Selbstversuch: Ab jetzt verschwende ich keine Zeit mehr mit meinem Smartphone

Eine Peron öffnet Facebook auf einem Smartphone.

Gewohnheiten

Selbstversuch: Ab jetzt verschwende ich keine Zeit mehr mit meinem Smartphone

Im Minutentakt checke ich Instagram, Facebook und WhatsApp – auch bei der Arbeit. Da ich als freie Autorin meine Texte von zu Hause aus schreibe, hält mich niemand davon ab. Die sozialen Medien stören aber meine Aufmerksamkeit und lassen mich nicht effektiv arbeiten. Wie komme ich nur davon los?

9:07 Uhr – "Meine Aufmerksamkeit springt herum wie ein Flummi"

Ich öffne ein Word-Dokument, schaue drei Sekunden lang auf die weiße Seite und schließe es wieder, als mein Handy vibriert. Eine meiner unzähligen WhatsApp-Gruppen wird gerade mit Vorschlägen zugeschüttet, was wir einer Freundin zum Geburtstag schenken.

H&M-Gutschein oder Reiseführer? Ich diskutiere fünf Minuten mit, suche im Netz nach "Reiseführer Lissabon" und lande plötzlich auf Instagram. Ich scrolle durch die Fotos von Reisen durch Portugal und versinke in eine zwölfminütige Fernweh-Lethargie, bis ich mir schlagartig wieder einfällt, dass ich heute unbedingt den letzten Artikel für ein Online-Dossier fertig schreiben muss.

Als freie Journalistin kann ich von zu Hause aus arbeiten – und genau das ist mein Problem. Während ich in meinem WG-Zimmer Aufträge organisiere, Interviews führe und Artikel verfasse, schaut mir niemand auf die Finger. Der Griff zum Handy fällt mir daher zu leicht.

Eine Person sitzt am Computer und hält gleichzeitig das Handy in der Hand.

Mein Handy lenkt mich vor allem beim Schreiben ab. Was kann ich dagegen tun?

So wie jetzt – mein Smartphone hat wieder vibriert und ich schiele rüber. Ein Kumpel hat mich unter einem Facebook-Video markiert. Ich schaue es mir mit lautem Lachen an, hinterlasse einen Kommentar und leite es an fünf Freunde weiter – bis mir in den Sinn kommt, dass ich mal meine Mails checken könnte. Eine Nachricht von der Redakteurin. Sie fragt, wie ich mit dem Text vorankomme. Mist. Woher weiß sie, dass ich gerade nicht daran arbeite?

Ich kann es nicht mehr länger leugnen: Ich schiebe meine Arbeit durch mein Smartphone auf – und das auf höchstem Niveau. Meine Gedanken befinden sich irgendwo zwischen allen zwölf offenen Apps, den neuen Instagram-Stories meiner Freunde und aufploppenden Eilmeldungen.

Alle halbe Stunde checke ich meinen Online-Bankaccount (vielleicht kam ja eine Zahlung aus irgendeiner vergessenen Auftragsarbeit – aber nein, natürlich nichts Neues), woraufhin ich schaue, ob was bei Twitter los ist (was für eine Selbstheuchelei, natürlich gibt es etwas Neues). Meine Aufmerksamkeit springt dabei herum wie ein Flummi.

Mein Handy lenkt mich ab und raubt mir Zeit, vor allem in der Schreibphase, kurz bevor ich meine Texte abgeben muss. Es reicht! Ich muss etwas dagegen tun.

10:33 Uhr – "Ob ich einfach alle Apps löschen sollte?"

Ich werfe mein Smartphone zurück auf den Tisch. Dort liegt es, ganz oben auf dem Berg von ausgedruckten Interviewtranskripten und Recherchen über den Beitrag, den ich eigentlich schreiben muss. Ich schaue es an. Es schaut zurück, scheinbar unschuldig. Was mache ich bloß damit?

Ob ich einfach alle Apps löschen sollte? Ein Freund von mir hat das tatsächlich getan. Er hatte Facebook und Instagram deinstalliert, um mit seiner Abschlussarbeit voranzukommen. Eine Bekannte hat bei einem wichtigen Projekt sogar ihr Facebook-Konto einer Freundin überlassen, die das Passwort geändert und ihr Konto zwei Mal in der Woche nach wichtigen Nachrichten oder Einladungen gecheckt hat.

Apps auf einem Smartphone mit neuen Nachrichten.

Apps löschen oder Seiten blockieren? - Das sind keine Optionen für mich

Ich recherchiere ein wenig im Internet und finde unzählige Tricks, um auf sein Smartphone zu verzichten. Ich scheine mit meinem Problem nicht allein zu sein: 44 Prozent der 18- bis 29-Jährigen finden ihren Internetkonsum zu hoch, so eine Studie der Techniker Krankenkasse. Laut einer DAK-Umfrage von 2017 nimmt sich jeder Fünfte an Silvester vor, weniger online zu sein.

