Das Schulattentat von Volkhoven – ein Opfer berichtet

Polizisten stehen vor dem rauchgeschwärzten Eingang einer Schulbaracke in Volkhoven

Gewalt

Das Schulattentat von Volkhoven – ein Opfer berichtet

Von Alfried Schmitz

Am 11. Juni 1964, kurz nach neun Uhr, betritt ein 42-jähriger Frührentner den Pausenhof der katholischen Volksschule im Kölner Stadtteil Volkhoven. Zielstrebig geht er auf die Schulbaracken zu. Er zerschießt die Fenster der Anbauten und hält den Feuerstrahl eines Flammenwerfers in die Klassenräume. Schreiend laufen die Kinder nach draußen. Dort wartet der Täter auf sie.
Acht Kinder und zwei Lehrerinnen sterben bei dem Amoklauf. 28 Schülerinnen und Schüler überleben schwer verletzt. Einer der Verletzten ist Bruno Kassel. Zum Tatzeitpunkt war er neun Jahre alt.

Erinnerungen an eine grausame Tat

"Der Pausenhof der Schule hatte ein kleines und ein großes Tor zur Straße hin", erinnert sich Bruno Kassel. "Der Täter kam auf den Schulhof und hat das große Tor mit einem Holzkeil verbarrikadiert, damit keines der Kinder entkommen konnte. Der Mann ist dann zu den Holzbaracken gegangen, wo einige Klassen provisorisch untergebracht waren. Er hat von außen die Scheiben mit einer selbst gebastelten Steinschleuder zerstört. Dann hat er durch die Löcher der Scheiben die Flamme seines Flammenwerfers gehalten. "

Bruno Kassel sitzt gemeinsam mit seinen Klassenkameraden in einer der Schulbaracken beim Unterricht, als plötzlich die Fenster zersplittern. Kurz danach schlagen Flammen ins Klassenzimmer. Tische, Bänke und die Kleidung der Kinder fangen sofort Feuer. Voller Panik laufen die Kinder auf den Hof.

"Dort hat er uns dann erwartet und den Flammenstrahl auf uns gerichtet. Das gehörte wohl alles zu seinem Plan. Zum Glück hatte er vergessen, das kleine Tor des Schulhofes zu verschließen. Jedenfalls ist es einigen Kindern gelungen, durch dieses kleine, unverschlossene Tor auf die Straße zu rennen. Sonst hätte es mit Sicherheit noch mehr Todesopfer gegeben. "

Morden wie von Sinnen

Die Lehrerin Gertrud Bollenrath versucht die Flammen zu ersticken. Dann läuft sie auf den Schulhof und stellt sich dem Täter in den Weg. Sie wird von ihm mit einer Lanze erstochen. Die Brutalität, mit der der Amokläufer vorgegangen ist, lässt Bruno Kassel bis heute nicht los. " Der Täter hat gesehen, wie seine Opfer brennend wie Fackeln über den Schulhof gelaufen sind. Aber dieser schlimme Anblick hat ihn nicht davon abgehalten, noch mehr Opfer zu suchen.

Schwarzweiß-Foto: Klassenraum mit Holztischen und Holzstühlen. Tische, Wand und Fenster zeigen Brand- und Rußspuren.

Der Klassenraum zeigt deutliche Spuren des Brandanschlages

Die Kinder sind ebenfalls ins Freie gelaufen. Unter ihnen auch Bruno Kassel. Der stolpert und fällt hin. Direkt vor die Füße des Täters. Der feuert einen Flammenstrahl auf den Rücken des Kindes, das vor ihm auf dem Boden liegt. Danach wendet er sich sofort anderen Schülern zu und setzt auch sie in Brand. Nach seinem Amoklauf über den Schulhof verschafft sich der Täter Zutritt zu einer anderen Schulbaracke, wo er eine weitere Lehrerin mit der Lanze tötet. Dann flüchtet er.

Etwa zur gleichen Zeit passiert ein Müllwagen der Stadtwerke den Tatort. Die Männer erkennen die Lage sofort. Sie springen aus dem Wagen und brechen das große Tor zum Schulhof auf, löschen die brennenden Kinder, halten vorbeifahrende Autos an, packen die Kinder in die Fahrzeuge und schicken die Fahrer zu den umliegenden Krankenhäusern. Auch der schwer verletzte Bruno Kassel wird auf diese Weise zum Krankenhaus gefahren.

Rachefeldzug gegen Behörden?

Mittlerweile haben auch reguläre Rettungskräfte, Feuerwehr, Krankenwagen und die Polizei das Schulgelände erreicht. Auf dem Schulhof finden sie die Tatwaffe. Eine vom Attentäter zum Flammenwerfer umgebaute Gartenspritze aus Blech. Die Beamten suchen die Umgebung des Tatortes ab und stellen den Amokläufer.

Schwarzweiß-Foto: Zwei Kriminalbeamte in ihrem Büro mit den sichergestellten Tatwaffen und Tatwerkzeugen.

