Gutachten am Familiengericht

Gerichtsgebäude von innen.

Psychologische Gutachten

Gutachten am Familiengericht

Von allen Gutachten, die jedes Jahr an deutschen Gerichten angefordert werden, machen sie den weitaus größten Teil aus: 270.000 Mal pro Jahr beauftragen Familienrichter Sachverständige. Doch gerade in diesem sensiblen Bereich, in dem es um das Wohl des Kindes geht, kann fast jeder zum Gutachter werden.

Das Wohl des Kindes

Zum Vergleich: Von den insgesamt 395.000 Gutachten, die das Statistische Bundesamt 2017 zählte, fielen 95.000 auf das Sozialgericht und 30.000 auf das Zivil-, Arbeits-, Finanz- oder Verwaltungsgericht. Der Hauptteil sind demnach Gutachten am Familiengericht, wo beispielsweise darüber entschieden wird, ob das Sorgerecht für ein Kind bei den Eltern bleibt.

Hinzu kommen Fälle, in denen ein Elternteil dem anderen den Umgang mit dem Kind verbieten will. Oder Fälle, in denen das Kindeswohl in Gefahr ist. Keine leichte Entscheidung für Richter. Ihre Urteile stützen sich dabei häufig auf Gutachten. Und deren Qualität ist in den vergangenen Jahren durch drastische Einzelfälle in die Kritik geraten.

Studie deckt Mängel auf

Im Jahr 2014 schien die Kritik durch eine wissenschaftliche Studie der Fernuniversität Hagen bestätigt zu werden. Die Forscher hatten "Qualitätsmerkmale in der familienpsychologischen Begutachtung" untersucht. Zugrunde lagen 116 Gutachten aus dem Oberlandesgerichtsbezirk Hamm. Über 50 Prozent der untersuchten Gutachten wiesen gravierende Mängel auf.

"Das ist natürlich eine völlig intolerierbare Zahl von Gutachten", sagte damals Prof. Dr. Stefan  Stürmer vom Institut für Psychologie dem NDR. Denn so sei es "ein  Lotteriespiel, ob man ein gutes Gutachten bekommt oder ein schlechtes. Und das ist für einen rechtsstaatlichen Prozess natürlich nicht hinnehmbar."

Studie hatte selbst Mängel

Inzwischen stellten Wissenschaftler fest, zu wenige Gerichte haben sich an der Studie der Fernuniversität Hagen beteiligt und das Hauptaugenmerk lag auf der methodischen Vorgehensweise und nicht auf dem Inhalt. Trotzdem hat die Studie auf einen Missstand aufmerksam gemacht. 

Oma ist jetzt Gutachterin

Denn immer wieder wird in den Medien von Fällen berichtet, bei denen Heilpraktiker, Erzieherinnen, Hebammen als Sachverständige am Familiengericht mangelhafte Gutachten abliefern. Als gäbe es keine Qualifikation, die zum Schreiben von familienrechtspsychologischen Gutachten notwendig sei.

"Gutachter kann der werden, den der Richter zum Gutachter bestellt. Wenn der Richter meint, seine Oma sei sachkundig, und er bestellt seine Oma, dann ist die sachverständig“, so die erschreckende Aussage des ehemaligen Familienrichters Elmar Bergmann in der ARD-Doku "Gutachter: Die heimlichen Richter".

Wie kann das sein?

"Weil es bis heute keine klaren gesetzlichen Regelungen gibt, die genau definieren, wer in welchen Bereich unter welchen Voraussetzungen Gutachten erstellen darf", sagt Prof. Niels Habermann, Rechtspsychologe an der SRH Hochschule Heidelberg.

Die Neuregelungen im Gesetz FamFG  – Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit – beinhalten zwar berufliche Qualifikationsanforderungen wie "eine psychologische, psychotherapeutische, kinder- und jugendpsychiatrische, psychiatrische, ärztliche, pädagogische oder sozialpädagogische Berufsqualifikation". Aber nicht zwingend ein Studium.

Die Mindestanforderungen – entworfen von den Berufsverbänden – empfehlen jedoch "in erster Linie Personen, die über ein abgeschlossenes Studium der Psychologie oder der Medizin verfügen". Ein Qualitätskriterium, das vielen Betroffenen wahrscheinlich nicht bewusst ist.

Muss man sich begutachten lassen?

Und noch etwas wäre wichtig zu wissen. Laut Bürgerlichem Gesetzbuch BGB ist eine Zwangsbegutachtung auch vor dem Familiengericht nicht zulässig. In der Praxis sieht das allerdings anders aus.

Anwälte raten ihren Mandanten sogar dazu, sich begutachten zu lassen. Denn es kann passieren, dass ein Gutachter die Begutachtung während der Gerichtsverhandlung vornimmt. Also ohne Gespräch, nur aufgrund der Beobachtung.

Viel besser ist es natürlich, die Eltern einigen sich ohne Gutachten. Das spart nicht nur die Kosten dafür, es verhindert auch, dass möglicherweise Personen über das Schicksal des Kindes entscheiden, deren Qualifikation  nicht den empfohlenen Mindestanforderungen entspricht.

In Fällen hingegen, in denen das Kind in Gefahr ist, weil die Eltern nicht gewillt oder dazu in der Lage sind, für dessen Wohl  zu sorgen, kann der Staat eingreifen. Einer nach § 1666 BGB zur Wahrung des Kindeswohls angeordneten Begutachtung können sich die Beteiligten nicht entziehen.

Autorin: Andrea Wieland

Stand: 05.11.2018, 10:18

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