Der Informatikprofessor Alexander Markowetz von der Universität Bonn hat sogar herausgefunden, dass wir im Schnitt 53 Mal am Tag aufs Smartphone schauen – und ich frage mich ernsthaft, ob ich diesen Wert nicht regelmäßig überschreite.

Ich schaue weiter und finde die App "SelfControl", die den Zugang zu vorher festgelegten Seiten sperrt. Es gibt sogar Unterkünfte auf dem Land, die den "Digital Detox" anbieten, rund 500 Euro für ein Wochenende.

Das sind alles keine Lösungen für mich. Nicht nur, weil ich keine 500 Euro übrig habe. Ich brauche das Internet für meine Recherchen, Twitter zur Themeninspiration, ich tausche mich mit Kollegen in Facebook-Gruppen aus. Einer meiner Auftraggeber schreibt mir ab und zu eine WhatsApp-Nachricht.

Komplett auf soziale Medien oder gar auf das Internet zu verzichten ist also für mich keine Option. Ich muss einen besseren Umgang damit finden.

10:56 Uhr – "Warum ist das nur so schwer?"

Ich durchforste weiter das Internet und finde diesmal wirklich nützliche Tipps. Wer eine Gewohnheit ändern will, soll einen Plan mit seinem Ziel aufstellen.

Ich schreibe also "Ich lasse mich nicht mehr von meinem Smartphone von der Arbeit ablenken" in Großbuchstaben auf ein Blatt Papier und notiere Strategien, die mir als hilfreich erscheinen: das Handy auf Flugmodus stellen oder es in einen anderen Raum legen. Tim Ferriss, Autor des Bestsellers "Die 4-Stunden-Woche" empfiehlt, Anrufe und Mails nur zwei Mal am Tag zu festen Zeiten zu checken und gesammelt zu beantworten.

Mein Handy liegt nun ausgeschaltet und stumm auf dem WG-Küchentisch, während ich in meinem Zimmer weiter an meinem Artikel arbeite. Zunächst scheint es zu funktionieren.

Nach vier oder fünf Absätzen muss ich aber feststellen, dass meine Gedanken nicht um den Text, sondern permanent um mein Handy auf dem Küchentisch kreisen. Zwei Minuten später habe ich es plötzlich in der Hand, öffne WhatsApp und Instagram. Verflixt, warum ist das nur so schwer?

11:29 Uhr – "Gibt es nicht noch eine andere Möglichkeit?"

Ich rufe den Sozialpsychologen Bas Verplanken von der University of Bath in England an, der mir erklärt, warum mein Vorhaben nicht klappt: "Wenn Sie Ihre Gewohnheiten ändern wollen, müssen Sie den Kontext ändern."

Damit meint er Situationen wie einen Umzug, einen neuen Job oder eine Trennung. In diesen Momenten sind wir offen für Veränderungen, so der Sozialpsychologe. Den Umzug habe ich allerdings erst hinter mir, mit meiner Arbeit als freie Autorin bin ich sehr zufrieden und noch weniger habe ich die Absicht, mich von meinem Freund zu trennen.

"Gibt es nicht noch eine andere Möglichkeit?", frage ich. "Nun ja", sagt er. "Einfacher ist es, wenn Sie Ihre Gewohnheit durch eine andere ersetzen." Verplanken erzählt mir von den sogenannten "Wenn-Dann-Plänen". Immer wenn ich das Verlangen habe, auf mein Smartphone zu schauen, soll ich zum Beispiel einmal tief durchatmen, einen positiven Satz zur Motivation aufsagen, einen Schluck Wasser trinken oder ein Stück Apfel essen. "Seien Sie kreativ!", sagt er noch – und legt auf.

Verschiedene Apps auf einem Smartphone.

Checke ich so oft mein Smartphone, weil mir tagsüber der soziale Kontakt fehlt?

Ein wenig skeptisch schneide ich mir also einen Apfel klein, stelle die Schüssel mit den Stückchen neben meinen Laptop und schreibe eine Viertelstunde weiter an meinem Artikel.

Nach einigen Absätzen bekomme ich wieder Lust, Instagram zu öffnen. Stattdessen greife ich in die Schüssel – und stelle entsetzt fest, dass ich alle Apfelstücke bereits einfach so aufgegessen habe. Ich überlege kurz, mir neue Äpfel vom Supermarkt zu holen, habe dann aber einen anderen Plan.

Sozialpsychologe Verplanken hat mir nämlich auch dazu geraten, genau den Auslöser meiner Gewohnheit zu analysieren: "Schauen Sie ständig auf Ihr Smartphone, weil sie Langeweile haben, weil Sie keine Lust zum Schreiben haben – oder steckt etwas anderes dahinter?"

