacht, in einem Club. Unter den Teilnehmern waren viele Erstwähler, die zwischen 18 und 20 Jahren waren. Es war uns wichtig, dass jeder wirklich mitmachen kann, zum Beispiel zuvor den Wahl-O-Mat zu testen oder an der Podiumsdiskussion teilzunehmen, indem man über SMS Fragen an das Podium stellen konnte. Von einer Politikverdrossenheit bei der jungen Generation konnte dort überhaupt keine Rede sein. Was uns verdrießt, sind eher die Politiker und die Parteistrukturen selbst.

Ihr Interesse gilt der Bildungspolitik. Kinder von reichen Eltern studieren und Kinder von armen Eltern schaffen oft nicht mal den Hauptschulabschluss. Wie kommt es dazu?

Ich finde, wir sehen uns zu sehr als Wohlstandsgesellschaft. Wer sich in der Mittelschicht befindet, lebt oft in einer Art Blase: In der Wohnumgebung und im Umfeld der eigenen Kinder sieht man dann gar nicht, wie schwer es in Deutschland sein kann, ohne ausreichende finanzielle Mittel aufzuwachsen.

Armut und mangelnde Bildung wird von Generation zu Generation weitergetragen. Das Problem beginnt schon mit den ersten Lebensjahren und führt dazu, dass die Kinder mit sechs Jahren schon einen Nachteil haben. Diese Rückstände vergrößern sich immer mehr: Wir brauchen also schon viel früher Hilfe für Familien, schon im Kindergarten.

Wenn man sich die staatlichen Investitionen in Bildung und in soziale Sicherung anschaut, gibt es verschiedene Strategien. Deutschland investiert wenig in Bildung, aber viel in soziale Sicherung. Überspitzt gesagt nehmen wir den Kindern die Bildung weg und schimpfen dann, wenn wir später so viele Hartz-IV-Empfänger haben.

Kinder müssen sich früh selbst verwirklichen können und sich später freimachen von staatlicher Unterstützung. Hartz IV ist ansonsten nur noch die Feuerlöschdecke für die Menschen, in die man vorher nicht investiert hat. 

Sie haben ja selbst einen Migrationshintergrund. Wie ist es bei Ihrer Familie gelaufen?

Meine Mutter hat mit mir, als ich klein war, nur Deutsch gesprochen. Ich habe also erst Deutsch gelernt, dann Türkisch. Bei meinem Bruder war es umgekehrt. Er hat erst im Kindergarten Deutsch gelernt. Bei ihm ist es gut gelaufen: Er ist wie ich komplett zweisprachig, weil er in einer guten Kita war. Das ist aber oft der pure Luxus. Kitaplätze sind rar, und anstatt es besser zu machen, diskutieren wir in Bayern über eine Herdprämie, was die Situation nur verschlimmert. 

Ich habe mich deshalb aus purem Egoismus engagiert, wenn man das so sagen kann, weil ich das Thema Bildungsungerechtigkeit selbst erfahren habe. Und das Schlimme ist: Ich sehe wenig Veränderung. Ich habe mich aufgrund meines Namens diskriminiert gefühlt, das hat schon als Kind angefangen: In der Grundschule bekam ich nur eine Hauptschulempfehlung, weil in meinen Klassenarbeiten richtige Antworten nicht berücksichtigt wurden. Zum Glück hat meine Mutter darauf bestanden, alle meine Arbeiten nochmals einzusehen. Ich bin dann aufs Gymnasium gegangen und studiere jetzt Jura.

Welche Rolle spielen Eltern und Lehrer?

Bildungserfolg hängt in erster Linie von der Selbsteinschätzung des Kindes ab. Was will ich vom Leben? Wie klug bin ich? Welche Chancen habe ich, meine Träume zu verwirklichen? Kann ich mich aus eigener Kraft von meinem ungünstigen Umfeld freimachen? Habe ich die Motivation dazu? Eltern und Lehrer kommen daher gleich auf Platz zwei: Sie können dem Kind Chancen eröffnen und ihm Möglichkeiten bieten, sich selbst zu entfalten.

Lehrer spielen eine enorme Rolle. Wir haben in vielen Bundesländern einen Lehrermangel, und das in einer Zeit, in der wir pädagogisch hochqualifizierte Lehrkräfte dringend brauchen. Wir wurden von diesem Mangel nicht überrascht: Das Problem war schon seit längerem erkennbar. Aber es wurde viel zu wenig darüber gesprochen, auch in den Medien. Stattdessen versucht man in Bundesländern wie Berlin Quereinsteiger so gut wie möglich ins Klassenzimmer zu integrieren, anstatt die Wurzeln des Problems des Lehrermangels anzupacken.

Wie müssen wir Bildung gestalten, um Kinder von Migranten und Flüchtlingen besser zu unterstützen?

Es bringt nichts, auf Zuwanderer zu schimpfen. Sie sind da, sie sind ein Fakt und wir brauchen sie auch, um die Zukunft Deutschlands zu sichern – besonders angesichts des demografischen Wandels. Trotz aller Reformen bestimmt die soziale Herkunft immer noch zu großen Teilen den späteren Erfolg des Kindes mit. 

Dem könnte man mit einem Ausbau von Ganztagsbetreuungen abhelfen. Innerhalb der Europäischen Union gehört die Ganztagsschule zur Grundvoraussetzung des Bildungssystems. Migranten oder auch deutsche Kinder aus bildungsfernen Schichten könnten so viel mehr Unterstützung erfahren.

Bildung eröffnet Chancen, die das Elternaus oft nicht bieten kann. Wenn wir allen dieselbe Bildung geben, dann bieten wir allen dieselbe Chance und jeder kann seinen Weg gehen. Jeder Euro, den ich investiere, dass ein Jugendlicher, egal welcher Herkunft, eine Berufsausbildung macht, ist ein guter Euro, der unser aller Renten sichern wird

Stand: 13.02.2019, 14:00

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