Kriminalbeamte mit den sichergestellten Tatwaffen

Um seine weitere Flucht zu verhindern, schießen sie ihm ins Bein. Es gelingt ihnen, den Mann festzunehmen. Der Verletzte wird unter Polizeischutz ins Krankenhaus gebracht und sofort zur Tat vernommen. Walter S. stirbt noch am selben Abend. Auf der Flucht vor der Polizei hatte er eine Kapsel mit dem hochwirksamen Pflanzengift E 605 geschluckt. Über die Motive seiner Tat kann die Polizei nur Mutmaßungen anstellen.

Der damalige Leiter der Mordkommission Dr. Manfred Grundlach äußert sich wie folgt:

"Der Mann wollte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich lenken. S. war wegen einer Tuberkuloseerkrankung seit Jahren arbeitsunfähig. Er hatte vergeblich versucht, eine Kriegsrente geltend zu machen. Er hatte sich über die Ablehnung seines Antrages in mehreren verworrenen Briefen bei verschiedenen Verwaltungs-Stellen über die, seines Erachtens, ungerechte Behandlung beschwert."

Warum er sich ausgerechnet seine ehemalige Schule für seinen Rachefeldzug gegen die Behörden ausgesucht hatte, ist nicht bekannt.

Schäden an Körper und Seele

"Es gab damals keine ausreichende psychologische Hilfe für uns als Opfer", sagt Bruno Kassel. "Natürlich ist uns im Krankenhaus medizinisch geholfen worden. Die Wunden und Verletzungen wurden behandelt. Aber eine ausreichende psychologische Betreuung gab es in den 1960er Jahren noch nicht."

"Wir Kinder und unsere Eltern mussten mehr oder weniger alleine mit dem Schmerz und der Verarbeitung der Tat klarkommen. Was einen finanziellen Ausgleich betrifft, hat die Stadt Köln ihre Eigenunfallversicherung herangezogen, weil das Verbrechen ja auf dem Gelände einer städtischen Schule verübt worden ist."

Schwarzweiß-Foto: Menschen versammeln sich nach dem Attentat auf dem Bürgersteig an der Schule von Volkhoven.

Die Bürger von Volkhoven sind entsetzt

Mit einem abschließenden Entschluss über die Einstufung für die Rentenzahlung wurde gewartet, bis die betroffenen Kinder volljährig waren. Dann wurde der Grad der verletzungsbedingten Erwerbsminderung bestimmt und eine Rente bezahlt. Auch Bruno Kassel erhält noch immer eine kleine Rente.

"Aber das kompensiert natürlich nicht diese irren Schmerzen, die man hatte. Ich war damals ein Jahr lang im Krankenhaus. Was ich dort erlebt habe, kann man niemandem beschreiben."

Unvergessene Opfer

Heute erinnert eine Gedenktafel an dem steinernen Hauptgebäude der ehemaligen Schule an die grauenvolle Tat. Dort kann man in knappen Worten lesen, was im Juni 1964 geschehen ist. Auch die Zahl der Toten ist darauf verzeichnet. Der letzte Satz auf der Tafel verspricht: "Wir werden sie nicht vergessen." Auch Bruno Kassel wird weder den Tag noch die Opfer der Tat vergessen. Die Toten waren seine Schulkameraden, seine Lehrerinnen.

Die Wunden sind verheilt, die Narben sind noch zu sehen. "Dieser Tag hat mein Leben natürlich nachhaltig geprägt. Ich habe eine erwachsene Tochter. Als sie noch klein war, wollte ich auf jeden Fall vermeiden, dass sie zu früh von dem erfährt, was mir an einer Schule passiert ist. Ich wollte nicht, dass sie mit Angst in die Schule geht. Es war aber gar nicht so einfach, vor ihr geheim zu halten, dass ich das Opfer eines Schulattentates geworden bin."

"Sie hat natürlich meine Brandnarben gesehen und gefragt, was denn da passiert sei. Ich habe darauf immer ausweichend geantwortet. Aber mit jedem Jahr, das sie älter wurde, habe ich ein Stückchen mehr von der wahren Geschichte preisgegeben, bis ich ihr schließlich alles erzählen konnte."

"Ich habe zu Hause im Regal einen Ordner mit Zeitungsartikeln und mit den Titelblättern von Sonder- und Extrablättern zur Tat. Den haben meine Eltern zusammengestellt und mir dann irgendwann gegeben."

"Aus freien Stücken schaue ich da aber nicht mehr rein. Nur wenn mich Leute auf die Tat ansprechen und mehr von mir darüber wissen wollen. Das Attentat und die Erinnerungen daran sind natürlich ein Stück meines Lebens. Das gehört untrennbar zu mir. Aber das, was damals 1964 geschehen ist, soll mein Leben heute nicht mehr dominieren."

Stand: 17.07.2019, 15:54

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