Schwierige Jungen

Jugendgewalt in Deutschland

Schwierige Jungen

Viele Jungen scheinen mit dem neuen männlichen Rollenbild überfordert. Jungen sind die Sorgenkinder der Gesellschaft – in Schule, Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt. Einige drücken ihre Verunsicherung und Erfolglosigkeit durch Aggressivität aus.

Komplexe Ursachen

"Brutaler Überfall – Jugendliche treten Obdachlosen zu Tode", "Tödliche Messerstecherei unter Jugendlichen" – derartige Schlagzeilen bestimmen in den vergangenen Jahren das Bild über männliche Jugendliche. Die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen nimmt zu. Meist sind die Täter Jungen.

Rein statistisch müssen sich Eltern von Jungen auf Ärger einstellen. Ob Schreibabys, Zappelphilipps, Legastheniker oder Computerjunkies – Jungen beschäftigen die pädagogischen Beratungsstellen weitaus mehr als Mädchen.

Die Ursachen für solches Fehlverhalten bei Heranwachsenden sind vielfältig. Es gibt jede Menge Faktoren, die darauf Einfluss nehmen. Das kann das soziale Umfeld sein, zu wenig elterliche Aufsicht oder ein inkonsequenter Erziehungsstil.

Zu welchem Zeitpunkt Jungen anfangen, Probleme zu machen, ist unterschiedlich. Unter Umständen lassen sich schon in der Kindergartenzeit erste Anzeichen erkennen. Doch vor allem die Pubertät scheint für viele Jungen eine schwierigere Orientierungsphase zu sein als für Mädchen.

Mangelnde Perspektiven

In der Pubertät müssen Jugendliche Perspektiven für ihr weiteres Leben finden. Viele sind damt überfordert und verweigern sich. Diese Verweigerung kann viele Gründe haben. Oft spielt in diesem Prozess der soziale Hintergrund eine wichtige Rolle.

Wer in einem von Perspektivlosigkeit geprägten Umfeld groß wird, wird es bei der Suche nach einer eigenen Perspektive sicherlich schwer haben.

Junge packt auf dem Pausenhof unter den Augen eines Mädchens einen anderen am Kragen

Die Gewaltbereitschaft nimmt zu

Sich den täglichen Anforderungen von Alltag und Schule zu stellen, spricht für ein magelndes Selbstvertrauen von Jungen. Zu viel Strenge und zu hohe Erwartungen der Eltern führen oft zu Überforderung – der schulische Erfolg bleibt aus.

Kümmern sich die Eltern zu wenig um die Jungen, kann das zum gleichen Ergebnis führen. Niederlagen summieren sich. Das Ergebnis: mangelnde Perspektive durch mangelndes Selbstbewusstsein.

Hinter so einer Haltung kann auch eine handfeste Depression stecken, die nicht erkannt wird. Gerade in dieser Altersgruppe ist die Suizidrate überdurchschnittlich hoch.

Zudem stellen Jungen oft ihre eigene Coolness zur Schau. Sie zeigen öffentlich nur wenig Emotionen und demonstrieren: Hier ist jemand, der andere nicht nötig hat. Unter Gleichaltrigen wird so ein Verhalten anerkannt, in der restlichen Gesellschaft nicht. Es kommt zu Konflikten mit anderen Altersgruppen.

Problemfall Schule

Spätestens seit der ersten Pisa-Studie aus dem Jahr 2000 gelten Jungen als Sorgenkinder des deutschen Bildungssystems. Ihre Leseleistungen hinken denen der Mädchen um rund ein Schuljahr hinterher.

Sie werden häufiger wegen Unreife von der Einschulung zurückgestellt. Es erreichen weniger Jungen als Mädchen das Gymnasium, auch die Zahl der männlichen Abiturienten ist geringer.

Zwei Drittel der Schulabbrecher sind Jungen. Drei Viertel der Förderschüler sind männlich. Hielt sich die Zahl der Sitzenbleiber 1990 noch die Waage, so wiederholen heute deutlich mehr Jungen als Mädchen eine Klasse.

In einer Schule wischt eine Schülerin das Wort "PISA" mit einem Schwamm von der Tafel

Weniger Jungen als Mädchen erreichen das Gymnasium

Erfolglosigkeit führt zu Frustration unter den Jungen und entlädt sich in Gewalt. An den meisten Schulen ist Gewalt vor allem ein Jungenproblem.

Jungen sind in der Vergangenheit immer lauter, dominanter und rüpelhafter als ihre weiblichen Klassenkameraden aufgetreten, ohne dass Lehrer und Schüler ein Problem darin sahen.

Im Gegenteil: Solch ein Verhalten galt jahrzehntelang als Erfolgsstrategie der Jungen. Doch in der modernen Schule haben typisch männliche Tugenden wie körperliche Kraft, Durchsetzungsstärke oder Überlegenheitsstreben an Wert verloren.

Heute zählen soziale Qualitäten wie Teamgeist, Empathie oder Kommunikationstalent. An manchen Schulen gibt es aus diesem Grund geschlechtsspezifischen Unterricht. Das heißt: In einigen Fächern erfolgt der Unterricht für Mädchen und Jungen getrennt.

Veränderte Berufswelt

Teamfähigkeit und Kommunikationsstärke werden auch in der Berufswelt immer gefragter. Früher bedeutete es keineswegs einen sozialen Abstieg, mit körperlicher Arbeit auf der Baustelle oder in der Indutrie sein Brot zu verdienen.

Maurer beim Vermauern einer Hausinnenwand

Der Beruf des Maurers ist nicht mehr so gefragt

Doch der Arbeitsmarkt hat sich grundlegend verändert. Immer mehr Lehrstellen in typischen Männerberufen brechen aus wirtschaftlichen Gründen weg. Dafür steigt die Zahl der Ausbildungsstellen im Dienstleistungssektor. Hier sind meist "weiche" Fähigkeiten – sogenannte "Soft Skills" – gefragt.

Für die männlichen Jugendlichen bedeutet dies eine gehörige Umstellung. Haben sie diese Fähigkeiten in der Schule oder im Elternhaus nicht erworben, führt das zur Frustration.

Noch sind Führungsposten vor allem in Industrie und Handwerk vorwiegend männlich besetzt. Doch auch das könnte sich in den nächsten Jahrzehnten ändern.

Überfordertes Umfeld

Die Mehrzahl der Eltern, Lehrer und Ausbilder von "Problemjungen" sind überfordert. Herkömmliche Mittel wie schulische Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen oder juristische Sanktionen sind sind für sich allein nicht wirksam.

Sie geben weder Antwort auf die mangelnde Sozialkompetenz der Jugendlichen noch auf deren fehlende Empathiefähigkeit.

Kinder frühstuecken im Kindergarten

Soziale Kompetenz ist wichtig

Die Spirale von Schulschwänzen, Schulverweigerung, Ausbildungsabbruch, Kriminalität sowie Integrations- und Selbstausgrenzung wird für Eltern, Lehrer, Sozialarbeiter, Polizei und Justiz zur großen Herausforderung.

Pädagogische Konzepte und Maßnahmen bietet nahezu jede Gemeinde in jedem Bundesland an. Ob diese greifen und die gefährdeten Jugendlichen rechtzeitig wieder auf einen guten Weg bringen, hängt stark von den zur Vefügung gestellten Geldmitteln und dem politischen Willen aller Akteure ab.

Es wird in Zukunft eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben sein, allen Jugendlichen eine geeignete Lebensperspektive zu geben.

Autorin: Kerstin Zeter

Weiterführende Infos

Stand: 03.07.2018, 11:32

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