Mir kommt plötzlich eine Erklärung in den Sinn. Zwei meiner Mitbewohner sind berufstätig, der Dritte studiert und kommt erst abends aus der Uni zurück – ich bin tagsüber alleine in der WG. Checke ich möglicherweise WhatsApp, Instagram und Facebook so oft, weil mir tagsüber der soziale Kontakt fehlt? Ich stecke Laptop und Notizen in meinen Rucksack, greife zum Schlüsselbund und gehe aus dem Haus.

13:40 Uhr – "Ich bin kurz davor aufzugeben, als mir eine Idee kommt"

Vielleicht muss ich einfach mal unter Leute kommen, denke ich und eile los in die Richtung meines Lieblingscafés. Zehn Minuten später sitze ich bei dampfendem Kaffee an einem der Holztische und klappe meinen Laptop auf. Ich schaue kurz in den Raum: Ein paar Mädels sitzen am Tisch schräg gegenüber und unterhalten sich leise, an der Theke sitzt ein älterer Mann und liest Zeitung. Eine viel bessere Arbeitsatmosphäre, denke ich zufrieden und fange an, das Word-Dokument weiter zu füllen.

Doch die anfängliche Euphorie zerschlägt sich: Die Mädels gegenüber zeigen sich Youtube-Videos mit voll aufgedrehter Lautstärke und setzen zu einem hysterischen Gelächter an. Ein Pärchen mitsamt Kinderwagen kommt herein. Sie setzen sich hin und das Baby fängt an zu weinen.

Ich bin kurz davor, aufzugeben und meine Redakteurin um mehr Zeit für meinen Artikel zu bitten, als mir eine Idee kommt. Ich packe alles ein, lege der Kellnerin das Geld für Milchkaffee und Panini auf den Tisch und haste zur S-Bahn.

Eine Person sitzt in einem Café an einem Tisch und arbeitet am Laptop.

Endlich habe ich einen Platz gefunden, an dem ich mich konzentrieren kann – oder doch nicht?

14:55 Uhr – "Warum bin ich nicht früher darauf gekommen?"

Drei Stationen später stehe ich an der mir vertrauten, mit Plakaten und Flyern vollgekleisterten Station "Dortmund Universität". Ich werde von der Masse der Studenten auf die Rolltreppe gequetscht und laufe mit dem Strom mit, bis ich vor der Bibliothek stehe. Warum bin ich nicht schon früher darauf gekommen?

Schließlich habe ich hier während meines Studiums Nachtschichten eingelegt, für Klausuren gebüffelt und meine komplette Bachelorarbeit geschrieben. Ich gehe an den Bücherreihen entlang. Geruch von vergilbten Seiten und verschüttetem Kaffee hängt in der Luft. Es herrscht Ruhe.

Ich finde einen Platz in einer Nische mit Sofas und breite mich aus. Vor mir sitzen dutzende Studenten, die geräuschlos und konzentriert auf Laptop und Mitschriften starren. Genau das ist es, was die Stimmung in der Bibliothek ausmacht: Alle arbeiten, also arbeitest du auch. Ein Smartphone haben die wenigsten offen auf dem Tisch liegen. Wer einen Anruf bekommt, geht kurz nach draußen.

Eine Person sitzt auf einem Sofa in einer Bibliothek und arbeitet.

In der Bibliothek schaffe ich es endlich, mein Smartphone zu vergessen

Endlich klappen die Strategien, die ich erlernt habe: Ich schalte mein Handy auf Flugmodus und lasse es in den Rucksack sinken. Ich öffne das Word-Dokument mit dem angefangenen Text, hole Notizen und Interviews heraus und fange an zu schreiben. Zweimal kommt das Verlangen auf, WhatsApp zu checken. Ich wende den Wenn-Dann-Plan an: Einmal tief durchatmen, ein positiver Satz, ein Schluck Wasser.

17:58 Uhr – "Wo bleibt der Text?"

Meine E-Mails checke ich erst nach drei Stunden konzentriertem Arbeiten. Neben ein paar Spam-Mails und einer Rundmail mit einem Jobangebot finde ich eine Nachricht meiner Redakteurin. Wo denn der fehlende Text bleibt, fragt sie. "Fast fertig", tippe ich zufrieden – und mache mich wieder an die Arbeit. Nach diesem Tag bin ich mir sicher: Von meinem Smartphone werde ich mich in Zukunft nicht mehr vom Schreiben ablenken lassen.

Und noch etwas habe ich gelernt: Wer den Auslöser für seine Gewohnheit gefunden hat, kann sie mit der richtigen Strategie ablegen, auch wenn sie noch so mächtig erscheint. Ich nehme mir vor, in Zukunft alle schlechten Gewohnheiten mit diesen Tricks zu besiegen – wenn die Packung Schokokekse nicht zu Hause auf dem Sofa auf mich warten würde ...

Autorin: Katrin Ewert

Stand: 16.03.2018, 10:44

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